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Beziehungskrieg auf der A13

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Hektisch wie immer fahren wir endlich los und kommen mal wieder viel zu spät –diesmal geht es zum Picknick mit Freunden nach Brandenburg. Den Köter in seine Box, das spießige Proviantkörbchen in den Kofferraum und los. Um Haaresbreite verfehle ich beim Abbiegen den Außenspiegel eines parkenden Mercedes'. "Ahhh, pass doch auf!", schreit meine Freundin so laut, dass ich nur knapp einem Herzinfarkt entgehe.

"Sag mal, spinnst du? Schrei doch nicht so!"

"Du hättest eben fast den Spiegel abrasiert", sagt sie.

"Als Beifahrer darf man nicht so schreien. Du hast mich krass erschreckt", schimpfe ich und rase auf die Autobahn. "Ich habe seit vierzehn Jahren einen Führerschein und fahre keine Spiegel ab. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher."

"Ich habe es doch genau gesehen. Es war übelst knapp und jetzt bist du einfach nur in deinem Stolz gekränkt!"

"Was bitte?!", schreie ich. "Halt doch einfach mal die Fresse!"

Ich schalte das Radio ein. Es läuft ein Walzer.

"Hör auf mich so zu beleidigen, du Arsch", sagt sie und schaltet das Radio wieder aus. Ich beschleunige und überhole einen Viehtransporter. Ich bin auf hundertachtzig!

"In letzter Zeit bist du immer nur scheiße zu mir. Merkst du das eigentlich?", frage ich.

"Du hast gerade 'halt die Fresse' gesagt!"

"Jetzt halte dich doch nicht wieder an einzelnen Worten fest."

"Das heißt aufhängen!"

"Was aufhängen?", frage ich.

"An einzelnen Worten aufhängen – nicht festhalten."

"Ist doch jetzt scheißegal. Es gibt Schlimmeres als 'halt die Fresse'. Wenn man sauer ist, sagt man sowas halt. Das ist 'ne Floskel."

"Ich kann ja mal die anderen fragen, ob das eine Floskel ist", sagt sie.

"Jetzt kommt das wieder. Immer willst du die anderen fragen. Glaubst du, das sind Beziehungsexperten? Das sind verfickte Optiker und keine Psychologen. Die haben doch alle ihren eigenen Scheiß am Laufen", sage ich, nehme die Ausfahrt und schalte das Radio wieder an. "Heute erwartet uns ein freundlicher Sonne-Wolken-Mix..."

In meinem Kopf herrscht ein feindlicher Wut-Scheiße-Mix. Neben der Tankstelle biegt ein Radfahrer ohne jede Vorwarnung ab. "Hey, du Pisser!", brülle ich ihn an, während ich das Fenster unseres Uralt-Opels herunterkurbele. "Hast du keine Arme?"

"Genau sowas hatte ich letztens auch", sagt meine Freundin, als hätte es keinen Streit gegeben. Der radikale Radfahrer zückt kurzer Hand einen Stein, den er anscheinend immer vorsichtshalber in der Jackentasche hat, und schmeißt ihn uns hinterher. Volltreffer – voll in die Heckscheibe. "Ah! Scheiße!", schreit meine Freundin. "Fahr zurück, fahr zurück! So ein Wichser!" Ich lege einen astreinen U-Turn hin, aber der Radler hat sich längst ins Unterholz verkrümelt. Besser für ihn. Wir steigen aus, lassen die Türen einfach offen und schauen uns ratlos um. "Ich wusste gar nicht, dass du so krass wenden kannst, Babe", sagt sie und küsst mich.

Ein gemeinsamer Feind ist doch immer noch das Wirkungsvollste gegen Streit. Aus dem Auto ertönt ein zustimmendes Bellen. "Ach scheiße, der Hund."


Alltagskrämpfe

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