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Das Wunder von Santo Bartolo

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Es liegt schon einige Jahre zurück, dass ich den Keller in unserem Pfarrhaus aufräumen musste. Im so genannten Zimmer der Heiligen stehen verstaubte Heiligenfiguren aus Holz und Gips. Sie befinden sich in einem erbärmlichen Zustand, weil die Farben im Laufe der Zeit abgeblättert sind. Ungeeignet für die Kirche oder für eine Andachtsecke in einem Wohnzimmer fristen sie nun ein trostloses Dasein im Pfarrhauskeller. Interessanter finde ich jedoch die alten Bücher in den Regalen. Zumeist vergilbt und angerissen legen sie Zeugnisse ab von einer längst vergangen Zeit. Ein kleines Skript befindet sich unter den vielen Folianten, welches von Anfang an meine Aufmerksamkeit fesselte. Es ist handgeschrieben und trägt auf dem Einband keinen Titel. Als ich es aufschlug, konnte ich nur mühsam die Überschrift entziffern, denn sie war in einer Schrift geschrieben, die heute nicht mehr gebräuchlich ist. »Das Wunder von Santo Bartolo - Tagebuchaufzeichnungen von Pater Friedhelm Schlieper vom Orden der Franziskaner.« Darunter standen folgende einleitende Sätze: Ich sende dieses Tagebuch an meine alte Heimatgemeinde St. Bartholomäus. Im Jahre 1480 wurde ich zum Priester geweiht im altehrwürdigen Rom. Von dort aus sandte mich der Ordensobere in die spanischen Lande, damit ich mich von da aus der Mission für die Neue Welt anschließe. In der andalusischen Stadt Sevilla, der königlichen, wurde ich der Entdeckergruppe von Christobal de Colon zugeteilt, dessen Aufgabe es war, einen neuen Wasserweg nach Indien zu finden. Ich will hier nichts erzählen von der gefahrvollen und entbehrungsreichen Reise, sondern von Santo Bartolo, der Insel meines Herzens. Weil ich dieses kleine Eiland als Erster entdeckte, durfte ich ihr einen Namen geben. Die Schlieperinsel erschien mir zu banal und wenig poetisch angesichts der Traumstrände und der üppigen tropischen Vegetation. Ich erinnerte mich gerne an meine Heimat in Ahlen und an die altehrwürdige Bartholomäuskirche und nannte die Insel in spanischer Abwandlung: Santo Bartolo. An diesem Ort gab es kein Gold oder andere Schätze, die unsere gierigen Matrosen begehren konnte, sondern eine einträchtig und friedlich beieinander lebende Bevölkerung mit geringen Lebensansprüchen und fröhlicher Naivität. Niemand von der Schiffsbesatzung wollte auf dieser Insel bleiben außer meiner Wenigkeit. Ich spürte das unmittelbare Verlangen, diesen Ureinwohnern die Botschaft von der Erlösung unseres Herrn Jesus Christus weiterzusagen und den Rest meines Lebens dort zu verbringen in der Einfachheit, wie es der Heilige Franziskus tat. Wenn ich eines Tages die Welt verlasse, hoffe ich, dass dieses Tagebuch einen würdigen Platz findet in meiner Stadt Ahlen. Die Menschen in meiner Heimat sollen Zeugen werden meiner aufopfernden christlichen Arbeit bei den Kindern Gottes von Santo Bartolo. Es wird eine Geschichte sein von Zerstörung und Neuanfang, von Zauberei und Magie, eben von den Wundern der neuen Welt. So schlage nun diese Seite um und beginne mit dem ersten Kapitel.

