Читать книгу Friedrich Wilhelm Utsch - Margarete Hachenberg - Страница 14
Das Utschhaus am Rhein
ОглавлениеWunderschön mit grauen Schieferplatten bedeckt ragte der Giebel hoch hinauf. Ornamente zierten den unteren Teil des Daches und die einzelnen Abschnitte des schieferbedeckten herrschaftlichen Hauses mit dem Fachwerk. Die weiß gerahmten Fenster mit den Sprossen und der vordere herausstehende Erker machten das Haus des Försters zu etwas ganz Besonderem. Die Jagd war zu Ende. Erst nach dem Wochenende würde Friedrich Wilhelm Utsch wieder in die Pfalz reiten. „Johann, sattelt mir mein Pferd!“ rief Utsch seinen Knecht. Hurtig eilte er in den Stall und hängte den schönen Sattel von einem Nagel an der Wand. Mit rosa Samt überzogen und goldenen Fransen, Nähten und Knöpfen verziert, streichelte Johann über diesen edlen Stoff, bevor er den Stall verließ und den Gaul sattelte. Danach verschwand er wieder. Utsch stieg auf sein braunes Ross. In Windeseile, angetrieben von seinem Reiter, fegte der Gaul mit seinen Hufen über das Gras der Wiesen, suchte sich einen Weg über das Getreide der Felder und durch das Laub des Waldes an den Orten Gensingen und Bingen über Lorch nach Bacharach. Dort stieg Utsch von seinem Pferd ab, den Riemen am Hals seines Pferdes band er an einem Balken fest. Im Haus selbst huschten die Mägde, sie sahen ihren Herrn kommen. „Magda, öffnet die Türe! Der Förster ist zu Hause!“ „Ich hab Kohldampf, bereitet mir ein Mahl. Ich habe einen Hasen mitgebracht, der noch am Sattel meines Pferdes hängt. Macht mir reichlich Kartoffeln dazu!“ Unterdessen machte es sich der Förster in seiner großen Wohnstube bequem. Im edlen Glanz erstrahlte eine braune Kommode auf vier Füßen mit kostbarem Gold verziert, genauso wie die mit Blumenranken bemalten Schubladen mit ihren Griffen. Vor dem Förster stand ein kleiner schmiedeeiserner Tisch auf vier schmalen grauen Beinen. Wellenförmiges Dekor lief über die Bretterdielen in der Mitte des Tischchens, unter der braunglänzenden Platte verzierte Gold die Wellen und Spitzen, die dieses Möbel prächtig ausschauen ließen. Utsch saß auf einem Kanapee, bezogen mit einem braun-beigen Stoff. Gebogen standen die äußeren Beine, gerade die mittleren. Holz umrahmte mit Rosenschnitzereien dieses schöne Stück. Weit schweiften die Gedanken des Försters ab. „Lene, ach Ihr holde Maid, ich werde Euch eine große Freude machen.“ Utsch sah das liebliche Mädchen vor sich stehen. Ihre Wangen glühten und sie lächelte sehr zaghaft und schüchtern. „Wie zart sie aussieht, wie zerbrechlich!“ lächelte der Förster verträumt vor sich hin. So oft es ihm möglich war, hielt Friedrich Wilhelm Utsch sich in seinem Haus in Bacharach auf, um gerade jetzt ausgedehnte Spaziergänge durch den Wald zu machen. Der vergangene Sommer brachte schwüle Hitze, jetzt blitzte und donnerte es, Sturzbäche fielen vom Himmel. Mit hohen Stiefeln watete Utsch durch die Pfützen. Aus der nassen Erde sprossen die saftigen Champignons mit den weißen Kappen und braunen Lamellen, die mit braunem Hut hatte er bereits auf der großen Wiese geerntet und sich in sein Jutesäckchen gesteckt. In seiner Hand trug der Jäger des Kurfürsten einen hölzernen Eimer. „Wenn ich sie von den Nadeln und dem Laub befreie, sie kühl und trocken lagere, könnte ich die Pilze sicher auch nach dem Wochenende bei Lene zu Hause abgeben.