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KAPITEL 9 - LLAUKS LÄUTERUNG

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Würden die Menschen aus Fehlern lernen, wie wollten sie je in Not kommen?

Als die `Große Geliebte' in sanftem Bogen Kurs auf die Einfahrt des Hafens von Thedra nahm, war noch derselbe Llauk an Bord, der hier vor kaum drei Monaten eine Passage für sich und seine Stoffballen gesucht hatte. Llauk war durch die Hölle gegangen. Aber er hatte nichts gelernt.

Sed eb Rea, der Kapitän, den er mit seinem Dolch so heimtückisch angegriffen hatte, war es nicht müde geworden, sich immer neue Strafen und Schikanen für den verhaßten Thedraner auszudenken.

Llauk hatte für die Mannschaft den Hund spielen müssen. Ganze Tage lang war er halbnackt auf allen Vieren herumgekrochen, während der Kapitän die Mannschaft anstachelte, `dem Vieh' nur ja nichts durchgehen zu lassen. Wo immer Llauk sich auch aufgehalten hatte, immer war er den Männern im Weg gewesen und mit grausamen Fußtritten vescheucht worden. Immer wieder hatte er dem Kapitän seine Dankbarkeit bekunden müssen, überhaupt noch leben zu dürfen, und immer wieder war er trotzdem geschlagen worden.

Llauk war durch die Hölle gegangen.

So manches Mal während der endlosen Tage auf See hatte er sich vorgenommen, sich einfach über Bord fallen zu lassen, um seine Leiden zu beenden. An seinem Körper gab es nicht eine einzige Stelle, die nicht geschmerzt hätte. Zwei Zähne hatte man ihm herausgetreten, ehe der Kapitän anordnete, den Kopf und die Hände des Köters zu schonen. - Schließlich sollte Llauk ja in Thedra den reichen Kaufmann spielen; da paßten sichtbare Verletzungen nicht ins Bild.

Zweimal war Llauk `entlaust' worden.

Als er es einmal gewagt hatte, sich am Kopf zu kratzen, hatte der neue Bootsmann festgestellt, dass es `mit den Flöhen jetzt doch wohl überhand nähme'. Vor Freude johlend hatte die Mannschaft den schreienden Llauk an ein Tau gebunden und mittschiffs über Bord geworfen. Um die `Entlausung' auch wirksam zu gestalten, hatten sie ihn dann mit langen Stangen unter Wasser gedrückt, bis er auch nicht mehr das kleinste bisschen Luft in seinen Lungen hatte.

Weil das Ganze ein solcher Heidenspaß gewesen war, hatte man die Kur am Tag darauf gleich noch mal wiederholt. - Von da an hatte es sich mit Llauks Selbstmordgedanken. Er würde alles tun, um nicht ertrinken zu müssen.

Überhaupt fing Llauk schon wieder an, die Sache positiv zu sehen. Wenn er nicht gerade für die Mannschaft den Hund spielen mußte, saß er still und möglichst unauffällig in irgendeinem Winkel und pflegte seine wundgescheuerten Knie und Ellbogen. - Schmerzten auch all seine Muskeln und Gelenke, war sein Körper auch von Prellungen und Blutergüssen überdeckt, wurde er auch Tag für Tag an Leib und Seele mißbraucht und gedemütigt: War er nicht auf dem Weg nach Thedra? Würde er dort nicht ein reicher Kaufmann sein? Hatte Adiv eb Aser ihm nicht den Gouverneursposten zugesagt?

Über alles gesehen, fand Llauk, lief die Sache gar nicht so schlecht, wenn ihn auch allzu oft ein heftiger Fußtritt aus seinen philosophischen Betrachtungen riss.

Endlich war die Reise überstanden. Kurz vor der Hafeneinfahrt Thedras hatte man Llauk erlaubt, sich zu waschen und seine feinen Kaufmannskleider wieder anzulegen. - Jetzt fühlte er sich gleich wie ein neuer Mensch.

Trotzdem belastete eine neue Sorge sein Gemüt. Die Befehle, die er in Sordos empfangen hatte, sahen vor, dass er sich eine Wohnung im Händlerfelsen von Thedra nahm. - Aber wie sollte das möglich sein?

Die einzelnen Felsen waren den verschiedenen Zünften zugeteilt und die Höhlen darin an die einzelnen Familien vergeben. Es gab keinen Platz in Thedra. Keine Familie würde ihre Wohnstatt freiwillig aufgeben.

Llauk machte sich wirklich große Sorgen. Was würde aus ihm werden, wenn er schon dieses erste Versprechen nicht einlösen konnte? - Nach Sordos zurückkehren? - Mit der `Großen Geliebten' etwa? - Undenkbar! Was aber dann?

Sed eb Rea würde Llauk die Bronzestücke, die er in einer schweren Kiste auf den Achterdeck aufbewahrte, nicht herausgeben, wenn die Bestimmungen nicht buchstabengetreu erfüllt wurden, das war gewiß. Aber Llauk brauchte das Geld. Sollte er sich etwa als Bettler durchschlagen, wenn er den Dramilen erst einmal entronnen war? - Vielleicht ergab sich ja eine Möglichkeit, das Geld zu stehlen. Estador war groß, und wenn Llauk die Hauptstadt erst einmal verlassen hatte, würde kein Dramile ihn mehr finden können.

Llauk zitterte am ganzen Körper. Es gab keinen anderen Ausweg. Er mußte fliehen. - Aber er wollte auch das Geld haben. Wieviel Bronzestücke wohl in der Truhe sein mochte? Tausend? Zweitausend? - Vielleicht sogar die Hälfte der versprochenen Summe, sechstausend?

Sechstausend Bronzestücke! Llauk fand, dass das wahrscheinlich wäre. Schließlich sollte er einen reichen Kaufmann spielen. Er würde Ausgaben haben, Ware kaufen müssen und Frachten bezahlen. Bestimmt waren sechstausend Bronzestücke in der Truhe, vielleicht sogar noch mehr ...

