Читать книгу Mörder-Quoten - Leo Lukas - Страница 12
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ОглавлениеEs regnete. Im weitläufigen, L-förmigen Innenraum des Café Winterholzner waren dennoch mehrere Tische frei.
Da ich auf keinen Fall unpünktlich sein wollte, war ich zu früh dran. Ich setzte mich in eine Nische und überflog die Speisekarte. Alles hausgemacht, stand in appetitlich verschnörkelter Schrift auf jeder Seite, und frisch zubereitet aus regionalen, überwiegend gentechnikfreien, biologisch angebauten, fair geernteten Zutaten. Fehlten bloß noch Fotos von glücklichen Schweinderln. Die Preise rangierten im oberen Bereich. Als die Kellnerin kam, klappte ich die Karte zusammen und sagte: „Fürs Erste nur einen Verlängerten schwarz bitte, ohne alles.“
„Nicht einmal Zucker oder Süßstoff?“
„Nicht mal den uralten Keks, der immer dazugelegt wird“, scherzte ich.
„Bei uns gibt es ein Stück Cantuccini.“
„Was ist das?“
„Ein Mandelgebäck. Freilich würde ich für das Ablaufdatum auch nicht unbedingt die Hand ins Feuer legen.“
Sie sah jung und fit aus. Erst auf den zweiten Blick und aus der Nähe verrieten die Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln, dass sie wohl schon auf die 40 zuging. Der Hüftschwung, mit dem sie zurück zur Theke schwebte, war sehr beachtenswert.
Nachdem sie wiedergekommen war und den Kaffee vor mir abgestellt hatte – „Ohne alles“, sagte sie dabei verschmitzt –, versuchte ich die Kellnerin in ein Gespräch zu verwickeln. „Sagen Sie, ist eigentlich die Kegelbahn noch in Betrieb?“
„Im Keller? Der gehört nicht zu meinem Rayon. Da müssen Sie den Chef fragen.“ Sie nickte in Richtung eines fülligen, gemütlich wirkenden Mannes Mitte 50. Er trug einen Trachtenanzug und plauderte, ein Proseccoglas in der Hand, angeregt an einem Stehtisch. „Oder doch besser gleich die Chefin.“
Der Unterton signalisierte, dass damit auch die wahren Machtverhältnisse umrissen waren. Die steinalte Dame, die hinter der antiken, also nicht viel jüngeren Registrierkassa thronte, überwachte das Geschehen zu beiden Seiten der Theke mit Argusaugen.
„Führt sie ein sehr strenges Regiment?“, raunte ich vertraulich der Kellnerin zu.
„Der Drache Smaug ist ein Kuscheltier dagegen“, gab sie ebenso leise zurück. Dabei beugte sie sich herab und kam mir so nahe, dass ich einen Hauch von Parfüm erhaschte. Unter anderen Umständen hätte ich sie nach ihrem Namen gefragt, rein aus Höflichkeit, und spätestens beim Zahlen, ob sie an diesem Abend schon etwas vorhatte. Aber mir hockte der Bravo im Nacken.
Außerdem wurden wir unterbrochen.
„Na sowas“, ertönte eine hohe Tenorstimme. „Wenn das mal nicht der Pezinator ist! So ein Glück aber auch, dass wir uns hier treffen, und zwar für dich.“
Die kugelrunde Gestalt, die an meinen Tisch getreten war, kannte ich nur zu gut. Der „Gelddruck-Kurtl“ war ein liebenswerter Wirrkopf. Zwei-, dreimal pro Woche entdeckte er eine andere „tausendprozentige“ Chance, schlagartig zu sagenhaftem Reichtum zu kommen. Beharrlich durchstreifte Kurtl die Lokale der Stadt auf der Suche nach Investoren. Noch jeder Geheimtipp hatte sich als Rohrkrepierer entpuppt, weshalb auch nie jemand einstieg. Höchstens borgte man ihm kleine Beträge – natürlich auf Nimmerwiedersehen –, weil er seine Hirngespinste so rührend euphorisch anpries; und zwar stets mit der Formulierung, sie stellten „praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken“ dar.
