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II. Florenz – Damals in der Zukunft: »Tot oder lebendig«

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Der goldene Herbst war einem peitschenden Unwetter gewichen. Dunkle Wolken jagten über das Firmament, getrieben von Böen, aufgepeitscht vom Sturm. Kurz nach Mitternacht fuhr Aurora mit ihrer feuerroten Vespa von der Spätschicht den beschwerlichen Weg nach Hause. Regentropfen prasselten auf ihre Schutzkleidung und ihren Helm. Die Sicht war eine Katastrophe. Sie klappte zwischendurch das beschlagene Visier hoch, um besser sehen zu können, aber immer wieder peitschte ihr kalter Wind und Regen ins Gesicht. Wasser floss ihr in Rinnsalen am Hals herab. Noch den Hügel hoch und dann hatte sie es endlich geschafft. Vor ihrer Abfahrt hatte sie vergeblich versucht, Nico zu erreichen. Obwohl sie ihm eine Nachricht hinterlassen hatte, hatte er bisher nicht zurückgerufen. Entweder war er zu einem Spezialeinsatz gerufen worden und hatte keine Zeit mehr gehabt, Aurora zu benachrichtigen, oder er war todmüde auf der Couch eingeschlafen. Jemand anderen wollte sie um diese späte Zeit und bei dem Wetter nicht belästigen, weshalb sie trotzdem mit ihrer Vespa die Horrorfahrt gewagt hatte. Sobald sie zu Hause ankam, würde sie als Erstes ein heißes Bad mit Rosenduft nehmen und nach einem kleinen Snack völlig erschöpft unter die warme Decke schlüpfen. Sie wohnte mit ihrem Ehemann Nico in einem kleinen, frisch renovierten, abgelegenen Landhaus am Rande des Ortes Sesto Fiorentino, nur wenige Kilometer von Florenz entfernt. Gemeinsam mit Nico hatte sie all ihre Ersparnisse in die Instandsetzung ihres Traumhauses investiert, mit dem Ziel, später eine kleine Familie zu gründen, was wegen Auroras Unfruchtbarkeit leider nie geschehen würde.

Sie gab Gas, und ausgerechnet fünfzig Meter vor der Auffahrt versagte der Motor ihrer Vespa.

»Merda! Das darf doch nicht wahr sein!« Nach einer Fluchtirade schüttelte sie wütend den Kopf. Das Unwetter und die Panne passten perfekt zu ihrer Stimmung an diesem verfluchten Tag, den sie heute bei der Arbeit erlebt hatte. Die schriftliche Qualifikation ihres Vorgesetzten war alles andere als annehmbar gewesen, weshalb sie sie nicht unterzeichnet hatte, da sie ja in seinen Augen sowieso eine Unruhestifterin war. Das schwarze Schaf der Abteilung. So hatte dieser arrogante Typ sie genannt. Aber damit nicht genug. Er empfand sie als zu unreif für die von ihr gewünschten Weiterbildungskurse für die mobile Einheit der Mordkommission, was er in der schriftlichen Bewertung festgehalten hatte. Sie habe einen langen Weg vor sich, und zudem sei sie für diese Einheit in seinen Augen ungeeignet. Von ihm würde sie keine Empfehlung erhalten. Ihr Boss hatte sie als ungeduldig, starrköpfig, zu ehrgeizig, zu temperamentvoll eingestuft. Eine Mitarbeiterin mit einem Aggressionsproblem, das überprüft werden musste. Aus diesem Grund hatte er sie beim Polizeipsychologen angemeldet, um von ihm eine neutrale Beurteilung zu erhalten. Sollte das Gutachten seine Meinung bestätigen, würde er sie in den Innendienst verdammen. Weiter behauptete er, dass ihm ihre allgemeine Ausdrucksweise missfalle. Sie fluche zu viel und verliere in gewissen Situationen zu schnell die Kontrolle, äußere an seinen Entscheidungen oft Kritik, weshalb sie Unruhe in sein Team bringe. Er gab ihr den Rat, zuerst nachzudenken, bevor sie den Mund öffnete, und sie solle gefälligst ihre scharfe Zunge zügeln. Zudem gab es anscheinend Beschwerden von ihren männlichen Kollegen, dass sie sogar ihnen gegenüber handgreiflich geworden sei. Bis jetzt hätte es niemand gewagt, sie bei ihm anzuzeigen, weil sie sich als Männer schämten, wenn alle erfahren würden, dass sie von einer Frau geschlagen worden seien.