Llauk spürte, wie die altbekannte, unbändige Gier von ihm Besitz ergriff. Verstohlen sah er sich um. Die albernen Dramilen hatten bei ihrem `genialen' Plan natürlich nicht bedacht, dass er überhaupt nicht funktionieren konnte. - Eine Wohnung in Thedra. Lächerlich! Llauk würde sich wie üblich selber helfen müssen, wenn er jemals in den Genuß des Geldes kommen wollte. - Er hatte zwar noch keinen festen Plan, aber bestimmt würde sich noch irgend etwas ergeben. Nervös spielte seine Zungenspitze in den frischen Zahnlücken.

Thedra rückte näher.

"Was bringst du, Dramile?" Der Offizier der Hafenwache, der sich von einem Ruderboot hatte an Bord bringen lassen, war mürrisch und kurz angebunden. Das Boot, das ihn hergebracht hatte, war leck gewesen, und so stampfte er nun mit vollständig durchweichten Seestiefeln über das Deck der `Großen Geliebten'.

"Nur einen Passagier, Herr!" Sed eb Rea ging wieder ganz in seiner Rolle als devoter Handelskapitän auf. "Einen Kaufmann aus Eurer schönen Stadt, der bei uns in Sordos sein Glück gemacht hat. Stellt Euch vor, Herr, was ..."

"Schon gut!" Unwillig winkte der Offizier ab. Kurz streifte sein Blick Llauk, der mit stolzer Miene und erhobenem Haupt auf dem Achterdeck stand. "He, bist du nicht der Hungerleider, der sich vor einiger Zeit im Hafen herumgetrieben hat?"

Llauks Maske der Selbstsicherheit zerrann, wie eine Sandmalerei am Strand unter der ersten Welle. Mit einem ausgesprochen dümmlichen Schafsgesicht stand er da und wußte kein Wort zu sagen.

"Herr, wie sprecht Ihr mit Llauk, dem König der Händler?", entrüstete sich Sed eb Rea. "Ganz Sordos, ja ganz Dramil kleidet sich in die feinen Stoffe, die dieser ..."

"Schon gut!" Der Offizier besah sich ärgerlich seine nassen Stiefel. "Was hast du sonst noch geladen?"

"Weißholz und Leder für Cebor - Salzblöcke für Oskan - und Wolle für die Spinnereien von Col. Erlaubt, Herr, dass ich einige Tage in Eurem Hafen verweile. Ich suche noch Fracht."

"Hundert!" Der Offizier streckte die Hand aus.

"Gestattet, Herr, dass ich Euch Einhundertfünfzig aushändige." Sed eb Rea nestelte an seinem Gürtel herum und gab dem Mann einen Beutel. "Es mag sein, dass ich noch ein wenig länger bleiben muß. Dann braucht Ihr Euch nicht extra zu bemühen."

"Bleib, so lange du willst!" Der Offizier setzte sich auf die Reling und begann seine Stiefel auszuziehen. Das Boot, das ihn gebracht hatte, war inzwischen mit knapper Not zurück ans Ufer gelangt und wurde jetzt hastig ausgeschöpft.

"Soll ich jetzt die Ladeluken öffnen lassen?" Der Kapitän verbeugte sich tief. Sein schief gelegter Kopf gab ihm dabei den Anschein besonderer Demut.

"Schon gut! Nicht mehr nötig!" Der Hafenbeamte ließ einen Schwall Wasser aus seinem Stiefel auf das Deck plätschern. "Ich werde dem Hafenmeister ausrichten, dass du seine Familie grüßen läßt." Dabei schlug er mit der flachen Hand auf den Geldbeutel.

"Danke Herr, danke!" Der Kapitän zog sich zurück, um das Anlegemanöver vorzubereiten.

Llauk hatte die Unterhaltung der beiden Männer mit Spannung verfolgt. - So lief das also! Die ganzen Geschichten von der unbestechlichen thedranischen Hafenwache waren nichts als Schwindel! Llauk beschloß, sich das Gesicht dieses Offiziers gut einzuprägen. Ein Kerl, der sich so schamlos kaufen ließ, konnte irgendwann einmal sehr nützlich sein. Schließlich würde auch er bald Geld haben - und dann ...

Mittlerweile war die `Große Geliebte' immer weiter auf die Hafeneinfahrt zu geglitten und befand sich jetzt schon in Höhe des Schwalbenhafens zwischen den hohen Felsen.

Hoch oben auf der Klippe, die die Aussicht auf Hafen und Werft der Fliegenden Schiffe versperrte, sah Llauk eine Bewegung. Nun erkannte er, dass auch dieser Felsen weit über dem Wasserspiegel von Höhlen und Gängen durchzogen war. In schwindelnder Höhe, unerreichbar für Pfeil und Speer, gingen Soldaten hinter hüfthohen Brüstungen Wache.

Da hatten die Dramilen sich ja eine Menge vorgenommen, fand Llauk. - Ein paar gut gezielte Felsbrocken und ein paar brennende Pfeile aus dieser Höhe und die Hafeneinfahrt wäre von sinkenden Schiffen blockiert. Es war ihm schleierhafter denn je, wie die Dramilen diese natürliche Festung bezwingen wollten.

Auf beiden Seiten glitten langsam die schwimmenden Sperrwerke vorbei, die des nachts den Schneckenhafen schützten. Welche Fallen und Teufeleien der Schwalbenhafen bereithielt, hatte Llauk nicht erkennen können. Er vermutete aber einiges.

Doch warum sollte er sich den Kopf fremder Leute zerbrechen? Was ging ihn das alles noch an? Er würde auf eine günstige Gelegenheit warten, das Geld stehlen und sich dann aus dem Staub machen.

