Читать книгу Dein Herz hat tausend Fenster - Matthias Konning - Страница 7
Der größte Schatz des Königs
ОглавлениеEs lebte einmal ein König, der sein Land viele Jahre mit großer Aufmerksamkeit und Liebe regierte. Als er jedoch alt geworden war, merkte er, dass seine Kräfte nachließen und dass die Zeit für ihn kam, einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Er hatte drei Söhne und hoffte, dass sich einer von ihnen fähig zeigte, diese Herausforderung anzunehmen.
Nun, dem König gehörte eine Schatzkiste. Sie war so groß und schwer, dass man sie gerade tragen konnte. Etwas Besonderes zeichnete sie jedoch aus. Es gab nirgendwo ein Schloss zum Öffnen. Dennoch war der Deckel mit einem Riegel versehen, der winzig klein und unauffällig war.
Der König wusste genau, wie er einen geeigneten Kandidaten für das Amt finden konnte. Der Sohn, der in der Lage war, seine Schatzkiste zu öffnen, sollte wohl ein würdiger Nachfolger werden. So rief er den Erstgeborenen zu sich. „Ich vertraue dir diese kleine Truhe an. Wenn du es vermagst, sie aufzuklappen, werde ich dir mein Königreich übergeben.“ Nichts leichter als das, glaubte der Älteste, nahm die Kiste, klemmte seine Finger unter den Riegel und … musste feststellen, dass er sich so nicht bewegen ließ. So sehr er auch rüttelte, der Verschluss bewegte sich keinen Millimeter. Da dachte er so bei sich: da hilft nur enorme Kraft. Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Hülle. Also schmetterte er die Kiste mit aller Gewalt auf den Boden. Doch diese blieb heil und der kostbare Marmorfußboden erlitt einen langen Riss. Daraufhin besorgte er sich die schärfste Axt, die er im Schloss finden konnte, um den Deckel damit öffnen zu können. Je mehr er allerdings darauf einschlug, desto stumpfer wurde die Axt, bis sie am Ende sogar entzweibrach. Die Schatzkiste bekam nicht einmal einen Kratzer.
Beim näheren Hinsehen stellte der Erstgeborene fest, dass die Truhe einfach aus Holz gemacht war, und wunderte sich über die Härte und Stabilität. 'Eine Möglichkeit bleibt mir noch’, dachte er bei sich, 'Holz brennt'. Also errichtete er im Innenhof einen hohen Scheiterhaufen, zündete ihn an und warf die Kiste hinein, als die Flammen am höchsten schlugen. Gespannt wartete er den Augenblick ab, als das Feuer niederbrannte und er das Ergebnis entdecken konnte. Doch sein Erstaunen war groß. Als nur noch etwas Glut übrig blieb, lag die Kiste unversehrt obenauf. Nicht einmal erhitzt schien sie zu sein. Verdrossen und resigniert gab der Sohn die Schatzkiste seinem Vater zurück. Dieser war nicht minder enttäuscht und reichte die Truhe dem zweiten Nachkommen.
Durch die Erfahrungen seines älteren Bruders schlauer geworden, wusste dieser nun, dass da mit roher Gewalt nichts zu machen war. Er verließ sich lieber auf seine Klugheit und Geschicklichkeit. So begann er damit, den Mechanismus des Verschlusses genau zu untersuchen. Konnte er da eventuell ein verborgenes Schloss entdecken? Verbarg es sich vielleicht hinter einem kleinen Holztäfelchen? Kam es möglicherweise darauf an, mit einem bestimmten Tempo oder einer trickreichen Bewegung der Hand das Geheimnis des Öffnens zu entschlüsseln? Stundenlang tüftelte und probierte er herum, doch schon bald musste er seine Bemühungen einstellen. Er ging mit seiner Kiste zu einem Uhrmacher und zu einem Juwelier, er befragte sämtliche Feinmechaniker des Landes, aber nach eingehender Untersuchung bestätigte jeder von ihnen, dass die Aufgabe unlösbar sei. Am Ende seiner Weisheit und seiner Möglichkeiten angelangt, gab auch der Zweitgeborene die Schatzkiste zurück.