“ Buntes Laub wirbelte durch die diesige Luft von den Bäumen und bedeckte die braune Erde wie einen kostbaren Teppich. Der vergangene Sommer brachte neben der Hitze kaum Regen. Seit August regnete es unaufhörlich und so streckten die orange leuchtenden Pfifferlinge ihre Köpfe mit ihren Vertiefungen aus dem Boden. Die Lamellen wuchsen am Stiel entlang. Mit geübtem Griff drehte der Förster die Stiele vom Erdreich ab und warf die Pilze in seinen Beutel. Langsam schritt Utsch den Waldboden ab, stieß mit einen hohen Stulpenstiefeln Äste zur Seite, bahnte sich seinen Weg durch das dichte Dickicht. Noch zwitscherten Vögel in den Ästen der Bäume, dichte graue Wolken zogen über den Wanderer hinweg. Friedrich Wilhelm Utsch zog sich seine grüne Jacke fester um die Schultern, richtete seinen Dreispitz auf dem Kopf, als er unter einem Baum eine Vielzahl Steinpilze entdeckte. Die wuchtigen braunen Köpfe wuchsen auf einem Stiel, der einem Baumstamm ähnelte. „Ich muss mir diesen Pilz von unten ansehen“, überlegte er, drehte den Stiel am Boden ab. So hob er ihn. „Glück gehabt“, dachte der Mann, „ein gelber Schwamm. Hierbei handelt es sich tatsächlich um einen Steinpilz. Wäre der Schwamm rosa, hätte ich einen Gallenröhrling in meiner Hand, der nicht zu genießen ist wegen seinem bitteren Geschmack.“ Stunden hielt sich Utsch im Wald auf und sein Jutesäckchen füllte sich zusätzlich mit Hexenröhrlingen und Maronen. „Dort sind ja noch mehr Champignons“, redete der Förster zu sich selbst. Er ging zu der Stelle, nahm sich einen der Pilze und drehte ihn herum. „Nein, das ist der giftige Knollenblätterpilz. Während die Champignons braune Lamellen haben, sind diese hier weiß.“ Er warf den Pilz weg. Unter den Tannen standen Habichtpilze mit ihren riesigen Schirmen auf dünnen Stielen. „Hier brauche ich lediglich den Schirm. Ich finde den weißen Hut so schön mit seinen Mustern, die wie die Federn eines Habichts aussehen. Die ziehe ich durch ein verquirltes Ei und Mehl, brate sie mir wie das Schnitzel eines Wildschweines. Darauf freue ich mich ganz besonders.“ Fröhlich pfiff er ein Lied, als ein Sturm heraufzog und den Mann zwang, auf seinem Pferd nach Hause zu reiten. „Heinrich“, sprach Ludwig in der darauffolgenden Nacht, „holt Euer Beil, wir zerlegen das Wild. In der Zwischenzeit ziehe ich die Tiere aus der Truhe und lege sie bereit.“ Heinrich lief schnell in den Stall an seiner Hütte und holte das Beil. „Kommt, ziehen wir die Türe zu und schieben den eisernen Riegel vor. Sicher ist sicher. Wer weiß, ob die Nachbarn von den Schlägen nicht doch etwas mitbekommen. Ich habe ein langes und scharfes Messer von zu Hause mitgebracht, Ludwig. Den beiden Hasen und den Rehen trenne ich erst einmal das Fell ab. Lasst uns das trocknen und es an einem Markttag in einer fern gelegenen Stadt verkaufen. Was meint Ihr dazu, Ludwig?“ Das ist eine sehr gute Idee, Heinrich. In meiner Hütte in der kleinen Kammer hänge ich die Haut zum Trocknen auf. Wir waschen das, sonst stinken die Felle womöglich nach wenigen Tagen und verraten uns.“ „So machen wir das“, gab Heinrich zur Antwort, nahm sein Messer und schnitt. „Ludwig, spannt die Haut! Ja, genau so, dann fährt mein Messer leichter zwischen Fell und Fleisch vorbei. Dreht das Reh nun zur anderen Seite und dann geht es hier weiter!“ Die Männer kauerten auf dem mit Lehm bedeckten Boden der Hütte. Kerzenstummel verbreiteten kärgliches Licht und bei jedem Windzug, der durch die Ritzen des Hauses zog, drohten sie zu erlöschen. Die Bretter der Hütte klapperten und Regen peitschte prasselnd auf das morsche Dach. Dumpf klangen die Beilhiebe, als Heinrich die Tiere in Stücke teilte. „Hätte der gute Förster uns nicht eine große Schale Salz geschenkt, was würden wir jetzt machen?