Mein Wirken auf Santo Bartolo stand von Anfang an unter einem guten Stern. Die Menschen nahmen äußerst bereitwillig das Evangelium von Jesus Christus an, weil sie gesellig und friedliebend waren. Allerdings behielten sie ihre heidnischen Sitten und Gebräuche bei und ließen sich von mir in diesen Dingen nicht viel sagen. So wurde ich mit der Zeit einer von ihnen und gab mich zufrieden mit einer besonderen Art von Inselchristentum, welches es sonst wohl nirgends auf der Welt gab. So verbrachten wir miteinander einige schöne Monate, bis sich plötzlich unsichtbare Schatten auf mein Paradies niederließen und das Herz der Menschen verdunkelte. Doch Aruscha, die weise Frau unseres Volkes klärte mich auf, dass dies alle vierzig Jahre geschah. Alle vierzig Jahre müssen die Erwachsenen das Eiland verlassen, um die Ahnengräber auf einer fernen Nachbarinsel zu besuchen, damit kein Unglück geschieht. Das stimmte die Bewohner natürlich sehr traurig, weil sie für diese Zeit ihre Kinder allein zurücklassen mussten in der Obhut einer alten Frau. Aruscha brauchte als einzige Einwohnerin nicht mit reisen, denn sie sollte ihre speziellen Aufgaben erfüllen als Hüterin der Insel. Da die See in diesen Tagen ungewöhnlich aufgewühlt war, verzögerte sich die Abfahrt der Erwachsenen und sorgte für ein noch höheres Maß an Unruhe. Bei der ersten sich bietenden Möglichkeit fuhren sie mit den Booten auf das Meer hinaus, denn das Gelübde musste eingelöst werden, auch wenn es allen schwer ums Herz war. Ich selbst wurde von einer dunklen Vorahnung erfüllt, und überspielte meine Sorgen mit übertriebener Fröhlichkeit. Aruscha und ich versammelten die Kinder am Abend um das Lagerfeuer, erzählten Geschichten und sangen Lieder, damit die Traurigkeit nicht um sich greifen konnte. Dass wir das taten, erwies sich im nach hinein als ein Segen. Ich befand mich gerade mitten in der Erzählung davon, dass Jesus seine Freunde im Seesturm rettete, als die Erde anfing, unter uns zu beben. Zunächst vernahm ich nur ein leichtes Grollen, das sich jedoch immer mehr verstärkte, bis die ganze Insel bis zu den Palmenspitzen erzitterte.

Die Hütten brachen zusammen; in unseren Augen stand die Panik eingebrannt und wir krochen eng aneinander. So plötzlich, wie es gekommen war, hörte es auch wieder auf. Wir fühlten uns wie gelähmt und konnten uns nicht bewegen. Aruscha und ich besaßen nicht genug Arme, um alle weinenden Kinder trösten zu können. So harrten wir am Feuer aus, bis die Sonne über dem Horizont aufging. Erst da sahen wir das ganze Werk der Verwüstung. Kaum eine der Hütten stand noch. Die Vorräte wurden ins Meer gespült, die Wege waren zugeschüttet und die Insel zeigte nur ein Bild von furchtbarer Zerstörung. Die Kleinen riefen nach ihren Eltern, die sich ja weit weg befanden, und ließen sich nur schwer beruhigen. Ein Trost blieb uns, dass keiner durch dieses Unglück ums Leben kam, weil wir den Abend am Lagerfeuer verbrachten. Was also tun in dieser Notsituation? Ich war mit meinem Latein am Ende.

Doch nun kam die große Stunde von Aruscha. Jetzt zeigte sich, warum man sie die weise Frau nannte. Sie besaß nicht nur einen klugen Kopf, nein sie erwies sich zugleich als eine Magierin. In dieser schweren Situation sammelte sie die Kinder um sich. „Ich führe euch zu einem verzauberten Ort. Er befindet sich an der Stelle unserer Insel, wo das Leben seinen Anfang nahm. Hier wuchsen die ersten Bäume und die ersten Menschen kamen auf die Welt. Dorthin, wo wir jetzt gehen, entspringen die Quellen der Wasserläufe und Gott blies seinen Atem über alles Leblose. Dort werden wir Rettung finden.“