Mochten die Dramilen ihn suchen! Mochten die Stadtwachen ihn suchen! Llauks wirkliche Pläne kannte nur er allein! Tos eb Far mußte er finden! Den alten Tos, der ihm diesen unseligen Plan eingeredet hatte. Er würde ihn suchen und von seinem Besitzer zurückkaufen. - Und dann würde er ihn sterben lassen. - Nein, nicht einfach umbringen. - Verhungern sollte der Kerl! Verhungern im Angesicht Llauks voller Schüsseln und Teller. Hunger und Durst sollten den Verräter, der seinem Herrn so viel von der Demut der Dramilen erzählt hatte langsam umbringen. Sein Wehgeschrei und sein Klagen sollten die Musik sein, bei der Llauk einschlief und erwachte. Und auch sonst hatte sich Llauk noch einiges für den alten Sklaven ausgedacht. Einige sehr spezielle Dinge, denn er hatte sehr viel gelernt bei den Dramilen!

Llauk sollte seine Chance bekommen. Endlich war das Schicksal einmal auf seiner Seite.

Schon am Nachmittag, die Große Geliebte lag sicher vertäut an der Kaimauer, war die Gelegenheit zur Flucht günstig wie noch nie.

Der Kapitän hatte den Großteil der Mannschaft an Land gehen lassen. Sicher saßen die Männer schon in den Schenken der Stadt und vergnügten sich nach besten Kräften. Es war ganz ruhig an Bord. Nur zwei Matrosen waren noch da, die sich an einer der Ladeluken zu schaffen machten.

"He, Was treibt ihr da?" Sed eb Rea fühlte sich in seiner nachmittäglichen Ruhe gestört. Wütend war er aus seinem Korbsessel hochgeschnellt und stand jetzt drohend auf dem Achterdeck. "Wollt ihr mich bestehlen?"

Llauk grinste. Er hatte schon immer grinsen müssen, wenn andere Schwierigkeiten bekamen.

"Nein Herr!" Einer der Matrosen sah auf. "Aber es riecht hier so stark nach Wein."

Das fand Llauk hochinteressant. Wein hatte der Kapitän bei der Deklaration überhaupt nicht erwähnt.

"Was?" Sed eb Rea stapfte die Stufen hinunter und ging zu seinen Leuten. Tief beugte er sich zu der verschlossenen Luke hinab und sog tief die Luft ein. "Aufmachen!", entschied er dann.

Aufmerksam beobachtete Llauk die Männer, wie sie die Verkeilung lösten, den schweren Lukendeckel anhoben und mit einem Kantholz abstützten. Einer der Männer sprang in den Laderaum hinunter, während der andere Matrose und der Kapitän tief gebückt in den dunklen Schiffsleib hinabspähten.

"Die Fässer haben sich gelöst!", hörte Llauk den Mann im Laderaum rufen. "Komm, hilf mir mal!"

Sofort stieg der zweite Matrose hinab in die Finsternis. Nun war nur noch Sed eb Rea an Deck. Er schien Llauk vollständig vergessen zu haben.

Llauk hörte die Männer unter Deck rumoren.

"He, Vorsicht! Wartet!" Sed eb Rea schickte sich an, ebenfalls in den Laderaum hinabzusteigen, als auf einmal ein rutschendes, berstendes Krachen unter Deck die Planken der Großen Geliebten erzittern ließ.

"Ihr verdammten Hunde! Hab ich euch nicht gesagt, dass ihr warten sollt?" Vor Wut brüllend sprang der Kapitän seinen Männern zu Hilfe.

Llauk sprang auf. Das war seine große Chance! Kein Mensch außer ihm an Deck und die Geldtruhe völlig unbewacht.

Schnell und leise schlich er sich zu dem offenen Laderaum, aus dem polternde Geräusche und wildes Fluchen zu ihm heraufdrangen. Ein schneller Tritt, und das Kantholz flog in das Dunkel hinab. Krachend schlug der schwere Lukendeckel zu.

In fliegender Hast robbte Llauk um die Luke herum und steckte die Keile in die dafür vorgesehenen Löcher. - Aber wo war der Hammer? Wo, bei allen Göttern war der große Holzhammer, mit dem die Keile unverrückbar fest in die Löcher getrieben werden konnten? Llauk erinnerte sich, dass der zweite Matrose das schwere Werkzeug mit nach unten genommen hatte. Hastig trat er mit seinen feinen Kaufmannsschuhen gegen die Keile. - Das mußte reichen. Dumpf drang das Wutgeheul der gefangenen Männer durch das schwere Holz.

Llauk wirbelte herum. Mit ein paar raschen Schritten war er bei der Geldkiste. Nur ein dünner Bronzedorn sicherte den Deckel. Llauk riß ihn heraus. Nervös sah er sich um. Auf dem Kai war alles ruhig.

Llauk riß sich seinen teuren Kaufmannsmantel von den Schultern und breitete ihn auf den Planken aus. Dann fasste er unter den Rand des Truhendeckels und hob ihn an.

Die Männer unter Deck tobten und schrien. Llauk hörte schwere Schläge. Der Mann mit dem Holzhammer versuchte wohl, den Lukendeckel zu zertrümmern.

Der Truhendeckel war erstaunlich schwer. Llauk keuchte. Dann war es geschafft: Sauber aufgereiht lagen die Geldbeutel in der Truhe vor ihm. Jetzt schnell soviel davon auf den Mantel werfen, wie er tragen konnte, das Bündel zusammenraffen und verschwinden. Wenn er erst einmal die Stadtgrenze erreicht hatte, war er in Sicherheit.

Der Deckel der Truhe ließ sich nicht überklappen, ein starkes Seil, das unter den Geldbeuteln verschwand, verhinderte das. Aber ein dünnes Kantholz lag in einem Seitenfach bereit. Llauk griff danach um den Deckel abzusichern.

Kaum hatte er das Holz, das sehr fest in seiner Halterung steckte, bewegt, da ertönte unter der Truhe ein Geräusch, als wenn ein schwerer Stein über Holz rutscht. Weit vornübergebeugt, den rechten Arm tief in der Truhe, stand Llauk da, als sich plötzlich das Seil, das aus dem Truhenboden kam, straffte und den Deckel mit Urgewalt nach unten riß. Mit dumpfem Knall prallte das schwere Holz auf den Truhenrand - und auf Llauks Arm.