“ Ludwig strahlte, holte das Salz vom Regal in der Küche und bestrich das Wildfleisch dünn auf allen Seiten. Nach und nach legte er dann die Fleischteile in die Truhe. „Einen Teil, Heinrich, behalte ich, das andere nehmt mit nach Hause. Nun kann Weihnachten kommen, mein Lieber. Ich freue mich darauf.“ „Ja, Ludwig und noch etwas. Wenn die Kartoffel in der Glut des Feuers gart, warum dann nicht auch über dem Feuer im Kessel? Lasst uns das mal versuchen.“ Franz fuhr zu seiner Hütte. In seinen Karren, die er von den Äckern nach Hause brachte, befanden sich Weizen, Roggen, Hafer und Gerste. Seit Tagen schnitt er mit seiner Sichel das Getreide. „Lene, helft mir, das zu bündeln!“ Lene holte kurze Stricke aus der Scheune, die dort an der Wand an einem Nagel hingen. Franz bückte sich, nahm einen Arm voll des gelben Getreides und schüttelte es kräftig über dem Karren aus. „Bindet das sehr fest, Tochter“, kommandierte er. Lene nahm die Schnur und band das Getreide im Arm ihres Vaters zusammen. „Vater, wir haben kein Korn mehr in unserem Jutesäckchen. Es ist allerhöchste Zeit, dass ich es mahle. Wie gut, dass Ihr damit kommt. Hoffentlich bleibt genug für uns in den Karren zurück.“ „Schwatzt nicht so viel, kümmert Euch um die Arbeit und bringt dann dem Gesinde des Kurfürsten dieses Korn zum Schloss!“ Franz ärgerte sich darüber, dass sein Fladenbrot am Morgen so winzig ausfiel. Jetzt kannte er den Grund. „Ein Bündel dieses Korns behalte ich für mich zurück“, entschied er in diesem Moment. „Dann reicht uns der Vorrat länger.“ Sein Magen knurrte so sehr wie schon lange nicht mehr. Lenes Wangen röteten sich. „Was schnauzt Ihr Eure Tochter so an?“ Franz drehte sich um seine eigene Achse. Wem gehörte diese Stimme? Mit Besuch rechnete er nicht. Franz sah Förster Utsch vor sich stehen. „Was sucht Ihr denn auf meinem Hof? Solltet Ihr nicht längst beim Kurfürsten sein?“ Franz schnaubte vor Wut. „Was geht Euch das überhaupt an?“ erwiderte der Förster. „Lasst das mal meine Sorge sein.“ Utsch lächelte Lene an. „Kommt, ich habe Euch etwas mitgebracht.“ „Da fragt Ihr mich zu allererst einmal um Erlaubnis!“ herrschte Franz den Erbförster an. An meinem Hof könnt Ihr nicht machen, was Ihr wollt und wie ich mit Lene verfahre, ist ganz alleine meine Sache als ihr Vater und Gebieter.“ „Habt Ihr denn gar keinen Respekt vor mir als dem Erbförster des Kurfürsten?“ wollte Utsch wissen. „Wenn Ihr mich anfahrt wegen meines Umgangs mit Lene, erweist Ihr mir auch nicht den Respekt, der mir gebührt!“ Franz beruhigte sich etwas. „Ich habe mich, wenn ich so offen sein darf“, begann Friedrich Wilhelm Utsch, „in Eure Tochter verliebt, als sie vor einiger Zeit an den Hof Karl Theodors kam, um Kartoffeln zu bringen. Verzeiht aufrichtig, dass ich Stellung für Lene bezog. Wie seht Ihr die Angelegenheit, mich hin und wieder hier auf Ihrem Gehöft mit Lene zu treffen?“ Der Förster wartete gespannt auf eine Antwort. „Ihr wisst doch ganz genau so gut wie ich, dass dies nicht standesgemäß ist. Ihr seid Teil der hohen Gesellschaft, wir nur arme Bauern.“ Franz wunderte sich doch sehr über die Bitte, die Utsch ihm vortrug. „Ja, ich weiß, mein Guter. Das ist mir gleichgültig, denn meine Liebe zu ihr fragt nicht nach dem Stand. Halten wir das geheim, so lange es geht. Ich komme ja sowieso öfter in dieses Tal, um euch Bauern mit den nötigsten Mitteln zu versorgen. Auch das darf unser Kurfürst nicht wissen. Euer Schaden wird es bestimmt nicht sein, wenn Ihr zulasst, dass ich Lene sehen darf. Utsch hielt dem Bauern den Jutesack hin. Franz schnürte das Bündel auf und warf einen Blick hinein. „Oh mein Gott, Lene, wir haben wieder etwas zu essen. Macht uns eine leckere Mahlzeit von diesen Pilzen!