Читать книгу Unter der Marmorkuppel - Mette Winge - Страница 8
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ОглавлениеEr schlenderte langsam an den Schaufenstern des breiten Boulevards vorbei. Das Fest war zu Ende, Maschinen, geschnitzte Möbel, Kunstgegenstände und Markenbutter waren wieder aus den Gebäuden verschwunden. Die große Tuborgflasche, eine der größten Attraktionen auf der sehr bodenständigen Weltausstellung, überrage das Ganze. Aber ein Erfolg war sie doch gewesen. Besonders in den ersten Monaten, als die Veranstalter mit Warenproben und Geschenken um sich warfen. Doch nachdem die Aussteller begonnen hatten, sich mehr zurückzuhalten, sank auch der Zustrom. Es sei zu teuer geworden, hieß es. In den Zeitungen hatten sich viele Besucher beschwert, weil sie geglaubt hatten, sie bekämen etwas geschenkt, und statt dessen bezahlen durften. Jetzt war alles vorbei, Kopenhagen zog sich wieder in sich selbst zurück und wurde wieder die kleine wankelmütige Stadt, die sich nie entscheiden konnte, ob sie eine Großstadt werden sollte oder nicht. Groß genug dürfte sie bald sein, aber das war nicht dasselbe wie eine Großstadt. Es wurde mächtig gebaut. Besonders in den Vierteln Vesterbro, Østerbro und Nørrebro, wo Spekulanten und geschäftstüchtige Bauherren mit großer Hast Häuser aus der Erde stampften. Er war vor kurzem an einer Baustelle in Vesterbro vorbeigekommen, als gerade ein Arbeiter von einem Gerüst gestürzt war. Sie hatten seine Frau geholt. Sie lag mit zuckenden Schultern quer über der Bahre. Die Kollegen des Mannes hatten hilflos danebengestanden und auf den Verunglückten gestarrt, während der Arzt ruhig das Blut mit einem Lappen von seinen Händen wischte.
Als er ein paar hundert Meter gegangen war, holte Petersen ihn ein.
»Interessant, sehr interessant. Bei dieser Dame ist, mit Verlaub gesprochen, auch nicht alles so ganz koscher.«
»Einverstanden. Sie erzählte, sie würde den Verkauf von Antiken vermitteln. Sie wissen, kleine Figuren, Vasen und dergleichen aus alten römischen und griechischen Gräbern. Diese hier sind wohl gestohlen. Sie behauptete, sie gehöre zur kaiserlich-russischen Gesandtschaft. Petersen, kontrollieren Sie das lieber.«
»Jawohl. Wie heißt Sie?«
»Sie nennt sich Edvarda Dujardin. Hier.«
Er gab ihm einen Zettel mit dem Namen. »Wir sehen uns morgen im Kommunekrankenhaus, da bekommen wir die traurigen Tatsachen präsentiert. Ich gehe nach Hause und schreibe an dem gottverdammten Bericht weiter. Schönen Abend noch, Petersen.«
»Guten Abend, Herr Inspektor.«
Petersen bog ab, und Krogh setzte seinen Weg fort. Er wollte durch die Stadt spazieren und noch einmal durch die Bredgade gehen, um sich den Tatort ein wenig im Abendlicht zu besehen.
Das Wetter war ganz anders als die Tage zuvor. Es war kälter geworden, der Wind nach Nord umgeschlagen, und die Sonne hatte ein paar Stunden geschienen. Mittlerweile waren große Wolken aufgezogen. Es sah nach Schnee aus.
Der Nordwind hatte den Dunst der Stadt weggeweht, die saure Glocke war verschwunden. Krogh atmete tief durch und war beinahe gut gelaunt. Richtig froh konnte er allerdings nicht sein.
Auf der Østergade herrschte ziemlich viel Verkehr. Eine Pferdebahn zuckelte gemächlich vor sich hin und versperrte einer langen Reihe von Wagen den Weg, so daß sie nur im Schrittempo fuhren. Er sah einen hutbedeckten Herrenkopf nach dem anderen vorbeigleiten. Die Gesichter zeigten verschiedene Grade von Ungeduld. Die begleitenden Damen sahen nicht so verärgert aus. Er überholte mühelos alle Wagen und amüsierte sich ein wenig, daß er auf Schusters Rappen schneller vorankam als die eleganten Equipagen.
Die Østergade hatte sich verändert. Mehrere Geschäfte hatten große Schaufenster bekommen, und die Dekorateure waren zwar nicht gerade Pariser Zuschnitts, aber auch nicht mehr ganz so provinziell wie früher. Vielleicht würde Kopenhagen trotzdem den Sprung zur Großstadt tun.
Der große, runde Kongens Nytorv war geradezu finster im Verhältnis zur hell erleuchteten Østergade.