Llauk war von dieser Entwicklung der Dinge so erschüttert, dass er sogar zu schreien vergaß. Mit offenem Mund stand er da und starrte auf den lächerlich schmalen Spalt, in dem sein rechter Arm steckte. Noch spürte er keinen Schmerz.

Zaghaft versuchte er mit der anderen Hand, den Deckel wieder anzuheben. Nichts rührte sich. Er verstärkte den Druck, bis er all seine Kraft einsetzte. Umsonst!

Langsam kehrte das Gefühl in seinen Arm zurück. Es war zuerst, als würden seine Fingerspitzen in kochendem Wasser stecken. Nach wenigen Augenblicken war es schon die ganze Hand, die auf einem glühenden Holzscheit lag. Dann loderte eine ungeheure Schmerzwelle bis in seine Schulter hoch.

Llauk ging keuchend vor der Truhe in die Knie, peinlich bemüht, seinen eingeklemmten Arm nicht zu bewegen. Hinter ihm polterte es. Voller Panik sah er, dass schon drei der vier Keile neben der Ladeluke auf den Planken lagen, da flog auch der letzte Keil heraus und der Deckel hob sich.

Llauk konnte es nicht ändern. - Sein Körper machte von ganz allein kleine sinnlose Fluchtbewegungen. Er fühlte sich wie ein Tier in der Falle. - Wie ein sehr kleines und verletzliches Tier.

Augenblicke später Stand Sed eb Rea schweigend vor ihm. Er sah fast traurig aus, wie er so mit schiefliegendem Kopf dastand. "Stoffmacherlein", sagte er mit ruhiger Stimme, "...wäret Ihr ein schlechter Mensch, ich könnte Euch achten. Aber Ihr seid nicht schlecht. - Noch nicht einmal das. - Ihr seid nur dumm. - Ich frage mich langsam wirklich, ob Ihr für meine Pläne brauchbar seid."

"Helft mir, Herr", verlangte Llauk flüsternd. "Bitte!"

"Warum?" Sed eb Rea reckte sich gründlich und setzte sich dann gemütlich in seinen Korbsessel.

"Bitte!", wiederholte Llauk nur, weil ihm auch kein Grund einfiel.

"Helft diesem Wurm!", befahl der Kapitän den beiden Matrosen, die sich inzwischen ebenfalls aus dem Laderaum herausgearbeitet hatten.

"Sollen wir den Deckel anheben, oder einfach seinen Arm abhacken?", wollte einer der Männer wissen.

Sed eb Rea schien den Vorschlag ernsthaft zu überdenken.

Llauk spürte, dass er kurz davor war, ohnmächtig zu werden.

"Hebt den Deckel an", entschied der Kapitän schließlich. "Der Kerl hat mich zu viel gekostet. Er muß noch arbeiten."

Murrend mühten die beiden Matrosen sich mit dem Deckel ab; die andere Lösung wäre ihnen offensichtlich lieber gewesen. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, der Spalt vergrößerte sich höchstens um einen Fingerbreit. Llauk bekam seinen Arm nicht frei. Erst als Sed eb Rea aufstand und mit anfaßte, gelang es endlich, den Deckel so weit hochzudrücken, dass der schwere Stein, der an dem Seil hing, wieder an seinen Platz rutschte. Sed eb Rea drückte mit einer Hand das Kantholz wieder an seinen Platz. Der Schmerz schoss in den Arm wie feurige Glut, und Llauk stürzte ohnmächtig auf die Planken der Großen Geliebten.

"Ah, seid willkommen!" Der Tuchhändler sprang auf und eilte den Ankömmlingen entgegen. "Kommt herein und nehmt Platz. Meine Frau wird Tee bringen und Wein. Hattet ihr eine gute Fahrt? Euer Bote war schon vor elf Tagen hier. Ich kann noch gar nicht begreifen, dass es jetzt schon so weit ist. Ja, Tuche aus Estador sind die besten! Setzt euch, setzt euch. - Irna, bring den Tee! - Hattet ihr eine gute Reise? Wie war das Wetter?" - Der Mann plapperte aufgeregt weiter, während seine Frau nervös lächelnd den Tee servierte.

Llauk sah Sed eb Rea bedeutungsvoll an, als er sich vorsichtig setzte. Sein angebrochener Unterarm tat bei jeder Erschütterung furchtbar weh.

Der Kapitän reagierte nicht auf Llauks Blick. Ganz auf den Gastgeber konzentriert, zeigte er sein liebenswürdigstes Lächeln. "Wir freuen uns, dass wir einen so guten Geschäftspartner gefunden haben, Herr!", unterbrach er den Redefluß des Mannes. "Doch lasst mich zuerst den Mann vorstellen, in dessen Haus Ihr in Sordos wohnen werdet: - Llauk! Stoffmacher und Kaufmann aus Idur, in eurem schönen Estador."

"Schön, dich kennenzulernen!" Erfreut sprang der Mann auf, ergriff über den Tisch hinweg Llauks Hand und schüttelte sie heftig.

Llauk jaulte auf, wie eine getretene Katze.

"Was hast du denn?" Irritiert ließ der Mann die Hand los.

"Herr Llauk hat leider einen kleinen Unfall im Hafen gehabt", behauptete der Kapitän. "Ein Karren ist über seinen Arm gerollt."

"Schlimm, schlimm", stellte der Mann fest. "Aber wie kann denn so etwas passieren?"

"Hingefallen", preßte Llauk mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

Der Kaufmann schüttelte verständnislos den Kopf. Dann kam er auf die Frage, die ihn schon seit Wochen beschäftigte: "Du bist also wirklich bereit, meinen ganzen Warenbestand aufzukaufen und mir dein Haus in Sordos zu überlassen, nur damit du hier in meiner Wohnung deine Geschäfte betreiben kannst?"

