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I.4.3. Die Dramatisierung des SuizidsSuizid

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„Was sich vor mich nicht schickt, das werd ich auch nicht tun“, verkündet Cato in V,2 (SC 78, V. 1498). Innerfiktional ist dieser Ausspruch die Apologie des SuizidsSuizid im stoischen Würdeverständnis der Figur Cato: Die bewusste, reflektierte Entscheidung zum Freitod ist nicht nur eine moralisch erlaubte, sondern eine würdevolle Handlung. Außerfiktional gelesen, wird der Satz zum metadramatischen Kommentar über die Art und Weise, wie GottschedGottsched, Johann Christoph Catos Selbsttötung inszeniert. Bei der dramatischen Gestaltung des Suizids weicht der Dichter merklich von den grausigen Umständen ab, die etwa bei Plutarch und Seneca überliefert sind.1 Statt sich ‚aufzuschlitzen‘, sodass die Eingeweide herausquellen, sich sogar einen zweiten Stich zu setzen, um schneller zu sterben, tötet sich Cato hinter einem inneren Vorhang, der ihn auf der Bühne verdeckt. „(Man höret einen Tumult drinnen)“ (SC 82, nach V. 1588) – dann verkündet Portius: „Er hat sich selbst entleibet!“ (SC 82, V. 1600). In einer zeitgenössischen Rezension wird Gottsched diese Missachtung der historischen Wahrheit explizit angekreidet, und er sieht sich veranlasst, sein Vorgehen zu rechtfertigen. Nicht nur sei Cato „kein historischer, sondern ein poetischer“ Charakter, was Abweichungen von der historischen Wahrheit erlaube,2 wenn es der Vermittlung der „Sittenlehre“ diene; außerdem ließe sich der historisch überlieferte „schreckliche“ Suizid „auf der Schaubühne unmöglich zeigen“, da Cato sonst zum „Scheusal“ würde, von dem sich die Rezipienten sofort distanzieren (SC 111–112).3 Wirkästhetische Überlegungen, die über bloße Abwägungen in Bezug auf die Angemessenheit, das aptum oder decorum hinausgehen, stehen eindeutig über dem Gebot der historischen Wahrheit.4

Das Verlegen der Entleibung hinter den inneren Vorhang entzieht dem Akt letztlich die Legitimation.5 Denn bevor Cato sterbend seine letzten Worte spricht, betonen andere Figuren auf der Bühne, allen voran Portius und Portia, dass gerade ein lebender Cato für das Wohlergehen sowohl der eigenen Familie als auch Roms die letzte Hoffnung darstellt.6 Durch diesen dramaturgischen Kniff wird besonders deutlich, dass Cato mit seinem SuizidSuizid seine Mitmenschen und Mitbürger im Stich lässt;7 er entzieht sich der naturrechtlichen Pflicht, sein Handeln an der Maxime der Glückseligkeit aller Menschen auszurichten. Catos Sich-Entziehen wird durch das auffällige Aussparen optischer Details gleichsam negativ visualisiert. Er handelt demnach falsch und egoistisch; er verstößt gegen einen wesentlichen Aspekt der frühaufklärerischen Menschenwürdevorstellung.

Als der tödlich verwundete Cato schließlich auf die Bühne getragen wird, setzt er zu einem letzten Monolog an, in dem er dann doch Selbstzweifel äußert:

[…] Ihr Götter! hab ich hier

Vielleicht zu viel getan: Ach! So vergebt es mir!

Ihr kennt ja unser Herz und prüfet die Gedanken!

Der Beste kann ja leicht vom Tugendpfade wanken.

Doch ihr seid voller Huld. Erbarmt euch! – – Ha!

Der Rückgriff auf die Götter, d.h. vorchristliche Vorstellungen einer höheren Macht, erlaubt GottschedGottsched, Johann Christoph, Cato als im letzten Moment doch verunsicherten Menschen zu zeigen, sodass der moraldidaktische Impetus umso stärker wirksam werden kann.8 Dass nun aber an dieser entscheidenden Stelle nicht mehr von „GottGott“ im Singular, sondern von „Göttern“ die Rede ist, Cato also deutlich als ‚Heide‘ gekennzeichnet wird, hat den bemerkenswerten und widersprüchlichen Effekt, dass genau in dem Moment, in dem seine Unsicherheit ihn mitleidswürdigMitleid werden lässt, eine deutliche Distanz zum christlichen Rezipienten entsteht, die zur Reflexion auffordert und die Legitimation des SuizidsSuizid wirkungsvoll in Frage stellt. Auch Cato zweifelt nun an der Legitimität seines Handelns, das bis hierhin problemlos mit seinem Würdeverständnis vereinbar war. Angesichts einer doch noch möglichen Rettung erscheint der Freitod als vorschnell.9

Doch obwohl der SuizidSuizid eindeutig als schwerer moralischer Fehler verurteilt wird, der mit vernünftigerVernunft Reflexion unvereinbar ist,10 will GottschedGottsched, Johann Christoph den Selbstmörder Cato ganz offensichtlich nicht, wie es in der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts üblich ist, in die Nähe des TieresTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung rücken11 – sonst hätte sich Cato durchaus auf offener Bühne und möglichst grausam entleiben können. Nicht einmal per Botenbericht oder Teichoskopie wird die historisch und literarisch verbürgte Todesart geschildert. Grund für das Verbergen und die Abschwächung der Grausamkeit ist ebenjene widerspruchsvolle wirkästhetische Strategie, die dem Drama geradezu eingeschrieben ist. Catos Charakter und Handeln müssen sowohl bewundernswert als auch fehlerhaft sein; trotz seines unwürdigen Fehlers darf er nicht verachtungswürdig,12 also auch nicht würdelosWürdelosigkeit und tierhaft, erscheinen. Für die dramatische Darstellung bedeutet das konkret: Der menschliche KörperKörper darf als etwas an sich Schönes und Würdiges nicht angetastet werden. Durch das Aussparen des Gewaltaktes, der radikal auf den Körper zielt und damit einen der Vorzüge des menschlichen Geschlechts kompromittiert, bleibt die Menschenwürde unangetastet im wörtlichen Sinne; der grundsätzliche Wert des Menschen sowie seine Überlegenheit über den Rest der SchöpfungSchöpfung werden bestätigt.13 In Ansätzen deutet dieses Postulat mit seinen poetologischen Implikationen vielleicht sogar auf das Konzept einer inhärenten Würde voraus, gerade weil ein möglicher Verstoß nicht im Hinblick auf poetische Aussagen funktionalisiert wird. Dass Gottsched bei aller moralischen Verurteilung Catos den Menschen prinzipiell als bewundernswertes Wesen ansieht, ist Ausdruck seines optimistischen Weltbildes, in dem der Mensch eindeutig Würde besitzt und ihm gerade deshalb die Aufgabe zukommt, sich persönlich und moralisch zu vervollkommnenPerfektibilität, Vervollkommnung.14

Literarische Dimensionen der Menschenwürde

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