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Kapitel 2: »Countdown«
ОглавлениеAurora öffnete die Augen. Blinzelte in die schräg einfallenden Sonnenstrahlen und senkte den Kopf. Sie blickte sich verwirrt um. Ihr Körper war schweißgebadet. Haarsträhnen klebten ihr an der Stirn. Nackt und zusammengekauert wie ein Embryo lag sie auf dem feuchten, dreckigen Steinboden eines Höhleneingangs. Decke wie Boden waren mit Stalagmiten und Stalaktiten besetzt, sodass es den Anschein hatte, als würde sie sich im mit spitzen Zähnen bestückten Maul eines riesigen Tiers befinden. Überall war Wasser. Es tropfte von der Decke, säuselte in kleinen Rinnsalen über die Felswände und sammelte sich in Pfützen am Boden. Die Luft war feucht und schwer vom Geruch nach Mineralien, sodass sie jeder Atemzug an die Medizin des Krankenhauses erinnerte. Sie fühlte sich, als wäre sie von einem Zug erfasst worden. Ihre feuchte Haut war mit blauen Flecken, Schürfwunden und eingetrockneten Blutkrusten übersät. Der Kopf brannte, als stünde er in Flammen. Stöhnend richtete sie sich auf, lehnte den Rücken an die raue Felswand und versuchte, ruhig und regelmäßig zu atmen. Bei jeder Bewegung schoss ihr eine Salve kochend heißen Schmerzes durch den Körper. Sie sammelte ihre Kräfte und konzentrierte sich auf ihre Handflächen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie eine warme Energie wahrnahm. Vorsichtig legte sie ihre heilenden Hände auf jeden Zentimeter ihres Leibes. Die Heilenergie floss durch sie hindurch, ließ sie genesen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie sich wieder fit fühlte. Der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss, war Rodmar. Wo war er?
»Rodmar!« Sie stand auf und schlang die Arme um ihren nackten Körper. Was war geschehen? Wie war sie hier gelandet und wo zum Henker war der blauäugige Krieger? Draußen? Brauchte er ihre Hilfe? Hatte der Sturm ihn getötet? Die Fragen schossen wie Flipperkugeln durch Auroras Hirn. Antworten fand sie nicht. Panik kroch in ihr hoch. Ohne ihn würde sie hier festsitzen und nicht lange überleben.
»Rodmar!«, rief sie nochmals, löste ihre Arme und schaute sich in der Höhle um. Im hinteren Teil entdeckte sie ein paar Kammern mit Gegenständen innerhalb der Felswand. Sie setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht in die Pfützen zu treten. Der Geruch von modrigem Holz, Sand, Erde und Salz drang in ihre Nase. Entlang der Wand und in den Ecken lagen kreuz und quer Fässer, Holztruhen, Trinkhörner, Felle, Kleider, Schmuck, Goldmünzen, Äxte, Schwerter, Dolche, Messer und eine riesige Metallkiste. Diese passte überhaupt nicht zu den anderen Sachen. Sie hob eine beige, mit dunklen Flecken übersäte, feuchte Tunika und ein paar zerrissene braune Leinenhosen auf. Zog diese mit rümpfender Nase an und schaute sich nach ein paar Schuhen um, die nirgends zu finden waren. Den Gestank von Männerschweiß sowie Testosteron kannte sie von der Arbeit her, und diese Kleider gehörten definitiv einem Mann. Die Metallkiste musste aus ihrer Zeit stammen. Es war unwahrscheinlich, dass Rodmar all diese Schätze am Strand gefunden, eingesammelt und hierher in Sicherheit gebracht hatte, vor allem nicht die riesige Metalltruhe. So, wie sie am Höhleneingang aufgewacht war, ohne einen Stofffetzen über ihrem Körper, hätte er sie sicherlich nicht zurückgelassengelassen. Das hier war das Werk vom Hütchenmann oder von dieser verfluchten Insel. Oder waren nach dem Sturm etwa andere Menschen hier gestrandet?