Llauk nickte stumm und betrachtete mit Tränen des Schmerzes in den Augen seine mißhandelte Hand.

"So ist es, Herr!", bestätigte Sed eb Rea. "Ihr betreibt in Sordos die Handelsniederlassung des Herrn Llauk, der Euch dafür Euren gesamten Bestand an Tuchen gegen blankes Geld abkauft. Weiterhin setzt Herr Llauk Euch ein Gehalt in Höhe von zehn Bronzestücken täglich aus, damit Ihr seine Stoffe in Sordos an den Mann bringt und ihm Eure Wohnung im Tausch überlasst."

"Und meine Wohnung hier in Thedra bleibt mir erhalten?"

"Der Vertrag gilt für fünfhundert Tage. Wann immer Ihr danach zurückkehren wollt, könnt Ihr es tun, Herr!"

Der Kaufmann verständigte sich durch einen kurzen Blick mit seiner Frau. Offenbar war sie einverstanden, denn er begann bedächtig mit dem Kopf zu nicken. "Wenn Ihr bereit seid, können wir zum Obmann des Felsens gehen und den Pakt besiegeln. Eine thedranische Handelsniederlassung in Sordos! Ich habe schon mit dem Obmann darüber gesprochen. Die Idee gefällt ihm gut."

"Dann lasst uns keine Zeit verlieren, Herr!" Der Kapitän stand auf. "Gehen wir zum Obmann und dann könnt Ihr anfangen zu packen. - Viel ist es ja nicht, was Ihr braucht. Das Haus des Herrn Llauk ist mit allem ausgestattet."

"Tja, äh ..." Der Kaufmann druckste herum und wußte nicht, wie er beginnen sollte. "Das Geld, ich meine, für die Ware, äh ..."

"Wieviel müßt Ihr haben für Euren Warenbestand, Herr?", half Sed eb Rea.

"Eintausendfünfhundert, äh ..." Das schlechte Gewissen war dem Mann förmlich anzusehen.

"Seid Ihr damit einverstanden, Herr?", wollte der Kapitän von Llauk wissen.

Der sah sich in der Höhle um. Die Tuche, die er sah, waren bestenfalls neunhundert wert. - Aber schließlich suchten sie ja einen Dummen, und dieses eine Mal wollte er seine Sache gut machen. "Kein Problem", meinte er mit gönnerhaftem Gesicht und wollte seine Worte mit einer lässigen Handbewegung unterstreichen, ließ es dann aber mit einem unterdrückten Wehlaut doch ganz schnell sein.

Auch bei dem Obmann verlief das Gespräch ganz nach Wunsch. Sed eb Rea sprach, und Llauk nickte ab und an bestätigend oder gönnerhaft. Jedenfalls war der Vertrag jetzt unter Dach und Fach. Sed eb Rea setzte den Abfahrtstermin auf übermorgen früh fest, und der Händler ging heim, um seine Sachen zusammenzupacken.

Wie zwei Freunde kehrten Llauk und der Kapitän auf das Schiff zurück.

Llauk war zufrieden. Jetzt konnte es langsam losgehen mit dem guten Leben in Thedra. Zwei Nächte noch auf dem Schiff, dann würde er endlich seine Wohnung beziehen. Er protestierte auch nur mäßig, als Sed eb Rea ihn unter Deck in den hinteren Laderaum führte und ihn über Nacht an den Besanmast fesselte. Er konnte dem Kapitän sein Mißtrauen nicht verübeln, wenn der auch die Fesseln grausam fest anzog.

Am nächsten Morgen wurden die ersten Stoffballen aus dem Lager des Kaufmanns angeliefert.

Wenig später kam Llauks Handelspartner an Bord, um sich schon einmal sein Geld anzusehen. Entzückt starrte er in die Truhe, die Sed eb Rea bereitwillig geöffnet hatte. Dutzende von Beuteln, gefüllt mit gutem Geld, lagen darin. Sed eb Rea öffnete einige von ihnen vor den Augen des Kaufmanns und ließ die Bronzestücke genüßlich in seine Hand fließen.

Bewundernd schaute der Mann zu Llauk herüber, der krampfhaft bemüht war, die Spuren der nächtlichen Fesselung unter seinem weiten Gewand zu verbergen. "Du bist sehr reich, Llauk!", stellte er fest.

"Verkauf du nur die Ware, die ich dir sende, dann wirst du auch bald so reich sein!", erklärte Llauk steif.

"Wenn es gute Ware ist", erklärte der Kaufmann stolz, "...werde ich auch gute Preise erzielen."

"Richte dich nur in allem was du tust, nach dem Rat meines Freundes Adiv eb Aser!", empfahl Llauk säuerlich. "Er ist ein mächtiger Mann in Sordos." Täuschte Llauk sich, oder hatte er den Kapitän bei diesen Worten lächeln sehen?

Schließlich war der Kaufmann wieder von Bord gegangen, wobei er vor Llauk eine tiefe Verbeugung gemacht hatte.

"Ihr habt übrigens recht, Herr", vertraute Sed eb Rea Llauk an, als der Kaufmann fort war. "Adiv eb Aser ist wirklich ein großer Mann in Sordos. Er ist Marschall des Hofes von Thonar. - Mein erster Diener!"

Der Kaufmann konnte es nicht erwarten.

Früh am nächsten Morgen, gleich nachdem das große Hafentor geöffnet worden war, kam er mit zwanzig Trägern an Bord der Großen Geliebten, um die Ware zu verstauen. Im Gegensatz zu Llauks Überfahrt nach Sordos wurden die Stoffballen diesmal nicht auf dem Vorderdeck verzurrt, sondern ordentlich in einen trockenen Laderaum gestapelt.

Wenig später kamen auch die Frau und die Kinder des Kaufmanns auf das Schiff.

Es gab also noch mehr Narren auf der Welt. Verstohlen grinsend sah Llauk der Kaufmannsfamilie zu, wie sie sich an Bord einrichtete. Fröhlich hüpften die Kinder um das Elternpaar herum. Einer der größeren Jungen ging bereits auf Entdeckungstour auf dem Schiff.

