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Generationsbrücke

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"Äh, hallo?! Was wird das denn jetzt?", rufe ich dem Grundschulkumpel meines Sohnes in väterlich, ätzender Stimmlage zu, während dieser gerade seine PS4 mit der Selbstverständlichkeit eines Steine schleppenden Bauarbeiters in mein Zimmer trägt. "Na wir zocken Fortnite."

"Aber wir haben doch eine PS4 im Wohnzimmer. Spielt doch einfach da", sage ich genervt. "Wir wollen aber online zocken. Das geht nicht an einer Playstation." Während ich ihn fassungslos anglotze, sucht mein Hippocampus automatisch nach vergleichbaren Zockerlebnissen aus der Kindheit. Im Bruchteil einer Sekunde werden passende Datensätze gefunden, mit der vorliegenden Situation verglichen und als nicht kompatibel bewertet. Sofort veranlasst mein Hirn die entsprechende Verbalisierung: "Was ist das denn für ein Schwachsinn?!"

In den Neunzigern als Nintendo- und Sega-Kind mit einem Kumpel zocken hieß: kabelgebunden, nebeneinander, mit Chips und Cola auf einen Bildschirm glotzen. "Dann geh' doch einfach nach Hause, wenn ihr sowieso in zwei Zimmern hockt", sage ich (meinen wohl sortierten medialen Entertainmentbereich schützend). Sichtlich geknickt packt er seine Konsole wieder in den kleinen Rucksack und hält mich sicher für ein Riesenarschloch. Ich mich auch. Aber andererseits: Was fällt ihm ein, einfach in mein Zimmer zu marschieren?

Ein erneuter Hippocampus-Scan zum Thema ZU BESUCH BEI GRUNDSCHULFREUNDEN ergibt zahlreiche Treffer:

Brav Hände waschen, am Tisch leise aufessen (auch wenn es komisch schmeckt) und dann so etwas Wohlerzogenes wie "War sehr lecker Frau XY" sagen, im Kinderzimmer spielen (im Rest der Wohnung nur in besonderen Fällen und mit größtem Respekt vor den Eltern). Und was ist das hier?! Wenn ich von der Arbeit komme, finde ich regelmäßig halbe Klassentreffen vor. Alle fressen Nudeln mit Pesto, hören frauenfeindliche Deutschrap-Songs in furchtbarer Handyqualität und grölen mit ihren Stimmbrüchen um die Wette. Vergleichbares nannte man bei uns eine Party – heute: Schulschluss. 'Ich sollte dringend an meiner Autorität arbeiten und für Zucht und Ordnung sorgen', denke ich, während ich die mit Pesto beschmierten Teller wegräume.

Warum zum Teufel hat mich eigentlich kein Mensch darüber aufgeklärt, dass sich niedliche Kinder irgendwann, still und heimlich, in stinkende Alien-Freaks verwandeln. Am Anfang erklären sie einem alles – wie man sie wickelt, wie man sie badet, wie man sie stillt. Babys sind ja sowieso das Beliebteste und Interessanteste für alle. Und dann? Dann werfen sie dich ins kalte Planschbecken. Wo sind sie nun, die Experten? Die Windel hätte ich auch noch alleine anbekommen. Schönen Dank für nix!

Wo ist überhaupt das Kindliche dieser elfjährigen Wesen auf einmal hin? Ich habe mit zwölf noch violette Mickey Mouse-Pullis getragen – an besonders krassen Tagen auch mal grüne mit Dinos. Die von Nike und Gucci gesponserte Gesellschaft in meiner Küche scheint die letzten kindlichen Züge irgendwann zwischen dem trocken werden und dem ersten Vokabeltest abgelegt zu haben. You are somebody's reason to masturbate, steht auf dem Handspiegel einer Klassenkameradin, die sich gerade nochmal nachschminkt.

'Ist doch alles nicht wahr', denke ich und gucke mir ein Fotoalbum aus der guten alten Zeit an.

Am nächsten Tag versuche ich's mit einem Strategiewechsel: Generationsbrücke. Ich krame mein altes Super Nintendo aus dem Schrank und lande damit überraschend einen Volltreffer bei den Halbstarken. "Voll verbuggt die Grafik!", rufen sie fasziniert. "Alter, voll antik."


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