“ Franz lachte herzlich, zwinkerte dem Förster zu. „Habt Dank und ich erlaube, dass Ihr meine Tochter in meinem Beisein sehen könnt.“ „Lene, geht äußerst sparsam mit dem Wasser um! Ihr müsst wissen, dass es die Haut aufschwemmt und ebenso die Pest verursacht!“ mahnte Franz. Er sah zu, wie Lene die Pilze vorsichtig mit dem Wasser abtupfte. Gerade erst erinnerte er sich daran, wie sein damals noch kindhaft wirkendes Weib die gemeinsame Tochter nach der Geburt mit Öl einrieb. Um den eigenen Körper zu reinigen, benutzten sie einen Puder. „Den habe ich selbst aus Blei, Arsen und Schwefel hergestellt“, pries der Apotheker seine Ware an. „Den könnt Ihr ganz bedenkenlos verwenden.“ Lene benutzte ein Parfum, so dass sie immer gut roch, Wasser nahm sie nur für den Notfall. „Der Kurfürst und sämtliche Edelleute mögen ja die Badehäuser aufsuchen. Lene, wir können uns das nicht leisten. Edgar, dieser reiche Sack, der sein Geld hortet durch die vielen Verkäufe auf den Markttagen, hat sogar ein Badezimmer in seinem Haus.“ Franz wirkte müde. Derweil schnitt Lene eine Zwiebel in kleine Würfel, während in dem Eisenkessel über dem züngelnden Feuer eine Speckschwarte dampfte. Fett bildete sich in dem großen Topf. Langsam ließ Lene die Zwiebelstücke in eine kleine Tonschale fallen, drehte sich zum Kessel um und warf sie hinein. Sie viertelte dann noch die Pilze und warf sie hinterher. Die kleinen Brotfladen aus Wasser und Mehl garten im Feuer. Lene schabte mit einem hölzernen Löffel die Pilze aus dem Kessel und füllte eine kleine Tonschüssel damit, die sie in die Mitte des Tisches stellte. Danach nahm sie noch die Brote aus dem Feuer. Vater und Tochter setzten sich mit hungrigen Mägen an den Tisch und aßen die Pilze mit dem Brot, das sie brachen. Dazu schlürften sie Wasser aus hölzernen Bechern. „Was ist das denn für ein Ungetüm?“ Franz verschluckte sich an dem Wasser und hustete tüchtig, als er vor der offenstehenden Türe ein seltsames Gefährt entdeckte. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ „Vorne kleine Räder mit Speichen, hinten hohe und dazwischen eine aufgesetzte Behausung, die von Pferden gezogen wird, das sieht sehr seltsam aus, Vater“, sprach Lene. Die Räder holperten über Lehm und Steine, ratterten weiter Richtung Schloss. „Da sitzen ja noch Leute drin und sehen aus den kleinen Fenstern!“ Erstaunt blickte Franz immer noch nach draußen. Nebelschwaden stiegen in diesen Novembertagen auf und der erste Reif bedeckte das Gras. Moos überzog die knorrigen Äste der Bäume des Soonwaldes, an deren Zweige kein einziges Blatt mehr hing. „Bezaubernd schön ist es im Frühjahr und im Sommer am Soonwaldsteig, Lene, wenn Ihr dort einen Blick auf Blickenstein auf den Donnersberg werft, doch in diesen Tagen friert es bitterlich.“ Franz schüttelte sich. „Ja, Vater, Ihr habt Recht. Wenn es die Zeit der Wärme zuließe, hielt ich mich bei den Quarziten auf und bei den Blockmeeren. Ich finde diesen Anblick sehr bizarr.“ Lene zog sich den wollenen Schal fester um ihre Schultern. „Der Winter naht, er steht bereits vor unserer Türe. Ich hole Holz und mache ein Feuer. Das wird uns wärmen. Die Ziege füttere ich und dann gehe ich noch zum Brunnen, um Wasser für unsere Kuh im Stall zu holen.“ Lene lächelte ihren Vater an und rieb sich ihre Augen.