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KAPITEL 4 - DIE `GROSSE GELIEBTE'

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Ein Kaufmann ohne Geld ist wie ein Bauer ohne Land.

Tief drang das Vorschiff der „Großen Geliebten“ in die Dünung ein und bohrte sich krachend in die heranrollende Welle. Knirschend spannten sich die Taue, mit denen die Ladung auf Deck verzurrt war - und wieder stürzte ein Schwall salzigen Wassers über die großen Ballen hinweg.

Llauk hatte sich mit einem Tauende an der Reling festgebunden und schaute in stummer Verzweiflung zu, wie die Gewalt der Wellen an seiner Fracht riß. In den ersten Stunden hatte er noch seinen Zorn in den Wind hinausgeschrien, gelobt, dass er diesen Kapitän töten würde, der sein Schiff so erbärmlich überladen hatte; aber die `Große Geliebte' hatte ihn alsbald mit ihren wilden Bewegungen zum Schweigen gebracht.

Llauk war in jeder Beziehung am Ende. Die Seekrankheit hatte ihn, den Binnenländer, mit ihrer ganzen Kraft gepackt und hielt ihn in ihren Klauen. Seine guten Stoffe waren von Salzwasser durchtränkt und verdorben, und seine ganze Habe hatte er für die Passage zu den Westlichen Inseln versetzen müssen.

Achtzig Bronzestücke hatte der Kapitän für Fracht und Überfahrt verlangt. Ein Vermögen! Dafür hatte er Llauk eine problemlose, gemütliche Überfahrt versprochen. Gerne hätte Llauk dieses dramilische Großmaul von Kapitän mit bloßen Händen erwürgt, aber erstens wäre das nicht klug gewesen, solange man noch auf See war, und zweitens war Llauk auch nicht der Mann, diesem Baumstamm von Kerl offen entgegenzutreten.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen:

Llauk, Stoffmacher aus der Provinz Idur, hatte schon lange den Plan gefaßt, die seiner Meinung nach horrenden Handelsspannen der thedranischen Kaufleute zu umgehen. Brachten seine Zunftgenossen jedes Jahr vor Frühlingsbeginn alle ihre Stoffballen zur Hauptstadt, um sie dort, seiner Meinung nach viel zu billig, zu verkaufen, so hatte Llauk in den vergangenen Jahren jeweils einen großen Teil der Ware zurückgehalten, um für eigene, bessere, Geschäfte gerüstet zu sein.

Sein Plan stand fest: Wenn er erst genügend Stoffe gehortet hätte, würde er sich selbst auf ein Schiff wagen, um sie im Ausland teuer zu verkaufen. Selbstverständlich würde die Kaufmannschaft Thedras ihm Schwierigkeiten machen, das war klar. Llauk verbrachte einen Gutteil seiner Zeit damit, sich immer neue, wirkungsvolle Streitreden auszudenken, die er halten wollte, falls ihm Steine in den Weg gelegt würden.

So war er dann streitlustig mit seiner Ware in Thedra angekommen. Zu seiner Enttäuschung hatte im Schneckenhafen, wo er seine Stoffe einlagerte, überhaupt kein Mensch Notiz von ihm und seinen Plänen genommen. Dafür stellte sich ihm ein anderes Problem in den Weg:

Die Kapitäne der thedranischen Schneckenschiffe hatten zwar alle nichts gegen die Fracht eines Stoffmachers aus Idur einzuwenden - aber die Frachtraten, die sie forderten, waren allesamt so unglaublich hoch, dass Llauks Geld noch nicht einmal für eine Überfahrt nach Cebor, der nächstgelegenen Hafenstadt, gleich südlich des großen Gebirges, gereicht hätte.

Da war Llauk zum erstenmal wankend geworden.

Natürlich hatten sich die Kapitäne mit den Kaufleuten gegen ihn verbündet, redete er sich ein. Man wollte einfach nicht, dass er mit seiner Ware den Hafen verließ. Man fürchtete, dass er, Llauk, den Beweis anträte, dass so bessere Profite zu machen seien.

Aber sein ganzes Wissen nützte ihm nichts. War schon ein Gutteil seines Geldes für den Transport der Stoffe nach Thedra verbraucht, so drohten nun die Lagerkosten langsam den Rest aufzufressen. dreiundachtzig Bronzestücke hatte er noch in den Taschen und mehr als einhundert kostete schon die billigste Passage.

Llauk hatte gerade seine Stoffballen aus dem Lagerhaus bringen lassen, um sie schweren Herzens doch den hiesigen Händlern vorzuführen, da war als Retter in der Not dieser Dramile aufgetaucht.

Llauk hatte ihn zuerst für einen Finderkapitän gehalten. Die schweren Schmuckstücke aus edlen Metallen, die der Mann überreichlich trug, deuteten darauf hin.

Es hatte Llauk gar nicht gefallen, wie der Mann seine Stoffballen umschlichen hatte. "Was willst du?", hatte er ihn angerufen. "Für Finder ist hier nichts zu holen!", wobei er die Hand schon vorsorglich auf den Griff seines Dolches gelegt hatte.

Der Mann hatte nur aufgelacht und war nähergekommen. "Ich bin kein Finder, Herr! Wie ich höre, sucht Ihr eine Passage für Eure Ware", hatte er mit unüberhörbar dramilischem Akzent erklärt. "Wir sollten darüber reden."

"Ganz recht, ich suche eine Überfahrt", hatte Llauk bestätigt. "Allerdings für meine Ware und für mich. - Wohin geht Eure Reise, Dramile?"

"Nach Hause, auf die Westlichen Inseln. Ich werde morgen auslaufen und suche noch Beifracht."

