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Theodor Wolff
ОглавлениеTheodor Wolff wurde 1868 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin geboren und stammte aus einer jüdischen Familie. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung im Mosse Verlag seines Vetters, war aber auch dem Theater sehr zugewandt. Er gründete mit anderen die »Freie Bühne«, ging aber dann als Kultur-Korrespondent nach Frankreich. Von 1906 bis 1933 war er Leiter des »Berliner Tageblatts«, das unter ihm zur wichtigsten Berliner Tageszeitung aufstieg. Diese war demokratisch-liberal und außenpolitisch gemäßigt ausgerichtet. In der Regierung des Kaiserreiches wurde es daher nicht geschätzt und im Ersten Weltkrieg vorübergehend verboten.
1918 gründete Wolff die Deutsche Demokratische Partei, die er allerdings 1926 im Streit um Zensurbedingungen wieder verließ. Von national-konservativen Kreisen wurde er angefeindet. Über die Nationalsozialisten schrieb er:
Diese Burschen wollen Erneuerer sein, dem deutschen Volk und der Welt das Neue bringen. Und sie haben noch nicht einmal die Haut und die Lüste eines Wildschweins, das vor 700 Jahren herumrodete, abgelegt. […] Der Nationalsozialismus ist, obgleich neben Komödianten, Strebern und naiven Enthusiasten einige anständige neurasthenische Talente sich zu ihm verlaufen haben, ein Tugendbund für jene Laster, falsches, eitles Prophetentum, Anstiftung zu Zwietracht, Gewalttat und Bürgerkrieg –, deren Adepten in Dantes Hölle […] eines besonderen Strafvollzuges teilhaftig sind. Keine geschliffene Phrase, keine dunstige Ideologie kann darüber hinwegtäuschen, dass er mit seinem Geschrei nach umstürzender Gewalt und mit seiner Rassenverhetzung die Rohheit, die Verblödung und die gemeinsten Pöbeltriebe anreizt und zu verbrecherischen Ausbrüchen treibt. Würde man eine Untersuchung vornehmen können, so würde man unter den von alten Weibern verhätschelten und von ungebildeten Großindustriellen protegierten Wanderpropheten des Nationalsozialismus nicht wenige pathologisch interessante Gehirne feststellen, und der verquollene Dampf, der von ihnen ausgeht, verbreitet sich über eine Masse, die auf jedes Betäubungsmittel reagiert. Die Benebelten, die mit Theorien nichts anzufangen wissen, greifen zum praktischen Revolver und schießen los. […].
Berliner Tageblatt, 59. Jg., vom 8. Juni 1930, zit. nach: Gotthard Schwarz, Theodor Wolff, S. 270
Nach der Machtübernahme Hitlers gelang ihm die Flucht über Tirol und die Schweiz nach Nizza, wo er mehr Bücher als Artikel verfasste. Nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich versuchte Wolff, nach Amerika zu fliehen. Doch bevor dies gelang, wurde er von italienischen Beamten verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Über Drancy wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Dort schwer erkrankt, wurde er ins Jüdische Krankenhaus in Berlin verlegt und starb am 20. September 1943.
Quellen und Literatur: Theodor Wolff: Pariser Tagebuch. München 1908; zit. nach: Gotthard Schwarz: Theodor Wolff und das »Berliner Tageblatt. Eine liberale Stimme in der deutschen Politik 1906–1933. [Tübinger Studien zur Geschichte und Politik, Bd. XXV] Tübingen 1968; Wolfram Köhler: Der Chefredakteur Theodor Wolff. Ein Leben in Europa 1868–1943. Düsseldorf 1978; Bernd Sösemann: Theodor Wolff. Journalist, Weltbürger, Demokrat. Berlin 2004; ders.: Theodor Wolff. Ein Leben mit der Zeitung. Stuttgart 2012