„Servus Kurtl. Du, ich habe heute leider weder Zeit noch Kohle“, versuchte ich ihn abzuwimmeln. „Und einen Besprechungstermin.“
„Richtig – mit mir. Gratuliere!“ Er breitete die Arme aus und strahlte dermaßen selig übers ganze rotwangige Gesicht, dass man ihm einfach nicht böse sein konnte. „Dein monetärer Engpass ist so gut wie behoben. Ich habe etwas aufgetan, eine neuartige Produktidee, deren Vermarktung eine Rendite abwirft, dass du mit den Ohren schlackerst. Praktisch eine Lizenz …“
„Zum Geldverbrennen“, unterbrach ich ihn. „Kurtl, im Ernst …“
„Sockenklemmen.“
„Was?“
„Jeder kennt das Problem, dass in der Waschmaschine Socken verloren gehen. Du legst sie als Paar hinein, aber danach findest du nur noch einen einzelnen wieder, während der andere verschollen ist. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Sie sind jedoch allesamt sekundär, denn ich habe die Lösung: formschöne Klemmen, die über die gesamte Dauer des Waschgangs die Socken beisammenhalten.“
„Kurtl, das gibt es bereits. Man nennt es Wäscheklammern oder Kluppen.“
„Ha! Warum verwendet die dann niemand zu diesem Zweck? Ich werde es dir sagen, Pezi. Weil sie entweder die Trommel der Maschine beschädigen, oder doch nicht fest genug halten, oder schlichtweg hässlich sind. Weil die Welt immer noch sehnsüchtig wartet auf …“, er setzte eine Kunstpause: „Ta-taa! Die Cheesis.“
Mit bombastischer Geste präsentierte Kurtl einen Ausdruck, der kleine gelbe Plastikfiguren zeigte; Käsemännchen, deren Mäuler die Spitzen zweier Socken einzwicken konnten. „Cheesi, von wegen Zehenkäse. Super, nicht wahr? Und der Clou ist, dass es einen ganzen Haufen verschiedene von ihnen gibt. Papa Cheesi, Mama Cheesi, die Kinder, die Onkel und Tanten und Omas und Opas … Die Sammler werden sich darauf stürzen. Hast du eine Ahnung, was bei Überraschungsei-Börsen abgeht? Manche Leute spekulieren hauptberuflich mit diesen Dingern.“
Insgesamt klang das halbwegs aussichtsreich, verglichen mit Kurtls früheren Unternehmungen der Marke Wolkenkuckucksheim. Trotzdem lehnte ich das Angebot, mich an seiner speziellen Art von Crowdfunding zu beteiligen, dankend ab und überzeugte ihn schließlich mit dem neuerlichen Verweis auf meine nicht vorhandenen Mittel. Nicht im Mindesten enttäuscht oder beleidigt, zog der Gelddruck-Kurtl einen Tisch weiter.
Das Winterholzner war einer jener selten gewordenen Orte, an denen die Wiener Kaffeehauskultur seit rund einem Jahrhundert weitgehend unverändert hochgehalten wurde. Auf drei Billardtischen spielte man Karambol, mit einer Ernsthaftigkeit, als handle es sich um das Finale der Staatsmeisterschaft in der Altersklasse Ü60. Etwas gemischter gestaltete sich das Teilnehmerfeld bei den Kartenrunden, wobei tendenziell die Herren zu Tarock, die Damen zu Bridge neigten.
Eine Gruppe junger Leute unterhielt sich mit einem Spiel, das ich in diesem Ambiente nicht erwartet hätte. „Fliegen-Roulette“ verband ich eher mit den Landgasthöfen meiner südsteirischen Heimat. Man benötigte dazu nur einen großen, runden, gläsernen Gastro-Aschenbecher mit mindestens vier Einkerbungen am Rand für die Zigaretten sowie eine lebend gefangene Fliege. Diese wurde unter dem umgedrehten Aschenbecher eingesperrt, und man setzte darauf, aus welcher der Öffnungen das Tier entkommen würde. In meiner Jugend hatte es sich um Groschen- oder niedrige Schillingbeträge gehandelt. Die heitere Gesellschaft im Winterholzner hingegen hielt sich nicht mit Münzen auf. Vielmehr lagen als Einsatz etliche blaue 20-Euro-Scheine auf dem Tisch.