Die Westlichen Inseln! Genau die waren Llauks eigentliches Ziel gewesen. Die Westlichen Inseln, von denen sein Sklave Tos eb Far, ein Dramile, ihm soviel erzählt hatte. Nach Tos eb Fars Berichten verstand man sich in Dramilien nicht auf die Herstellung feiner Stoffe und war bereit, für gute Ware jeden Preis zu zahlen.

Geschickt hatte Llauks Sklave seinem Herrn den Mund wässrig gemacht, mit Berichten von den Schatztruhen der Herrschenden, die nur darauf warteten, von einem beherzten Mann wie Llauk geleert zu werden. - Mit Geschichten schöner Frauen, die unglücklich in kratzenden Gewändern einhergehen mußten und bereit waren, für ein paar Ellen weich fließenden Gewandstoffs alles, aber auch wirklich alles hinzugeben.

Immer gieriger war Llauk bei diesen Erzählungen geworden. Seine Bedenken, man könne ihn in Dramilien vielleicht berauben oder übervorteilen, hatte Tos mit wenigen Sätzen zerstreut: "Mein Volk lebt unter einem strengen Regiment", hatte er erklärt, während er das Schiffchen durch den Webstuhl flitzen ließ, "die Leute sind das Gehorchen gewohnt. - Das siehst du ja an mir. - Bin ich nicht dein bester Sklave, Herr?"

Das stimmte. Trotz der vielen Arbeit, des harten Nachtlagers, der kümmerlichen Verpflegung und Llauks ständig schlechter Laune, war Tos immer willig und folgsam gewesen.

"Siehst du Herr?", hatte er weiter erklärt, "Du darfst in Dramilien keine Schwäche zeigen. Du darfst nicht bitten, du mußt befehlen! Die Anrede `Herr' ist meinem Volk geläufig wie keinem anderen unter der Sonne. Tritt auf wie ein Edelmann. - Dann werden alle Türen sich dir öffnen."

Das hatte Llauk gefallen: Auftreten wie ein Edelmann, herrisch und selbstsicher, so ließ sich gut Handel treiben! Er würde den Dramilen - und vor allem ihren Frauen - schon beweisen, dass ein estadorianischer Stoffmacher besser zu handeln verstand, als einer dieser schmierigen Kaufleute, die jeden Kunden stundenlang mit Wein freihielten. Der Fürst - ach was - der König der Stoffmacher würde guten Handel treiben und den dramilischen Markt an sich reißen. Jedes Jahr würde er Schiffe voller Stoffballen zu den westlichen Inseln begleiten. Tos hatte ganz recht, man mußte nur wissen, wie man mit diesen Leuten umzugehen hatte.

So hatte Llauk es vor allem seinem untertänigen Sklaven zu verdanken, wenn er nun in seinen Untergang stolperte. Willig hatte Tos ihm sogar die Grundzüge der dramilischen Sprache beigebracht. – Genauso gut hätte er seinem Herrn eigenhändig die Kehle durchschneiden können.

Ein Dramile! Llauk schaute den fremden Kapitän scharf an. Hier war nun eine Gelegenheit, Tos eb Fars Ratschläge auszuprobieren: "So, also Beifracht suchst du? Und wie kommst du darauf, dass ein Stoffmacher aus Idur seine wertvolle Fracht einem dramilischen Kapitän anvertrauen will?"

"Ich bin billig, Herr."

Diese schlichten Worte des hünenhaften Dramilen trafen Llauk mitten ins Herz. Bemüht, sich seine Erregung nicht anmerken zu lassen, spielte er seine Rolle weiter.

"Billig bist du? - Billig kann nur sein, wer ein schlechtes Schiff hat!" Diese Weisheit hatte Llauk in den letzten Tagen oft genug von thedranischen Kapitänen zu hören bekommen.

"Die Große Geliebte ist ein gutes Schiff", erklärte der Dramile ungerührt. "Ihr werdet zufrieden sein, Herr."

Llauk hatte die `Große Geliebte' schon im Hafen bemerkt, aber nicht weiter beachtet. Sie war erst gestern, tief im Wasser liegend, von See gekommen, als Llauk bereits alle Hoffnung aufgegeben hatte. Trotzdem blieb ein Rest der alten Zuversicht.

"Wann läufst du aus?" Llauk schaute den Kapitän unsicher an. "Und was forderst du als Frachtrate?"

"Morgen, mit der Abendflut, Herr", hatte die Antwort gelautet. "Wir nehmen nur frischen Proviant auf. - Wenn Ihr dann bereit seid, kostet Euch die Passage nach Sordos achtzig Bronzestücke."

Sordos, die Hauptstadt der westlichen Inseln und Sitz des dramilischen Königshauses! - Llauk konnte sein Glück kaum fassen. Trotzdem dachte er an die Worte seines Sklaven: "Dramilen gegenüber mußt du auftreten wie ein Fürst. - Dann werden ihre Herzen dir zufliegen."

"Fünfzig Bronzestücke!", erklärte er mit Bestimmtheit und unterstrich seine Worte mit einer abschließenden Geste.

Der Kapitän drehte sich wortlos um und ging davon.

"Wartet!", versuchte Llauk ihn aufzuhalten, aber der Mann schien ihn nicht zu hören. Llauk lief los. "Sechzig! Sechzig Bronzestücke!"

Der Kapitän ging weiter.

"Na gut, siebzig!"

Der Mann ignorierte ihn vollständig.

"Achtzig!", schrie Llauk in höchster Not heraus. "Achtzig Bronzestücke für die Passage nach Sordos.

Endlich blieb der Mann stehen. Wortlos streckte er die Hand aus.

Zögernd löste Llauk den schmal gewordenen Geldbeutel von seinem Gürtel, entnahm ihm die überschüssigen drei Münzen und händigte ihn dem Kapitän aus.