Sed eb Rea stand auf dem Achterdeck. Sein zur Seite geneigter Kopf bewegte sich nicht und sein Gesicht verriet keine Regung. - Aber Llauk wußte genau, dass er den Jungen aus seinen schmalen Augenschlitzen heraus beobachtete. Ihn schauderte plötzlich. Noch vor der Tagteilung sollte die `Große Geliebte' in See stechen. - Wie würden dieser Familie wohl die dramilischen Späße bekommen?

"Fünftausendfünfhundert! Sechstausend! sechstausendfünfhundert!" Laut zählte der Kapitän dem Kaufmann sein Vermögen vor. Bei jedem Wort legte er einen weiteren Beutel mit fünfhundert Bronzestücken auf den Tisch, der extra für diesen Zweck auf dem Achterdeck aufgebaut worden war. Llauk wurde es übel vor Aufregung. Dreizehn Beutel lagen nun auf der Tischplatte. Dreizehn Beutel, die eigentlich Llauk gehörten. Sicherlich, rein rechnerisch stimmte alles. Drei Beutel für die Ware des Mannes und je zehn Bronzestücke für insgesamt fünfhundert Tage Sordos. - Aber Llauk hatte doch niemals damit gerechnet, dass dieser Gimpel das Geld auch tatsächlich erhalten sollte. Ihm, Llauk, blieben jetzt nur noch fünftausendfünfhundert Bronzestücke von den versprochenen zwölftausend. Wie sollte er davon bloß ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen? Was dachte dieser idiotische dramilische Landedelmann sich eigentlich dabei, das gute Geld so zu verschleudern?

Doch es sollte noch schlimmer kommen.

"Ihr gestattet doch, dass ich das Geld für Euch in Verwahrung nehme, Herr?" Freundlich lächelnd begann der Kapitän die Beutel wieder in die Truhe zu packen.

"Äh, ja, natürlich", stotterte der Kaufmann irritiert. "Äh, in deiner, äh, Eurer Obhut ist es bestimmt sicherer. Nicht?"

"Gewiß, Herr!", bestätigte der Kapitän. "Lasst Euch nur von Herrn Llauk bestätigen, wie sicher meine Truhe ist."

"Sehr sicher!", knurrte Llauk. Im Moment sah er aus wie eine sterbende Ratte und fühlte sich auch so. Sechstausendfünfhundert seiner schönen Bronzestücke waren aus der Truhe auf den Tisch und dann wieder in die Truhe gelegt worden. Natürlich war es Llauk klar, was das bedeutete: Er würde das Geld nicht erhalten, und der Kaufmann würde das Geld auch nicht bekommen! Es war alles nur ein dramilischer Scherz gewesen. Der Einzige, der von dieser Transaktion profitierte, würde Sed eb Rea sein, der einen ganzen Laderaum der Großen Geliebten umsonst mit fremden Stoffballen gefüllt hatte.

"Kommt, Herr!" Der Kapitän war bester Laune. Er lächelte Llauk strahlend an. "Lasst uns an Land gehen, damit Ihr Euch in Eurer Wohnung einrichten könnt. Dann kann ich Euch auch gleich Euer Vermögen aushändigen.“ Schwungvoll nahm er eine kleine Schatulle aus der Truhe, die Llauk bei seiner mißglückten Aktion ganz übersehen hatte. "Gold!", erklärte er dem neugierigen Kaufmann mit einem Augenzwinkern.

Der schaute erstaunt drein. Gold! Ein so rares und wertvolles Zahlungsmittel! Dieser Llauk mußte wirklich sein Glück gemacht haben, in Sordos.

Auch Llauk war plötzlich wieder interessiert. Gold! Eine Schatulle voll Gold für ihn? Konnte das sein? Möglicherweise ja, denn er würde ja zur Tarnung das Lebe eines reichen Kaufmanns führen müssen. Bestimmt war ein kleines Vermögen in dem Kasten, und dann sah die Welt doch gleich schon wieder viel besser aus. Hastig stand er auf und folgte dem Kapitän an Land.

Gemeinsam gingen sie am Kai entlang, als sich ihnen ein dritter Mann in dunkler Kleidung anschloß. "Darf ich Euch Szin eb Szin vorstellen, Herr?" Sed eb Rea lächelte verbindlich, und der Neuling verbeugte sich leicht im Gehen. "Szin ist Großmeister der Klinge und des Schmerzes. Mit anderen Worten: Ein ausgebildeter Meuchelmörder. Wäre Euer Geschäftspartner nicht freiwillig auf unsere Vorschläge eingegangen, Szin hätte ihm und seiner ganzen Familie ohne Frage die Kehle durchgeschnitten. - Schließlich brauchtet Ihr eine Wohnung, Herr."

Llauk mußte plötzlich schlucken. "Gut, wenn man entschlossene Freunde hat", preßte er dann heraus.

Der Kapitän lachte auf. "Nun, ob Szin Euer Freund ist, das wird sich noch herausstellen. - In erster Linie ist er dazu eingesetzt, Euch zu überwachen, Herr! Ihr habt uns eine schöne Stange Geld gekostet, und ich wünsche nicht, dass Ihr plötzlich und heimlich über Nacht von hier verschwindet."

Llauk wollte protestieren, aber Sed eb Rea schnitt ihm sofort das Wort ab. "Ich weiß, dass Ihr Euch mit Fluchtgedanken tragt, Herr! Darum lasst Euch sagen, dass Szin schon viele Flüchtlinge in allen Ländern des Kontinents verfolgt hat. - Und nicht einer ist ihm entkommen. Ihre Köpfe stehen in seinem Haus in Sordos in einem großen Regal. Er hat immer ein wenig Salz zur Konservierung dabei. - Sorgt Ihr nur dafür, dass er es nicht benutzen muß."

Llauk brachte kein Wort mehr heraus, und so verlief der Rest des Weges in Schweigen.

