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Das Mädchen und der liebe Gott Gislinde Bock

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Stolz saß sie hinter dem Schreibtisch in »ihrem« Lesesaal. Für die junge Frau war es »ihr« Lesesaal, denn dieser war nach einer langen Ausbildung ihr erster Arbeitsplatz. Endlich konnte sie Geld verdienen und sich Wünsche erfüllen, die bisher in weiter Ferne gelegen hatten.

Nach dem Examen hatte sie das Glück, in der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften die Aufsicht über diesen Lesesaal zu erhalten. Das war es, was sie sich gewünscht hatte: Bibliotheksarbeit mit »Benutzerkontakt«. Sie freute sich jeden Tag gemeinsam mit ihren Bibliotheksbenutzern, wenn es ihr wieder gelungen war, den Wissenschaftlern ihre oft unmöglich erscheinenden Literaturwünsche zu erfüllen.

Hinzu kam dieser majestätisch erscheinende Arbeitsplatz in dem alten wilhelminischen Bau Unter den Linden in Berlin, in dem die Akademiebibliothek untergebracht war. Hohe Fenster mit schweren Samtvorhängen erfüllten den Raum mit Licht, der große Saal mit seiner stuckverzierten Decke war ringsum mit Regalen für die Handbibliothek ausgestattet.

Nicht selten wünschte sich die junge Frau, auch etwas von den Inhalten in diesen dicken Bänden zu erfahren, aber das war nur den Wissenschaftlern vorbehalten. Ihre eigene Arbeit an einem Buch beschränkte sich hauptsächlich auf Autor, Titel und Verlag. Die Hoffnung, als Bibliothekarin auch mit den Buchinhalten arbeiten zu dürfen, hatte sie schon vor langer Zeit, zu Beginn des Studiums, aufgeben müssen.

Aber hier im Lesesaal empfand sie tiefe Befriedigung, denn Sinn und Nutzen ihrer Tätigkeit zeigten sich in jedem zufrieden gestellten Benutzer der Bücher.

Einen Nachteil allerdings hatte dieser so schöne, große und hohe Lesesaal: Er wurde nie richtig warm, trotz der voll aufgedrehten Heizkörper.

Viele Stunden saß die junge Frau jeden Tag an ihrem Schreibtisch, das hohe Fenster im Rücken. Der Samtvorhang vermochte sie nicht vor der Zugluft zu schützen, und der nächste Heizkörper stand irgendwo in einer entfernten Ecke. Die einzige Möglichkeit, den Tag gut zu überstehen, war ein Heizlüfter, der sich über den Hausmeister rasch herbei schaffen und anschließen ließ; eine Steckdose hatte sie schon hinter dem Schreibtisch entdeckt. Wohlig lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, während der wärmende Luftstrahl von hinten auf ihre Beine traf.

»So kann der Winter ewig dauern«, dachte sie, während sich die Wärme ausbreitete.

Das Wochenende begann für die junge Frau an jedem Samstag um dreizehn Uhr mit der einstündigen Heimfahrt in der S-Bahn, die sie – wie konnte es anders sein – lesend verbrachte.

Es war ein ganz bestimmter Samstag Abend, den sie nie vergessen sollte; an dem sie schwelgend im Bett lag mit dem herrlichen Gefühl, am nächsten Tag ausschlafen zu können. Nur kurz streiften ihre Gedanken die anfallende Arbeit am Montag in der Bibliothek, da durchfuhr sie das Entsetzen. Der Heizlüfter – hatte sie – oder hatte sie ihn nicht gezogen, den Stecker?

Sie konnte sich nicht erinnern. Der Strahler stand in der Nähe des Samtvorhangs. Konnte dieser sich entzünden? Konnte es brennen? Konnte der edle Parkettfußboden glimmen und Feuer fangen? Die schlimmsten Vorstellungen tauchten in ihrem Geist auf. Die Akademiebibliothek und die Deutsche Staatsbibliothek waren in der Gefahr abzubrennen. Das Mädchen – denn zu einem kleinen, ängstlichen Mädchen war sie in diesem Moment schlagartig geworden – wusste, dass am Wochenende alles verschlossen und niemand zu erreichen war. Wohlbehütet aufgewachsen, war es noch nie mit schwerwiegenden Problemen oder Entscheidungen konfrontiert worden, und so durchdachte es nun hilflos und naiv alle Möglichkeiten, die ihm zu Gebote standen: Fahre ich jetzt in der Nacht hin, stehe ich vor herunter gelassenen Eisengittern, die vor Montag früh nicht geöffnet werden. Rufe ich die Polizei, versucht die, mit großem Aufwand in die Bibliothek zu kommen; und wie stehe ich dann da, wenn ich im Unterbewusstsein den Stecker gezogen habe? Das würde sich sofort überall herum sprechen und an mir hängen bleiben. Was soll ich bloß tun?

Das Mädchen verkroch sich unter der Bettdecke und griff zu dem einzigen Rettungsanker, der noch blieb, und der ihm seit Kindertagen vertraut war. Es betete: »Lieber Gott, lass es nicht brennen. Ich werde auch nie wieder etwas vergessen«.

Immer wieder stammelte es diese Worte und klammerte sich an die Ermahnung, die es seit seiner Geburt vor einundzwanzig Jahren so oft zu hören bekommen hatte: Hoffe und vertraue, so hilft dir Gott.

Der erste Weg am Sonntagmorgen war der zum Radio. Ob ein Brand in Berlin Unter den Linden gemeldet wurde? Erleichtert hörte es stündlich die vergleichsweise harmlosen Meldungen, aber die innere Unruhe blieb.

Die junge Frau war kein wirklich gläubiger Mensch, aber an diesem Wochenende fand sie Trost und Hoffnung in ihrem Gebet. Die einzige Zuflucht fand sie im tiefsten Innern, in einer hilflosen Gläubigkeit. Nur diese ließ sie die Stunden in der Hoffnung auf Hilfe überstehen.

Am Montagmorgen bog sie, vom Bahnhof kommend, um die Häuserecke: Alles stand noch wie gewohnt am alten Platz. Ihr Ausschreiten, ihr Gemüt – alles an ihr schien der jungen Frau viel leichter geworden zu sein.

Sie betrat wie gewohnt den Lesesaal und ließ den Blick suchend hinter den Stuhl zum Heizlüfter gleiten. Das Elektroöfchen stand wie gewohnt dahinter, die Schnur gezogen. Hatte sie sich so getäuscht und die Schnur unbewusst aus dem Stecker gezogen?

»So etwas darf dir nie wieder passieren«, nahm sie sich vor. Da hatte sie in Unachtsamkeit eine schlimme Erfahrung fürs Leben gemacht, auf die sie gerne verzichtet hätte. Krank konnte man durch solch eine Angst werden, das hatte sie am eigenen Leib erfahren.

Als sie an diesem Tag Feierabend hatte und mit einem freundlichen Verabschiedungsnicken am Pförtner vorbei ging, rief dieser ihr plötzlich nach: »Na Frolleinchen, det nechste Mal aber den Stecker zieh’n!«

Das Mädchen drehte sich – sprachlos zunächst – zu ihm um. Dann würgte es seine Dankbarkeit heraus, wobei es diesen alten Mann am liebsten umarmt hätte. Nichts konnte ausdrücken, wie erleichtert und dankbar es sich fühlte.

In diesem Moment hatte der ›liebe Gott‹ für die junge Frau Gesicht und Gestalt angenommen.

Besondere Zeiten

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