Als sie die Metallkiste öffnen wollte, fiel ihr auf dem Deckel des Holzfasses nebenan ein bemalter, gelb leuchtender Smiley mit einem Hut und einer weißen Sprechblase auf. Aurora warf einen Blick auf die schwarze Inschrift. »Das glaube ich einfach nicht. Du verfluchter Mistkerl. Was soll das?« Wütend las sie den Text noch einmal durch:
»Liebes, bei deiner Zeitreise gab es Schwierigkeiten. Die Teleportation von Personen ist kompliziert. Sie birgt gewisse unkalkulierbare Risiken. Deshalb hat es mit dem Zielort nicht richtig geklappt. Natürlich habe ich hierfür eine Lösung gefunden, die aber etwas umständlicher ist und von dir gewisse heikle Entscheidungen erfordert. In der Metalltruhe findest du weitere Anweisungen und ein paar Geschenke für dich. Für die Unannehmlichkeiten entschuldige ich mich natürlich nicht, denn unvorhergesehene Dinge geschehen in jedem Erdenleben. Vergiss bitte nicht, dass mir wichtig ist, dass meine Schützlinge in ihrem neuen Dasein stets über ihr altes Leben nachdenken. Sie sollen dieses nicht vergessen, sondern versuchen, Ereignisse und Erfahrungen zu verstehen, um es in ihrem aktuellen Leben besser zu machen. Ich erwarte von jedem, die zweite Chance mit Dankbarkeit und Wertschätzung entgegenzunehmen, und mir Respekt zu erweisen, also auch von dir. Solltest du das nicht tun, werde ich dafür sorgen, dass es dir leidtut! In diesem neuen Leben schreibst du jede Seite und jedes Kapitel deines Buches neu. Als Wiedergutmachung für die Teleportationsschwierigkeiten habe ich dir einen Bonus geschenkt. Alles steckt in dieser Kiste. Viel Spaß damit!
Ach, übrigens, dein Mucki-Freund steckt mächtig in der Scheiße! In der Truhe findest du eine Karte mit seinem Standort. Ich helfe dir, ihn zu finden, weil du ihn zu mögen scheinst. Überlege dir aber gut, ob du nach ihm suchen willst. Ein Maul weniger zu stopfen bedeutet, dass du mehr Überlebenschancen hast, und da er sowieso bald ins Gras beißen wird, wenn du ihn nicht retten kannst … naja, ist deine Entscheidung. Und zu guter Letzt noch etwas: Hau so schnell wie möglich von hier ab. Der nächste Sturm kommt bald und wird dieses Mal die gesamte Insel schlucken und nichts mehr herausscheißen. Küsschen und saluti Bella!«
Aurora raste vor Wut, einer Wut, die ihr fast die Schädeldecke zerriss. Mit hochrotem Kopf fuchtelte sie mit den Händen, beruhigte sich aber wieder, denn die Worte bezüglich des Respekts hatte sie nicht übersehen. Sie musste nett zu ihm sein. Denn er entschied, welche Figuren auf seinem Schachbrett blieben oder gehen mussten. »Was soll das, du Witzbold? Wie soll ich von dieser Insel ohne ein Transportmittel wegkommen? Und wie viel Zeit bleibt mir, um Rodmar zu retten, bevor der Sturm kommt?« Sie linste zur Decke und lauschte. Vielleicht würde der Hütchenmann ihr als Geist erscheinen. Nichts. Keine Antwort. Sie wagte einen weiteren Versuch. »Klar bin ich dir für diese zweite Chance dankbar, aber doch nicht auf einer Insel, die mir den Tod bringt. Was machst du mit mir, wenn ich hier untergehe? Und wieso hast du Rodmar nicht gerettet? Kannst du mir wenigstens sagen, ob er noch lebt? Das würde mir Zeit sparen, etwas, das ich ja gemäß deiner Botschaft hier nicht mehr habe.« Sie schaute um sich, ob der Hütchengott sich zeigen würde, aber auch dieses Mal geschah nichts. Okay, dann wollen wir mal deine Geschenke auspacken.