"Bringt Eure Ware auf das Schiff", bestimmte der Kapitän. "Morgen Abend muß alles bereit sein, Herr!" Ohne ein weiteres Wort ging er davon.

Llauk ahnte nicht, dass sein erster Weg den Dramilen in das Fremdenhaus, Llauks Quartier, führte, wo er dem Quartiermeister großzügig drei Bronzestücke von Llauks Geld in die Hand drückte. - Schließlich war es eine Belohnung wert, wenn man so einen Narren vermittelt bekam.

Es gab Llauk auch nicht zu denken, dass der Dramile genau gewußt hatte, wieviel Geld sein Passagier noch hatte. - Llauk dachte nicht mehr. Keuchend schleppte er eigenhändig, Elle für Elle, seine ganze Ware quer durch den Hafen, hin zur "Großen Geliebten". - Einer wundervollen Zukunft entgegen.

Bis zum letzten Augenblick hatte Llauk befürchtet, die Thedraner könnten seinen Handel mit dem Kapitän doch noch aus Neid vereiteln. Unruhig war er auf dem Deck des Zweimasters auf und ab gegangen, nachdem er seine Ware auf das Schiff gebracht hatte. Aber kein Mitglied der Kaufmannschaft hatte sich sehen lassen.

Als es dann aber endlich losging, standen doch einige der Kaufleute am Kai, um sich den Irren anzusehen, der seine gute Ware oben auf dem Deck eines überladenen Dramilenfrachters verzurren ließ und auch noch Geld dafür bezahlte. - Aber Llauk hatte auf keine Mahner hören wollen; er sah sich schon als reichen Mann heimkehren, der sich eine Wohnung in der Nähe der Königsklippe leisten konnte.

Von jeher hatte sich Llauk seiner niederen Herkunft und des abgeschiedenen Lebens in der Provinz Idur geschämt. Stoffmacher, wie seine Eltern, hatte er den Betrieb seines Vaters nach dessen frühem Tod mit allen Webstühlen und Sklaven übernommen. Eigentlich hätte er ein auskömmliches Leben führen können, wäre da nicht dieser unselige Ehrgeiz gewesen, unbedingt zur feinen Gesellschaft gehören zu wollen.

Musik und Tanz, gewürztes Essen und Wein aus den Südlanden, das war es nicht allein, was Llauk suchte. Es reichte ihm einfach nicht, in seinem Heimatdorf als Gleicher unter Gleichen angesehen zu werden. Er hatte mehr mit sich vor. Herr sollte man ihn nennen, sich vor ihm verbeugen und ihm Achtung erweisen. Eine Wohnung in der Hauptstadt wollte er haben und hochgestellte Gäste dort empfangen. Auch eine Frau wollte er sich endlich suchen - nicht von gemeinem Stande etwa - die Tochter eines Kupferschmieds - oder besser noch eines Schiffsbaumeisters - sollte es schon sein. Außerdem wußte Llauk, dass der König noch drei Töchter in heiratsfähigem Alter hatte. Wäre es denn so unmöglich ...? - Der Mensch wird schließlich noch träumen dürfen.

Dieser Illusionen wegen hatte Llauk sogar seinen furchtbaren Traum verleugnet und seine Sklaven in den vergangenen Jahren zu immer neuen Höchstleistungen angetrieben.

Als er seine Zeit für gekommen hielt, verkaufte er um einen Spottpreis das elterliche Anwesen und seine Arbeiter, um sich mit einem großen Posten guter Ware auf den Weg zu machen und seine Stoffe in fernen Ländern auf eigene Rechnung zu verkaufen.

Eiskalt prasselte die Gischt auf Llauk nieder. Trotz des festen Tauendes, das er um Körper und Reling geschlungen hatte, klammerte er sich krampfhaft fest. Wohl tausendmal schon hatten ihm die Wogen die Füße unter dem Körper weggerissen. Bitteres, salziges Wasser hatte er im Übermaß geschluckt - und immer aufs Neue sackte das Deck der "Großen Geliebten" unter ihm weg. Die Qual schien kein Ende nehmen zu wollen. Schneidend kalter Wind zerrte an Llauks Gewand, das wie ein nasser Sack an seinem Leib klebte. Seit zwei Tagen schon hatte er nicht mehr geschlafen. Sein Magen fühlte sich an, als hinge er direkt unter seinem Kehlkopf, bereit, sich bei der kleinsten Bewegung auszuschütten.

Immer wieder krampften sich Llauks Gedärme zusammen und er versuchte würgend, sich zu übergeben. Zu Beginn seiner Krankheit hatte er noch versucht, den Kopf über Bord hängen zu lassen. Später war es ihm egal gewesen, wohin er sich erbrach. Er hatte nur noch mit hängendem Kopf dagesessen und seine Kleidung würgend mit den Säften seines Magens beschmutzt, bis die nächste Welle ihn wieder durchschüttelte und abwusch.

Jetzt, nach zwei Tagen, gab Llauks Inneres nichts mehr her. Bis auf gelegentliches, krampfhaftes Stöhnen und seine schwächlichen Versuche sich festzuklammern, hätte man Llauk für tot halten können. Und tatsächlich wollte er nur noch sterben. Schon seit dem Morgengrauen spielte er mit dem Gedanken, seinen Dolch zu ziehen und diese unsägliche Folter mit einem Stich in sein Herz zu beenden. Mehr als einmal hatte seine Rechte den Griff der kleinen, illegalen, Waffe umklammert, aber letztendlich hatte es ihm doch an Mut gefehlt.

Am dritten Tag nach der Abfahrt von Thedra hatte der Sturm sich gelegt und Llauks Zustand hatte sich zusehends gebessert. Die entsetzliche Übelkeit hatte langsam nachgelassen und Llauk war endlich wieder in der Lage gewesen, einigermaßen normal zu atmen.

