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I.5. Dimensionen der Menschenwürde bei GottschedGottsched, Johann Christoph
ОглавлениеGottschedsGottsched, Johann Christoph Menschenwürdebegriff, wie er in seinen Akademiereden explizitiert wird, ist eklektisch; er vereint theologische, vernunftphilosophische, naturrechtliche, humanistische und ethische Dimensionen. In der Tragödie Sterbender Cato wird die Menschenwürde insofern zu einem ästhetischen Problem, als verschiedene Aspekte dieses Menschenwürdebegriffs eine bisweilen konfligierende Rolle spielen. Catos SuizidSuizid wird als prinzipiell nachvollziehbare Handlung geschildert, indem er – als vernunftgeleiteter, reflektierter und freier Akt – als Beweis seines menschenwürdigen Handelns und als Garant seiner Menschenwürde, und das heißt hier: seiner FreiheitFreiheit und TugendTugend, erscheint. Obwohl der Suizid an sich für Gottsched inakzeptabel ist, überschneidet sich der innerfiktionale Menschenwürdebegriff der Dramenfigur Cato mit dem frühaufklärerischen – so wird die Bewunderung des Protagonisten ermöglicht. Gleichzeitig unterminiert Catos Fehler im aristotelischen Sinne, sein Starr- und Eigensinn, die vernunftgeleitete Reflektiertheit und Triebkontrolle und stellt somit – vor dem Horizont beider Menschenwürdebegriffe – Catos Handeln ernsthaft in Frage. Zudem missachtet Cato sträflich seine naturrechtliche Pflicht, die Glückseligkeit aller Menschen zu befördern. Cato muss also gegen bestimmte Aspekte der frühaufklärerischen Menschenwürdevorstellung verstoßen, damit sein Niedergang gerechtfertigt ist – und das MitleidenMitleid der Zuschauer geweckt werden kann.
Dass GottschedGottsched, Johann Christoph bei der Dramatisierung des SuizidsSuizid von der historischen Überlieferung abweicht, hat schließlich drei Gründe. Cato entzieht sich dem Gebot, für das Wohl seiner Mitmenschen zu kämpfen; dies wird in seiner Absenz von der Bühne augen- und sinnfällig. Um die Bemühungen, den HeldenHeld sowohl bewundernswert als auch mitleidswürdigMitleid zu zeichnen, nicht vollkommen zu konterkarieren, wird der Suizid nicht auf eine abstoßende, schockartige Weise inszeniert. So bleibt das Bild des Menschen als schönes Wesen mit einem schönen, intakten KörperKörper letztlich unbeschädigt.
Dass Cato, trotz seines moralisch eindeutig verurteilten Freitods, die Vorstellung einer besonderen Würde des Menschen nicht vollständig kompromittieren darf, um den Wirkimpetus des Dramas nicht zu gefährden, belegt, dass Menschenwürde, gemäß dem moraldidaktischen Optimismus der Aufklärung, vor allem als Auftrag des einzelnen IndividuumsIndividuum verstanden wird.