Sie beugte sich vor und öffnete den schweren Deckel der Metallkiste. Verwirrt schaute sie auf den Inhalt. Eine braune Decke, die mit Polaroid-Fotos überdeckt war, verdeckte die Sicht auf die Gegenstände. Alle Bilder lagen kreuz und quer, und die weiße Rückseite zeigte nach oben, sodass sie nichts erkennen konnte. Bevor sie eines aufhob, zuckte sie zusammen. Aus weiter Entfernung nahm sie Trommelrhythmen wahr.
Verdammt, was war das? Kam da jemand?
Aurora ließ das Foto fallen und rannte wie eine Furie aus der Höhle.
Nach ein paar Metern blieb sie stehen. Es waren eindeutig Schamanentrommeln. Lebten etwa Eingeborene auf dieser kargen Insel? Wie weit weg waren sie? Im nächsten Moment verstummten die Geräusche. Aurora verschränkte die Arme vor ihrer Brust und scannte die Umgebung. Es war ein wunderschöner Tag. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel, und das Meer erstrahlte in hellem Türkis. Ein leichter Windstoß berührte Auroras Haut, und ihr offenes, zerzaustes Haar wirbelte herum. Ihr Blick schweifte zum Strandstreifen, der sich etwa hundert Meter unterhalb des Hügels mit der Höhle befand. Der leichte Seegang ließ die Wellen wie einen monotonen Singsang widerhallen. In regelmäßigen Abständen wechselte das klatschende Brechen der Wellen mit dem Rauschen ab, wenn das Wasser über die Felsen und den Sandstrand zurück ins Meer floss. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf der Wasseroberfläche. Eine einzelne Woge bewegte sich schneller, und auf ihrem Weg verschlang sie zahllose andere Wellen. Behutsam ergoss sich die Brandung über den Felsen und verteilte sich gleichmäßig über die scharfen Kanten der Steine und dem weichen Sand. Menschen konnte sie keine erkennen, aber von Weitem sah sie die Spitze eines Berges aus dunklem Gestein, der die Form eines Vulkans hatte. Das Inselbild hatte sich nicht verändert. Die Umgebung ähnelte immer noch einer Mondlandschaft. Ein Schwarm Möwen tanzte und kreischte über dem Meer. Es war eine trügerische Stille, eine, die gepaart mit Auroras ungutem Bauchgefühl eine klare Warnung vor kommender Gefahr war. Als Polizistin kannte sie dieses Gefühl nur zu gut. Ein Blick auf dem Boden verriet ihr, dass sie die Erste war, die diese Höhle betreten hatte. Es gab keine Fußspuren, weder im Sand noch auf der Erde. Egal, wer noch da draußen lauerte, sie hatten sie wahrscheinlich noch nicht entdeckt. Trotzdem musste sie vorsichtig sein und sich schleunigst ihre nächsten Schritte überlegen. Hier war sie nicht sicher. Wieder erfasste Aurora ein ungutes Gefühl. Wenn der Mistkerl da oben recht hatte, blieb ihr nicht viel Zeit, um nach Rodmar zu suchen. In welcher Scheiße steckte er bloß? Was genau hatte der Hütchenmann damit gemeint? Lag Rodmar irgendwo schwer verletzt und wartete auf den Tod? Oder hatten ihn Inselbewohner gefangen genommen? Solche Trommelgeräusche existierten nicht, ohne dass sie ein Mensch verursachte. Wie viel Zeit würde Aurora noch bleiben, um ihn zu suchen und zu retten? So wie es aussah, hatte der Hütchengott, der eher ein Darth Vader war, Schützlinge, um die er sich kümmerte. Rodmar schien nicht dazuzugehören, deshalb war ihm sein Schicksal vermutlich egal. Das alles war für den Pseudogott nichts Weiteres als ein verfluchtes Spiel. Wahrscheinlich schaute er ihr mit einer Schüssel Popcorn zu, wie sie verzweifelt versuchte, zu überleben und Rodmar zu retten. Sie war Polizistin und würde ihn nie sterben lassen, egal, wie viele Mäuler zu stopfen waren, wie der Hütchenmann es ausgedrückt hatte. Aber wie zum Teufel kamen sie von dieser Insel weg? Auch darauf kannte sie keine Antwort, aber mit all dem neuen, angeschwemmten Material, das sie von hier aus erblicken konnte, wäre es vielleicht möglich, ein Floß zu bauen. Im Gegensatz zu ihr kannte sich Rodmar bestimmt damit aus. Sie brauchte ihn, und zwar schnell. Ihr Blick fokussierte sich wieder auf den Sand- und Felsstrand. Dort lagen zahlreiche Sachen, die vor dem Sturm noch nicht da gewesen waren. Aus dieser Entfernung erkannte sie nur die groben Umrisse, aber ein paar Dinge davon waren auch von hier aus gut sichtbar. Zerbrochene Schiffsrümpfe, Ruder und Segeltücher mit Streifenmuster, die von mehreren, gekenterten Schiffen stammten. Und wenn noch mehr Menschen gestrandet waren? Das war nicht auszuschließen. Aurora hatte die Fragen satt. Sie musste Ordnung in ihre Gedanken bringen und sich eine Strategie ausdenken, so wie sie es als Polizistin gelernt hatte. Als Erstes würde sie sich bewaffnen, essen, trinken und diese Metallkiste nach brauchbaren Gegenständen durchforsten.