Langsam und vorsichtig hatte er die Knoten des Tauendes gelöst und seine Kleidung notdürftig in Ordnung gebracht. Dann war er zu der Mannschaft hinübergewankt, die sich nach diesen zwei anstrengenden Tagen die erste Pause gönnen durfte. "Den Göttern sei Dank, dass dieser Sturm vorüber ist", sprach er mit schwacher Stimme die Männer an.

Keiner der Matrosen antwortete. Mit mürrischen, blassen Gesichtern hockten sie auf den Planken und beschäftigten sich eingehend mit dem Inhalt einer großen Proviantkiste in ihrer Mitte.

Llauk spürte plötzlich zu seinem Erstaunen, dass er gewaltigen Hunger hatte. Während der Zeit seiner Seekrankheit hatte er geglaubt, nie wieder etwas essen zu können. Jetzt aber spürte er, wie die Lebensgeister wieder in seinen Körper zurückkehrten. - Und diese Geister wollten Brot und Fleisch und Wein. Mit zwei unsicheren Schritten war er bei dem Kasten und griff nach einem Stück weißen Brotes.

Der Schlag traf ihn so unvorbereitet, dass er ihn überhaupt nicht kommen sah. Einer der Männer war aufgesprungen und hatte seine Faust wie einen Rammbock in den ohnehin arg geschundenen Magen des Stoffmachers geschlagen.

Rückwärts taumelte Llauk über das leicht schiefliegende Deck und landete zusammengekrümmt auf seinem alten Platz an der Reling. Ein Gefühl, als seien ihm die Eingeweide zerrissen worden und hingen nur in losen Fetzen in seinem Leib, durchraste seinen Körper. Sein Brustkorb hatte sich zusammengekrampft, als lägen schwere Felsbrocken darauf. Hilflos lag Llauk auf dem Rücken und rang um den ersten Atemzug.

"Nun, wie gefällt Euch die Überfahrt, Stoffmacher?" Auf seinen weichen Seestiefeln hatte der dramilische Kapitän sich unhörbar genähert und stand nun breitbeinig über Llauk.

Hilflos bewegte Llauk die Lippen.

"Ach Ihr wollt essen?" Der Kapitän tat so, als habe er ihn verstanden. "Nun, das ist einzusehen. - Aber warum eßt Ihr nicht Eure eigenen Vorräte, Herr?"

Langsam wich der Krampf aus Llauks Körper. Aber mit dem Sprechen wollte es wieder nicht gelingen.

"Ach, Ihr habt nichts mitgenommen, was man essen kann? - Das war nicht klug von Euch", höhnte der Kapitän. "Aber Ihr dürft doch deshalb meine Mannschaft nicht berauben! - Wenn Ihr essen wollt, dann müßt Ihr auch bezahlen. - Ihr habt doch Geld - oder? - Na also!" Mit einem verächtlichen Blick auf den immer noch zusammengekrümmten Llauk wandte er sich ab und ging zu seinen Leuten, wo er sich selbst ein großes Stück Brot und reichlich Fleisch und Wein nahm.

Mühsam hangelte Llauk sich an der Reling hoch. Das Stehen fiel ihm schwer. "Ich habe bezahlt", keuchte er mühsam, während er wieder auf die Männer zu stolperte. Die Große Geliebte lag nun gut am Wind und bewegte sich kaum noch. "Ich habe die Passage für mich und meine Ware bezahlt, und ich verlange mein Essen."

Einer der Männer lachte auf. "Bei uns ist es üblich, dass jeder Passagier sich selbst verpflegt, oder sein Essen von der Mannschaft kauft. Wenn Euch das nicht gefällt, dann eßt doch Eure Ware, für die habt Ihr ja bezahlt."

Einen besseren Witz schienen diese Männer noch nie gehört zu haben. Jedenfalls wollten sich alle ausschütten vor Lachen, während Llauk gedemütigt und geschlagen vor ihnen stand.

Als sie sich wieder beruhigt hatten, drehte sich der Kapitän versöhnlich zwinkernd zu ihm um. "Nehmt es nicht übel, Herr", bat er Llauk. "Meine Mannschaft liebt grobe Späße. - Natürlich braucht Ihr nicht in Eure Stoffballen zu beißen ..."

Llauk atmete innerlich auf. Er hatte ja gewußt, dass alles nur ein übler Scherz gewesen war.

"...greift Euch doch einfach einen Fisch, Herr", fuhr der Dramile in untertänigem Tonfall fort, "Das Meer ist voll davon."

Brüllendes Gelächter begleitete Llauk, als er mit hängenden Schultern davonwankte. Auf dem Vorschiff betastete er die triefend nassen Stoffballen, die ihm das große Glück hatten bringen sollen. Plötzlich konnte er sich nicht mehr beherrschen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse des Jammers. Tausende von Ellen modernden Tuchs und ganze drei Bronzestücke nannte er sein eigen. Große Tränen lösten sich aus seinen Augenwinkeln. Hilflos sank er über seiner verdorbenen Ware zusammen und schluchzte leise vor sich hin, bis er endlich, frierend und mit leerem Magen, auf seinem durchweichten Vermögen einschlief.

Am nächsten Tag opferte Llauk ein Drittel seines Bargelds, um sich einmal richtig satt essen zu dürfen. Ein Bronzestück hatte die Mannschaft verlangt, eine Summe, für die Llauk in Thedra einen ganzen Tag lang hätte speisen können.

