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KAPITEL 11 - DIE HEIMKEHR

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Träume verwirklichen sich nicht. - Sie werden verwirklicht.

Je näher das Löwenboot Thedra kam, umso unfreundlicher tat der Kapitän, aber Teri spürte, dass er nur ihr und sich den Abschied erleichtern wollte und nahm ihm seine Grummeligkeit nicht übel.

Auffällig oft hatte der alte Mann auf der Reise betont, dass die Passage Teris von Tana und Gerit bereits vor Tigan bezahlt worden sei. - Aber Teri glaubte ihm kein Wort. Sie wurde im Gegenteil nie den Verdacht los, dass der Kapitän sein Schiff nur ihretwegen und auf eigene Kosten nach Thedra lenkte. - Nur, um sie sicher nach Hause zu bringen.

Mehr noch: Er hatte sie mit nach Ago, in seine Heimat, genommen und sie dort wie ein eigenes Kind in seinem Hause leben lassen. Als sie aus ihren Sachen herausgewachsen war, hatte er ihr neue Kleidung besorgt, und immer war ihre Proviantkiste gefüllt gewesen. In Osange hatte sie selbst gehört, wie er es ablehnte, Passagiere an Bord zu nehmen, nur damit sie weiterhin die Kabine für sich allein hatte.

Teris Dankbarkeit, ja, Teris Liebe zu diesem alten Kapitän kannte keine Grenzen. - Was immer sie tat, um das zu vergelten, was dieser Mann für sie getan hatte, mußte Stückwerk bleiben.

So hatte sie denn in Isco, auf einem ihrer Streifzüge mit Ging, zwei ihrer Bronzestücke geopfert und ein Paar steiflederne Armschienen für den Kapitän besorgt, die ihn bei der täglichen Arbeit an Bord vortrefflich vor Verletzungen schützen würden.

Der alte Mann war von Teris Geschenk vollkommen überrascht gewesen. Er hatte sich sehr darüber gefreut, das wußte sie, auch wenn er etwas von `Verschwendung' gemurmelt hatte. Und trotzdem war es ein Fehler gewesen, ihm das Geschenk schon in Isco zu geben. Teri hatte damit auf den Beginn ihres Abschieds hingedeutet, und dieser Gedanke bereitete beiden fortan Unbehagen.

Alles schmeckte, alles roch nach Abschied; alles fühlte sich nach Abschied an. Jedes Essen an Bord war von dem Gedanken an baldige Trennung überschattet, und in jedem Lied der Matrosen schwang Melancholie mit.

Teri liebte den alten Mann, vertraute ihm, hätte alles für ihn getan, und jede Bewegung der `Sesiol' brachte sie dem Verlust der Geborgenheit näher.

Der Kapitän reagierte auf seine Weise: Fluchend, schimpfend und unduldsam ging er über das Deck, und niemand konnte ihm etwas recht machen. Seit Isco war nicht mehr mit ihm zu reden, und Tag für Tag wurde es schlimmer. Wie ein gefangenes Tier rannte er gegen die schweren Gitter seiner Liebe zu diesem Kind - denn das war Teri in seinen Augen noch - an, ohne sie jedoch zerbrechen zu können.

Auch Teri wurde von einer zunehmenden Traurigkeit erfaßt. Die `Sesiol', die fast zwei Jahre lang ihre Heimat gewesen war, stampfte schwer in der nördlichen See. Alles hatte sich verändert.

Nachdem Tana und Gerit in Tigan verhaftet worden waren, hatte der Kapitän die Stelle ihrer Eltern eingenommen. Er hatte sie versorgt, gekleidet, ernährt und beschützt. Er war für sie dagewesen, wenn sie ihn brauchte, und nun würden sich ihre Wege bald trennen.

Teri war es, als würde sie ihre Eltern zum dritten Mal verlieren. Fröstelnd saß sie vor der Kabine auf dem Strohsack, den Tana noch gestopft hatte. Sie war fest in ihre Felldecke gehüllt, denn an das raue nördliche Klima mußte sie sich erst wieder gewöhnen.

Sofort nach der Ankunft in Thedra verließ Teri die `Sesiol'. Nicht nur der Kapitän, sogar die ganze Mannschaft wirkte bedrückt, und alle nahmen Teris Abschied und Dank betreten entgegen.

Es war seltsam: Da hatte man nun Jahre zusammen verbracht und Wochen vorher schon unter der Trennung gelitten - und jetzt, wo es so weit war, hatte man sich nichts mehr zu sagen. Das gemeinsame Ziel war erreicht. Es gab nichts mehr zu tun. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war langsam erloschen, und ein jeder würde wieder seiner eigenen Wege gehen.

Das hatte nichts mit Undank zu tun. Teri würde bei dem Kapitän für immer in tiefer Schuld stehen, das wußte sie genau. Aber die Fahrt auf der `Sesiol' war ein Abschnitt ihres Lebens gewesen, und dieser Abschnitt war nun vorüber. Sobald sie den Boden Thedras betrat, würde sie ein neues Ziel haben.

Doch was hilft das ganze Wissen um die Unabänderlichkeit einer Situation? Nachdem sich Teri höflich von allen verabschiedet und eine Verbeugung vor dem Kapitän gemacht hatte, fand sie sich doch plötzlich zitternd und schluchzend in den Armen des alten Mannes wieder, der sie trösten mußte wie ein Kind und der doch selbst des Trostes bedurfte.

So verließ Teri ihre Freunde denn doch, wie man Freunde verlassen soll: Zurückwinkend, mit verheulten Augen und triefender Nase.

Die erste Person, die Teri auf thedranischem Boden traf, war ein Seiler, der mit seinem Karren voller Taue darauf wartete, dass die Kapitäne bei ihm einkauften. Verwundert und belustigt sah er auf das rotäugige Etwas hinab, das klein und schmächtig, mit einem großen Reisebündel und der darauf festgebundenen Felldecke auf den Schultern, vor ihm stand.