Das war für Aurora der Gipfel der Unwahrheiten gewesen. Mit einem hochroten Kopf hatte sie ihm erklärt, dass es sich dabei um sexuelle Belästigungen gehandelt habe. Sie habe diese Arschlöcher nicht bei ihm gemeldet, weil sie sich selber zur Wehr setzen könne, und das schließe eine Ohrfeige oder Tritte an einen gewissen Ort bei ihren männlichen Kollegen ein. Schließlich hatten diese Maßnahmen ihre Wirkung gezeigt. Niemand traute sich mehr, sie sexuell zu belästigen. Aber all ihre Erklärungen liefen ins Leere. Er hatte ihr die Wahrheit nicht abgekauft. Aurora war von Anfang an bewusst gewesen, dass Frauen es in diesem von Männern beherrschten Berufsfeld schwer hatten, aber sie ließ sich davon nicht abschrecken, ihren Traumberuf auszuüben. Nicht in allen Einheiten lief es so ab, aber ausgerechnet in ihrem Polizeikorps war es schwierig, weshalb sie sich weiterbilden wollte, um sich bei der Mordkommission bewerben zu können.

Mit einem Ruck hievte sie die Vespa auf den Ständer und marschierte zur Auffahrt. Vor der Einfahrt befand sich ein verbeultes, umgekipptes Fahrrad. Sie schritt weiter und erblickte Nicos Wagen vor der Garage. Wie aus dem Nichts überfiel sie ein ungutes Gefühl. Etwas war nicht in Ordnung. Ihr Blick fiel auf die Fensterfront des beleuchteten Wohnzimmers. Sie erkannte zwei Schatten. Die eine Gestalt schien auf eine andere Person, die auf einem Stuhl saß, einzuschlagen. Aurora erstarrte. Das Herz klopfte ihr vor Angst bis zum Hals.

Oh mein Gott! Jemand war bei ihnen eingebrochen, und Nico schwebte in Lebensgefahr. Sie ging sofort in Deckung hinter das Auto, riss den Helm vom Kopf, legte ihn auf den Boden. Der Regen prasselte ihr ins Gesicht. Sie biss sich vor Nervosität auf die Unterlippe, ihr ganzer Körper bebte vor Angst um ihren Nico. Nur die Vorstellung allein, ihn zu verlieren, versetzte ihr einen Stich im Herzen. Sie schluckte den Kloß herunter, schob den Gedanken beiseite, denn jetzt musste sie sich konzentrieren. Die Nerven nicht verlieren und sofort handeln. Der starke Regen prasselte auf sie herab, klebte ihr die Kleidung gegen die Haut, aber das alles nahm sie nicht mehr wahr. Durch ihr Blut schoss das Adrenalin wie ein Schwarm kleiner Torpedos. Aurora öffnete ihre Regenjacke. Kramte das Handy hervor. Wählte den Notruf, verlangte einen Krankenwagen und alarmierte ihre Kollegen. Sie würde entgegen dem Protokoll nicht auf Verstärkung warten. Da drin schwebte die Liebe ihres Lebens in Lebensgefahr, und lieber würde sie sterben, als zusehen, wie ein Mörder Nico vor ihren Augen umbringen oder verletzen würde. Sie trug noch ihre Uniform und war einsatzbereit. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff sie nach ihrer Dienstwaffe, einer Beretta 92. Sie entsicherte sie, prüfte das Magazin mit den fünfzehn Patronen und steckte sie wieder in ihr Halfter. Dann suchte sie in ihrem Schlüsselbund nach dem Kellerschlüssel. Sie verlor keine Zeit. Gebückt schlich sie sich an ihr Haus an. Auf der Rückseite befand sich die Kellertür mit vergitterten Fenstern. Von da aus konnte man direkt ins Haus gelangen. Der Einbrecher hatte es vermutlich geschafft, diese Tür aufzubrechen. Nico hatte wahrscheinlich die Alarmanlage ausgeschaltet, da er noch auf sie gewartet hatte. Mit schnellen Schritten erreichte sie den Keller und sah ihre Befürchtung bestätigt. Sie betrat den trockenen Raum. Eilte zur Treppe. Öffnete vorsichtig die Tür. Dann trat sie vor, hielt ihre Waffe nach vorn gerichtet, bereit, sofort zu feuern, sollte der Täter vor die Mündung kommen. Die Luft war rein. Sie kannte jeden Zentimeter ihres Hauses und wusste, wie sie sich leise bis zum Wohnzimmer anschleichen konnte.

