Читать книгу Dein Herz hat tausend Fenster - Matthias Konning - Страница 11
Das verlorene Wort Gottes, dritter Teil Die Sachsenmission
ОглавлениеIch erinnere mich noch genau an diese schwierige und spannende Zeit, als ich, das Wort Gottes, zu den Sachsen kam. Worauf die Kinder sich da eingelassen hatten, ahnten sie mit Sicherheit nicht. Zu diesem Völkchen fällt mir nur ein: Mord und Totschlag; die kannten nur ein Hobby und einen Beruf: ab in die Schlacht. Wer als großer Krieger starb, kam nach Walhalla, in den germanischen Himmel. Ein Kämpfer wurde mit allem, was er besaß, beerdigt, um standesgemäß dort anzukommen. Pferde, Ausrüstung, Lebensmittel und wer weiß was sonst noch. Für die Angehörigen blieb nichts mehr übrig. Was taten sie also: sie führten Krieg – für die nächste Beerdigung.
Da hatte Kaiser Karl der Große viel Arbeit. Sein mächtiger Widersacher hieß Widukind, der berühmte Sachsenfürst. Unsere Reisegruppe sollte lieber keine Wertsachen einstecken. Die Reise könnte hier ein jähes Ende finden.
Ich versteckte mich also wieder und hatte von meinem Platz aus einen guten Blick auf eine sächsische Beerdigungsgruppe. Die Kinder mit ihrer Erstkommunion-Mutter befanden sich ganz in meiner Nähe. Sie waren genauso neugierig wie ich. Es musste die Beerdigung eines großen Kriegers sein, denn der Kaiser Karl persönlich und in seinem Gefolge der Missionar Liudger waren im Anmarsch.
Die Sachsen würdigten ihren Toten. „Ein wahrhaft großer Krieger.“ – „Ja, ein würdiges Ende.“ - „Er hat für uns große Reichtümer erobert.“ – „Er wird uns fehlen beim Kampf gegen die Franken und diesem verhassten Karl.“ – „Diesen Speichellecker und Großkotz.“ Und schon ertönte wieder das altbekannte sächsische Kriegsgeschrei: „Nieder mit den Franken. Es lebe Wotan, unser Gott des Krieges.“
Mitten in diesem Geschrei erreichte der Kaiser mit seinem Gefolge und Liudger das Gräberfeld. Die Sachsen erhoben ihre Waffen und wollten sich direkt auf sie stürzen. Doch Karl saß hoch zu Roß und übertönte die Kämpfer. „Haltet ein, ihr Sachsen, erschlagen so tapfere Krieger einen Unbewaffneten? Ich möchte nur mit euch reden! Widukind, du Mutigster deines Volkes, tritt hervor. Dieser Missionar an meiner Seite der will euch etwas Wichtiges mitteilen.“ Für einen Augenblick wurde es still und Liudger begann mit seinen wohlüberlegten Worten. „Jawohl, was macht das für einen Sinn, was ihr da tut? Ihr spielt ständig Krieg und begrabt eurer besten Leute mit allem, was ihr besitzt. Die Folgen davon sind Armut und Hungersnöte. Anschließend zieht ihr erneut in die Schlacht. Euer Gott Wotan scheint sehr grausam und wütend zu sein. Ich kenne einen Gott, der nicht mit Willkür regiert. Wenn ihr an ihn glaubt, findet ihr Frieden.“
Hämisch spottete Widukind in Richtung des Kaisers. „Wer ist größer und mächtiger als Wotan? Ein Schwächling ist euer Gott! Ich spucke auf ihn.“ Doch Liudger ließ sich nicht beirren. „Bevor du das tust, schau, was ich mitgebracht habe.“
Er holte einen kleinen Knochen aus der Tasche: „Seht her, das ist der Knochen von einem mutigen Menschen aus Israel. Sein Name war Bartholomäus.“ Das reizte Widukind erst recht. „So ein Hühnerbein landet bei uns nicht einmal auf dem Misthaufen!“ Worauf Liudger trotz der Demütigung seine Rede fortsetzte. „Dann will ich dir sagen, wer Bartholomäus war. Er glaubte an Gott und wurde dafür vom römischen Kaiser bestraft. Der zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab und der Apostel ertrug den Schmerz ohne den geringsten Klagelaut. Er starb tapferer als der stärkste Krieger deines Volkes.“
Doch Widukind blieb bei seinem Widerstand. „Ein Friese wie du, ein Verräter, wer kann da vertrauen? Ergreift eure Waffen, meine Brüder, und bereitet diesem Schwächling ein Ende wie diesem komischen Bartimu!“
Gerade als die Sachsen die Schwerter erhoben, machten sich wieder einmal unsere Erstkommunionkinder bemerkbar. „Halt stopp, Widukind!“ – „Was ist, wenn Liudger die Wahrheit spricht?“ - „Ist nicht schon genug Blut geflossen? Willst du dich bis an dein Lebensende in Kämpfe verstricken?“
Auch die Mutter ergriff das Wort: „Ich hätte da einen Vorschlag! Nimm diesen Knochen und bau dafür ein Haus. Dann habt ihr immer genügend Kraft. Den Liudger behaltet ihr da, damit er euch mehr von diesem Gott erzählt. Und wenn es euch in einem Jahr schlechter geht als heute, könnt ihr immer noch machen, was ihr wollt. Und eure Toten begrabt ihr in der Nähe dieses Knochens, so dass sie an der Seite eines starken Menschen ruhen.“
Die Krieger schauten auf ihren Anführer. „Widukind, das ist keine schlechte Idee von dieser merkwürdigen Sächsin in dem fremdartigen Dialekt. Es käme auf einen Versuch an.“
Widukind versammelte also seine Kämpfer zur Beratung um sich. Anschließend wandte er sich an den Missionar: „Bist du bereit, bei uns zu bleiben, Liudger?“ Tapfer entgegnete dieser: „Ich bin bereit und werde euch alles von meinem Herrn erzählen. Folgt mir nach!“
So verließen sie das Gräberfeld und die Kinder blieben allein zurück, ich hielt mich natürlich dabei im Hintergrund. Man sah ihnen ihre Aufregung deutlich an. „Das hätte ich nicht gedacht, dass das Wort Gottes mit so viel Hindernissen zu den Menschen kommt.“ – „Sind diese Sachsen wirklich unsere Vorfahren?“ – „Wenn wir damals gelebt hätten, wären wir vielleicht schon gestorben!“ – „Und wenn wir hier nicht geholfen hätten, würden wir uns in unserer Zeit immer noch die Köpfe einschlagen!“ – „Was da jetzt wohl noch alles auf uns zukommt?“
Schließlich gelang es der Mutter, ihre Gruppenkinder zu beruhigen. „Ja, unsere Vorfahren waren ein kerniges Volk. Ich glaube, wir bleiben einfach hier am gleichen Ort und reisen in die Zeit der Reformation. Stellt mal den Zeiger auf diese Stelle.“
Genauso machten sie es. Sie bewegten ihre Zeituhr, erhoben ihre Arme, drehten sich im Kreis und riefen gemeinsam:
‚Zeit verschwinde, Zeit verschwinde,
dass ich das Vergangene finde!
Dort wo unser Zeiger hält,
betreten wir die neue Welt.’
Samstag, erste Woche
Die Tür meines Herzens klemmt.
Ein Stück Schokolade macht sie weich.