Mit großer Skepsis musste der König seine Kiste nun seinem Jüngsten anvertrauen. Dieser wirkte nicht sonderlich stark und zeichnete sich nicht durch besondere Klugheit aus. In seinem Land galt er eher als ein Träumer und Nichtsnutz.
Er hatte die Missgeschicke seiner Brüder verfolgt und wusste, dass weder Gewalt noch Feuer, weder Geschicklichkeit noch Nachdenken dem Verschluss etwas anhaben konnte. Er nahm also die Kiste unter den Arm und ging seines Weges. Da sah er am Straßenrand ein kleines Mädchen sitzen, das weinte und unaufhörlich nach seiner Mutter rief. Es gehörte zu einer Gruppe von Schaustellern und wurde bei der letzten Rast einfach vergessen. Jetzt hatte das Kind einige Zeit nach seinen Eltern gesucht und war am Ende seiner Kräfte.
Der junge Prinz hatte schon immer ein Herz für das fahrende Volk. Er stellte seine Kiste ab, tröstete das Mädchen und dachte nicht mehr an seine unlösbare Aufgabe. Als er sich entschloss, der Kleinen bei der Suche nach den Angehörigen zu helfen, vergaß er sogar fast seine Schatzkiste und schnappte sie sich im letzten Augenblick vor dem Aufbruch. Es dauerte einige Zeit, bis er das Mädchen heil und unversehrt den Eltern zurückgeben konnte. Während dieser Wochen lernte er das Land seines Vaters erst richtig kennen. Einmal half er einem Bauern bei der Ernte. Er reparierte ein gebrochenes Rad an einer Kutsche, teilte sein Essen mit einer armen, alten Frau und war so beschäftigt, dass er keine Zeit fand, sich auch noch um den Verschluss seiner Schatzkiste zu kümmern.
Der König hatte inzwischen die Hoffnung aufgegeben, seinen Jüngsten je wieder zu sehen. Darum freute er sich umso mehr, als er eines Tages müde und erschöpft von seiner langen Reise heimkehrte. Wortlos legte der Wanderer die Truhe vor die Füße seines Vaters. So konnte der König erkennen, dass das Schloss unversehrt war und auch von seinem dritten Sohn nicht geöffnet wurde. Aber der Prinz erzählte von seinen Abenteuern und Erlebnissen und davon, was es alles in dem großen Reich zu verbessern gab. Am Ende der Erzählung angekommen bat der Vater seinen Sohn, es doch einfach noch einmal zu versuchen. Dieser bückte sich tief, hielt seinen Finger an den Riegel … und siehe da, er ließ sich mühelos bewegen. Es ging wie von selbst, ohne Gewalt, ohne Kraftanstrengung, ohne Technik und ohne Nachdenken. Wie überrascht war er jedoch, als er in die Schatzkiste hinein blickte. Kein Gold, keine Diamanten und keine Juwelen, sondern hunderte, ja tausende von kleinen Glöckchen. Friedlich lagen sie da. Das eine oder andere Glöckchen meldete sich hier und da und bewegte sich ohne eine Berührung von außen. Fasziniert schaute der Prinz auf diesen merkwürdigen Schatz. Auch der König hatte sich inzwischen über den Deckel gebeugt mit einem zutiefst beglückten und zufriedenen Gesichtsausdruck. „Jedes Glöckchen steht für einen Einwohner unseres Reiches. Immer, wenn sich eines meldet, weiß ich, dass es eine Not gibt, um die ich mich kümmern muss. Du hast die Not gesehen, ohne dass du um die Glöckchen wusstest. Dein Herz hat es dir gezeigt bei deiner Reise durch das Land. Du wirst also ein würdiger Thronfolger.“
So kam es, wie es kommen sollte. Der Prinz wurde König und bewahrte die Schatzkiste mit den vielen Glöckchen sorgfältig und mit großer Aufmerksamkeit. Er hoffte, dass auch er eines Tages einen geeigneten Nachfolger fand, der sein Geheimnis weiter hütete.
Dienstag, erste Woche
Mein Herz ist voller Ungeduld.
Ich lass es hüpfen, bis es müde wird,
und lege es auf ein Kissen mit Sonnenmuster.