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ОглавлениеVikariatstheorie Im Schatten der Wahrnehmung des Patronats für die Kirche in Übersee durch die spanischen Könige entstand im 16. Jahrhundert die sogenannte Theorie des „königlichen Vikariats“, wonach die Könige als „Delegierte des Apostolischen Stuhls und dessen Generalvikare“ zu verstehen sind. Die ersten Befürworter dieser Theorie waren nicht Juristen, sondern Ordensleute, allen voran die Franziskaner. Denn die Bulle Exponi nobis Hadrians VI. vom 9. Mai 1522 (besser bekannt als Omnimoda) verlieh den Franziskaneroberen quasi-episkopale Befugnisse und Privilegien, die von Pius V. mit der Bulle Exponi nobis vom 24. März 1567 auf alle in Westindien tätigen Orden ausgedehnt wurden. Trient aber wollte die bischöfliche Autorität stärken. Als die Bischöfe nun im Geiste Trients auch in den von den Orden kontrollierten Pfarreien und Gebieten die kanonische Visitation durchführen wollten, entstanden bittere Kämpfe zwischen den Orden und den Bischöfen, die bis Ende des 18. Jahrhunderts andauern sollten. In dieser Situation versuchten die Bettelorden, die Krone als Garantin ihrer Rechte zu gewinnen – etwa indem sie unter Berufung auf die Theorie des königlichen Vikariats die königliche Autorität stärkten und von der Krone einen ordenseigenen Generalkommissar für Westindien ernennen ließen, der für die Visitation zuständig war. Eine erste Begründung der Vikariatstheorie lieferte der Franziskaner Juan Focher (Itinerarium catholicum proficiscentium ad infideles convertendos, 1574). Kronjuristen werden dann diese Theorie vehement verteidigen, besonders Francisco Salgado de Somoza (De regia protectione, 1626) und Juan de Solórzano (De Indiarum Iure, 1629; 1648 erschien eine gekürzte spanische Version als Política indiana). Rom setzte beide Werke auf den Index, denn es sah in der Vikariatstheorie „eine exzessive Auslegung des Patronats“. Diese Werke gehören zu den wenigen, die sich auf dem römischen Index befanden, von der spanischen Krone aber immer verteidigt wurden.
Sozialnetz
Paradox ist, dass diese quasi-„Staatskirche“ vom Volk nicht nur als verlängerter Arm der Krone gesehen wurde – die königlichen Kronräte, nicht nur der Inquisitionsrat, wurden von Bischöfen präsidiert, manche von ihnen waren manchmal auch Vizekönige –, sondern auch als eine Institution, die zusammen mit den Gemeindebehörden an einem dichten Sozialnetz beteiligt war (Krankenhäuser, Armenspitäler, Häuser für Waisen- und Findelkinder, Almosenstiftungen, Stiftungen von Aussteuern für Waisen und von Bursen für bedürftige Studenten, Austeilung von Brot und Korn). Bartolomé Benassar behauptet sogar, dass es um 1600 den Armen in Spanien besser ging als denen in jedem anderen Land Europas. Darüber hinaus war die Kirche als Arbeitgeberin gefragt, sodass viele von ihr lebten; um 1600 z.B. nicht nur die mehr als 90.000 Kleriker des Landes, sondern auch unzählige Personen, die als Dienstpersonal, Künstler und Handwerker für die Kirche arbeiteten.