"Na, Kleine, hast du dich verlaufen?"

"Wann ist das Fest der Fliegenden Schiffe?" Teri war nicht zu Späßen aufgelegt. "Ich komme aus Mittelwelt und will zur Wahl der Scharleute!"

"Wenn du deswegen gekommen bist, dann bist du zu spät dran." Der Händler hatte wohl gemerkt, dass Teri, die in ihrer Kleidung aus Ago recht exotisch aussah, kein Kind mehr war. "Das Fest war vor vier Tagen, und die Wahl ist lange vorbei."

Die Wahl war gerade gewesen? - Das Fest der Fliegenden Schiffe war vorbei? - Teri konnte es kaum fassen.

Der Seiler beugte sich vor. "Wo warst du in Mittelwelt?" wollte er wissen. Ich war mal in Mocam, fast schon in Ostwelt! Mocam ist eine ..."

Teri hörte nicht mehr, was der Mann ihr hatte erzählen wollen. Teri war außer sich. - Um ganze vier Tage hatte sie das Ziel ihres Lebens verfehlt. Abrupt drehte sie sich um und ließ den verdutzten Seiler einfach stehen.

Das Fest der Fliegenden Schiffe war schon gewesen? Das hieß, sie würde bis zur nächsten Wahl ein ganzes Jahr lang warten müssen. - Ein ganzes Jahr lang warten? - Unmöglich! - Sie wollte Scharfrau werden! Sie war dreizehn und wollte jetzt endlich Scharfrau werden! Athan mußte helfen! Athan hatte Macht. Er hatte ihr schließlich versprochen, dass sie mit den Schiffen fliegen werde.

Teri überlegte. - Sie kannte den Obmann der Sturmflottenschar kaum. - Sie hatte kein Wohnrecht in Thedra und würde im Fremdenhaus wohnen müssen. - Das war eine schlechte Basis für ein Gespräch mit Athan. - Sie würde also zuerst Tees, den Obmann der Former, besuchen und ihn bitten, ihr das Wohnrecht zu verschaffen. Tees kannte sie. Tees konnte sich nicht weigern. Und wenn sie erst wieder Bürgerin von Thedra war, würde sie Athan aufsuchen und ihn an sein Versprechen erinnern.

Der erste Tag in Thedra entsprach in keiner Weise den Erwartungen, die Teri daran geknüpft hatte. Es sprach sich nicht wie ein Lauffeuer herum, dass sie wieder da war. Außer ein paar Matrosen, die dem blonden schlanken Mädchen eindeutige Angebote zuriefen, nahm überhaupt niemand Notiz von ihr.

So war sie mit stolz erhobenem Haupt durch die Straßen von Thedra gegangen, um von Tees, den Obmann der Former, das Wohnrecht zu fordern.

Jetzt saß sie ihm in seiner Werkstatt gegenüber und hatte ihren Bericht über den unglückseligen Ausgang der Reise beendet. Tees hatte ab und an bedauernd den Kopf gewiegt.

Teri war erleichtert, dass er nicht mit Selbstgerechtigkeit reagierte, denn tatsächlich hatte er ja vor den Risiken der Fahrt gewarnt. Hätte er auch nur den geringsten Anschein von Zufriedenheit über die Richtigkeit seiner Prognose erkennen lassen, wäre Teri ihre Bitte nicht über die Lippen gekommen. So aber fragte sie ihn frei heraus, ob sie wieder im Formerfelsen wohnen könne.

"Ich habe keine Bleibe für dich." Tees schüttelte bedauernd den Kopf. "Als Tana sich damals von Stadt und Zunft losgesagt hat, hast auch du dein Wohnrecht hier im Felsen verloren."

Teri wollte aufbegehren, aber Tees hob beruhigend die Hand. "Du bist zwar eine Fremde in dieser Stadt, aber ich werde mich für dich verwenden. Wenn du bereit bist, das Formerhandwerk zu erlernen, kann ich den König bitten, dir dein Wohnrecht zurückzugeben. Du würdest dir dann hier im Felsen mit mehreren jungen Frauen zusammen eine Wohnung teilen. Dein Vater war ein guter Former, und auch deine Mutter hatte sehr viel Talent. - Ich bin sicher, dass eine gute Kannenmacherin aus dir werden kann!"

Dieses Kompliment des Obmanns klang wie Hohn in Teris Ohren. Kannenformerin sollte sie werden! - Eine bleiche Höhlenschnecke, die beim Licht einer Öllampe mit kalten Tonbrocken hantiert, bis irgendwann ihr armseliges Lebenslicht erlischt. - Was für eine Zumutung!

"Ich will Scharfrau werden." Nicht trotzig und auch nicht bittend kamen diese Worte aus Teris Mund. Es war nur die Feststellung einer Tatsache.

Tees lächelte. "Nun, Teri, da hast du ein hohes Ziel! - Scharfrau zu werden ist das Ziel vieler Mädchen unserer Stadt, und ich wünsche dir viel Glück bei deinem Vorhaben. Bedenke aber, dass du zuerst das Wohnrecht in Thedra erhalten mußt, bevor du dich zur Wahl stellen kannst."

Teri nickte. "Ich werde mich an Obmann Athan wenden. - Er hat mir sein Wort gegeben, dass ich mit den Schiffen fliegen werde."

"Wann war das?"

"In dem Jahr, als meine Eltern ermordet und beraubt wurden."

"Das ist lange her, Teri. Aber Athan ist ein Mann von Wort. Versuch nur, ihn an sein Versprechen zu binden. - Aber wenn er sich nicht erinnert ..."

"Komme ich zu dir und werde Kannenformerin." Teri stand auf.

"Gut!" Tees war zufrieden. Er mochte diese junge Frau, die so selbstsicher auftrat und ihre Wünsche so bestimmt vorbrachte. "Ich wünsche dir für dein Vorhaben alles Glück und den Segen der Götter!"

"Danke, Obmann!" Teri verbeugte sich und ging hinaus.

