Читать книгу Unter der Marmorkuppel - Mette Winge - Страница 9
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Оглавление»Warum mußten Sie sich partout allein da herumtreiben? Jetzt verzögert sich die Aufklärung. Sparen Sie sich die Proteste. Mit so einem Kopf können Sie nicht arbeiten. Oder? Der Polizeipräsident ist sehr nervös, gerade wegen dieses Falls. Wenn Sie also nur irgend können, Krogh, wäre das nicht schlecht. Sonst bringen Sie uns in eine peinliche Lage. Aber passen Sie auf sich auf. Ehrlich gesagt, Sie sehen aus wie Apfelbrei mit Milch auf einem Zinnteller.«
Es mußte der weiße Verband sein, der ihn an Milch erinnerte, dachte Krogh. Wenn er doch bloß ginge, damit er sich wenigstens noch ein bißchen ausruhen konnte. Seine Mutter würde sicher hysterisch reagieren, aber jetzt wurde die Sache eigentlich erst richtig interessant.
»Ich muß leider. Draußen wartet ein Wagen. Aber bitte fangen Sie nicht an, bevor ihr Kopf wieder ganz klar ist. Wir wollen schließlich unsere Leute nicht umbringen. Aber gut, daß Sie nicht schlimmer zugerichtet sind. Guten Morgen, Krogh.«
Der Vizepolizeipräsident tippte militärisch an seinen Bowler und verschwand.
Seine Mutter kam herein.
»Kann ich etwas für dich tun, Johannes?«
»Nein. Danke, Mama. Ich will versuchen, ein bißchen die Augen zuzumachen. Es rumort etwas da drinnen. Aber wenn Petersen kommt, laß ihn bitte herein.«
»Wenn Petersen kommt? Ich dachte, du bist krank?«
»Ja, ja, aber darum kann ich doch mit Petersen sprechen. Mach dir keine Sorgen, Mama. Mir geht es ausgezeichnet.«
»Du bist selbst schuld, wenn du dir deine Gesundheit ruinierst, mein Junge. Daß du es weißt.«
»Ja, ja, Mamachen.«
Er wachte auf, als Petersen in Habachtstellung in der Tür stand und sich mit Krankenzimmerstimme zum Dienst meldete.
»Petersen. Lassen Sie den Unsinn. Hier in meinen eigenen vier Wänden können Sie mich verdammt noch mal damit verschonen. Wie geht es?«
»Ich möchte mich zuallererst nach Ihrem Befinden erkundigen, Herr Inspektor. Eine haarige Sache. Es hätte natürlich jemand mit Ihnen...«
»Unsinn. Ich komme noch allein zurecht. Aber daß jemand die Polizei selbst unschädlich machen möchte... Das ist doch wohl das Dümmste, was man tun kann, denn die Polizei überlebt immer. Wenn es aber kein Irrtum war, müssen wir an irgendwas zu dicht rangekommen sein. Ich habe allerdings keine Ahnung. Was meinen Sie, Petersen?«
»Nichts, aber ich weiß inzwischen, daß man in der russischen Gesandtschaft von einem Fräulein Edvarda Dujardin nichts weiß. Man hat noch nie von ihr gehört und kennt auch niemanden, auf den die Beschreibung paßt.«
»Verflixt! So eine Frechheit! Das hätte ich ihr doch nicht zugetraut. Aber wir werden sie schon finden, wenn sie noch nicht außer Landes ist. Ich werde sie aufstöbern und die Wahrheit aus ihr herausschütteln, so wahr ich Johannes Arild Krogh heiße.«
»Ich dachte, der Herr Inspektor lehnten Handgreiflichkeiten ab. Normalerweise...«
»Ja, allerdings bin ich dagegen, selbst wenn Sie nicht hart schlagen, Petersen, gefällt es mir nicht. Aber es ist wohl nicht immer zu vermeiden. Noch in hundert Jahren wird die Polizei gelegentlich die Leute prügeln. Besonders die niedrigen Klassen. Man schlägt ja keinen Gerichtsassessor. Na ja, helfen Sie mir lieber, den weißen Plunder von meinem Kopf zu entfernen, und sehen wir zu, daß wir weiterkommen. Hören wir uns an, was der Doktor zu sagen hat. Gehen Sie schon mal vor und beschaffen uns einen Wagen? Mein Zustand berechtigt wohl dazu, daß wir einen Tag lang das Kleingeld der Polizei verprassen.«
Eine halbe Stunde später waren sie auf dem Weg zum Kommunekrankenhaus. Krogh klangen noch die Proteste seiner Mutter in den Ohren.
