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Neulich beim Joggen

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Als ich neulich, in vierteljährlicher Regelmäßigkeit, in meine Laufschuhe glitt und in den städtischen Park startete, wurde mir erneut klar, wie sehr auch das Joggen ein ganz eigener Kosmos mit eigenen Regeln, Rangordnungen und Riten ist: Sobald man die Haustür verlässt und das Hirn von Gehen auf Laufen umschaltet, taucht man ein in diesen Urkosmos und alles andere wird bedeutungslos: Rasende Rentner, kiffende Kleinkinder, fickende Frösche, (alarmierend alberne Alliterationssucher) – den Jogger interessiert das alles nicht. Der beschleunigte Rhythmus verwandelt ihn in ein Sportwesen, dessen Gedanken sich nur noch um die neugewonnene ureigene Bestimmung drehen. Sofort beginnt das automatische Klassifizieren, ja Scannen, des noch relevanten sozialen Umfeldes.

Ich überhole einen Ü-85-Jährigen, dessen Hauptmotivation es zu sein scheint, dem Tod noch einmal von der Schippe zu joggen. Man möchte ihn bremsen. Man möchte ihn betten. Man möchte ihn zu einer Runde Schach und weichen Buttercookies zwingen. Im Vorbeilaufen nicke ich ihm freundlich zu und frage mich, ob meine Gedanken auf pure Nächstenliebe oder eher auf die Angst einer erforderlichen Erste-Hilfe-Leistung zurückzuführen sind.

Wie auch immer: Weiter geht's. Erste heftige Herz- und Lungenstiche stellen sich ein und verdeutlichen mir den geringen Grad meiner Fitness. Eine Horde Jogger-Pros kommt mir entgegen. Perfekt anmutende Gestalten, deren Knochen und Gelenke sich evolutionär zu Sprungfedern und Stoßdämpfern weiterentwickelt haben. Ohne mich wahrzunehmen, gleiten die Sporthybriden an mir vorbei. Kein Wunder, denn auch der Mikrokosmos ist eine Welt mit klaren Hierarchien, in der meine Gruppe nun mal ganz unten rangiert. Ich gehöre nämlich eindeutig zu den Quartalsläufern, die selbst nicht wirklich daran glauben, dass sie jemals zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft aufsteigen – also: dass sie das Ganze regelmäßig durchziehen werden. Von Selbstzweifeln und Atemnot zerfressen peitschen wir unsere unfitten, in unpassende Kleidung (nicht atmungsaktiv!) gehüllten Körper mit verzerrter Mimik durch den Kosmos.

Ich passiere einen Spielplatz. Ein etwa Mitte vierzigjähriger Vater (Marke 'Körnerfresser, ich bin der Geilste und Lockerste und meine grauen Locken sind super sexy') joggt los (betritt den Kosmos) und lässt seine zwei Kinder, wie eine Schildkröte ihre Eier am Strand, schutzlos zurück. "Erna (2 1/2), pass mal kurz auf Emil (1 1/2) auf. Ich jogge nur kurz um den Spielplatz" (10 Kilometer).

Meine Haut beginnt unangenehm zu jucken, Schleim bildet sich im Rachen und an den Mundwinkeln. Atemnot stellt sich ein. Neben der Skateranlage überhole ich ein paar Walker. Walker, egal ob mit Stöcken, Gewichten oder ohne alles, sind aus Joggerperspektive niederklassige Geschöpfe am unteren Rand des Kosmos'. Sie rangieren noch weit unter den Quartalsläufern und werden als die Unberührbaren bestenfalls geduldet. Aus Angst ihren Gelenken und Knien zu schaden, bewegen sie sich irgendwo zwischen spazieren gehen und 'ich hab's etwas eilig'. Natürlich gibt's auch noch die 'ich jogge und gehe dabei mit meinem Hund Gassi'- Gruppe. Aber wen interessieren diese Penner? Meine Lunge explodiert, wenn ich so weiter mache, meine Haut verbrennt und meine Luftröhre lässt mich glauben, ich hätte Mukoviszidose im Endstadium. Ich verlasse den Kosmos vorzeitig und gehe schnaufend nach Hause. 'Scheiß Jogger', denke ich und kaufe mir ein Radler.


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