Athan mußte helfen! Entschlossen machte sich Teri auf den Weg zur Königsklippe, in deren unterem Teil die Scharleute mit ihren Familien wohnten.

Athan, Obmann der Scharkapitäne, war gleichzeitig der Kommandant des königlichen Schwalbenschiffes `Diamant'. Acht Jahre lang war er für Thedra bereits auf Schiffen der Edelsteinklasse gefahren, bevor er auf diesen Posten berufen worden war. In dieser Zeit hatte er den ganzen Kontinent bereist, ja sogar umrundet.

Im Jahre siebzehn der Herrschaft Reos, hatte der König ihn und eine erfahrene Mannschaft als Geleitschutz für eine große Expedition abkommandiert, die den offiziellen Auftrag hatte, die Küsten von Ostwelt neu zu vermessen. Ein weiterer, wesentlicher Zweck der Fahrt war es gewesen, Verbindungen zu den Seidenmanufakturen von Ostwelt herzustellen, um auch hier das Transportmonopol der Dramilen zu brechen.

Athan war damals Kommandant der `Achat' gewesen. Er hatte die Mannschaft verstärkt, so dass die Achat notfalls monatelang ununterbrochen fliegen konnte. Ferner hatte er ein Mehrfaches der üblichen Proviantmenge aufgenommen und natürlich auch die Bewaffnung optimiert: Ein zweiter Stahlfeuerbogen war auf das Deck montiert worden und in den gepolsterten Truhen lagen fünfzig Glashohlpfeile bereit.

War die Expedition, die aus drei Schneckenschiffen und der `Achat' bestand, damals im Frühjahr in Richtung Süden aufgebrochen, um das stürmische Kap Tigan im dortigen Frühling zu passieren, so hatte sie im Verlauf des thedranischen Winters die Große Bucht durchquert. Die Große Bucht, das gewaltige Meer, das den Kontinent bis hoch hinauf in den Norden fast zur Gänze durchschnitt, stellte besondere Anforderungen an die Navigationskunst. Hier hatte sich der Konvoi von der Küste entfernen müssen, um nach fünfzig bis sechzig Tagen auf das Kap Mocam, die Südspitze von Mittelwelt zu stoßen. Aber die Götter waren gnädig gewesen, und die sternklaren Nächte hatten es den Kapitänen leicht gemacht, jede Nacht den Kurs neu zu bestimmen.

Zwischen dem Kap Mocam und der Ostinsel Gasca hatten fünf Finderschiffe auf die Expedition gewartet. Die drei Schneckenschiffe schienen ein leichtes Opfer zu sein, und aus Beutegier und Konkurrenzneid setzten die dramilischen Finder alles daran, die thedranischen Frachter zu vernichten.

Ganz offensichtlich waren die Expedition und ihr eigentlicher Zweck verraten worden. Lediglich Kapitän Athan und seine `Achat' waren der Preisgabe der thedranischen Pläne entgangen.

So hatten sich die Finder in ihrer eigenen Falle gefangen. Als die `Achat' die ersten beiden Schiffe des kleinen Flottenverbandes in Brand geschossen hatte, waren die Kapitäne der drei anderen Finderschiffe zu der plötzlichen Einsicht gelangt, dass es doch eigentlich ziemlich gleichgültig sei, dass die Thedraner das Seidenmonopol brechen wollten. In heilloser Flucht hatten sie ihre Schiffe in die Klippenfelder vor der Küste von Mocam getrieben. Dorthin hatte das fliegende Schiff, das nur mit hoher Geschwindigkeit weiträumige Manöver durchführen konnte, sie nicht verfolgen können.

Ganze zwölf Tage hatte Kapitän Athan, ständig kreuzend, vor dem Klippenfeld ausgeharrt, dann hatte ein knapp unter Wasser treibendes Wrackteil das Ruder der `Achat' schwer beschädigt. Zwei der Finder waren in dieser Zeit an den Riffs zerschellt und gesunken. Den letzten hatte man allerdings, in der Hoffnung, dass auch er nicht mehr aus den gefährlichen Gewässern herausfinden würde, ungeschoren zurücklassen müssen, denn die `Achat' hatte wegen ihres Schadens nicht mehr präzise navigieren können und mußte im Südhafen von Gasca repariert werden.

Nun hatte es der Kommandant des Finderschiffs aber doch geschafft, sich zwischen den Klippen hindurchzulavieren und zu den Westlichen Inseln zurückzukehren. Mit diesem ersten Schiff, das den thedranischen Scharleuten je hatte entrinnen können, waren erste Berichte über die Kampftechnik der Fliegenden Schiffe nach Sordos gedrungen.

Das Schiff, das jene denkwürdige Fahrt überstanden hatte, war die Große Geliebte unter Kapitän Sed eb Rea gewesen, und seitdem war der bullige Dramile von der Idee besessen, Thedra einzunehmen und die Geheimnisse der fliegenden Schiffe zu ergründen.

Athan konnte seine Mission damals jedenfalls zufriedenstellend beenden. Die drei Schneckenschiffe gelangten unter seinem Schutz unangefochten bis Inchin, der Hauptstadt von Inchinem, dem Seidenland.

Die Inchinem waren freundliche und geschäftstüchtige Leute. Sie waren hocherfreut gewesen, andere Handelspartner als die Dramilen kennenzulernen, und so war der Konvoi bald mit Seidenballen beladen weitergesegelt.

Da es in Thedra um diese Zeit tiefster Winter sein mußte, hatten die Kapitäne die nördliche Route gewählt, um den arktischen Sommer auszunutzen, denn die Fahrt von Inchinem bis zum Kap Ibir dauerte über einhundert Tage. Ab Ibir war es dann noch einhundertdreiundvierzig Tage lang westwärts gegangen, bis schließlich an Backbord die Klippen von Thedra auftauchten. Da war Athan aber schon mit der `Achat' vorausgefahren, und den Heimkehrern konnte ein triumphaler Empfang bereitet werden.