So machten wir uns auf den Weg, das Herz angefüllt mit Angst, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Wir erreichten diesen magischen Ort, den bislang niemand kannte, obwohl die Insel sehr klein war. Er lag so versteckt, dass nur Aruscha wusste, wo er sich befand. Der Ort erwies sich als eine Lichtung im Palmenwald. Mittendrin stand eine Kiste, die aussah wie eine Schatzkiste aus Piratenerzählungen. Für einen Augenblick vergaßen wir unsere Ängste und staunten über diesen Ort, bis Aruscha uns aufforderte, an diesem Ort Platz zu nehmen. „Diese Schatztruhe enthält alles, was wir brauchen, um neu anfangen zu können. Gott hat sie hier zurückgelassen für einen Tag wie heute. Wenn die Hoffnung verschwindet, wird er uns weiterhelfen. Also werden wir einmal die Kiste aufmachen und schauen, was sie hervorbringt. Streckt gemeinsam eure Hände aus und sprecht mir nach: Sesam, öffne dich!“ Genauso taten wir es. Und siehe da, aus der Schatztruhe ergoss sich ein Bach mit frischem Wasser.

Erst jetzt bemerkten wir unseren Durst und freuten uns über das wunderbar köstliche Nass aus der Schatzkiste. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, weil die Kiste doch eigentlich dafür viel zu klein erschien. Einige der Jüngsten schauten neugierig hinein, aber sie konnten dort nichts Außergewöhnliches entdecken. „Was brauchen wir noch, liebe Kinder“, fragte Aruscha. „Wir haben Hunger, wir wollen etwas essen“, antworteten sie. Also schloss die Weise den Deckel der Kiste, alle riefen wieder gemeinsam: „Sesam, öffne dich!“ und das nächste Wunder geschah. Dieses Mal purzelten Mangofrüchte und Kokosnüsse über den Rand und kullerten direkt vor unsere Füße.

Jetzt besaßen wir wenigstens Nahrung und Wasser und aus meiner Sicht sah die Situation schon deutlich entspannter aus. Doch mein Blick richtete sich auf die zerstörten Hütten ringsum. Wo sollten wir unterkriechen, wenn der nächste Regen kommt. Wir brauchten Unterkünfte, da waren wir uns schnell einig und wiederum schloss Aruscha die Schatzkiste. Wir sprachen das Zauberwort und der Deckel öffnete sich. Heraus kamen kleine Kobolde in grünen Blätterkleidern und trugen Steine, Holzscheite und anderes Baumaterial mit sich. Es müssen Hunderte gewesen sein und in Windeseile erbauten sie neue, stabile Hütten für uns und wir halfen eifrig mit.

Nach dem Bauen und Werken spürten wir eine große Erschöpfung und die ersten Kinder dachten an ihre Eltern. Erneut breitete sich die Traurigkeit aus. Das bemerkte Aruscha sofort und sprach leise: „Jetzt werden wir etwas erleben, was ihr euch nicht vorstellen könnt. Das wird unser Herz besonders erfreuen. Wir rufen wieder gemeinsam: Sesam öffne dich.“ So taten wir es. Die Kiste öffnete sich und siehe da! Zunächst stiegen wunderschöne Seifenblasen hoch; in jeder von ihnen saß ein Schmetterling und wie auf ein Kommando zerplatzten sie und die Falter breiteten ihre Flügel aus. In der Luft führten sie für uns einen Tanz auf nach einer für uns nicht hörbaren Melodie. Danach verschwanden sie zurück in das Innere der Kiste und heraus kamen bunte Blumenschlangen, die sich sanft um unsere Köpfe legten. Es folgten noch Traumfeen mit Wunderlichtern und Papageienvögel mit langen Federn in ihren Schnäbeln, die sich behutsam auf uns herunter gleiten ließen.

