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1.4 Entwicklungsaufgaben im Berufseinstieg von Lehrpersonen (Studie EABest) 1.4.1 Ausgangslage

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Die Studie «Entwicklungsaufgaben im Berufseinstieg von Lehrpersonen» (EABest, 2004 bis 2010 von Keller-Schneider) geht den Fragen nach, welche Anforderungen im Berufseinstieg als Herausforderungen wahrgenommen werden und welche individuellen Merkmale die Ausgestaltung dieser Herausforderungen mitbestimmen. Die Studie steht in ihrer bildungsgangorientierten Perspektive im Schnittfeld des strukturtheoretischen und des kompetenzorientierten Ansatzes (Keller-Schneider & Hericks 2014). Die Bildungsgangforschung fragt, wie sich spezifische Handlungsanforderungen eines Feldes – konzeptionell gefasst als Entwicklungsaufgaben – in Biografien niederschlagen. Wie diese Anforderungen wahrgenommen und bewältigt werden, bestimmt den Grad und die Ausrichtung der wachsenden Kompetenz mit.

Entwicklungsaufgaben stellen sich im Kontext des aktuellen Entwicklungsstandes und müssen als solche wahrgenommen und bearbeitet werden, damit eine biografische Weiterentwicklung möglich wird. Entwicklungsaufgaben werden gesellschaftlich gestellt und individuell gelöst. Sie umfassen Beschreibungen von einmaligen Entwicklungsschritten als Marksteine menschlicher Entwicklung (Krapp & Weidenmann 2001), die sich in spezifischen Lebensphasen stellen und deren Bewältigung neue Perspektiven eröffnen. Das Konzept der Entwicklungsaufgaben geht auf den Entwicklungspsychologen Havighurst zurück (1948). Aktiv Lernende stehen als aktiv Handelnde mit einer aktiven sozialen Umwelt im Austausch. Das Individuum ist damit «Gestalter seiner Biografie – nicht Opfer seiner Lebensumstände» (Keller-Schneider 2010a, S. 102).

Der Eintritt in die Berufstätigkeit stellt eine berufsübergreifende Entwicklungsaufgabe des frühen Erwachsenenalters dar, deren Lösung die Übernahme von Primärverantwortung erfordert (Dreher & Dreher 1985). Berufsspezifische Entwicklungsaufgaben des Lehrer(innen)berufs differenzieren diese biografische Entwicklungsaufgabe aus und folgen den Entwicklungslinien Rolle, Vermittlung, Anerkennung und Kooperation (Hericks, Keller-Schneider & Bonnet i.V.), die sich berufsphasenspezifisch akzentuieren (Keller-Schneider 2016b). Die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht Entwicklungsschritte in der weiteren Professionalisierung.

Die Frage stellt sich, welche Anforderungen es zu bewältigen gilt, um im Beruf anzukommen. Was aus Sicht einer Ausbildung erreicht werden muss, wird in Standards gefasst, die über Kriterien beurteilt werden (Oser & Oelkers 2001, KMK 2004; Frey 2014). Was aber aus der subjektiven Sichtweise von Betroffenen als Anforderung wahrgenommen wird, die es als berufsphasenspezifische Entwicklungsaufgaben zu bewältigen gilt, um den Berufseinstieg zu meistern und im Beruf anzukommen, wurde in dieser Studie untersucht. Eine erste Konsolidierung als ‹Ankommen im Beruf› stellt sich in der Regel nach rund zwei bis drei Jahren ein; eine erste berufliche Identität erscheint als gefestigt. Die Phase der Berufseinführung gilt nach rund zwei Jahren als abgeschlossen10.

Im Fokus der Studie steht die Frage nach den beruflichen Anforderungen und ihrer Wahrnehmung aus der Sicht von Betroffenen. Diese Hauptfrage wird in einem triangulierenden Forschungsdesign untersucht, in welchem in einer Vorstudie über eine qualitative Analyse von Supervisionsprotokollen mit Berufseinsteigenden11 berufliche Anforderungen identifiziert wurden, die von Berufseinsteigenden als herausfordernd wahrgenommen wurden. Auf diese empirisch ermittelten beruflichen Anforderungen stützt sich das Instrument, mit dem in der Hauptstudie die Wahrnehmung von beruflichen Anforderungen von Berufseinsteigenden untersucht wurde. Zum Vergleich wurden auch angehende Lehrpersonen am Ende ihrer Ausbildung und erfahrenen Lehrpersonen befragt, die als Praktikumslehrpersonen der PH Zürich in der Ausbildung der Studierenden mitarbeiten.

Vorstudie: Um die Sichtweise von Betroffenen zu kennen, die sich gemäss dem Modell der Kompetenzentwicklungsphasen (vgl. Abb. 2) von derjenigen von Experten unterscheidet, wurden in einer Vorstudie Supervisionsprotokolle von zweijährigen Supervisionsprozessen inhaltsanalytisch ausgewertet (Mayring 2015). Die Kategorien wurden induktiv aus dem Material herausgearbeitet. Die Analyse wurde aufgrund der Sättigung des Kategoriensystems nach 40 Fällen abgeschlossen. Aus dieser Analyse resultiert eine Liste von rund 120 Anforderungen, die zu 80 Anforderungen reduziert und zu Fragen umformuliert als Instrument EABest in der Fragebogenerhebung zum Einsatz kamen. Wie in der transaktionalen Stresstheorie begründet und im Prozessmodell der Anforderungswahrnehmung aufgezeigt (vgl. Abb. 3), werden Anforderungen nach ihrer Wichtigkeit und nach der Gelingenserwartung eingeschätzt und als Herausforderungen angenommen in einem beanspruchenden Prozess bearbeitet. Anforderungen werden somit unter mehreren Perspektiven wahrgenommen. Um diese unterschiedlichen Zugänge zu erfassen, wurde die Bearbeitung dieser 80 beruflichen Anforderungen unter den Perspektiven der Wichtigkeit (... ist mir wichtig), des Kompetenzerlebens (... gelingt mir) und der Intensität der Bearbeitung (... beansprucht mich)12 auf einer sechsstufigen Skala (von 1 = wenig bis 6 = sehr) eingeschätzt (vgl. Abb. 4).

Abbildung 4: Ausschnitt aus dem Fragebogen (Keller-Schneider 2010a, S. 127)

Hauptstudie: Befragt wurden Lehrpersonen in der Berufseinstiegsphase (die ersten drei Jahre nach Abschluss der einphasigen Ausbildung) sowie erfahrene und in Ausbildung stehende. Dazu wurden das entwickelte Instrument zur Wahrnehmung von Berufsanforderungen (EABest) sowie Instrumente zur Erfassung von Zielen, Motiven, Überzeugungen, Persönlichkeitsmerkmalen und Selbstregulationsfähigkeiten eingesetzt (vgl. dazu Keller-Schneider 2009c und 2010a).

Aus der Studie sind vielfältige Befunde hervorgegangen, die in mehreren Publikationen veröffentlicht wurden. Hauptbefunde der Studie werden kurz dargelegt, da sie zum Verständnis der Berufseinstiegsphase beitragen und damit nicht nur Berufseinsteigenden, sondern auch Lehrerbildner/-innen, Mentorierenden sowie Schulleitungen hilfreiche Einblicke geben können.

Impulse zum Berufseinstieg von Lehrpersonen (E-Book)

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