Als wenige Monate darauf der Posten des Kommandanten der `Diamant' vakant wurde, war die Ernennung Athans nur noch eine Formsache gewesen. Als Kapitän des königlichen Großschiffes war er gleichzeitig Oberbefehlshaber der Schwalbenflotte und Obmann der Kapitäne geworden.

Nun wurde die `Diamant' vor allen Dingen für Kurierdienste eingesetzt, und da es zwischen König Reo und dem Kaiser zurzeit keinerlei Unstimmigkeiten gab, lag sie die meiste Zeit im Schwalbenhafen von Thedra. Athan war mehr und mehr zu einem Verwaltungsbeamten geworden, der sich im wesentlichen darauf konzentrierte, die ewigen Streitigkeiten zwischen den Schiffsbauern und den Kapitänen zu schlichten. Das war es nun nicht gerade, worin er den Sinn seines Lebens hätte finden können, und fast jeden Abend kehrte er verdrossen aus dem Schwalbenhafen in seine Wohnung zurück.

Er hielt dieses Leben eines Seemanns für unwürdig und hatte König Reo schon mehrfach um seine Versetzung gebeten. Da er andererseits seinen Posten aber hervorragend ausfüllte und zum erstenmal seit langer Zeit die Zänkereien zwischen den Zünften abebbten, konnte Thedra auf seine Dienste vorläufig nicht verzichten.

An diesem Abend kam er wie üblich müde und verärgert vom Schwalbenhafen zurück, als er, kurz vor der Königsklippe, von einer sehr jungen Frau angesprochen wurde.

"Athan!"

Unwillig schaute Athan sich nach der Sprecherin um. Es war den Bürgern verboten, Scharleute anzusprechen. Zu viele Geheimnisse kannten die Kapitäne und Mannschaften der Fliegenden Schiffe. Da ging es nicht an, dass jeder Beliebige sich ihnen mit unwichtigen Dingen näherte und sie in Gespräche verwickelte.

"Willst du bestraft werden?" Athan wollte weitergehen.

"Ich kann nicht bestraft werden, Athan!"

Der Obmann blieb stehen. "Geh nach Hause, oder ich lasse dich von der Wache holen!"

"Ich bin Scharfrau!"

Das war nun wirklich eine gewagte Behauptung. Athan kannte selbstverständlich alle Mitglieder seiner Zunft, und diese junge Frau gehörte eindeutig nicht dazu. Er überlegte kurz, ob er es vielleicht mit einer Irren zu tun habe.

"Ich bin Scharfrau, weil du es mir versprochen hast", fuhr die Fremde fort. "In dem Jahr, als ich meine Eltern verlor!"

Athan runzelte die Stirn. Dunkel erinnerte er sich. Das Fest der Fliegenden Schiffe - vor fünf Jahren etwa! Ein kleines, dünnes Mädchen, das sich zwischen den Beinen der Erwachsenen zur Bühne durchgekämpft hatte. - Ein verächtlich gezischter Satz, der sich auf einen viel zu dicken Bewerber bezog ...

"Du wirst mit den Schiffen fliegen!" Trotzig stieß die Fremde den Satz hervor. "Erinnerst du dich nun an dein Versprechen?"

"Ja, ich erinnere mich! - Bewirb dich im nächsten Jahr! Du hast einen straffen Körper und einen kühnen Geist! - Ich bleibe dabei. - Du wirst mit den Schiffen fliegen!" Athan wandte sich ab und wollte weitergehen.

"Ich bin in Not." Mehr sagte Teri nicht. Mehr gab es nicht zu sagen.

Der Obmann sah sie nachdenklich an. In seiner Funktion wurde er oft um Rat angegangen. Möglich, dass diese junge Frau wirklich Hilfe brauchte ... "Komm mit - in meine Wohnung." Athan ging voraus, gefolgt von Teri, die sich plötzlich fragte, ob sie nicht vielleicht doch zu kühn gewesen sei.

Teris Bedenken waren umsonst gewesen. Nicht nur, dass der Obmann sich ihr gegenüber außerordentlich freundlich zeigte, auch seine Frau erinnerte sich noch genau an den kleinen Vorfall auf dem Fest der Fliegenden Schiffe. Teri wurde von den beiden zum Essen eingeladen und mußte ihre Geschichte von Anfang bis Ende erzählen.

Sowohl Athan wie auch seine Frau waren von dem Mut und der Zähigkeit, die diese junge Frau in ihrem Leben schon bewiesen hatte, beeindruckt, hielten sich in ihren Äußerungen aber zurück.

Teri verschwieg auch nicht, dass sie ihr Wohnrecht in der Stadt verloren hatte und fast ohne Mittel dastand. Lediglich das Angebot von Tees erwähnte sie nicht ausdrücklich. - Sollte Athan nur glauben, dass ihr ohne seine Hilfe eine Zukunft am Bettelstab bevorstand.

Als Teri geendet hatte, ertönte das erste Hornsignal der Verkünder. Sie würde bald aufbrechen müssen, um rechtzeitig ins Fremdenhaus zu gelangen.

Athan hatte noch nicht reagiert. Teri wurde nervös. - Wenn er sie jetzt einfach so gehen ließ, würde es keinen Sinn haben, ihn je wieder anzusprechen. - Und noch immer ließ der Obmann keine Reaktion erkennen.

"Ich muß gehen." Teri schämte sich, um einen Posten als Scharfrau gebeten zu haben, wie ein Bettler um Brot. Natürlich gab es keinen Weg! Selbst wenn Athan ihr hätte helfen wollen, er würde sich doch an das Gesetz halten müssen. Es gab keinen Weg! Teri hatte ja noch nicht einmal das Recht, sich Bürgerin von Thedra zu nennen. Im Fremdenhaus mußte sie übernachten, wenn sie sich nicht strafbar machen wollte.

Teri stand auf. "Danke für eure Gastfreundschaft. Danke, dass ihr mir zugehört habt." Höflich verbeugte sie sich vor Athan und seiner Frau und wandte sich zum Gehen.

