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II. Die Menschenwürde als idealisches Ziel des Menschengeschlechts und als Auftrag der Literatur (17501810) II.1. Friedrich SchillerSchiller, Friedrich: Die KünstlerKunst, Künstler (1789)

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SchillersSchiller, Friedrich programmatisches Lehrgedicht Die KünstlerKunst, Künstler, mit dem er 1789 „feierlich die Schwelle zur Klassik [überschreitet]“,1 offenbart exemplarisch, in welchen diskursiven Kontext der Begriff der Menschenwürde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingebettet ist: In diesem (literarischen!) Text verbinden sich (Geschichts-)Philosophie, Ästhetik und Anthropologie auf eine nicht nur für Schiller, sondern für diese Zeit im Allgemeinen typische Weise. Entscheidend sind nun zwei Aspekte der Künstler: das von Schiller entworfene Menschenbild und die Stellung der Menschenwürde im Verhältnis zu seiner Bestimmung der Funktion von Kunst.

Auffällig und für den Würdediskurs zwischen Aufklärung und Klassik geradezu symptomatisch sind die dem Gedicht eigenen gegenläufigen, ja widersprüchlichen Grundpositionen. Der Text beginnt mit einer hymnischen, uneingeschränkt positiven Charakterisierung des aufgeklärten Menschen am Ende des 18. Jahrhunderts: „Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige / stehst du an des Jahrhunderts Neige“.2 Der Mensch, der „reifste Sohn der Zeit“ (NA 1, 201, V. 6), ist auf seiner derzeitigen Entwicklungsstufe quasi vollkommen – das suggerieren der Superlativ („reifste“) und die ihm zugeschriebenen Attribute: Er ist „frey durch VernunftVernunft, stark durch Gesetze“ (NA 1, 201, V. 7), hat die Natur gebändigt und unterworfen („Herr der Natur, die deine Fesseln liebet“ [NA 1, 201, V. 10]) und wird in dieser ersten Strophe mit zahlreichen auszeichnenden, fast verherrlichenden Adjektiven belegt.3 In den ersten Versen zeichnet SchillerSchiller, Friedrich als überzeugter Aufklärer den Menschen als in höchstem Maße würdiges Wesen; diese Würde wird präzisiert als „Geisterwürde“ (NA 1, 201, V. 18), d.h. als in der besonderen, schrankenlosen Vernunftfähigkeit des Menschen begründeter Wesenszug, auf dem seine Schönheit, seine „erhabne[] TugendTugend“ (NA 1, 201, V. 24) und seine Emanzipation vom „schwere[n] Sinnenpfad“ (NA 1, 202, V. 69) beruhen. Doch unmittelbar darauf schlägt Schiller bereits die entscheidende Volte: Was den Menschen vor allen anderen Wesen auszeichnet, mithin seine Würde ausmacht,4 ist die KunstKunst, Künstler – „die Kunst, o Mensch, hast du allein“ (NA 1, 201, V. 33). Sie wird zur „fundamentale[n] anthropologische[n] Kategorie“,5 denn im Schönen liegen die Keime der Erkenntnis, der Wahrheit, der Sittlichkeit, der FreiheitFreiheit und der menschlichen Bestimmung – für den Menschen intuitiv erfassbar, noch bevor sie von der Vernunft erschlossen werden.6 Die Künstler werden voller Pathos zu Vorkämpfern der wiederholt beschworenen HarmonieHarmonie7 erklärt – Harmonie zwischen Schönheit und Wahrheit, zwischen Freiheit und Sittlichkeit, zwischen dem autonomenAutonomie Menschen und den Gesetzen der Natur.

SchillersSchiller, Friedrich Gedicht präsentiert sich in der Folge als kulturhistorischer Abriss: Die in der Antike auf idealtypische Weise vorhandene Einheit von Schönheit und Erkenntnis ist im Laufe der Menschheitsentwicklung verloren gegangen, dank des Wirkens der KünstlerKunst, Künstler wieder errungen worden, droht in der Gegenwart aber wieder verfehlt zu werden. Der kulturgeschichtliche Abriss mündet demnach gerade nicht in das in den Anfangsversen beschworene Bild des schönen, aufrechten, aufgeklärten Menschen; aus Kulturgeschichte wird vielmehr Kulturkritik. Grund für die Skepsis, die nicht zuletzt Skepsis gegenüber einer verabsolutierten VernunftVernunft ist, ist die Marginalisierung der Kunst, die als Folge des Siegeszuges der Wissenschaften den „ersten Sklavenplatz“ (NA 1, 211, V. 390) bekleidet. Die Errungenschaften des „Forscher[s]“ (NA 1, 211, V. 384) und des „Denker[s]“ (NA 1, 212, 402) müssen jedoch „der Schönheit zugereifet, / zum Kunstwerk […] geadelt“ (NA 1, 212, V. 404–405) werden – dann erst kann die Menschheit ihre wahre Bestimmung erreichen. Auf dem Höhepunkt des Gedichts8 wird diese Schlusspointe als emphatischer Appell an die Künstler formuliert:

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,

bewahret sie!

Sie sinkt mit euch! Mit euch wird die Gesunkene sich heben!

Der Dichtung heilige Magie

dient einem weisen Weltenplane,

still lenke sie zum Ozeane

der großen HarmonieHarmonie! (NA 1, 213, V. 443–449)

Nicht weniger als die Würde der Menschheit steht auf dem Spiel, die, das impliziert der Text, (noch) nicht vollständig (wieder)hergestellt ist. „[D]er Vollendung KroneKrone (der Schöpfung) / schwebt glänzend“ über dem „Haupt“ der KünstlerKunst, Künstler (NA 1, 212, V. 391–392); sie sind es, die den „Einen Bund der Wahrheit“ (NA 1, 214, V. 480) gründen sollen. Der sakralisierten Kunst, hier der Dichtung, fällt so eine ungeheure Aufgabe zu: Nur sie kann das menschheitsgeschichtliche Ziel verwirklichen. Als eben solches wird die Menschenwürde gekennzeichnet: „[A]m reifen Ziel der Zeiten“ (NA 1, 213, V. 429) – das wieder aufgenommene Adjektiv „reif“ (vgl. V. 6) revidiert die am Anfang des Gedichts entfaltete Menschenwürdevorstellung! – werden sich „Wahrheit“ und „Schönheit“ vereinigen (NA 1, 213, V. 432 bzw. 212, V. 404), und genau diese zukünftige Vereinigung bedeutet den Aufschwung des Menschen zu wahrer Würde. Sprachlich markiert werden diese Vorstellungen durch den Gebrauch des Futurs und des Imperativs9 sowie durch eine vor allem das letzte Fünftel des Gedichts durchziehende Motivik der Erhebung, der räumlichen Aufstiegsbewegung.10

Die Menschenwürde hat in SchillersSchiller, Friedrich Schwellentext eine vielsagende doppelte Stellung: Sie ist – im Sinne des Gedichtanfangs – sowohl eine Qualität des Menschen als auch – im Sinne des weiteren Textverlaufs – sein Entwicklungsziel, ein utopisches Ideal, das, wenn überhaupt, nur über den Weg der KunstKunst, Künstler zu erreichen ist. Insofern ist Menschenwürde tatsächlich ein genuin ästhetisches Problem, ein Problem der Ästhetik, nämlich Aufgabe und Ziel der Kunst.11

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SchillersSchiller, Friedrich „Programm einer kunsttheoretisch erweiterten Aufklärung“12 repräsentiert allerdings nur eine – wenn auch besonders konsequente und elaborierte – der spezifisch ästhetischen Dimensionen der Menschenwürde im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Die folgenden Seiten rekonstruieren diese literarisch-ästhetischen Facetten und Implikationen des Menschenwürdebegriffs im Zeitalter der Aufklärung und der Klassik, stets vor dem Hintergrund der für Definition und Legitimation der Menschenwürde eminent wichtigen geistesgeschichtlichen Kontexte.

Kaum eine Periode der deutschen Literaturgeschichte hat eine derart lange, umfangreiche und tiefgehende wissenschaftliche Durchleuchtung erfahren wie die Jahrzehnte zwischen 1750 und 1810, von den ersten literarischen Versuchen LessingsLessing, Gotthold Ephraim bis hin zu den großen Werken der Weimarer Klassiker GoetheGoethe, Johann Wolfgang und SchillerSchiller, Friedrich. Anstelle einer (redundanten) erneuten Detailanalyse kanonischer Texte stehen daher im Folgenden die literarischen und literaturtheoretischen Implikationen der Menschenwürde im Vordergrund – unter Berücksichtigung der wichtigsten Forschungsliteratur und mit kurzen Blicken auf die wichtigsten Primärtexte.

Literarische Dimensionen der Menschenwürde

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