Überhaupt erweckten die Mitglieder der recht homogen wirkenden Gruppe den Eindruck, samt und sonders aus gutbürgerlichem Haus zu stammen. Die Burschen, die in der Überzahl waren, hatten ausnahmslos hellblaue oder -graue Wollpullover um die Schultern ihrer Polohemden hängen, studierten also sehr wahrscheinlich Betriebswirtschaft oder Jus. Die jungen Frauen wirkten, als wären sie aus dem Sacré-Cœur-Gymnasium direkt an eine Model-Agentur gewechselt, wo sie primär für Modehäuser wie Brühl, Hämmerle oder Kleiderbauer posierten.
Einen scharfen Kontrast dazu bildeten die drei Maler in farbbefleckten Arbeitsmonturen am Nebentisch, die mit Weißen Spritzern den Anbruch der Mittagspause zelebrierten. Aber das machte eben den Charme eines solchen Traditionskaffeehauses aus: Wie draußen auf dem Dombrowski-Platz verschwamm auch im Winterholzner die Grenzlinie zwischen gentrifizierten Grätzeln und noch unberührter, naturbelassener Vorstadt. Und wenn Hackler und Schnösel auch sonst nicht viel gemeinsam hatten, einte sie doch, dass sie die Avancen des Gelddruck-Kurtls gleichermaßen belustigt ablehnten.
„Bitte vielmals um Vergebung“, keuchte Claudia Rappold, nachdem sie hereingestürmt war und sich abgebeutelt hatte wie ein nasser Pudel, ohne viel Rücksicht auf die nahe der Tür Sitzenden zu nehmen. Sie spannte den Regenschirm ab und steckte ihn in den bereits dicht gefüllten Ständer. „Die Redaktionskonferenz dauerte länger als üblich. Ach, bitte sind S’ so lieb, Herr Szily, und erinnern Sie mich beim Gehen, dass ich den Schirm nicht vergesse. Es wäre der dritte diesen Monat.“
„Ich werde es versuchen“, versprach ich, während ich aufsprang, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. „Aber ich warne Sie – mitdenken zählt nicht zu meinen herausragenden Fähigkeiten, und mein Gedächtnis ist dem Nudelsieb verwandter als dem Elefanten.“
„Immer noch ein Meister der geschliffenen Formulierung“, sagte sie schmunzelnd. Wir setzten uns. Sie musterte mich unverhohlen. „Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s Ihnen?“
„Schlecht, wie sonst? Obwohl, allzu sehr klagen darf ich auch nicht. Ehrlich gesagt, habe ich die Krise besser überstanden als viele andere Freischaffende, dank meiner zahlreichen verschiedenen Betätigungsfelder.“
„Ein breit gestreutes Portfolio zahlt sich aus.“
„Meine Mutter sagte immer, ich würde mit einem Hintern auf sieben Leintüchern tanzen. Ich bevorzuge die Bezeichnung ‚Hanswurst in allen Gassen‘.“
Die Lokalreporterin lachte. Sie hatte schulterlange, brünette, mit weißen Strähnen durchzogene Locken. Bei den meisten anderen Frauen hätte die Frisur langweilig und altmodisch gewirkt. Bei Rappold jedoch unterstrich sie, zusammen mit den blitzenden Augen, den pfiffigen Elan der Trägerin. „Also, auf welche Weise kann ich dem österreichischen Film auf die Sprünge und Ihnen zu einer Oscar-Nominierung verhelfen?“
„Sehr liebenswürdig, aber Ihre Chancen auf den Pulitzerpreis sind um ein Vielfaches höher.“ Ironisch Honig ums Mäulchen Schmieren konnte ich ebenfalls. „Es wird ein experimenteller Streifen, fürchte ich. Inhaltlich dreht er sich um Sport, Wetten und Betrug.“
„Das haben Sie gestern schon angedeutet. Ist es ein Zufall, dass schräg gegenüber von hier kürzlich ein Wettbüro in die Luft geflogen ist?“
Mit dieser Frage hatte ich gerechnet. „Nein. Der Regisseur, der auch Drehbuchautor und Produzent in Personalunion ist, hat das aufgeschnappt. Er giert nach aktuellen Bezügen, drum will er es einbauen und schreibt gerade alles um. Zur Stunde weiß ich nicht einmal, welche Rolle er mir letztendlich zuschanzen wird.“ Damit hoffte ich mein weitgespanntes Interesse zu rechtfertigen. „Da wir grade davon sprechen, was meinen eigentlich Ihre Kontaktleute bei der Polizei dazu? War es ein Unfall oder …?“