Ich weiß nicht, wie Aruscha das geschafft hat, aber die Kinder waren inzwischen wieder froh und zuversichtlich gestimmt. Ich jedoch machte mir weiterhin Sorgen um die zerstörten Wege. Welche Möglichkeit gab es noch, die Felder zu erreichen, die am anderen Ende der Insel lagen? Das Gemüse musste bald geerntet werden, wie allerdings sollten wir dahin gelangen? Aruscha schien meine Gedanken zu erraten, denn als wir erneut »Sesam öffne dich!« sagten, geschah Folgendes:

Wiederum erschienen Kobolde, dieses Mal breiter und stämmiger, und jeder trug auf seinem Haupt ein kleines Stück Weg. Diese Teile fügten sie aneinander und nach und nach entstand ein neuer Weg mitten durch den Wald.

Es hätte gar nicht besser kommen können. Wir bekamen zu essen und zu trinken, ein Dach über den Kopf und einen Weg zu den Feldern. Doch am im Blickkontakt mit Aruscha merkte ich, dass da etwas nicht stimmte. Schließlich spürte ich es auch. Es wiederholte sich das leichte Beben unter unseren Füßen. „Kinder, wenn wir nicht aufpassen, kann die Situation gefährlich werden. Haltet fest zusammen.“ Dabei bekam sie einen grimmigen Gesichtsausdruck. „Ihr habt gerade den Bebendrachen gehört. Er wohnt tief im Inneren der Insel. Er ist uralt und kennt wahrscheinlich den Weg zur Schatzkiste. Wir wollen den Deckel zuhalten, aber das wird nicht lange nützen. Wir müssen ihn füttern und ins Meer locken. Sobald er ins Wasser geht, löst er sich auf. Also schnell ans Werk und allen Mut zusammengenommen!“

Der Drache sah schrecklich aus. Aus seinem Riesenmaul spie er Feuer und Rauch. Schwarze Schuppen bedeckten seinen giftgrünen Körper und mit stechenden Augen funkelte er uns an. Wenn Aruscha uns nicht angestoßen hätte, wären wir durch seinen Anblick hypnotisiert worden und elendig zu Grunde gegangen. Also nahmen wir allen Mut zusammen, hielten dem Drachen die restlichen Mangos und Kokosnüsse hin und lenkten ihn Richtung Strand. Dort warfen wir die Früchte ins Wasser und der Bebendrache folgte.

Ihr könnt euch unsere Erleichterung vorstellen, als das Untier auf nimmer Wiedersehen in den Tiefen des Meeres verschwand. Wir waren erschöpft und am Ende der Kräfte. Wir erlebten an diesem Tag ein Wechselbad der Gefühle. Aber wir hielten zusammen und Gott hatte auf uns aufgepasst. „Nur noch einmal werden wir die Schatzkiste in Anspruch nehmen. Vielleicht schenkt der Allmächtige uns etwas, dass wir heute friedlich schlafen können.“ Also öffnete Aruscha die Kiste mit dem »Sesam öffne dich!« Und heraus schwebten hunderte von fast durchsichtigen Engelwesen, die fortwährend einen feinen Staub aus ihren Händen fallen ließen, der uns müde machte, so dass wir einschliefen und nichts Weiteres mehr mitbekamen.

Am frühen Morgen wurden wir geweckt, und es gab ein frohes Erwachen, denn über Nacht waren die Eltern zurückgekommen. Ich schlug drei Kreuzzeichen und Aruscha schien sich ebenfalls zu freuen, die Verantwortung für die Kinder abgeben zu dürfen. Wenn da nicht die neuen Hütten gestanden hätten und der Weg der Kobolde zu sehen wäre, hätte man glauben können, das war nur ein böser Traum. So erzählten wir es dann auch den Kleinen. Es war alles nur ein Traum. Das Leben hat uns wieder. Und so sangen wir das uralte Lied unserer Insel Santo Bartolo und dankten Gott für das Wunder des neuen Anfangs.

Mittwoch, erste Woche

Ich suche das Verlorene und finde es nicht.

Die Trauertränen verwandeln sich in einen Regenbogen,

der das Verlorene berührt.

Dein Herz hat tausend Fenster

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