In der Wohnung angekommen, stellte Sed eb Rea die Schatulle auf den einzigen Tisch im Raum und klappte sie auf. Zu Llauks maßloser Enttäuschung enthielt sie nicht ein einziges Stückchen Gold, sondern nur fünfhundert Bronzemünzen.

"Die zweite Funktion Szins ist die, Euch Euer Geld zuzuteilen, Herr!", begann der Kapitän wieder. "Ihr seid mir ein wenig zu gierig, Stoffmacherlein! Darum ist es besser, wenn Szin Euch täglich nur zwei Bronzestücke gibt. Kann sein, dass er, wenn Ihr ihn bittet, ab und an auch drei Geldstücke gewährt, aber nicht zu oft. Wenn Ihr Stoffe einkaufen wollt, müßt Ihr ihn um Geld bitten.

Legt Euch unbedingt ein kleines Lager an, schließlich müßt Ihr den Schein wahren. Und wagt es nicht, ihn betrügen zu wollen. Szin wird die Ware prüfen und zählen. Da er nicht sprechen kann, wird er sich nicht mit Euch streiten. Aber wenn etwas nicht stimmt, wird er Euch sein Mißfallen schon spüren lassen. - Er versteht sich übrigens nicht nur aufs Morden, er weiß auch Schmerzen zu bereiten, die man niemals im Leben vergißt."

Szin saß am Ende des Tisches und nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Llauk spürte, wie sich ein Schauder von seinem Rückgrat aus über seine Haut zog. - Würden diese Bosheiten der Dramilen denn niemals enden?

"In etwa sechzig Tagen bin ich wieder hier. Dann werdet Ihr Eure Weisungen erhalten. Achtet auf Eure Gesundheit, Herr!"

Sed eb Rea war fertig. Schweigend schob er die Schatulle über den Tisch zu Szin hinüber, drehte sich um und ging.

Szin schien das nicht weiter zu beeindrucken. Stoisch saß er da und starrte vor sich hin.

Llauk ging nervös in der Höhle auf und ab. Jetzt, wo das Warenlager geräumt war, sah es hier furchtbar öde aus, fast wie in einem Kerker. Schnell drängte Llauk das Bild der Erinnerung an Cilia, seine schweigsame Mitgefangene, beiseite, aber viel angenehmer war dieser Szin ja auch nicht.

Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Mit ein paar schnellen Schritten war er beim Tisch. "Gib mir Geld!", forderte er Szin auf.

Szin griff träge in die offene Schatulle und schnipste zwei der kleinen Geldstücke auf den Tisch.

Jämmerlich sahen die Bronzestückchen aus, wie sie da so auf der großen Tischplatte lagen. "Noch eins!", forderte Llauk.

Szin schien ihn nicht gehört zu haben. Scheinbar lethargisch saß er da und rührte sich nicht.

"Noch eins!", wiederholte Llauk.

Da endlich kam Leben in die dunkel gekleidete Gestalt. Langsam griff Szin unter den Tisch und zog zu Llauks namenlosem Schrecken einen fast ellenlangen, aber nur etwa fingerdicken Dolch aus reinstem Stahl aus seinem Stiefelschaft.

Es war schwer zu sagen, was Llauk mehr erschütterte: Die Drohung, die im Ziehen dieser nadelfeinen Waffe lag, oder der schier unermeßliche Wert dieses Dolches. Welches Wissen und welche Kunstfertigkeit waren nötig, um solch eine stählerne Waffe zu schmieden!

Llauk machte ein Gesicht, als seien ihm sämtliche Götter Thedras gleichzeitig erschienen. Schauer der Ehrfurcht und der Angst wechselten sich auf seinem Rücken ab, aber gleichzeitig stieg auch ein Gefühl der Bitterkeit in seiner Kehle hoch. Da spielte dieser Mörder mit dem Gegenwert eines ganzen Palastes herum, um ein lächerliches, drittes Geldstück zu verteidigen.

Vorsichtig nahm Llauk sein Almosen von der Tischplatte auf und ging zur Tür. Als er sich in der Tür nochmals umdrehte, saß Szin schon wieder unbeweglich auf seinem Platz. Der wunderbare, fürchterliche Dolch war nicht mehr zu sehen.

Wie ein Kind zum Markt, seine beiden Geldstücke fest in der gesunden Hand haltend, ging Llauk zum Hafen hinunter und betrank sich.

Er hatte gerade den ersten Becher Wein geleert, als die `Große Geliebte' im ruhigen Wasser des Hafenbeckens vorbeizog. Llauk dachte an einen gewissen Hund, der mal auf dem Schiff gelebt hatte. Trotzig hob er seinen angebrochenen Arm, und vor Schmerz aufstöhnend schenkte er sich mit seiner bandagierten Hand nochmals ein.

Als er später in seine Wohnung zurückkehrte, war der Platz, an dem Szin gesessen hatte, leer. Llauk nahm an, dass er zum Hafen hinuntergegangen war, um auf einem dramilischen Schiff zu übernachten. Auch die Schatulle war natürlich verschwunden.

Llauk warf sich zornig auf das schlechte Bett in der Ecke des Raumes, und wäre sein Arm nicht angebrochen gewesen, hätte er wohl mit beiden Fäusten darauf eingetrommelt.

Die folgenden Wochen waren für Llauk voller quälender Ungewißheit. Er machte sich Sorgen darum, ob es seinem Geschäftspartner in Sordos wohl wirklich so schlecht ging, wie er vermutete. War es vielleicht möglich, dass die Dramilen in ihrer Bosheit die Familie in Sordos in Freuden und Wohlstand leben ließen, während er, Llauk, mit einem lächerlichen Almosen in Thedra darben mußte?

Wäre doch wenigstens Sajai hier, die Dienerin mit den unsagbar zärtlichen Händen, dann würde er die endlosen Tage im Kaufmannsfelsen wenigstens etwas besser ertragen. Aber der Gedanke an Sajai machte alles nur noch schlimmer. - Was würde der Kaufmann mit ihr anstellen, wenn seine Frau auf dem Markt war? Sajai war leicht zu entflammen, das wußte Llauk.