„Mord? Strictly off records: Möglich wär’s. Die Spurensicherung ist noch am Auswerten. Aber falls bereits ein begründeter Verdacht bestünde, säße ich jetzt nicht gemütlich hier bei Ihnen. Vor allem ist noch niemand in den Fokus geraten, der ein Motiv haben könnte.“
„Ah ja?“
„In der überwiegenden Mehrzahl der Mordfälle kommt der Täter aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld. Der Verunglückte war seit 15 Jahren geschieden und lebte allein, habe ich gehört. Die Konzession des Lokals lief dennoch weiter über die Ex-Frau, was auf eine friktionsfreie Trennung und ein entspanntes Verhältnis schließen lässt. Über eine neue Partnerin ist nichts bekannt. Das wird natürlich noch nachgeprüft, aber im Landeskriminalamt geht man derzeit nicht davon aus, dass eine Beziehungstat vorliegt.“
„Und die Konkurrenz? In vielen Branchen ist nach der Corona-Krise Flurbereinigung angesagt. Warum nicht auch im Wettgeschäft?“
Rappold schüttelte den Kopf. „Diese Fluren wurden schon vor Jahren zubetoniert. Durch eine Monokultur, um bei der Metapher zu bleiben. Da halten sich abseits der großen Ketten nur noch ein paar kleine, armselige Pflänzchen. Für eine Klitsche wie das Lucky Star von diesem Pekarek würde sich niemand die Finger schmutzig machen. Wozu? So etwas bekommt man heutzutage nachgeschmissen.“
„Hat nicht ein Karl Pekarek zur legendären Gürtel-Partie der 70er- und 80er-Jahre gehört?“
„Mag sein. Der Name sagt mir etwas. Aber selbst falls eine Verwandtschaft bestünde, ergäbe sich daraus kein Motiv. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rotlichtszene vollkommen verändert. Von der alten Garde lebt fast niemand mehr, und die zwei, drei verbliebenen Fossilien sind schon lange inaktiv.“
„Verstehe. Schade. Wissen Sie, mein Regisseur hegt romantische Vorstellungen über die hiesige Unterwelt. Stichwort Gürtel-Mafia. Er träumt von wienerischen ‚Good Fellas‘. Offenbar sollte er sich besser an ‚Ghost Dog‘ orientieren … Könnten Sie mich vielleicht mit einem solchen Fossil bekannt machen, Claudia? Das würde mir bei meiner Rollengestaltung helfen. Mir geht es nur darum, ein Gespür für den Typus zu bekommen.“
Die Journalistin kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Steckt das dahinter? Wollen Sie, dass ich Ihnen eine Rutsche zu meinem Paten lege?“
„Pate? Ich dachte … Sie sagten doch eben, dass es so jemand in Wien nicht mehr gibt.“
„Ich meine meinen Taufpaten, Sie Scherzkeks. Den Schöneren.“
„Bedaure zutiefst.“ Ich breitete die Arme aus. „Muss gestehen, nicht die geringste Ahnung zu haben, wovon Sie sprechen.“
„Mein Großonkel und Taufpate ist eines der erwähnten Relikte. In den glorreicheren Jahren firmierte er unter dem Spitznamen ‚der Schönere‘. Das geht auf irgendein Kartenspiel zurück, glaube ich.“
„Hand aufs Herz“, mit Mühe unterdrückte ich den Impuls, die dazu passende Geste auszuführen, „das wusste ich nicht. Gleichwohl wäre es fantastisch, wenn Sie eine Audienz bei Ihrem Onkel einfädeln könnten.“
„Hm. Er ist über 80, dreimal so schwer wie Sie und sehr krank. Aber er redet gern über die alten Zeiten. Ich kann ihn ja mal fragen.“
„Öhm … Es müsste noch heute sein. Falls es das Wetter zulässt, wird nämlich morgen bereits gedreht. In der Obersteiermark.“
„Na, Sie sind gut, Pez! Sie lassen nicht oft was anbrennen, oder?“