Nun hieß es aber, sich auch richtig satt zu essen! Llauk hatte nicht die Absicht, jeden Tag ein Bronzestück zu opfern. Wenigstens zwei Tage lang sollte die Mahlzeit schon vorhalten. So stopfte er denn auch wahllos alles in sich hinein, was die Proviantkiste hergab.

Die Mannschaft ließ ihn feixend gewähren, doch lange konnte sich Llauk trotzdem nicht an den Köstlichkeiten erfreuen. Kaum hatte er einen besonders großen Bissen Fleisch hinuntergewürgt, als sein Magen schon wieder mit aller Heftigkeit revoltierte. Gerade noch schaffte er den Weg zur Reling. Als er zurückkam. war die Proviantkiste schon wieder geschlossen und die Mannschaft stand grinsend darum herum.

Resigniert hatte Llauk sich abgewandt und war an diesem Abend wieder hungrig eingeschlafen.

Zwei Tage später hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. Er mußte einfach etwas essen. Demütig war er zur Mannschaft gegangen und hatte das zweite Bronzestück zwischen die Männer gelegt. Vorsichtig hatte er einige kleine Häppchen gegessen und ein wenig Wein getrunken. Er war erleichtert. - Diesmal schien sein Körper die Speise bei sich behalten zu wollen.

Schnell, viel zu schnell für Llauk, hatten die Matrosen ihr Mahl beendet und die Kiste wieder verschlossen. Aber wenigstens war das schlimmste Hungergefühl aus seinem Magen verschwunden.

Weitere vier Tage hielt Llauk standhaft durch, während das Schiff ruhig seine Bahn durch die offene See zog. Die Seekrankheit schien für immer von ihm gewichen. Sein ohnehin schlanker Körper hatte sich gestrafft und er hatte auch das letzte Quentchen überflüssigen Fetts verloren. Wäre da nicht seine ungewisse Zukunft gewesen, hätte er sich fast wohl fühlen können.

Llauks Verstand hatte sich in den letzten Tagen geklärt. Er wußte jetzt, dass er dem dramilischen Kapitän wie ein dummes Erdhörnchen in die Falle gegangen war. Der Mann würde sich nicht erweichen lassen, das war klar. Aber bevor er sein letztes Geldstück opferte, mußte Llauk mit ihm sprechen - unbedingt!

"Was willst du, Stoffmacher?" Der Kapitän hatte es sich in einem aus Korb geflochtenen Sessel auf dem Achterdeck bequem gemacht, das zu betreten Llauk eigentlich verboten war.

"Ich - ich habe kein Geld mehr." Llauk stand mit hängenden Schultern da und verschränkte nervös die Hände vor seinem Leib.

"Das ist ein Problem", bestätigte der Kapitän freundlich. "Du wirst essen müssen, Herr, die Fahrt dauert noch lang."

"Lasst mich an den Mahlzeiten teilnehmen, und ich beteilige Euch an dem Gewinn aus meinen Geschäften."

"Oho!" Der Kapitän richtete sich in seinem Sitz auf. "Dein Vorschlag ehrt dich, Herr, aber ich habe keinen Bedarf an verdorbenen Stoffen. Schlag dir diese Idee aus dem Kopf. - Daraus wird nichts."

Das hatte Llauk befürchtet. "Ich könnte mir mein Essen verdienen", versuchte er es wieder.

"Wie soll das denn gehen, Herr?" Der Kapitän schüttelte betrübt den Kopf. "Was verstehst du schon von Schiffen? - Und außerdem ist meine Mannschaft komplett."

Resigniert wollte Llauk sich abwenden, bereit, seine letzte Münze für eine einzige Mahlzeit zu opfern, als ihn die Stimme des Kapitäns zurückhielt.

"Tja, Herr, jetzt hast du mich auf eine Idee gebracht. Dass ich auch nicht früher daran gedacht habe! Du hast einen so schönen, schlanken Körper, Herr. - Mein Bootsmann machte mich darauf aufmerksam. - Ich bin sicher, dass du ihm einiges helfen kannst, bei einer Arbeit die man nur zu zweit tun kann. Dann wirst du Essen bekommen. - Glaub mir, ich selbst habe sehr großes Interesse daran, dass dein schöner, weicher Mund nicht leer bleibt."

Llauk verstand. Er konnte sein letztes Geldstück opfern oder behalten, es blieb sich gleich. Über kurz oder lang würde er doch auf die Vorschläge des Kapitäns eingehen müssen.

"Überleg nicht zu lange, Stoffmacherlein." Der Kapitän schaute mit kaltem Blick zu Llauk auf. "Gelegenheiten kommen und gehen, und ich denke, jetzt ist die Gelegenheit, mir für meinen großzügigen Vorschlag zu danken."

Gleichmäßig zog das Schiff seine Bahn durch das endlose Meer. Totenstill war es an Bord, nur ab und zu war das Knarren des Tauwerks zu hören. Alle Männer des Schiffs hatten die Augen auf das Achterdeck gerichtet, wo Llauk vor dem Kapitän niederkniete, den Kopf neigte und seine Dankbarkeit bewies.

"Es wird Sturm aufkommen!" Sorgenvoll betrachtete der Kapitän der Großen Geliebten den Himmel. "Es wird ein schwerer Sturm werden, wir müssen uns vorbereiten."

"Ungewöhnlich für diese Jahreszeit, aber du hast recht, Herr", bestätigte der Bootsmann.

Seit Llauk für das persönliche Wohlergehen der beiden Männer verantwortlich war, durfte er sich den ganzen Tag lang auf dem Achterdeck aufhalten. Dank seines ehemaligen Sklaven Tos eb Far konnte er den Sinn der auf Dramilisch geführten Unterhaltung verstehen. "So ein schlimmer Sturm wie bei unserer Abfahrt?", wagte er zu fragen.