Entschlossen machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte in die Höhle. Sie packte ein Trinkhorn, öffnete die Fässer und trank aus einem etwas, das nach süßem Bier und Gewürzen roch. In einer offenen, verzierten Ledertasche fand sie ein paar Fisch- und Fleischstreifen, die sie kaute und mit der gelben Flüssigkeit hinunterspülte. Es bestand die Möglichkeit, dass sie nach ein paar Minuten von dem Zeug tot umfallen würde, aber sie hatte keine Wahl. Weit würde sie mit leerem Magen, einem niedrigen Blutzucker und dehydriertem Körper nicht kommen. Sie rülpste laut und kam sich wie einer dieser Berserker ohne Manieren vor. Naja, sie befand sich schließlich in einer rauen Zeit, da durfte man schonungslos furzen, rülpsen und nach Schweiß stinken! Aurora steckte sich ein hartes, gedörrtes Fleischstück in den Mund, kaute es wie ein Kaugummi und schlenderte zur Metalltruhe. Mit einem tiefen Seufzer kniete sie nieder, sammelte alle verstreuten Polaroid-Fotos ein, reihte sie in einen Stapel ein, als wären sie ein Spielkarten-Set, und sah sich das erste Foto an. Dabei erstarrte sie. Es war, als würde sie Glasscherben einatmen, die ihr Herz in Stücke rissen. Erinnerungen stiegen in ihr auf. Erinnerungen an ihr anderes Leben. Erinnerungen, die schmerzten.
Das Hochzeitsbild zeigte eine überglückliche, zwanzigjährige Aurora, die wie eine Märchenprinzessin aussah. Ihre karamellfarbenen Augen funkelten vor Aufregung und Freude. Das Brautkleid war aus dicker, weißer Seide, mit feiner italienischer Spitze an den Handgelenken und Hunderten von aufgenähten Perlen. Dazu war es mit kleinen Blüten geschmückt und endete in einer langen, knisternden Schleppe. Der dünne Schleier war durchsichtig und reichte bis auf die Füße in den weißen Schuhen. Im pechschwarzen Haar trug sie eine verzierte Brautkrone, und in ihren Augen leuchtete die Liebe zu ihrem Nico. Er war für sie Mann, Freund, Bruder und Liebhaber zugleich gewesen. Nico stand neben ihr und sah in seinem eleganten Smoking umwerfend aus. Er war ein Meter neunzig groß, kräftig gebaut, attraktiv, und seine grün gesprenkelten, bernsteinfarbenen Augen hatten schon einige Frauen in den Bann geschlagen. Er hätte der Zwillingsbruder von der Comicfigur Aquaman sein können. Auf dem Foto strich Aurora ihm liebevoll über sein kurz geschnittenes, schwarzes Haar. Sie erinnerte sich an diese Geste, als wäre es gestern gewesen. In diesem Augenblick schien die Zeit um sie herum stehen zu bleiben. Aurora schloss die Augen und sah das Bild immer noch klar vor sich, als würde sie sich darin befinden. Sie nahm sogar Nicos frisch-aquatisches Parfüm wahr, das eine blumige und holzige Note besessen hatte. Cool Water von Davidoff, das er so geliebt hatte. Sie spürte sein Haar in ihrer Hand. Das Kribbeln in ihrem Körper, das Rasen ihres Pulses bei jeder seiner Berührungen, und diese Verbundenheit zu ihm, wenn er ihr tief in die Augen sah, ein Blick, der bis in ihre Seele