Im engen Flur nahm sie am Rande ihrer Augenwinkel die Hochzeitsfotos und Diplomfeierfotos an der Wand wahr. Der schreckliche Gedanke, ihren Nico für immer zu verlieren, fühlte sich wie ein Wespenstachel in ihrem Herzen an. Es lähmte sie, und das durfte sie nicht zulassen. Sie musste sich zusammenreißen und so sehr konzentrieren, wie sie es noch in keinem ihrer Streifeneinsätze gemacht hatte. Sein Leben hing jetzt von ihr ab. Je näher sie dem Wohnzimmer kam, umso mehr raste ihr Puls. Trotz des Lärms des Unwetters und des prasselnden Regens an der Fensterfront der Wohnstube hörte sie eine wütende Stimme.

»Du bist ein verdammter Bulle! Hast du geglaubt, ich würde die Fotos von deiner Schlampe nicht sehen? Ich mach dich alle, das schwöre ich dir. Sag mir endlich, wo der Tresor ist, und ich will deine Waffen, du Scheißbulle! Ich schwöre dir, wenn du es nicht jetzt ausspuckst, warte ich hier, bis deine hübsche Frau heimkehrt. Dann kannst du zusehen, was ich alles mit ihr anstellen werde, du verfickter Bulle!«

Aurora hatte das Chaos im Wohnzimmer gesehen. Die Schubladen der Wohnwand, Bilder, zerbrochenes Porzellan und Glas lagen verstreut auf dem Boden. Sie richtete ihren Blick auf den Einbrecher. Als sie sein Gesicht sah, erkannte sie ihn sofort. Dieser Mistkerl war national und international zur Fahndung ausgeschrieben. Er war ein entflohener Häftling, der seit gut zwei Monaten auf der Flucht war und eine blutige Spur hinterlassen hatte. Seine Einbruch- und Todesbilanz war erschreckend. Bisher gingen zwanzig Einbrüche und acht Todesopfer auf sein Konto. Er stahl nicht nur die Wertsachen, er exekutierte auch all seine Opfer aus purer Mordlust, so als empfände er Spaß beim Töten. Es machte ihm nichts aus, eine ganze Familie mit Kindern auszulöschen, also würde er Nico auch töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Kollegen hatten ihm den Spitznamen Trump-Gesicht verpasst, weil er dem Präsidenten der USA wie aus dem Gesicht geschnitten war. Der mehrfache Mörder war ein Serbe, ein ehemaliger Soldat, der auch in Russland gedient hatte. Man vermutete, dass er mehr als eine Identität besaß und Helfer hatte, die ihn bei seiner Flucht unterstützten. Sein richtiger Name lautete Branko Jovanović.

Aurora überlegte nicht mehr lange, sie handelte instinktiv. Als sie sah, was Branko mit ihrem Nico gemacht hatte, überfiel sie eine Welle von Zorn. Der brutale Mörder schlug wieder wie ein Verrückter mit einer Pistole auf Nico ein, der blutverschmiert an einem Stuhl gefesselt war und sich nicht wehren konnte. Aurora war überzeugt, dass Branko Nico schlafend auf der Couch erwischt hatte, denn der Fernseher lief noch im Hintergrund. Anders hätte er ihren Mann nicht überwältigen können.

Aurora kam aus der Deckung, richtete ihre Pistole auf den Kopf von Branko, der sie mit einem überraschten Blick bedachte.