"Das war kein Sturm." Der Bootsmann hatte seit ein paar Tagen eine gewisse Schwäche für Llauk. Wenn sich an Bord jemand bereit fand, den Passagier zu beachten, dann meistens dieser stämmige, extrem dunkelhäutige Dramile. "Das war ein starker Wind."

Llauk fand, dass der Bootsmann übertrieb. Schlimmer als in den ersten Tagen konnte es doch gar nicht mehr kommen, meinte er.

"Lass Segel und Taue überprüfen und die Luken fest verkeilen", wies der Kapitän den Bootsmann weiter an. "Ab der Tagteilung ist mit stark aufkommendem Wind zu rechnen. Ich möchte nicht so kurz vor der Heimat noch absaufen."

Llauk wunderte sich, dass die Mannschaft die Anweisungen ihrer Vorgesetzten so ernst nahm. Vielleicht war ja doch etwas Wahres an der Voraussage des Kapitäns. Jedenfalls stürmten die Leute förmlich in die Masten, und Llauk konnte beobachten, wie jedes Segel, jeder Knoten, ja jede Handbreit Tau, genauestens untersucht wurden. Ab und zu fand einer der Männer eine schadhafte Stelle; dann wurde diese entsprechend verstärkt, oder das Material wurde komplett ersetzt, je nachdem.

Als Segel und Tauwerk gerichtet waren, gingen die Männer daran, die Luken des Laderaums wasserdicht zu verkeilen und Haltetaue quer über das Deck zu spannen.

Llauk schaute zum Himmel hinauf. Nur ein paar weiße, faserige Wolkenfetzen waren am Horizont zu erkennen. Deswegen die ganze Aufregung? Wenn sich eine dunkle Wolkenwand drohend über das Schiff geschoben hätte, ja dann ... Aber so kam ihm die ganze Übung eher lächerlich vor.

Da niemand ihn im Moment zu brauchen schien, und um nicht ganz untätig zu sein, kletterte er vorsichtig über die Haltetaue, hin zu seiner Ware. Das Laufen bereitete ihm einige Schwierigkeiten. Bei seiner täglichen Arbeit für den Bootsmann hatte er sich eine kleine Verletzung zugezogen, die ihn ein wenig behinderte.

Bei seinem Stapel Ware angekommen, legte er prüfend die Hand darauf. Die Ballen waren fast trocken. Vielleicht war doch nicht alles verloren. Vielleicht ließ sich die Ware ja doch noch zu einem guten Preis verkaufen. Feine Stoffe für Dramilien ...

"Achtung!", brüllte der Steuermann plötzlich los.

Llauk schaute sich um. Es war nichts zu sehen. Was der Mann wohl hatte?

Traumversunken zupfte Llauk gerade an der Verspannung der Stoffballen herum, als die erste Böe das überladene Schiff traf. Ein leichtes Kräuseln des Wassers hatte dem Steuermann im letzten Moment verraten, was auf die `Große Geliebte' zukam, er hatte es aber doch nicht mehr geschafft, das Schiff aus dem Wind zu nehmen.

Krachend schlug der Windstoß in die Segel des Zweimasters, der, viel zu tief im Wasser liegend, stark zur Seite krängte.

Llauk verlor den Boden unter den Füßen. Das Deck war plötzlich zu einer schiefen Ebene geworden, auf der seine Füße keinen Halt mehr fanden. Hilflos hing er an der Verzurrung seiner Stoffballen und sah entsetzt, wie das Wasser auf dem schrägstehenden Deck unter ihm immer höher stieg.

Stärker und immer stärker wurde der gewaltige Druck des Windes. Die starken Holzmasten vibrierten in ihren Verkeilungen und bogen sich bis fast auf das Wasser hinab.

Llauk schrie ununterbrochen. Krampfhaft hielt er sich an dem rettenden Tau fest, während das Deck sich annähernd im Rechten Winkel zur Wasserfläche befand und die reißende See ihn bis zum Brustkorb erfaßte. Undeutlich sah er, wie sich die Männer der Besatzung ebenfalls festklammerten, wo immer sie sich gerade aufgehalten hatten.

"In die Masten!", brüllte von irgendwoher der Kapitän. "Wenn die Segel voll Wasser schlagen, sind wir verloren!"

Llauk traute seinen Augen nicht. Tatsächlich setzten sich einige der Männer in Bewegung und hangelten sich Hand über Hand in die Takelage empor. Bevor sie jedoch auch nur ein einziges Segel hatten reffen können, ließ der Druck der Böe ein wenig nach. Langsam, unendlich langsam, richtete die `Große Geliebte' sich wieder auf.

Mit zitternden Gliedern ließ Llauk sich auf das Deck gleiten. Mit einem kleinen Schrei rutschte er sofort auf die Reling zu, die mit ihrem unteren Teil noch unter Wasser lag.

Nun hatten die Männer in den Masten die ersten Segel eingeholt. Immer mehr Segelflüge ließ der Kapitän reffen, bis das Schiff vollständig ruhig und gerade im Wasser lag.

Der Wind, der vor der Böe gleichmäßig und beständig gewesen war, schlief nun vollständig ein. Mit hochgezogenen Segeln dümpelte die `Große Geliebte' auf der Stelle.

Am Horizont war ein schwarzer Streifen erschienen, der höher und höher stieg. Bald schon waren die ersten Blitze zu erkennen, die daraus hervor in die See zuckten.

Der Kapitän rief die Männer vor dem Achterdeck zusammen. "In weniger als zwölf Sonnenhöhen wird ein Sturm uns ergreifen, wie ihn wohl noch keiner von uns erlebt hat. Öffnet jetzt eine neue Proviantkiste und nehmt Euch das Beste daraus, aber trinkt nicht zu viel Wein. Wir brauchen jede Hand und all unsere Kraft!"