drang. Das Feuer der Leidenschaft und das Band der Liebe zwischen ihnen waren etwas Besonderes gewesen. Sie brauchten keine Worte, um einander zu verstehen. Es genügte, sich anzusehen, um die Gedanken des anderen zu wissen. Nico war für sie wie eine Droge gewesen, von der sie nicht genug bekommen konnte und von der man nicht so einfach wegkam. Eines war schon immer klar gewesen: Sie hätte für ihn ihr Leben gegeben. In ihrer anderen Existenz hatte sich für sie alles um Nico gedreht, und das war ein Fehler gewesen, den sie teuer bezahlt hatte. Sie fühlte jetzt noch seinen Atem auf ihrer Wange, erinnerte sich an die lustvollen Momente, an die Erregung seines besten Stückes an ihrer Hüfte und an seine schweren Atemzüge, wenn die Hitze durch ihre Körper wie heiße Lava floss. Oder wenn seine geübten Fingerspitzen bei ihr tief bis zu ihrem empfindlichen Punkt aus Nervenenden wanderten und Aurora in diesen Augenblicken ihren Hormonen komplett ausgeliefert war. Nico war bisher der einzige Mann in ihrem Leben gewesen, der einzige, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte und nie vergessen konnte. Deshalb fiel es ihr unglaublich schwer, sich an diese wunderschöne Zeit der Liebe und Zärtlichkeit zu erinnern. Mit einem tiefen Seufzer holte sie sich wieder in die Realität zurück und öffnete die Augen.
»Wieso tust du mir das an?«, flüsterte sie, und ihre Stimme brach. Sie schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter und wischte sich eine Träne vom Gesicht. Schaute an die Decke und hoffte, Pseudogott Knollennase würde erscheinen und ihr erklären, was das alles sollte, aber da war niemand. Um ihr Herz nicht noch mehr in Asche zu legen, schaute sie sich die anderen Bilder im Schnelldurchlauf an. Auf einigen Fotos entdeckte sie ihre beste Freundin Elena, die sie schon aus der Grundschule kannte. Sie war eine bildhübsche Blondine mit türkisblauen Augen, einer Traumfigur und sehr intelligent. Elena besaß zwei Kosmetiksalons. Aurora hatte sie mit Simone, Nicos bestem Freund, verkuppelt. Dieser war ein attraktiver, groß gewachsener Marathonläufer mit goldbraunem, schulterlangem Lockenhaar gewesen, das er stets zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Beide heirateten zwei Jahre nach ihnen und bekamen ein Mädchen, Anna. Aurora war ihre Patentante gewesen. Beim letzten Foto blieb Auroras Herz stehen. Es zeigte Rosa und Pietro, Nicos Eltern, die Aurora bei sich aufgenommen hatten, nachdem Auroras Mutter in Haft kam und das Sorgerecht verloren hatte. Seither hatte sich ihre Mutter in Auroras Leben nie wieder blicken lassen. Für Aurora war Rosa die beste Mutter der Welt gewesen. Sie hatte diese herzensgütige Frau sehr geliebt. Als Papa Pietro bei einem Diensteinsatz starb, war es für alle ein Schock und schwerer Schicksalsschlag gewesen. Sie waren dann nur noch zu dritt, und es gab keinen Tag, an dem Rosa nicht an Pietros Grab ging, um mit ihm zu sprechen, so als wäre er noch da.
