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Marie Jensen, die Köchin, konnte nichts erzählen. Im Gegensatz zu allen anderen Köchinnen, die Krogh kannte, war sie lang, mager und säuerlich, und sie hatte, wie die meisten in diesem Herbst, Schnupfen. Sie war bei ihrer Schwester gewesen, die mit einem Zimmermann verheiratet war und in der Blågårdsgade in dem ärmlichen Nørrebroviertel wohnte.

Die Schwester hatte gerade ihr siebtes Kind bekommen und konnte Hilfe gut gebrauchen. Deshalb ging die Köchin an ihren freien Abenden immer zu ihr.

Nein, sie habe nichts gehört und gesehen. Sie sei gegen zehn nach Hause gekommen und wie immer in das Zimmer im fünften Stock gegangen, wo sie zusammen mit dem Stubenmädchen wohne, und habe sich hingelegt, ohne Licht zu machen. Sie sei müde gewesen und habe sich um die Schwester gesorgt, die angefangen habe zu husten. Das Stubenmädchen sei nicht zu Hause gewesen, da sei sie sich sicher, denn von dem anderen Bett habe sie keinen Laut vernommen. Ob sie sie kommen gehört habe? Nö, denn sie habe einen tiefen Schlaf. Aber das Stubenmädchen sei dagewesen, als Ludwigsen kam, um sie zu wecken. Die Morgenarbeit wartete. Sie spreche nur selten mit dem jungen Herrn und übrigens auch nicht mit dem Fabrikanten. Sie erfahre von Ludwigsen, was sie zu tun habe. Was es zum Mittagessen gebe, bestimme sie selbst. Natürlich nur, wenn die gnädige Frau nicht zu Hause sei. Sonst bekomme sie ihre Anweisungen von ihr. Krogh versuchte, sie über die Abwesenheit der Hausfrau auszuhorchen, aber Marie Jensen war schweigsam – sie wollte keine Kommentare geben. Die Herrschaft lebe ihr Leben, sie lebe für ihre Schwester und deren viel zu große Familie.

Das Stubenmädchen Anna Hansen war ein rundliches junges Mädchen, Anfang zwanzig. Sie wäre richtig hübsch gewesen, wenn ihr nicht ein Schneidezahn gefehlt hätte und die übrigen Zähne weniger gelb gewesen wären. Sie brauchte ein Gebiß. Sie stand kerzengerade vor ihm in ihrem hellblauen Arbeitskleid, die Hände unter der großen weißen Schürze verborgen. Auf dem rotblonden Haar saß ein Häubchen. Ja, sie habe auch frei gehabt, und das sei ungewöhnlich, denn sie und die Köchin pflegten nicht am selben Abend frei zu haben. Nicht Ludwigsen hätte ihnen freigegeben, sondern der junge Herr. Sie fing an zu schluchzen. Als sie mit der Lampe ins Zimmer gekommen sei, habe er gesagt, sie dürfe gehen, weil er ausgehen wollte. Er wollte Ludwigsen Bescheid sagen. Deshalb sei sie gegen sechs gegangen. Wohin? Ja, sie habe ihre Freundin besucht. Wo die Freundin wohne und wie sie heiße? Ja, sie heiße Sofie und wohne in der... jetzt habe sie doch glatt den Namen der Straße vergessen. Sie wisse natürlich gut, wo sie liege, ihr falle nur gerade nicht ein, wie sie heiße.

Petersen räusperte sich, und Krogh wußte, was das bedeutete. Er übernahm die Befragung.

»Soso, du warst bei deiner Freundin. Schminkst du dich immer, wenn du die Sofie, oder wie sie heißt, besuchst? Du hast ja noch überall Schminke im Gesicht.« Die Hand des Mädchens fuhr ins Gesicht. »Du bist doch tanzen gegangen, oder? Im Figaro oder im Huhn

Das Figaro war, wußte Krogh, ein beliebtes Tanz- und Amüsierlokal, von dem die Damen der Stadt sowohl ihre Dienstmädchen als auch ihre Ehemänner fernzuhalten versuchten. Offenbar nicht besonders erfolgreich, denn der Figaro war fast immer voll. Das Huhn war ein sehr gewöhnliches Lokal, wie seine Mutter sagen würde.

»Ich war nicht im Figaro

»Na, wo warst du denn? Antworte gefälligst.« Petersen war nahe an das Mädchen herangetreten und sah sie drohend an.

»Wo bist du also gewesen? Antworte, oder...« Er hob die Hand.

Das reichte. Das Mädchen fing an zu weinen. Doch, sie sei im Figaro gewesen, kam es schwach. Sie suchte nach einem Taschentuch, aber fand keins. Sie sah sich hilflos um. Petersen fuhr fort. Ob ihre Vorgesetzten das wüßten?

Nein, es sei ja nicht erlaubt. Ging sie öfters dorthin? Ja, so oft sie könne. Was sie dort mache? Tanzen und sich amüsieren. Dort sei immer etwas los, was man über dieses Haus nicht gerade sagen konnte. Hier herrsche eine merkwürdige Stimmung. Alle hätten Angst vor dem gnädigen Herrn. Sogar Ludwigsen und auch der junge Herr. Woher sie das wisse? Das wisse sie eben. Woher? Sie schwieg. Petersen hob die Hand. Das Mädchen schluckte und erzählte, sie habe eines Abends den jungen Herrn im Figaro getroffen. Sie hätten getanzt, und er habe sie auf ein Glas eingeladen. Absinth. Das habe sie noch nie probiert. Es habe merkwürdig geschmeckt. Und dann habe er angefangen, von dem Gespensterhaus zu sprechen, in dem sie beide wohnten. Es habe bitter geklungen. Kündige, habe er gesagt. Such dir einen anderen Platz. Dort kann man nicht leben. Was er damit gemeint habe? Das wisse sie nicht. Und weiter? Ja, dann habe er ihr gute Nacht gewünscht und sei gegangen. Sie sei sitzen geblieben und von einem Herrn zum Tanz aufgefordert worden, sie hätten etwas getanzt und getrunken, und dann seien sie zusammen weggegangen. Er habe ihr angeboten... Sie stockte. Was? Geld? Sie nickte verschämt.