Sie fühlte, wie Mut und Hoffnung sie verließen, und zum zweitenmal an diesem Tag stiegen ihr Tränen in die Augen. - Es beweint sich eben kein Schicksal so gut wie das eigene.

Teri beschloß blitzschnell, zum Abschied ein Bild des Jammers zu bieten und machte sich schnell ein paar trübe Gedanken. - Jetzt war alles verloren! Sie würde als Kannenmacherin ihr Leben im Formerfelsen verbringen. Ihre Haut würde bleich und ihre Augen würden trübe werden. Mit kalten, glitschigen Fingern würde sie Kanne um Kanne formen, bis ein gnädiger Tod sie endlich von ihren Qualen erlöste.

Es wirkte! - Auf ihrem Weg zur Tür mußte sie plötzlich tief und schluchzend Luft holen. Das Geräusch hing wie eine Anklage an den ungetreuen Obmann im Raum, der durch die Welt ging und kleinen Kindern leere Versprechungen machte. Es war tragisch! Es war dramatisch! - Es war eine tolle Vorstellung!

"Teri!"

Langsam, mit hängenden Schultern, drehte Teri sich um. Jetzt nur nicht übertreiben, was immer der Obmann auch sagen würde.

"Wieviel Geld hast du noch?"

"Acht", Teri mußte sich räuspern, "...acht Bronzestücke, Obmann."

"Gut!" Athan schien zufrieden. "Damit kommst du erstmal aus. - Komm übermorgen zur Zeit der Tagteilung zum Tor des Schwalbenhafens. Dort wirst du Bescheid erhalten. - Aber mach dir nicht zu große Hoffnungen. Ich habe da eine bestimmte Idee, aber ich will nichts ohne die anderen Kapitäne entscheiden."

"Übermorgen", wiederholte Teri mit leiser Stimme und einem scheuen Lächeln. "Ich werde dort sein." Dann ging sie und schloß leise die Tür hinter sich.

Auf dem Hauptgang des Königsfelsens nahm Teri sich noch zusammen, aber als sie die Wachen am Eingang passiert hatte, konnte sie nicht verhindern, dass ein kleines, freches Lächeln ihr Gesicht überzog. Sie ging schnell, wobei sich ab und zu ein kleiner Hopser in den Takt ihrer Schritte schlich. Als das zweite Hornsignal die Besucher der Stadt zum Fremdenhaus rief, hüpfte und lief sie schließlich ausgelassen durch die Straßen Thedras. - Sie hatte gewonnen! - Athan würde mit der Kapitänsversammlung über sie sprechen! Sie hatte gewonnen! - Athan würde sich für sie einsetzen! - Sie würde mit den Schiffen fliegen! - Ja, sie hatte wirklich gewonnen!

Außer Atem kam Teri im Fremdenhaus an. Mit hochrotem, stolzem Gesicht breitete sie ihr Lager aus. Sie konnte ihre Freude nicht verbergen. Leise summte sie vor sich hin und streichelte liebevoll über ihre Felldecke.

Manche ihrer Mitbewohner im Fremdenhaus sahen sich vielsagend an. Sie vermuteten, die junge Frau habe wohl gerade ein beglückendes, vielleicht sogar ihr erstes, Liebesabenteuer gehabt. - Sie hatten gar nicht so unrecht.

Der folgende Tag brachte Teri eine Reihe neuer Erkenntnisse.

Mangels besserer Beschäftigung schlief sie morgens, bis die Rufe eines Wanderhändlers sie weckten.

Nach einem ausgiebigen Frühstück aus ihren eigenen Beständen gab sie ihr Bündel der Wirtin einer Hafenschenke in Obhut und besuchte die Orte, die sie als Kind so gut gekannt hatte.

Wie grau und eng alles geworden war.

Seit über zwei Jahren hatte Teri sich an die Weite des offenen Meeres und die lichtdurchfluteten, großzügig angelegten Hafenstädte des Südens gewöhnt. - Erstaunlich zu erkennen, wie Thedra im Vergleich dazu abschnitt.

Der Platz am Schneckenhafen, früher Teris Zentrum der Welt, wo die größten Feste des Kontinents gefeiert wurden, war ein Steingeviert mittlerer Größe, etwa wie ein Vorortmarkt von Osange. Der Hafen selbst war klein. - Regelrecht klein.

Der Strand, früher ein endloser Spielplatz voller feinen Sandes, war zu einem kurzen, klippenumstandenen Stück Kies geworden, der unter den Füßen knirschte. - Kein Vergleich mit dem wirklich endlosen, weißen Strand bei Kaji!

Auch waren die Wohntürme längst nicht mehr so hoch, wie sie Teri einst erschienen waren. Einzig die Königsklippe ragte in wirklich imponierender Höhe über den Häfen auf.

Teri fühlte sich bestohlen und beschenkt zugleich. - Bestohlen um die Illusion in der Stadt aller Städte, im Land aller Länder zu leben. - Beschenkt um die Erkenntnis, dass es freundliche und unfreundliche, kluge und dumme, sanfte und gewalttätige Menschen überall auf der Welt gab. - Ob sie sich hier in Thedra oder in Isco, in Osange oder Ago aufhielt, überall gingen die Menschen ihren Geschäften nach, zankten und vertrugen sich und scherten sich nur wenig darum, was Götter und Könige vorschrieben.

Sicher gab es Unterschiede zwischen dem Gastgeber in Kaji, der als geizig galt, wenn er den Gast nicht aufs Feinste bewirtete und dem Gastgeber aus Thedra, der seinen Gast geizig nannte, wenn der sich sein Essen nicht selbst mitbrachte, das sah auch Teri. - Aber hier, im alten Thedra, fühlte sie sich zum erstenmal so richtig als weitgereiste Weltbürgerin und lebte dieses Gefühl auch in vollen Zügen aus.