Schweigend gingen die Leute ans Werk, doch den meisten mochte das beste Fleisch und der köstlichste Käse nicht so recht munden. Alle Männer auf dem wie tot daliegenden Schiff schauten immer wieder besorgt auf die herannahende Wetterfront.

Unter der schwarzen Wolkendecke zeigte sich nun, neu und beängstigend, eine weiße Linie, die sich mit gleicher Geschwindigkeit vorwärts schob. "Die See kocht", bemerkte einer der Männer halblaut.

"Schließt jetzt die Kiste und verstaut sie gut", bestimmte der Bootsmann. Mancher der Männer nahm schnell noch einen letzten Schluck Wein, dann wurde die Kiste fest verkeilt und obendrein noch mit Tauen gesichert.

"Geht auf eure Posten!"

Schaudernd sah Llauk, wie einige der Männer in die Masten kletterten und sich dort, an ihren Einsatzorten, mit starken Leinen sicherten. Andere nahmen ihre Position auf Deck ein und banden sich ebenfalls an das Schiff. Kapitän und Bootsmann hatten ihre Sicherungsleinen, genau wie der Steuermann, an dem schweren Ruderbalken befestigt.

Mit plötzlichem Entsetzen bemerkte Llauk, dass er die einzige ungesicherte Person auf dem ganzen Schiff war. Hastig suchte er sich ein freies Tauende, das am Hauptmast hing und band es sich um die Körpermitte.

Es wurde zusehends dunkler, obwohl die Tagteilung, der Höchststand der Sonne, gerade erst vorüber war. Glatt wie Öl lag die See unter dem Schiff.

Plötzlich wurden auf breiter Front kleine, spitze Wellen aus der glatten Wasserfläche emorgerissen. Llauk atmete scharf ein, als er bemerkte, wie die Böe auf das Schiff zujagte. Der Bootsmann stieß einen langgezogenen Warnruf aus, und Sekunden später war die `Große Geliebte' von der Wetterfront überrollt worden, wie ein Grashalm von einer Steinernen Walze.

Es war vollständig gleichgültig, wieviele Männer auf dem Schiff waren, wo sie ihre Posten hatten und ob sie etwas von ihrem Handwerk verstanden. Es war sogar gleichgültig, ob sich überhaupt jemand auf Deck befand. Die tosenden Elemente nahmen das Schiff vollständig unter ihren Zwang. Luft und Wasser waren eins geworden. Die `Große Geliebte' erkletterte Berge aus Wasser und Gischt, ritt auf den Kämmen rasender Wogen und kippte ab in wirbelnde Täler. Tobender Sturm und brechende Wellen zerrten an ihren Masten. Sie wurde vom Meer ausgespien und wieder eingesogen. Sie durchbrach gischtende Wogen. Sie wurde emporgehoben in schwindelnde Höhe, und ihre Beplankung krachte, wenn sie hart auf den Wasserspiegel traf. Sie wurde von gigantischen Wogen fast zärtlich vor dem Sturm beschützt und drehte sich in wirbelndem Tanz, wenn die Böen sie erfaßten.

Llauk hatte schon lange die Übersicht verloren. Halb ohnmächtig hing er am bebenden Hauptmast und hatte endgültig mit dem Leben abgeschlossen.

Plötzlich sah er eine Bewegung aus den Augenwinkeln, die weder von Wasser, noch von Wind herrührten. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er der fliegenden Gischt zu trotzen und zu erkennen, wer sich da Hand über Hand auf das Vorschiff zuarbeitete.

Schließlich konnte Llauk den Bootsmann erkennen, der, eine kurze Axt aus Bronze in seinem Gürtel, verzweifelt versuchte, den Halt nicht zu verlieren. "Das Vorschiff ist zu schwer!", brüllte er überflüssigerweise Llauk zu. "Die nassen Ballen ziehen uns runter! - Ich muß die Ladung kappen!"

"Nein", stöhnte Llauk auf. "Nicht die Stoffe!" Plötzlich erwachten die Kräfte eines Wahnsinnigen in ihm. In wildem Zorn schoß er von seinem Platz auf den Bootsmann zu, aber der war schon aus seiner Reichweite.

Mit fliegenden Fingern versuchte Llauk, den Knoten seiner Sicherungsleine zu lösen. Nur ein einziger Gedanke beherrschte ihn: Der Bootsmann durfte seine Stoffballen nicht erreichen! Lieber sollte das ganze Schiff zugrunde gehen, als dass die Verzurrung gekappt wurde.

Frei und ungeschützt saß Llauk auf dem Deck und hatte den Knoten fast gelöst, als ein schwerer Brecher über Bord kam und ihn mit aller Gewalt gegen den Mast schleuderte.

Als Llauk wieder zu sich kam, hatte der Bootsmann die Ballen fast erreicht. Benommen, unfähig sich zu bewegen, sah der Stoffmacher zu, wie der muskulöse Mann alle Vorsicht fahren ließ und die Axt mit beiden Händen über den Kopf schwang.

"Nein!", brüllte Llauk aus tiefster Seele. "Nein!"

Voller Entsetzen verfolgte Llauk die halbkreisförmige Bahn der Axt - wie sie das Tau durchschlug - wie sie sich tief in das nasse Holz grub. Wie der Stapel Tuchballen - sein Stapel Tuchballen - ins Rutschen kam und mit unglaublicher Schnelligkeit ins Meer glitt. "Nein!" Krampfhaft streckte er beide Hände nach seinen Schätzen aus und wäre wohl dumm genug gewesen, sich daran zu klammern, wenn er sie hätte erreichen können. Dann verlor er die Besinnung.