»Ach, du verdienst Geld durch Unzucht?« Petersen klang wie die Verachtung der gesamten Öffentlichkeit, und das Mädchen heulte. Ob er das dem Herrn und der Polizei melden würde? Dazu habe er noch nicht Stellung genommen, sagte Petersen.

»Das kommt darauf an, was du uns erzählst.«

Das Mädchen erzählte. Ja, sie und der Mann seien hinausgegangen, und ein Stück weiter auf der Straße fast direkt in den jungen Herrn gelaufen, der in Gesellschaft eines anderen jungen Mannes gewesen sei.

»Eines jungen Herren?«

»Nein, ich kenne ihn. Er kommt aus derselben Straße wie ich.« Sie stockte und schluchzte.

»Wie heißt er.«

Das Stubenmädchen gab keine Antwort.

»Du kannst es genau so gut sofort sagen. Wie heißt er? Raus damit.«

»Frederik.«

»Weiter?«

»Weiß ich nicht. Sie nennen ihn Banjo-Frederik.«

»Warum?«

»Weil er so gut Banjo spielt. Und...«

»Und was?«

»Sie sagen, er könne auf vielen Saiten spielen.« Sie sah nicht aus, als wüßte sie, was das bedeutete.

»Banjo-Frederik und der junge Herr gingen also zusammen. Warst du überrascht?«

Sie nickte.

»Warum?«

»Weil Banjo-Frederik nicht dazugehört. Er ist nicht wie der junge Herr.«

»Haben sie sich irgendwie besonders benommen, die Art wie sie gingen oder so?«

Sie antwortete nicht. Sie starrte auf eine Blume auf dem Teppich und zeichnete mit ihrem rechten Zeh einen Kreis.

»Was haben sie gemacht?«

»Nichts.«

»Aber etwas haben sie getan, was du bemerkt hast. Erzähl schon.«

Sie antwortete nicht. Petersen traf dicht an sie heran.

»Na komm, raus damit. Du sitzt ganz schön in der Patsche. Was haben sie getan?«

Es kam immer noch nichts. Das Mädchen starrte auf den Boden und zeichnete mit dem Zeh noch einen Kreis.

»Kopf hoch!« Das Mädchen gehorchte, und Petersen gab ihr erst eine Ohrfeige auf die rechte Backe, dann auf die linke. Sie schnappte nach Luft, die Tränen spritzten ihr aus den Augen, und Petersens Fingerabdrücke brannten in ihrem Gesicht.

»Sie taten nichts auf der Straße«, kam es schließlich. »Aber...«

»Aber was?«

Sie stockte und schluckte kräftig.

»Ich sah sie in einem Toreingang stehen.«

»Wie konntest du sie auf der Straße und in einem Tor sehen?«

»Ich unterhielt mich mit einem Herrn, meinem Herrn, den ich drinnen kennengelernt hatte... Wir sprachen darüber, wo wir hingehen sollten. Und als wir an dem Tor vorbeikamen, sah ich sie. Ich bin mir ganz sicher. Das Tor war direkt an einer Laterne. Sie standen eng umschlungen, sie...«

»Bist du dir sicher?«

»Ganz sicher.« Sie nickte heftig.

»Wann war das?«

»Es war nicht in der letzten Woche und auch nicht in der Woche davor, denn da war ich nicht im Figaro. Ich hatte Zahnschmerzen. Es ist wohl schon einen Monat her.«

»Hast du den jungen Herrn später noch einmal im Figaro gesehen?«

»Nein.«

»Und du hast ihn nicht am Mittwoch abend gesehen?«

»Nein.«

Petersen hielt inne und sah zu Krogh hinüber. Krogh ergriff wieder das Wort.

»Wenn du nun schon einmal angefangen hast, kannst du uns auch erzählen, ob du in der letzten Zeit hier im Haus etwas bemerkt hast.«

Jetzt war sie mehr als willig. Sie nickte.

»Dann erzähl uns davon, du bist ja ein aufgewecktes Mädchen«, sagte Krogh sanft.

Sie berichtete von einem merkwürdigen Brief, der den gnädigen Herrn völlig verwirrt habe. Sie wisse nicht, was darin gestanden habe, aber als sie ins Eßzimmer gekommen sei, um Holz nachzulegen, habe sie gesehen, wie der gnädige Herr ein Stück Papier zerknüllt habe. Es müsse ein Brief gewesen sein, denn er habe den Brieföffner gebraucht. Ludwigsen habe es auch beobachtet. Der Herr habe ganz merkwürdig ausgesehen, und es habe geklungen, als ob er stöhnte. Ludwigsen habe gefragt, ob der Herr noch Kaffee wünsche. Beim Hinausgehen habe sie gesehen, wie der Herr den Brief wieder glattgestrichen habe.

»Mehr?«

»Nein«, sagte sie und zeichnete einen neuen Kreis mit dem Zeh.

»Hast du mir irgendeinem darüber gesprochen?«

»Nein«, wiederholte sie.

»Du kannst gehen, aber wir sind noch nicht fertig mit dir.«

Das Mädchen verschwand. Die roten Abdrücke von Petersens breiter Hand glühten feuerrot. Das nenne ich mir Fingerabdrücke, dachte Krogh. Ihm lag diese Methode nicht, aber sie war erfolgreich.

Unter der Marmorkuppel

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