»Waffe runter oder ich knall dich ab!«, schrie Aurora. Sie atmete aus, und die Welt schmolz zusammen, bis auf die Mitte seiner Stirn. Zorn loderte wieder in ihr auf, wie Flammen, die sie innerlich verzehrten. Sie registrierte ein kaltschnäuziges Grinsen auf seinen Lippen. Erkannte, dass er seine Waffe kurz auf ihren Kopf richtete, dann auf Nico.

»Na sieh mal einer an, wer uns da besucht. Deine Schlampe ist gekommen. Wenn du abdrückst, stirbt er. Also nimm die Kanone runter. Hey, Scheißbulle, sieh hin, wer da ist. Ach ja, du kannst ja gar nichts mehr sehen, so geschwollen sind deine Augen. Aber hey, ich kenne mich mit Folter aus, und solange du nicht tot bist, kannst du hören, hören wie viel Spaß ich jetzt mit deiner Fotze haben werde. Ich we…«, abrupt verschlug es ihm die Sprache. Aurora hatte abgedrückt, eilte nach vorne und leerte das gesamte Magazin, zielte zunächst auf den Kopf, dann auf die Brust des Mörders. Die Geschosse rissen ihn um. Er fiel zur Seite und blieb auf dem Boden neben der Couch liegen. Das kümmerte sie nicht. Ihre Sorge galt nur Nico. Sie eilte zur Küche, packte ein Messer und ein paar Tücher. Beim Zurücklaufen nahm sie ein Kissen von der Couch und legte es auf den Boden. Blitzschnell schnitt sie die Kabelbinder durch, mit denen Nico gefesselt war, und legte ihn vorsichtig auf den weißen Plattenboden. Sie hob sanft seinen Kopf, um ihm das Kissen unterzuschieben. Dann scannte sie sein Gesicht, Brustkorb, Bauch, Arme und Beine. Seine Atmung war extrem flach.

»Ich bin bei dir, Liebling, alles wird gut. Ein Krankenwagen ist unterwegs. Atme, bitte atme einfach. Oh mein Gott, ich darf dich nicht verlieren. Du bist mein Ein und Alles!« Auroras Herz setzte einen Schlag aus, als sie seine Kopfverletzungen begutachtete und die Stichwunde am Bauch. Er hatte bereits viel Blut verloren. Seine Kleidung war vollgesogen, und der Boden unter dem Stuhl war rot. Aurora kniete nieder, presste die Tücher auf die Wunde und betete erstmals zu einem Gott da oben, den sie bisher noch nie gerufen hatte.

»Bitte, lass ihn leben. Nimm mich an seiner Stelle, ich flehe dich an. Du darfst ihn mir nicht wegnehmen. Er ist alles für mich, alles … einfach alles …« Sie weinte unaufhörlich. Schrie gegen ihren Schmerz an. Er durfte nicht sterben, niemals! Nein, nicht so. Sie hatten sich am Morgen gestritten, weil er am Vorabend Lust auf einen Männerabend gehabt hatte, statt mit ihr auszugehen. Durch die Schichtarbeiten sahen sie sich immer weniger, unternahmen nicht mehr viel miteinander, was aber nur Aurora zu belasten schien. Und jetzt das! Sollte Nico sterben, könnte Aurora niemals mit der Last leben, ihn das letzte Mal im Streit gesprochen und gesehen zu haben. Niemals! Sie schrie ihre Wut und Trauer in die Nacht heraus, presste die Tücher auf Nicos Wunde. Der Zorn auf sich selber und auf den Mörder, der ihr Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hatte, pulsierte ihr durch die Adern. Die Wildheit dieses Zorns erfasste Aurora wie eine glühende Faust. Ihr Herz raste, und mit einem Mal fühlte sie sich schwach, machtlos, ausgelaugt, wie ein entleertes Gefäß. Die Furcht in ihrer Brust vertiefte sich. Nico war der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte, der Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, der Mann, mit dem sie aufgewachsen war, der Mann, der sie immer beschützt hatte. Panik erfasste sie, drückte wie ein Raubtier seine Klauen in ihr Fleisch. Lähmte jeden ihrer aufkeimenden Gedanken. Machte sie taub für das Sirenengeheul im Hintergrund, blind für das Blaulicht, das am Eingang ihres Hauses blinkte, denn wenn Nico starb, würde sie mit ihm gehen. Das war eine unumstößliche Entscheidung.

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