Halb wahnsinnig vor Wut und Eifersucht rannte Llauk durch die Straßen von Thedra. Meistens war er auf der Suche nach Szin. Der Kerl machte sich einen Spaß daraus, sich vor Llauk zu verbergen. Manchmal war es schon weit nach der Tagteilung, bis Llauk seine täglichen Bronzestücke endlich erhielt.

So hatte er sich sein Leben als feiner Herr nicht vorgestellt. Kaum traute er sich, sein tägliches Geld auszugeben, aus Angst, Szin könne irgendwann die Zahlungen gänzlich einstellen. Aber der Mensch muß essen, und Llauk war jung und hatte eigentlich immer Appetit. So sehr er sich auch bemühte, nie gelang es ihm, ein paar Geldstücke für seine Flucht zusammenzusparen.

So "nagte er an seinem Leben, wie der Hund an der Steckrübe", wie man in Thedra sagte - Widerwillig, übellaunig, aber doch nicht bereit, das bisschen was er hatte, fahren zu lassen.

"Würden die Menschen aus Fehlern lernen, wie wollten sie je in Not kommen?", sagt man in Thedra.

Natürlich versuchte Llauk doch zu fliehen.

Etliche Wochen nach Sed eb Reas Abreise hatte Llauk durch geschickte Einkäufe wirklich einen ansehnlichen Warenbestand in seiner Höhle eingelagert.

Nun ergab es sich, dass einer seiner Nachbarn sein ganzes Lager an einen reisenden Händler aus Oskan hatte verkaufen können und Llauk in den Ohren lag, dass er dringend neue Stoffe brauche.

Llauks Entschluß war schnell gefaßt: Er verkaufte dem Mann spätabends, als Szin schon im Fremdenhaus oder auf seinem Schiff sein mußte, seine sämtlichen Stoffballen mit einem schönen Gewinn, packte eilig sein Bündel und verschwand aus Thedra.

Nachdenklich ging er den Felssteig entlang, den einzigen Weg, der ins Innenland nach Estador führte.

Bestimmt war das die beste Lösung. - Einfach weggehen! Die Geschäfte mit den Dramilen hatten ihm kein Glück gebracht, das sah er allmählich selbst ein. Zwar tat es ihm ein wenig leid um den schönen Gouverneursposten, aber wer wollte sagen, ob die Dramilen auch ihr Wort halten würden?

Vierhundert Bronzestücke hatte Llauk in der Tasche. Davon konnte er recht lange auskömmlich leben, und einem pfiffigen Kerl wie ihm würde schon wieder ein gutes Geschäft begegnen - da war er sich sicher.

Freundlich grüßte Llauk die Wache, die die Stadtgrenze bewachte, und die Männer ließen ihn anstandslos passieren. Jetzt war er wirklich frei. Fröhlich pfeifend ging er über den Platz, an dem die Waren aus den Provinzen Estadors von Karren auf Träger umgeladen werden mußten.

Frei! Endlich wieder frei! Fast zweihundert Tage hatte er unter der Knechtschaft der Dramilen gelitten. - Mehr als genug! Mochte dieser Szin ihn nur suchen. Llauk war gewitzt. Er würde seine Spuren so gründlich verwischen, dass niemand ihn mehr finden konnte.

Llauk schritt weit aus. Je mehr Strecke er vor dem Morgengrauen zwischen sich und diesen verfluchten Mörder bringen konnte, umso besser. Eilig ging er in den Hohlweg, den am Tage die Karren von Estador herunterkamen. Den Weg, den er mit seinem Vater zum ersten Mal und danach noch so oft gegangen war. Noch dreitausend Schritte bis zum Scheideweg. - Nein! Er würde nicht nach Idur zurückkehren. Die Sache mit Tos eb Far konnte warten. Er würde ... Ja, was würde er tun? Llauk wurde langsamer. Wo konnte er hingehen?

Plötzlich erschien Llauk die Freiheit gar nicht mehr so erstrebenswert. - Aber dass er nicht zurückwollte, nicht zurückkonnte, war ihm klar. - Also weiter!

Llauks Hochgefühl war schon lange dahin, als es seitlich im Gebüsch raschelte. Llauks Hand fuhr zum Gürtel, wo er früher immer seinen kleinen Dolch getragen hatte. - Aber seine Hand griff natürlich ins Leere.

Obwohl Llauk durch das Geräusch gewarnt gewesen war, kam der Anprall des Dunkelgekleideten völlig überraschend für ihn. Etwas Hartes schlug so heftig in seine Magengrube, dass ihm der Atem stehenblieb. Blitzschnell tastete eine Hand nach seinem Nacken und griff brutal zu.

Llauk fühlte sich, als sei sein Körper in kochendes Metall gehüllt. Er stürzte zu Boden, wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Gelähmt und hilflos lag er auf dem Rücken und sah, wie die dunkle Gestalt sich über ihn beugte. Stahl blitzte kurz im Mondlicht auf. Llauk spürte tastende Finger - kaltes Metall - und dann versank die Welt um ihn in einem flammenden Nebel des Schmerzes.

Wenig später in der Nacht machte sich ein an Leib und Seele gebrochener Llauk wieder auf den Rückweg nach Thedra. Er hatte die Botschaft seines Herrn verstanden. Langsam und bedächtig setzte Llauk Fuß vor Fuß. Er konnte nur hoffen, dass den Stadtwachen am Passweg sein seltsamer Gang und sein durchblutetes Gewand nicht weiter auffielen.

Das war das letzte Mal gewesen, dass Llauk eine Chance gehabt hatte, sich seinen Herren zu widersetzen. Llauk stöhnte bei jedem Schritt. - Der durchstochene Hoden tat entsetzlich weh.

MICHAEL STUHRS FANTASY-DOPPELBAND

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