Читать книгу Unter der Marmorkuppel - Mette Winge - Страница 10
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Оглавление»Ich habe Sie erwartet, Herr Inspektor. Mein Mann sagte, Sie wollten mit mir sprechen. Ich stehe zu Ihrer Disposition. Ich sehe, Sie sind verletzt. Das tut mir leid.«
Das Bedauern der Dame über seinen Zustand war so herzlich wie ein kalter Umschlag. Er betrachtete sie. Sie war noch schön. Sie hatte ein längliches Gesicht mit braunen, schräggeschnittenen Augen, einen elegant geschwungenen Mund und eine hohe Stirn, auf der die Jahre – und der Kummer – ihre Spuren eingeritzt hatten. Das rotbraune Haar war über eine wulstige Einlage hochgesteckt. Das eierschalenfarbene Gesicht wirkte erschreckend nackt. Sie trug ein strenges, hochgeschlossenes erdschwarzes Kleid mit einer imponierenden Turnüre und sagte genau das gleiche wie ihr Mann:
»Bitte unterlassen Sie Ihre Kondolenz. Gleichgültig, wie schön und richtig Sie sich ausdrücken mögen, so müssen Sie wissen, daß es nicht viel hilft. Den eigenen Sohn zu verlieren ist das größte Leid, das es gibt.«
Krogh beugte den Kopf.
»Bitte! Fangen Sie an, Herr Inspektor, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
»Wann haben sie Ihren Herrn Sohn zuletzt gesehen?«
»Als ich vor drei Wochen in der Stadt war. Ich habe in meinem Taschenkalender nachgeschlagen. Es war am 23. Oktober. Mein Mann und ich wollten zu einer großen Gesellschaft. Darum kam ich in die Stadt. Ein wenig gegen meinen Wunsch, denn ich fühle mich am wohlsten in ruhiger Umgebung. Die Stadt zehrt an mir.«
»In welcher Stimmung war Ihr Sohn?«
»Warum fragen Sie danach? Mein Sohn hat sich nicht das Leben genommen.«
»Das meine ich auch nicht. Alles deutet darauf hin, daß Ihr Sohn – ermordet wurde. Aber trotzdem möchte ich gerne wissen, in welcher Stimmung er war, als Sie ihn zuletzt gesehen haben. Es kann von Bedeutung sein.«
»Es ging ihm ausgezeichnet. Nun, er war nicht gerade glücklich über sein Studium, aber er hatte sich wohl damit abgefunden. Sein Vater, mein Mann, ließ in diesem Punkt nicht mit sich reden.«
»Hat er etwas darüber verlauten lassen, wen er in der nächsten Zeit treffen würde?«
»Nein. Ehrlich gesagt, ich habe ihn nur einen kurzen Augenblick allein gesehen. Ich war in Eile. Ich mußte einige Erledigungen machen. Die Schneiderin, die Hutmacherin, Sie wissen. Das bereue ich jetzt, wie Sie sich denken können.«
Ihre gläserne Stimme war dabei zu zersplittern.
»Wo hielten Sie sich an jenem Abend auf, an dem Ihr Herr Sohn verstarb?«
»Auf Lykkeseje, unserem Gut. Ich spielte mit einigen Bekannten Whist. Sie werden es bestätigen können. Ich habe den ganzen Abend Glück gehabt«, fügte sie bitter hinzu.
»Hatte Ihr Sohn ein, äh, Liebesverhältnis?«
»Nein, das glaube ich nicht. Er schwärmte vielleicht ein wenig für eine junge Dame aus unserem Kreis, ein Fräulein Bülow, aber ich denke, daß es nicht die große Zuneigung war. Andererseits hätte daraus durchaus noch eine Verlobung werden können. Aber es gab ja keinen Grund zur Eile. Ein junger Mann soll sich nicht binden, bevor er sein Examen gemacht hat.«
»Frau Bramsnæs, Sie zogen Ihr Gut dem Stadthaus vor. Gab es einen besonderen Grund dafür?«
»Das hat wohl kaum etwas mit der Sache zu tun, Herr Kriminalinspektor. Aber ich kann Ihnen erzählen, daß es ganz private Gründe sind. Ich leide an Neuralgie.« Sie machte eine lange Pause. »Das Leben in Kopenhagen zehrt an mir. Ich komme freilich, wenn mein Mann mich als Gastgeberin oder Begleiterin für Gesellschaften braucht. Mein Mann hält sich ebenfalls häufig auf dem Gut auf. Aber er hat ja seine anstrengende Arbeit hier. Es ist nicht leicht, für eine große Fabrik verantwortlich zu sein. Heutzutage nicht. Diese neumodischen Gewerkschaften und dergleichen machen einem das Leben sauer. Sie stellen alle möglichen und unmöglichen Forderungen. Einen Arbeitstag von acht Stunden, Krankengeld und was weiß ich.«
Sie redete sich in Rage. Krogh blickte sie erstaunt an. Du liebe Güte. Ihr Gesicht war zwar genau so weiß, wie es die ganze Zeit über gewesen war, aber unter dem strengen, hochgeschlossenen Kleid wuchsen zwei rote Flecken. Sie hatten schon den Kiefer erreicht.
»Hatten sie irgendwelche Vermutungen über die Pläne Ihres Sohnes?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Auf seinem Tisch fanden wir unter einigen Papieren einen angefangenenn Brief. Es steht nicht viel darin, nur ›Liebste Irene‹. Wer ist Irene?«
»Meine Tochter, Simons Schwester. Sie mochten sich sehr, die beiden.« Sie wandte den Kopf ab. Er sah, daß die Flecken am Kiefer in Purpur übergingen.
»Ihre Frau Tochter ist verheiratet mit...?« Er sprach nicht aus, ehe sie antwortete.
»...dem Kammerherrn, Gutsbesitzer Ernst Oxholmer. Aber jetzt müssen Sie gehen. Ich muß mit dem Kirchendiener sprechen. Das Begräbnis meines Sohnes soll übermorgen stattfinden. Auf Wiedersehen, Herr Inspektor.«
Krogh stand auf, steckte die Papiere in die Tasche, verbeugte sich und verließ das Zimmer.