Die klimatischen und geographischen Gegebenheiten völlig außer acht lassend, begann sie, Thedra vor ihrem geistigen Auge komplett umzugestalten. Thedra hätte eine so schöne Stadt sein können, fand sie, wenn sich die Bewohner nur ein wenig Mühe geben würden. - Sie selbst hatte jedenfalls die berühmte thedranische Arroganz gegen die Ignoranz der Weltreisenden eingetauscht. Ihr reichte das Blümchen in der Mauerspalte nicht mehr. - Es mußten Palmen sein! Die Straßen hätten breiter, die Plätze größer und die Wohnungen prächtiger sein müssen! Bedauernd stellte Teri bereits am Vormittag fest: Thedra war Provinz!

Die Tagteilung ging vorüber.

Etwas wie Wehmut schlich sich in Teris Gedanken. Wie bei einem Kind, das nach und nach erkennt, dass der eigene Vater nicht der stärkste Mann der Welt ist, wandelte sich ihr Geist, aber nicht ihr Gefühl. Noch immer war Thedra die Stadt aus der sie kam, wo sie sich auskannte, die sie liebte. Doch sah sie jetzt, dass auch andere Städte durchaus mit Thedra konkurrieren konnten.

Ärmer an Illusionen aber reicher an Erfahrung schlenderte Teri durch Straßen und Gassen. Was blieb, waren die Fliegenden Schiffe, Frucht der Erfindungsgabe und des Geistes der Thedraner. Sie waren es, die Thedra einzig machten unter der Sonne! - Und mit ein wenig Glück würde Teri schon bald selbst zur Sturmflottenschar zählen und wieder ferne, interessante Länder und Städte bereisen. - Hoffentlich!

Zeitig stand Teri am nächsten Morgen auf. Sie hatte tief geschlafen und fühlte sich erholt.

Nach einem kleinen Frühstück schnürte sie ihr Bündel zusammen, klopfte das muffige Stroh des Fremdenhauses davon ab und ging auf den Hafenplatz hinaus.

Obwohl die Herbstsonne auf den schwach belebten Platz schien, fröstelte Teri in der Kühle des Morgens. Ein frischer Wind kräuselte das stille Wasser des Hafenbeckens und zerrte kurz an ihren Kleidern. Ab und zu drang das Knarren von Tauwerk und Holz durch die Stille, für Teri ein Geräusch, so vertraut wie der Schlag des eigenen Herzens.

Es blieb noch viel Zeit bis zur Tagteilung. Teri beschloß, sich bis dahin die Zeit mit einem Rundgang durch die Stadt zu vertreiben, die sie heute schon mit freundlicheren Augen betrachtete. Sie war wieder daheim!

Hatte Thedra auch nicht die Weitläufigkeit Osanges zu bieten, so gab es hier doch auch nicht nahezu täglich kleine Erdbeben. - Waren die Strände auch nicht so weiß, wie die von Kaji, so ließ man doch hier nicht die Sterbenden in Einsamkeit zurück. - Mochte es auch nicht ewiger Frühling sein, wie in Ago, so war doch der frische Wind, der in Böen um die Felstürme strich, auch etwas wert.

Teri warf einen kurzen Blick auf die Stelle, an der noch gestern die `Sesiol' gelegen hatte. Ihre Vermutung war richtig gewesen: Der Kapitän hatte keine anderen Geschäfte in Thedra gehabt. Keine Fracht war gelöscht und keine Handelsware an Bord gebracht worden. Nur ein wenig frischen Proviant hatte der Kapitän von den Händlern auf dem Kai erstanden. Nachdem Teri von Bord war, war die `Sesiol' sofort mit der nächsten Flut wieder auf die Reise gegangen. Der einzige Sinn und Zweck ihres Abstechers nach Thedra war erfüllt gewesen. Teri war wieder zu Hause.

Teri sog tief die frische Luft ein. Zu Hause! - Gestern war sie von Thedra enttäuscht gewesen. Hatte geglaubt, so etwas wie ein Zuhause könne es für sie hier nicht mehr geben. - Hatte gedacht, die Fliegenden Schiffe seien das einzige, was Thedra vor den anderen Städten des Kontinents auszeichne. - Doch sie hatte sich getäuscht.

Je mehr sie sich in der Stadt umsah, je mehr sie zur Ruhe kam, umso deutlicher spürte sie, dass Thedra mehr war. - Dass es für sie mehr war!

Langsam gewannen die grauen, engen Straßen und Gassen ihre alte Bedeutung zurück. - Kaum eine Stufe gab es in dieser Stadt, über die sie nicht schon hunderte von Malen gesprungen war. - Kaum eine Wohnhöhle, in die sie nicht wenigstens einmal neugierig hineingespäht hatte. - Hier hatte der Großvater ihr Geschichten aus seiner Scharzeit erzählt, und hier hatte sie ihren Eltern bei der Arbeit geholfen. - Hier hatte sie Lachen und Weinen, Freude und Trauer, Zorn und Versöhnung kennengelernt. - Und immer hatte Thedra sie beschützt, so wie es alle beschützte, die zwischen den Wohntürmen ihr Heimatrecht hatten.

Teri begann, Thedra zu lieben. Hier kannte sie sich aus. - Hier gab es Gesetze, die die Menschen schützten. Hier brauchte man keine Angst vor Finderschiffen zu haben. Hier war man nicht fremden Hafenmeistern ausgesetzt, die Kindern das Geld stahlen und ihre Eltern ermordeten. Hier war das Leben einfach. Man mußte sich nur an die Gesetze halten und es würde einem gut gehen! Jetzt erst merkte Teri, wie müde sie war. - Wie erschöpft davon, sich immer wieder auf Fremdes, Unbekanntes einstellen zu müssen. Ein Wunsch breitete sich in ihr aus: Sie wollte sich am liebsten in eine dieser gemütlichen Wohnhöhlen verkriechen und nie wieder herauskommen. Wieder klein sein, Kind sein, beschützt von den steinernen Türmen der Stätte ihrer Kindheit! Teri liebte Thedra so sehr; wenn sie in diesem Moment jemand gefragt hätte, sie hätte geantwortet, dass sie für immer hierbleiben wolle. Für immer im Schutz dieser starken, freundlichen Stadt, die wie eine Großmutter liebevoll und betulich für die Ihren sorgte.

