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17 Der Märtyrer

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Die Praktikantin (ruft Jesus an): Ich verstehe etwas nicht. Du musst darüber Bescheid wissen.

Jesus: Allwissend ist mein Vater.

Die Praktikantin: Es geht um Märtyrertum. Du hast Erfahrung aus erster Hand.

Jesus: Ich bin kein Märtyrer. Ich bin Gottes Sohn, hingegeben vom eigenen Vater zur Vergebung der Sünden der Welt. Ich bin nicht für meinen Glauben freiwillig in den Tod gezogen.

Die Praktikantin: Bist du nicht?

Jesus: Ich habe darum gebeten, den Kelch an mir vorüber ziehen zu lassen. Die Schrift sollte erfüllt werden.

Die Praktikantin: Du meinst die alttestamentarische Prophezeiung vom kommenden Erlöser der Welt?

Jesus: Richtig. Wenn sie ihre Vorsehung erst festlegen, indem sie aufgeschrieben wird, ist schwer auszukommen.

Die Praktikantin: Dann ist es doch dein Glaube, für den du gestorben bist.

Jesus: Ausgesucht habe ich es mir nicht. Ich wurde ja als der Sohn geboren. Was ist denn jetzt die Frage?

Die Praktikantin: Vielleicht ist das sogar die bessere Voraussetzung, wenn du nicht eigentlich dafür bist, sein Leben für den Glauben zu opfern.

Jesus: Im Nachhinein erst recht nicht.

Die Praktikantin: Warum tun Menschen das dann?

Jesus: Das ist die Frage?

Die Praktikantin: Ja, da hat doch niemand etwas davon, außer vielleicht die anderen, weil man dann ja tot ist. Es ist doch schade um das eigene Leben. Und es macht sicher keinen Spaß.

Jesus: Viele sterben in Ekstase, weil sie sich hineinsteigern, zu Gott zu kommen, und sicher sind, es mit ihrem Märtyrertod in den Himmel zu schaffen.

Die Praktikantin: Schaffen sie es denn?

Jesus: Es ist kein Hindernis. Der Zweck, als Beweis für den eigenen Glauben an ein Leben nach dem Tod sich ohne Angst davor zeigen zu müssen, trägt nichts dazu bei. Wir sind hier inzwischen dagegen. Es ist eitel geworden.

Die Praktikantin: Inzwischen? Ihr wart früher dafür?

Jesus: Auch nicht. Die Idee war allgemein einen Antrieb zu bieten, ein gutes Leben zu führen. Das Schöne und Gute, das man in die Welt bringt, eine Art Ruhm und Ehre, die Anerkennung dafür bei den Menschen, die Zuneigung, wie du es nennen willst, sollte im besten Fall auch über die eigene Lebensspanne hinaus reichen. Logisch, dass die Wahrscheinlichkeit oder die Dauer dieser Erinnerung steigt, wenn der eigene Einsatz höher ist. Belohnungstaktik.

Die Praktikantin: Wer früh stirbt, kann wohl nicht viel beitragen. Das passt nicht.

Jesus: Erstens ist das Leben ein hohes Gut.

Die Praktikantin: Ja, eben.

Jesus: Unterbrich' mich nicht. Also haben sie sich ausgedacht, wenn man das Leben hingibt für den Glauben, macht man großen Eindruck, vielleicht genug für Heiligkeit, oder was man sonst brauchen kann.

Die Praktikantin: Wie kommt man darauf den eigenen Tod als guten Eindruck...?

Jesus: Wenn du nicht unterbrichst, erfährst du es. Das heißt, ich weiß es nicht sicher. Wir glauben herausgefunden zu haben, dass es verschiedene Gründe haben kann: Es sind eher die ohnehin depressiven Anhänger, die eine blinde Hoffnung suchen. Sie haben auch wenig Wunsch in ihrem Diesseits zu verweilen, da ihnen ihr Dasein nicht gefällt. Da ist die Perspektive durch Märtyrertod in den Himmel zu kommen, nicht uninteressant. Das wird ausgenutzt, von Leuten die Opfer zum Beweis ihrer Lehre brauchen.

Die Praktikantin: Sind doch nicht alle nur todessehnsüchtig.

Jesus: Du unterbrichst. Andere sind hochmotiviert mit Eifer. Sie verwenden ihre Kraft, nehmen sich aber zu wichtig. Auch sie werden verführt. Sie folgen der Schmeichelei, besonders stark zu sein und einen besonderen Verdienst erlangen zu können. Einen Helden der Lehre kann man auch gut gebrauchen.

Die Praktikantin: Der vom eigenen Heldentum verblendete. Gibts noch andere?

Jesus: Trotz Unterbrechungen. Viele haben Angst und glauben gar nicht wirklich so sehr, folgen aber einem Gruppenzwang, da sie den Verlust ihrer sozialen Umgebung nicht ertragen können. Nun gab es in meiner Nachfolge auch viele, die sich entschlossen, lieber zu sterben, als geknechtet und ohne ihren Glauben Leben zu müssen. Das scheint edel. Warum unter einer unmenschlichen Obrigkeit ein unwürdiges Dasein fristen. Das muss man abwägen. Wenn es eine mündige Entscheidung ist, erkenne ich das als solche an. Wir sind für Freiheit. Wenn man schon in den Tod gehen muss, kann es auch singend und in Ekstase sein. Besser als Jammern und Schreien. Wer weiß, ob das alles so stimmt und es nicht viel mehr ganz andere Gründe gibt? Nur Gott wird dadurch nicht größer, herrlicher oder klatscht Beifall.

Die Praktikantin: Dann ist es Unsinn?

Jesus: Sozusagen. Die Menschen machen den Wind darüber. So gesehen erhält man den Lohn des Märtyrer-Ruhmes durchaus. Aber ich glaube, die allermeisten Märtyrer sind längst vergessen, wenn es überhaupt jemand interessiert hat.

Die Praktikantin: Das glaube ich auch. Es interessiert niemanden. Man bemitleidet sie vielleicht, aber eigentlich interessiert es niemanden.

Jesus: Es ist auf eine Art auch eine schnelle Lösung. Bevor man sich ein Leben lang groß anstrengt und immer wieder Versuchungen widersteht oder erliegt, sich aufrafft, weiter macht, Freude bringt und daran arbeitet, ein angenehmer Mensch zu sein. Fehler macht und dazu steht, Anteil nimmt und sich nicht so wichtig, lässt man sich töten. Das mag unangenehm sein, geht aber vorbei. Wenn es sehr unangenehm ist und dauert, geht es doch vorbei.

Die Praktikantin: Verstehe ich richtig, dass die Menschen in einem Drang nach Perfektion, Überlegenheit, in ihrer Trägheit und eifernden Dummheit die Gute Idee des Himmelslohn als Ansporn durch fatale Übertreibung pervertiert haben, und ihr deshalb inzwischen dagegen seid.

Gott: Genau, tolle Idee. Schiefgelaufen.

Jesus: Wir mögen verständigen Nachwuchs.

Die Praktikantin: Wie lautet die Devise dann?

Jesus: Weitermachen.

Die Praktikantin geht ab ins Labor.

Die Praktikantin: Weitermachen.

Petrus: Immer dasselbe. Warst du wieder bei Jesus?

Gottes wundersame Faktorei - Zweiter Teil: Auferstehung

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