Читать книгу Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Lenelotte Möller - Страница 35
Der Aufstieg der NSDAP, »Machtergreifung« und »Gleichschaltung«
ОглавлениеProzentual konnte die NSDAP, seit sie sich Wahlen stellte, eher einen Mitgliederzuwachs als einen Zuwachs an Wählerstimmen verbuchen. Dies änderte sich 1929 mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und mit der Aufnahme in das Bündnis der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), des Stahlhelmbundes und des Alldeutschen Verbandes gegen den Young-Plan. Ihre angeblich sozialistische Gesinnung wieder hervorkehrend, erreichte die NSDAP bei der Reichstagswahl im September 1930 einen Stimmenanteil von 18,3 %, das bedeutete 103 Mandate im Reichstag. Im Oktober bildete die nunmehr erstzunehmende politische Größe mit der DNVP und anderen nationalistischen Verbänden die »Harzburger Front«. Die vom Reichpräsidenten getragenen Präsidialkabinette trugen das ihre zur Unzufriedenheit mit den staatstragenden Parteien und somit zur Radikalisierung der Wählerschaft bei. Doch obwohl die NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli 1932 einen Stimmenanteil von 37,4 % erreichte und damit stärkste Partei wurde, ernannte Hindenburg Hitler nicht zum Reichskanzler. Dies und der Stimmenrückgang bei den November-Wahlen stürzten die Partei in eine tiefe Krise, so dass schon ihr Ende prophezeit wurde. In der Landtagswahl in dem kleinen Reichsland Lippe konnte die NSDAP daraufhin noch einmal fünf Prozent hinzugewinnen, was ihr noch einmal Gewicht verlieh. Veranlasst durch die folgenschwere Selbstüberschätzung Franz von Papens, der Hitler in Schach halten wollte, ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.
Sehr schnell nach Hitlers Amtsantritt begann die NSDAP mit der totalen Erfassung des gesellschaftlichen Lebens, das bedeutete zunächst: mit der Ausschaltung der konkurrierenden Organisationen. Zuerst erfolgte die Beseitigung des föderalistischen Prinzips durch die Einsetzung nationalsozialistischer Regierungen in den Ländern. Als Nächstes wurden durch das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« alle unliebsamen Beamten aus dem Dienst entfernt. Der in dem Gesetz enthaltene sogenannte Arierparagraph, der die Entlassung jüdischer Beamter bestimmte, wurde auch von evangelischen Landeskirchen und anderen Organisationen und Vereinen übernommen. Nur einzelne zogen dem Rauswurf jüdischer Mitglieder und Vorsitzender die Auflösung vor. Die Verfolgung der Kommunisten leitete die sogenannte Reichstagsbrandverordnung ein, die der Sozialdemokraten das Parteiverbot vom 22. Juni 1933.
Der extreme Antisemitismus der Nationalsozialisten stieß, obgleich er von vielen geteilt wurde, bei einigen Bevölkerungsteilen doch auf Befremdung. Auf den Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 jedenfalls reagierten die Menschen mancherorts mit demonstrativen Einkäufen bei jüdischen Kaufleuten. Auch unter der jüdischen Bevölkerung waren die Einschätzung der Vorgänge und die Reaktionen darauf geteilt. Während es bis 1934 vermehrt zu Selbstmorden kam und fast 40 000 Menschen auswanderten, blieb doch die Mehrheit in Deutschland und konnte – vor allem angesichts ihrer Verdienste um Deutschland in den zurückliegenden Kriegen sowie nach dem Ersten Weltkrieg – das tatsächliche Ausmaß der Bedrohung lange nicht fassen.
Literatur: Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. [Siedler Deutsche Geschichte, Reihe: Die Deutschen und ihre Nation, (Bd. V)], Berlin 1994; Hans Mommsen: Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Demokratie, Diktatur, Widerstand. München 2010