"Bleib stehen, Fremde! - He, bleib stehen!"

Teri fühlte sich nicht angesprochen. Gerade trieb sie in ihrer Wolke aus Wohlbehagen und Heimkehrerglück durch das Gewimmel des engen Marktplatzes, als zwei Männer der Stadtwache hinter ihr herkamen. Als sie auf den zweiten Anruf nicht reagierte, versetzte einer der beiden dem Bündel auf ihrer Schulter mit dem stumpfen Ende seiner Pike einen kleinen Stoß.

"He, pass doch auf!" Teri wirbelte herum. Das Bündel kam ins Rutschen und fiel zu Boden. "Was soll das?"

"Kontrolle", erwiderte der jüngere Stadtwächter gleichmütig. "Mach das Bündel auf."

Teri wurde schlagartig klar, dass die Männer sie wegen ihres Gewandes aus Mittelwelt für eine Fremde hielten. "Ich bin Thedranerin!", gab sie mit stolz erhobenem Haupt bekannt.

"Wie ist dein Name?"

"Teri! Tochter der Former Ael und Erin!"

"Zu welcher Zunft gehörst du? Wer ist dein Obmann?"

"Ja, äh, ich bin gerade erst angekommen. Ich werde heute ..."

"Mach jetzt dein Bündel auf!" Der Mann verlor die Geduld.

"Aber ..." Ein kurzer, nicht sehr harter Stupser mit der Pike brachte Teri zum Schweigen. Voller Wut hockte sie sich auf das Pflaster und fetzte die Haltebänder von ihrem Gepäck.

Die Umstehenden waren aufmerksam geworden. Jetzt umstanden sie die kleine Gruppe und schauten schwatzend zu, wie Teri ihr Bündel auseinanderrollte: "Hat die Wache wieder eine erwischt!" - "Schau mal, was die anhat!" - "Sieht fast aus, wie eine von uns!" - "Wo die wohl herkommt?" – „Ich hab sie gestern schon herumstreichen sehen! Ich hab ja gleich gesagt ...“

Die Felldecke von Aska und Teris Schlafdecke lagen ausgebreitet auf dem Pflaster des Marktplatzes. Darauf ihre thedranischen Kinderkleider, von denen sie sich noch nicht hatte trennen wollen und ein Kamm, den ihr der Kapitän in Ago geschenkt hatte. Daneben standen ein Beutel aus grobem Tuch, gefüllt mit Trockenfleisch, Brot und Früchten, ebenfalls ein Geschenk des Kapitäns und ihr Eßgeschirr.

Desinteressiert stocherte eine der Stadtwachen mit der Spitze seiner Waffe in den Kleidern herum. "Einpacken und mitkommen!"

Die Kontrolle ihrer Habe war damit abgeschlossen, und Teri packte ihre Sachen unter dem Gegaffe der Menge wieder zusammen.

"Beeil dich und komm mit!", forderte der Mann, der Teri das Bündel von der Schulter gestoßen hatte mürrisch.

Verbissen schweigend knotete Teri ihre Felldecke auf das Bündel und stand auf.

"Komm jetzt!" Flankiert von den zwei Männern wurde Teri wie eine Diebin abgeführt.

Auf dem Weg zur Höhle der Wachen blieben etliche Leute stehen und schauten den beiden Stadtsoldaten nach, die Teri in ihre Mitte genommen hatten. Wieder bekam sie einige Kommentare zu hören: "Schau mal, die Fremde! Was die wohl ausgefressen hat?" – „Wo die wohl herkommt? Bestimmt nicht von hier!“ – „Schau mal, die Kleider!" - "Gut dass die Wachen aufpassen!"

Schließlich kam die kleine Gruppe zur Höhle der Wachen.

"Eine Fremde!" So wurde Teri dem Hauptmann der Stadtwache vorgestellt. "Behauptet Thedranerin zu sein."

"Ich bin Thedranerin! Meine Eltern haben ihr Wohnrecht aufgegeben. Ich will ..."

"Warum bist du nicht zur Belehrung gekommen?" Der Offizier schaute Teri mißtrauisch an.

"Zur Belehrung?" Was sollte das denn sein?

"Jeder Fremde, der nach Thedra kommt, muß belehrt werden. - Neues Gesetz!", erklärte der Hauptmann. "Also, dann fangen wir mal an."

Was folgte, war eine ellenlange Aufzählung von Vorschriften und Verboten, die alle das Leben in Thedra betrafen. In schier endlosem Monolog leierte der Hauptmann solche Plattheiten wie, `Du sollst auf dem Markt nichts stehlen, niemanden verprügeln und auf der Hauptstraße nicht deine Notdurft verrichten!' herunter. Schließlich verbot er Teri ausdrücklich das Betteln im gesamten Stadtgebiet und erklärte, wenn sie sich Männern anbieten wolle, so sei das nur auf dem Hafenplatz statthaft.

Teri hörte sich den ganzen Sermon ungeduldig an. Hoffentlich war dieser schmierige Hauptmann bald fertig! Die Tagteilung war nicht mehr weit, sie mußte zum Tor des Schwalbenhafens.

Der Hauptmann machte eine Pause.

"Ich habe es eilig!" Teri versuchte ihrer Stimme so viel Bestimmtheit zu verleihen wie nur möglich. "Obmann Athan erwartet mich."

"So, Obmann Athan erwartet dich!" Der Hauptmann lachte auf. "Und danach gehst du dann zum König, nicht wahr? - Der wartet doch bestimmt auch schon."

Teri sog scharf die Luft ein und setzte zu einer bissigen Erwiderung an, ließ es dann aber doch lieber.