Krogh ging unter den kahlen Bäumen des Platzes her. Weder Straßenfeger noch Armenhäusler hatten bisher die heruntergefallenen Blätter aufgefegt. Der Geruch von Herbst schlug ihm entgegen, als er durch einen Blätterhaufen watete, und er mußte unwillkürlich an eine Episode aus seiner Kindheit denken. Er hatte ein neues Kindermädchen bekommen, das ihn tun ließ, was er wollte. Er durfte sich auch in dem herabgefallenen Laub im Park wälzen. Seine Mutter war sehr böse geworden, nachdem sie seinen Mantel gesehen hatte, und hatte ihn geschüttelt und das Mädchen ausgeschimpft, bis es heulte.
Ein Bettler, der sich zum Schutz Zeitungen um die Beine gewickelt hatte, wackelte ihm entgegen und bat um einen Schilling. Herrje, die Schillinge waren schon vor mehreren Jahren abgeschafft worden. Er gab ihm eine Zehnøremünze.
Vor dem Theater hielten viele Wagen. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen. Seine Mutter hatte vor ein paar Tagen gesagt, sie würde gern das neue romantische Stück von Holger Drachmann sehen, diesem verrückten Menschen. Es sei irgendein Unsinn von einem dänischen Prinzen, aber nicht so negativ wie moderne Stücke heutzutage partout zu sein hätten. Das war ihre Meinung, er hatte keine, aber er würde mitgehen, auch wenn das Theater ihn nur mäßig interessierte. Wenn man ihn schon unbedingt mitschleppen wollte, dann lieber in ein Konzert.
Er bog in die Bredgade ein. Außer einem Wagen, der ihm in zügigem Tempo entgegenkam, war die Straße fast verlassen. Er sah einen einzelnen Herrn in ein Tor gehen. Sonst war niemand hier. Es war, als spazierte man in einer verlassenen Stadt herum. Wo waren die Kopenhagener alle? Aus vielen Fenstern schien Licht, sie saßen also sicher dort drinnen und froren. Vermutlich hatten die meisten noch nicht angefangen zu heizen.
Er blieb vor der Nummer 65 stehen. Hier war es. Die Straßenlaternen warfen nur ein schwaches Licht auf die reich dekorierte Fassade. Verrenkte Figuren starrten auf ihn herab; sie sahen aus, als würden sie ihn verspotten. Sie hatten ja gesehen, was er gerne wissen wollte. Hier an seiner Stelle hatte der Mörder gestanden. Er kannte zwar noch nicht das Kaliber der Waffe, aber die Pistole war kein Spielzeug gewesen.
In Gedanken folgte er dem Täter in das Tor und die einladend breiten Stufen der Treppe hinauf. Er mußte bis zur Tür gekommen sein, ohne jemandem zu begegnen, denn keiner der anderen Bewohner hatte etwas gesehen oder gehört. Hatte er an der Klingelschnur gezogen oder selbst aufgeschlossen? Und war er ruhig, eine Leiche hinterlassend, wieder hinausgegangen? Krogh blieb grübelnd noch etwas stehen, dann ging er langsam zurück auf die Stadt zu. Er wollte einen Blick auf die große Baustelle der Marmorkirche werfen. Sie würde sicher nicht so heißen, aber so hieß sie im Volksmund. Ein Riesenbrocken. Der gute Finanzmann Tietgen mußte viel gesündigt haben, daß er sein ganzes Vermögen für den Wiederaufbau des zerfallenen Gebäudes hergegeben hatte. Tja, die Zeit für romantische Ruinen war wohl vorbei.
Skeptisch betrachtete er den Koloß, der alles andere als schön aussah, mit seinem Wirrwarr von Gerüsten. Die Kuppel war längst geschlossen, jetzt waren sie wohl dabei, sie von innen fertigzubauen. Er trat dicht an den Bauzaun. Plötzlich überkam ihn die Lust, wie ein Junge darüberzuklettern und sich die Kirche von innen anzusehen. Er legte den Kopf zurück und sah in die Höhe. Ein Halbmond erschien zwischen flüchtig vorbeihastenden Wolken. Die Szenerie wirkte fremdartig: der Rohbau der Riesenkirche, die schwellende Kuppel mit der schnurrigen Laterne zuoberst, der Mond, die Wolken und das schwache Geräusch des Hafens. Er meinte, das Wasser gegen das Bollwerk schlagen zu hören. Er kehrte um und ging die Bredgade zurück. Hier war nichts zu holen. Das Viertel war fast ausgestorben. Er hörte einen Wagen in der Store Kongensgade vorbeirollen. Ihm war kalt. Plötzlich vernahm er dicht hinter sich ein Geräusch und wollte sich gerade umdrehen, als er einen Schlag auf dem Hinterkopf spürte. Er schwankte wie ein Betrunkener, ehe ihn ein brummendes Dunkel einhüllte.