Aurora presste das Bild zärtlich an ihre Lippen. Schweren Herzens legte sie den Stapel Polaroid-Fotos auf den Boden. Als sie die braune Decke packte, drang der Duft von Nicos Parfüm in ihre Nase. Drei weitere eingerahmte, große Bilder kamen zum Vorschein. Sie zeigten Aurora mit Nico in einer Siegespose, einem Pokal und einer Armbrust. Mit siebzehn gewann sie die italienischen Juniorenmeisterschaften. Voller Stolz und mit einem breiten Grinsen hielt Nico eine Medaille in die Kamera. Er hatte nach Aurora den zweiten Platz belegt. Ein anderes Bild zeigte Aurora bei der Diplomfeier der Polizeischule. Sie trug ihre Uniform, stand eng umschlungen mit Nico vor dem Polizeipräsidium in der Stadt und lächelte. Auf dem letzten Bild sah sie einen schwer bewaffneten Nico in schwarzer Kampfmontur und mit dunkler Skimaske. Rambo war schon als Kind sein Vorbild gewesen, und irgendwie hatte er sich auch zu einen Rambo entwickelt. Im Gegensatz zu Aurora hatte er es im Militär und im Polizeicorps weit gebracht. Als einer der besten Scharfschützen wurde er in eine Anti-Terror-Spezialeinheit aufgenommen. Die Identitäten der Mitglieder waren geheim. Das Foto stammte aus einer Zeit, in der die Eheprobleme ihren Lauf genommen hatten. Nico wünschte sich unbedingt Kinder, kleine Rambos, sagte er immer zu ihr. Als es nicht klappte, unterzogen sich beide zahlreichen Tests. Es stellte sich heraus, dass Aurora unfruchtbar war. Das war für beide ein Schock gewesen, denn auch sie hätte sich so sehr Kinder gewünscht – und Rosa Enkelkinder. Aurora wollte ein Kind adoptieren, aber Nico lehnte ab. Für ihn kamen nur eigene Kinder infrage, von seinem Fleisch und Blut. Von da an begann die Traumehe zu wanken. Ein Keil hatte sich zwischen sie gelegt, einer dieser unsichtbaren, die man nach ein paar Ehejahren im Zuge der Gewohnheit gerne ignorierte, bis es nicht mehr ging. Beide stürzten sich in die Arbeit, und das Leben nahm seinen weiteren, tragischen Lauf, den sich Aurora nie gewünscht hätte.
Neben einem versiegelten Großbrief entdeckte Aurora eine Karte der Insel. Ein roter Pfeil mit der Aufschrift »Rodmar« zeigte auf einen Kreis. Dort würde sie ihn also finden.
Danke für den Hinweis und die Karte, Darth Vader da oben!
Sie faltete die Karte zusammen und stopfte sie in die Tasche ihrer zerfetzten Hose. Dann schaute sie sich zwei farbige, auf DIN-A4-Papier ausgedruckte Fotos an, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen. Das eine zeigte einen bewusstlosen Nico, der im Krankenhaus an zahlreiche Maschinen angeschlossen war. Sein Gesicht war so geschwollen und mit blauen Flecken übersät, dass man die Augen nicht mehr erkennen konnte. Bei dieser Erinnerung lief Aurora ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er war damals so schwer verletzt worden, dass sie ihn in ein künstliches Koma versetzen mussten. Aurora erinnerte sich sehr gut an diesen rabenschwarzen Tag und an den Mann, der das getan hatte. Sie nahm das andere Blatt, auf dem das Porträt eines gefährlichen Verbrechers abgebildet war. Aurora würde dieses Schweinegesicht auch in ihrem neuen Leben nie vergessen. Sie spuckte auf das Blatt, zerriss es und warf die Papierfetzen weit weg. Dieses Gesicht wollte sie nie wiedersehen! Wieso hatte Darth Vader da oben ihr all diese Bilder gezeigt? Was bezweckte er damit, und was hatte das alles mit ihrem neuen Leben zu tun? Sie schüttelte ratlos den Kopf. Vielleicht würde sie in dieser Kiste die Antworten finden. Behutsam legte sie die anderen Bilder neben die Kiste und nahm eine weitere, schwarze Decke, die ebenfalls nach Nico roch, weg. Beim Anblick dessen, was unter der Decke lag, weiteten sich ihre Augen und die Kinnlade fiel nach unten.
»Mamma Mia!«, rief sie und grinste breit.