"Na, dann will ich mal nicht so sein und dich vorzeitig gehen lassen", meinte der Hauptmann mit gönnerhafter Miene. "Den König soll man nicht warten lassen. - Aber da fällt mir noch etwas ein: Ich habe heute früh auf dem Marktplatz zwei Bronzestücke verloren. Du warst doch dort. Ich könnte mir vorstellen, dass du sie gefunden hast."

Teri begriff sofort. Sie war vielleicht in manchen Dingen naiv, aber nicht so naiv. Jetzt war das Maß voll! "Hauptmann", sagte sie in ruhigem und freundlichem Ton, "ich bin Thedranerin und war lange Zeit auf Reisen. Gleich werde ich Obmann Athan in einer äußerst wichtigen Angelegenheit aufsuchen, und ich möchte ihm nicht berichten, dass ich auf dem ganzen Kontinent besser und höflicher behandelt wurde als in meiner Heimatstadt. - Und was euer angeblich verlorenes Geld angeht, so sucht es nur selbst! Aber dann wirklich auf dem Markt und nicht in den Taschen der Gäste dieser Stadt! - Es könnte nämlich sein, dass Obmann Athan in nächster Zeit ein oder zwei Agenten aussendet, um euch zu prüfen."

Mit diesen Worten, die es wert waren in Ton geritzt und in Bronze gegossen zu werden, stand sie auf, nahm ihr Bündel und ging hinaus. Niemand hielt sie auf.

Erst auf der Straße, etliche Schritte von der Wache entfernt, begann ihr Herz wie wild zu schlagen. Aber nicht plötzliche Angst ob ihrer Kühnheit war es, die ihren Körper mit einer heißen Welle durchzog, sondern die Wut und die Enttäuschung über eine neue Erkenntnis: - Dass Großmütterchen Thedra lange, schmutzige Krallen hatte - und sich auch nicht scheute, sie zu gebrauchen!

"Hallo, Eichhörnchen, du bist aber gewachsen!" Einer der Wächter des Schwalbenhafens hatte Teri erkannt und sie mit ihrem alten Spitznamen angerufen.

Freundlich lächelnd ging sie auf ihn zu und musterte ihn aufmerksam. "Na, wollen wir es mal wieder versuchen?"

Der Wächter verstand sofort, dass Teri das alte Ritual des Eichhörnchenspiels meinte. "Nein, lass nur", meinte er lachend. "Ich bin zu dick geworden. Wenn ich versuche, dich zu fangen, komme ich bestimmt außer Puste!"

"Warum belügst du mich?", lachte Teri. Für die Bewachung des Schwalbenhafens wurden ausschließlich alte Scharleute eingesetzt, die sich im Dienst vor dem Mast viele Jahre hindurch bewährt hatten. Der Wächter, der hier vor ihr stand war klein und ungemein muskulös. Trotz seines Alters konnte er es an Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer bestimmt noch mit jedem anderen Thedraner aufnehmen.

"Ich lüge, weil ich den Feind täuschen will! Das alte freche Eichhörnchen ist nämlich wieder aufgetaucht! - Aber sag, was willst du hier? Du bist doch nicht gekommen, um mit mir Fangen zu spielen."

"Hast du eine Nachricht für mich?" Trotz des Geflachses mit ihrem alten Freund und Jäger war es Teri übel vor Aufregung.

"Ja! Athan läßt dir ausrichten, dass er dich im nächsten Jahr selbst für seine Mannschaft aussuchen wird."

Teri wich alle Farbe aus dem Gesicht. Genau das hatte sie befürchtet! - Eine wohlmeinende, Hoffnung machende, ihrem Traum den Todesstoß gebende Ablehnung. Mit einem kleinen Seufzer ließ sie Kopf und Schultern hängen und wollte sich abwenden. "Danke", sagte sie schnell mit leiser Stimme, bevor der Kummer ihr endgültig die Sprache abschnürte.

"Warte, es geht noch weiter!" Der Wächter lächelte. "Ich glaube, jetzt kommt der bessere Teil der Nachricht. - Du sollst dich heute abend bei der Höhle der Armee einfinden. Athan will, dass du bis zur nächsten Wahl das Amt der Hüterin übernimmst. - Er braucht den derzeitigen Hüter für den regulären Schardienst."

Teri schaute auf. Amt der Hüterin? Sie? Eine Tempeldienerin, die nichts weiter zu tun hatte, als einen alten Stein zu polieren? Ein ganzes Jahr lang? Na, großartig! Da hatte sich Athan ja etwas Feines einfallen lassen!

"Du bist enttäuscht, ja?" Der Wächter fragte nicht eigentlich, er stellte eher fest.

"Hm!" Teri wußte selbst nicht so genau, ob sie sich nun freuen oder ärgern sollte.

"Wenn du enttäuscht bist, soll ich dir noch etwas ausrichten, was ich nicht verstehe. - Aber vielleicht hat es für dich eine Bedeutung. Athan meint, dass auch Tees diese Lösung für die beste hält und nicht mehr mit deinem Besuch rechnet!"

`Durchschaut!' - Wie ein Fanfarenstoß schoß das Wort in Teris Gedanken. Athan hatte mit Tees gesprochen und wußte von dessen Angebot, als Formerin zu arbeiten! Sie hatte Athan belogen, da gab es nichts zu beschönigen, und trotzdem hatte er sich für sie eingesetzt.

"Danke!" Teri war vollständig verwirrt. Einerseits schämte sie sich, dass sie bei ihrer Schwindelei ertappt worden war, aber andererseits freute sie sich auch über ihren Erfolg. Ein Jahr war zwar furchtbar lang, aber danach würde sie ja in Athans eigene Mannschaft aufgenommen werden.

"Danke! Ich werde bei der Höhle der Armee warten." Sie verbeugte sich vor dem Wärter, was dieser verwundert zur Kenntnis nahm und ging still davon, hin zur Höhle der Armee, in der sie nun ein Jahr lang leben würde.

MICHAEL STUHRS FANTASY-DOPPELBAND

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