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2 Flüssiges Verhalten

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Sowohl in der traditionellen Pädagogik als auch bei ABA-Programmen gelten »Prozent richtiger Antworten« als wichtigste Messeinheit. Therapeuten messen dabei, wie genau ein Individuum ein bestimmtes Zielverhalten zeigt. Allerdings ist es oft ein Problem, wenn der Schwerpunkt der Lernüberprüfung lediglich auf der Genauigkeit der Antworten liegt.

Stellen sie sich ein typisches Szenario vor: Zwei Schüler, Laura und Tim, sind in derselben Klasse. Beide schreiben ihren wöchentlichen Mathe-Test und bekommen 100 %. Allerdings war Laura schon nach 15 Minuten fertig und Tim brauchte die komplette Stunde. Hier besteht also ein offensichtlicher Unterschied zwischen beiden Testleistungen, die nicht allein durch »Prozent richtiger Antworten« bewertet werden können. Der Lehrer hat sicher auch diesen Unterschied zwischen den Schülern bemerkt; wenn er jedoch am Ende des Schuljahres ihre Noten durchsieht, wird er nur feststellen, dass sie 100 % richtig geantwortet haben. Das allerdings verdeckt jeden tatsächlich beobachteten Unterschied.

Dieses einfache Beispiel kann man auch auf verschiedene ABA-Ansätze und Kinder mit Autismus anwenden, sei es das Einfügen von Formen in Aussparungen, das Zuordnen von Farben, das Verbinden von Punkten zu Zahlen, das Benennen von Abbildungen, das Lesen oder auch Aufgaben aus dem Bereich der Selbstversorgung.

Stellen sie sich vor, wie ein Kind Zahnpasta auf eine Zahnbürste drückt. In einem Fall sieht die Handlung mühsam aus. Hier dauert es 30 Sekunden, bis die richtige Menge Paste herausgedrückt ist, ohne dass sie in das Spülbecken kleckert. Man kann sich sogar vorstellen, wie die kleine Hand zittert, die Zahnbürste hält und sie an die Augen hebt, um genau festzustellen, wohin sie auf die Zahnbürste gehört. Eventuell drückt das Kind auch ein wenig Zahnpasta heraus, was aber schnell in die Tube zurück gesaugt wird.

Hierbei handelt es sich keineswegs um flüssiges Zähneputzen. Wenn allerdings das Kind dem Gegenüber innerhalb von drei aufeinander folgenden Sitzungen die Zahnpasta zu 100 % ohne kleckern und mit der richtigen Menge auf die Zahnbürste aufträgt, könnte die Fertigkeit als gemeistert beurteilt werden. Dieses automatische Verhalten entspricht dem Kriterium des Könnens in ABA-Therapien (Richling & Williams, 2017).

Das typische Zähneputzen erfolgt schnell und ohne viel darüber nachzudenken. Wahrscheinlich schaut man, wenn man hierin kompetent ist, nicht einmal auf die Zahnpastatube oder die Zahnbürste, sondern sieht in den Spiegel oder unterhält sich mit einer anderen Person. Wenn das Verhalten automatisch und mühelos erfolgt, wird es als flüssig angesehen.

Das wichtigste Ziel beim Präzisionslernen ist die flüssige Durchführung von Verhaltensweisen (Binder, 1996). Wenn ich bei meinen Vortragsreisen über das Konzept »Flüssigkeit« rede, zeige ich verschiedene Video-Clips von Schülern, die unterschiedliche Verhaltensweisen lernen. In fast jedem Fall können die Zuhörer das flüssige Verhalten deutlich von dem nicht flüssigen Verhalten unterscheiden, denn es ist oft visuell und akustisch klar erkennbar.


Abb. 2.1: Bereits mit 3 Jahren hat Kailin Spaß daran, in kurzer Zeit so viele Punkte wie durch Zahlen vorgegeben in die Kreise zu malen.

Da PL eine wissenschaftliche Grundlage hat, reicht eine visuelle Inspektion der Lerndaten nicht aus, sondern wir brauchen objektive Berechnungen. Das Verhalten gilt erst als flüssig, wenn es verschiedenen Kriterien entspricht. Dazu gehören Stabilität, Generalisation, Ausdauer, Anwendung und Generativität (Generativität ist die Kombination von erworbenen Fähigkeiten, um ein unbekanntes Problem zu lösen) (Johnson & Street, 2013). Wenn die angestrebte Fähigkeit diesen Kriterien genügt, gilt sie als flüssig.

Lernen im Sekundentakt

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