Eine schwarze Wolkenhaube hatte sich über die Stadt gelegt. Krogh konnte Petersen neben sich gerade noch erkennen.
»Sieht ja nicht schlecht aus«, sagte Petersen, als sie vor das neue Krankenhaus rollten, »wenn man an das alte denkt. Mit diesem Palast können die anderen Krankenhäuser es nicht aufnehmen. Aber hier landen würden wir trotzdem nicht gern.«
»Nein, zum Teufel, aber ein Fortschritt ist es doch. Was hat der Pförtner gesagt? Durch das Tor, nach rechts und den dritten Weg nach links. Ein Pavillon mit einem Kreuz über der Tür. Wir könnten es nicht verfehlen.«
Ihre Schritte hallten im Tor; ein Krankenträger zog einen Krankenwagen, und auf dem Innenhof huschten die Pflegerinnen hin und her. Ihre Häubchen nickten wie Schneeglöckchen.
Petersen klopfte an die Tür des Pavillons. Ein gebückter Mann in einer braunen Leinenjacke und mit müden Augen öffnete. Petersen zeigte ihm seine Dienstmarke.
»Bitte, kommen Sie herein. Sie werden erwartet. Nach rechts bitte.«
»Na, da sind Sie ja, Krogh. Ich glaubte fast, Sie hätten mich vergessen. Aber wie sehen Sie denn aus?« Der Arzt hatte die Reste des Verbands erblickt. »Sind Sie gefallen?«
Krogh erzählte kurz, was passiert war.
»Ein starkes Stück. Passen Sie auf sich auf. Sie können noch lange Kopfschmerzen davon behalten.«
»Sagt meine Mutter auch.«
»Sehen Sie. Mütter sind oft gar nicht so dumm. Sie sollten auf sie hören, ehe es zu spät ist.« Der Arzt sah ihn freundlich lächelnd an und deutete auf einen braungebeizten harten Stuhl.
»Jetzt zur Leiche.« Er nahm ein Stück Papier.
»In einer Sprache ausgedrückt, die auch Polizisten verstehen können, starb Ihr junger Mann durch einen Schuß aus einer kleinkalibrigen Pistole. Der Schuß wurde ganz aus der Nähe abgegeben. Wie Sie ja gesehen haben, wurde die rechte Hälfte des Gehirns sowie ein Teil des Gesichts weggeschossen. Verschönt hat ihn das nicht, aber das wissen Sie ja auch. Der Tod ist sofort eingetreten, und zwar Mittwoch abend zwischen neun Uhr und Mitternacht. Der Körper des jungen Mannes zeigt keine anderen Spuren von Gewalt – aber so ein Schuß ist ja auch Gewalt. Der Untersuchung des Mageninhalts zufolge hatte er gegen neun ein solides Abendessen mit Wein und Hummer eingenommen. Das sind die banalen Tatsachen.«
»Das Essen paßt auch zu seiner Gesellschaftskleidung.« Krogh schwieg. »Haben Sie sonst noch etwas?«
Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich schicke den Rapport an den Vizepolizeipräsidenten.«
Der Arzt erhob sich, um ihn hinauszubegleiten. Sein Mantel war alt, verschlissen und voller Flecken. Hier trugen die Ärzte nicht wie in Frankreich weiße Mäntel, wenn sie operierten oder obduzierten. Sie zogen ihre ältesten Sachen an. Krogh seufzte.
»Petersen«, sagte er, als sie durch das Tor gingen. »Würden Sie für mich ein Gespräch mit Frau Bramsnæs und ihrer Tochter, der Kammerherrin, vereinbaren? Ich gehe nach Hause und ruhe meinen Kopf ein bißchen aus. Er verträgt nicht soviel.«
»Das hat Frau Krogh auch gesagt. Sie...«
»Ja, ja. Aber benehmen Sie sich bitte nicht auch noch wie meine Mutter. Eine genügt.«