Читать книгу Besondere Zeiten - Matthias Deigner - Страница 13
Das große Haus Katrin Exner
Оглавление»Eigentlich«, so denkt er, »geht es mir ja gut.« In der Küche sitzend, aus dem Fenster schauend, Kaffee trinkend und sich freuend, dass er gesund und überhaupt am Leben ist.
Es könnte kühler sein, wenn es nach ihm ginge.
Es könnte aber auch noch viel wärmer sein und nach ihm geht es ohnehin nicht.
Also beschwert er sich nicht, sondern freut sich daran, dass sein Kaffee nicht so schnell kalt wird, wie er es tun würde, wenn es eben nach ihm ginge.
In der Küche sitzend vergisst er fast, dass er im größten Haus der Straße wohnt.
Aus dem Fenster schauend fragt er sich dann doch, wie das so sein würde, nicht im größten Haus der Straße zu wohnen, sondern vielleicht da drüben in dem Kleinsten.
Kaffee trinkend stellt er sich vor, was wohl die Bewohner des kleinsten Hauses über ihn und sein großes Haus dachten. Sind sie neidisch auf ihn? Macht sein Anblick sie vielleicht sogar ein wenig traurig? Kennen sie seinen Anblick und löst er überhaupt irgendwas, in irgendwem aus?
»Jetzt gerade nicht«, vermutet er, beim Blick auf die leere Straße.
Hält ihn irgendjemand für irgendwas? Er fühlt in sich und er fühlt nicht, dass ihn irgendjemand hält.
»Da hat der so ein großes Haus und sitzt in der Küche«, könnten sie denken.
»Geh doch mal an die frische Luft!«, hallt eine Stimme durch seine Erinnerung.
Dafür müsste er jedoch in den Garten gehen und das würde er nicht ertragen.
Eigentlich hatte er das Haus damals wegen des Gartens gekauft.
Gleich beim Einzug hatte er Rosenhecken eingepflanzt.
Doch irgendwann sind sie verdurstet, die Rosenhecken.
Obwohl es nicht von heute auf morgen geschehen war und er den Prozess der Kompostierung sehr wohl beobachtet hatte, hatte er die Rettung seiner Rosen immer weiter aufgeschoben, bis es zu spät war.
Er konnte nichts weiter tun, als jene Ecke vom Fenster, von der aus das knochige Gestrüpp zu sehen war, wenn er auf seinem Platz saß, mit Klebeband abzukleben.
Einmal hatte er dem Drang nachgegeben, sich für die Vernachlässigung zu entschuldigen, doch sie hatten nur ungnädig mit ihren dornigen Fingern auf ihn gezeigt. Er hatte es ihnen nicht übel genommen. Immerhin konnten sie ebenso gut wie er selbst, die prächtig blühenden Rosenstöcke des kleinsten Hauses der Straße sehen.
Was ihn lediglich frustrierte, muss für das Gestrüpp in seinem Garten pure Folter sein.
Dafür blieb den einstigen Rosen, im Gegensatz zu ihm, der Rest des großen Hauses erspart.
Da gab es viele Räume, die sich wie ein Mahnmal um die Küche herum drückten.
Das Bücherzimmer zum Beispiel.
»So viele Bücher brauchen ein eigenes Zimmer«, hatte er damals gedacht.
Er hatte die Bücher gebraucht, war er doch Arzt gewesen und was wäre ein Arzt ohne die vielen Bücher, in denen drin steht, wie man Menschen behandeln konnte.
Doch auf jeden Menschen, den er retten konnte, kamen viele, bei denen ihm die Bücher nicht weiter halfen. Irgendwann war es ein Mensch zu viel und ein Mensch zu nah und irgendwann konnte er kein Arzt mehr sein.
Das Bücherzimmer verkümmerte zu einem Strom aus demütigenden Erinnerungen, die ihn zerreißen wollten.
Ebenso wie das große Zimmer mit dem kleinen Bettchen, das Phasen hatte, in denen es nachts nie ganz dunkel sein wollte.
Oder das Kaminzimmer, in dem immer noch die Leiche eines Weihnachtsbaumes stand. Spätestens als er die letzte Nadel verloren hatte, wirkten die Lichterketten und Kugeln, als wollten sie den armen Träger über dessen kümmerliche Existenz hinaus verspotten.
Das Badezimmer ohne Badewanne, das für Gäste vorgesehen war, als es noch Gäste gab.
Das Badezimmer mit Badewanne, welches vielleicht immer noch nach Rosen roch.
Sicher konnte er sich da nicht sein, doch die Vorstellung gefiel ihm.
Denn genauso wie beim Schlafzimmer, in dem ein kleiner Brief das Doppelbett komplett ausfüllt, hält ihn etwas davon ab hineinzugehen.
Am Anfang hatte er die Räume einfach abgeschlossen.
Doch dies hatte ihn nicht davon abhalten können, sie immer und immer wieder zu betreten.
Er betrat die Räume zu oft und sie traten jedes Mal zurück.
Bis er nicht mehr konnte und sie zumauerte.
Zimmer für Zimmer für Zimmer.
Immer wieder war er dabei durch den Garten gegangen und immer wieder hatte er sich dabei vorgenommen, sich um die Rosen zu kümmern, sobald es ihm möglich sein würde.
Als er es schaffte, mittels Zement und Backsteinen, endlich mit den ganzen Räumen abzuschließen, hatte er sich in die Küche gesetzt.
Aus dem Fenster geschaut und bemerkt, dass es für eben jene Rosen zu spät war.
Die kleine Ecke im Fenster war leicht zu verdecken, kein Stein musste vom Hof durch den Garten in das Haus hinein getragen werden.
Ein Streifen Klebeband am Fensterinneren genügte, um das Elend zu verdecken.
Zwar nur so lange, wie er an seinem Platz zu sitzen gedachte, aber zum erneuten Aufstehen war er ohnehin zu müde.
»Eigentlich«, so hatte er gedacht, »geht es mir ja gut.«
In der Küche sitzend, aus dem Fenster schauend, Kaffee trinkend und sich freuend, dass er gesund und überhaupt am Leben war.
Es könnte wärmer sein, wenn es nach ihm ginge.
Es könnte aber auch noch viel kälter sein und nach ihm geht es ohnehin nicht.