Llauk erwachte noch zweimal während des Sturms und wunderte sich jedes Mal, dass er noch lebte. Er spürte keine Todesangst mehr, nur eine alles verschlingende Bitterkeit hatte sich in ihm ausgebreitet. Nun war wirklich alles verloren. Wie bei einem gehetzten Wolf irrlichterten seine Augen hin und her, immer wieder die tosenden Wellen nach seiner Ware absuchend.

Wie hatte der Bootsmann es wagen können? Er, Llauk, würde diesen Kerl töten! Er würde ihm den Dolch in den Bauch jagen - ihn kastrieren - seine Augen ausstechen - seine Zunge herausreißen - und ihm dann ganz, ganz langsam die Kehle durchschneiden!

Als Llauk zum drittenmal aus seiner Ohnmacht erwachte, hatte sich das Wetter schon wesentlich gebessert. Kurz darauf ließ der Kapitän die Segel setzen und die `Große Geliebte' lag wieder hart am Wind.

Ein Zählapell brachte zutage, dass, bis auf den Bootsmann, der bei dem heldenhaften Kappen der Ladung von einer Woge fortgerissen worden war, keine Verluste zu beklagen waren. Sogar die teure Bronzeaxt steckte noch dort im Holz, wo sie das Tau durchschlagen hatte, was der Kapitän wohlgefällig zur Kenntnis nahm.

Kaum einen halben Tag später kam Land in Sicht. - Die Westlichen Inseln.

"Bitte, Herr, bitte!" Völlig aufgelöst lief Llauk neben dem Kapitän her, der mit großen Schritten das Hafengelände von Sordos durchschritt. "Ihr könnt mich doch nicht allein hier zurücklassen. War ich nicht treu? War ich nicht nützlich? War ich nicht dankbar? - Bitte, Herr, lasst mich nicht hier zurück! Was soll ich essen? Wo soll ich schlafen? Ich habe alles verloren, was ich hatte auf der Welt! - Lasst mich Euer Knecht sein, Euer Sklave, aber lasst mich nicht zurück!"

"Verschwinde!" Der Kapitän blieb noch nicht einmal stehen. "Du und mein Sklave? Du bist nichts wert! Geh in den Hafen, Herr, und biete dich dort an! Vielleicht findet man ja Gefallen an dir. Ich jedenfalls bin froh, dass ich dein weinerliches Gesicht nicht mehr sehen muß. Du kannst dich bei mir bedanken, dass ich dich nicht über Bord werfen ließ, als du kein Geld mehr hattest. - Verschwinde, Herr!"

Wie betäubt blieb Llauk stehen. Was hatte er noch zu verlieren? - Nichts! Das Geld verloren, die Ware im Meer versunken, der Stolz gebrochen und die Hoffnung erloschen. Gestrandet als Bettler in einem fremden Hafen und verhöhnt von seinem Peiniger. - Nein, Llauk hatte nichts mehr zu verlieren. Aber er konnte noch etwas erledigen!

Nachdenklich sah er dem Kapitän nach, der jetzt schon einige Schritte entfernt war. Verstohlen tastete seine Hand nach dem kleinen Dolch, den er während der ganzen Fahrt in seiner Kleidung verborgen gehalten hatte. Mit ausdruckslosem Gesicht zog er die Waffe und setzte sich in Bewegung.

Schneller und schneller schlugen seine Füße den Takt auf den Pflastersteinen. Hoch schwang er die Waffe in seiner Rechten. Mit letzter, lautloser Anstrengung rannte er auf den Kapitän zu. Irgendwo stieß eine Frau einen Warnruf aus. Der Kapitän wollte sich umdrehen, aber da hatte ihm Llauk schon den Dolch mit voller Wucht bis zum Heft in den Nacken getrieben.

"Tja, Herr Stoffmacher aus Estador, da seid Ihr nun in Schwierigkeiten!" Der Richter nickte verständnisvoll und lächelte Llauk zu. "Da kommt Ihr daher und stecht einfach einen Kapitän in den Rücken. - Das ist nicht richtig, Herr. - Das seht Ihr doch ein?"

"Ja, natürlich!" Llauk nickte eifrig. Er war froh, auf einen so verständnisvollen älteren Herrn gestoßen zu sein. Das Urteil würde bestimmt milde ausfallen, zumal er den Kapitän ja nicht getötet, sondern nur verletzt hatte.

"Beraubt seid Ihr worden, bestohlen, übervorteilt und gedemütigt, sagt Ihr. Warum in aller Götter Namen habt Ihr den Mann nicht verklagt, Herr? Seht doch ein, dass auch wir Richter essen müssen." Wieder lächelte der Mann.

Llauk lachte verlegen auf. "Ich war wahnsinnig! Ich bin die ganze Fahrt über gequält worden! Ich habe alles verloren was ich besaß! Ich war wahnsinnig!"

"So, so, wahnsinnig also." Der Richter schüttelte lächelnd den Kopf. "Wir Dramilen haben Angst vor solchem Wahnsinn, Herr. Das versteht Ihr doch? - Einen Kapitän in den Rücken stechen - das ist bei uns regelrecht verboten! - Wußtet Ihr das nicht, Herr?"

"Äh, nein."

"Tja, bedauerlich, bedauerlich! Ich werde den Hafenmeister foltern lassen. - Er hätte Euch das bei Eurer Ankunft sagen müssen, Herr!"

Fragend legte Llauk den Kopf schräg. - Wenn das bloß nicht wieder einer dieser groben Späße wurde, die die Dramilen so liebten ...

"Aber auch Ihr müßt Buße tun, Herr! Ich werde Euch allerdings milde bestrafen. Ihr habt sehr viel gelitten, Herr."

Llauk atmete auf. Er hatte es gewußt! Dieser freundliche Richter war ein gerechter Mann. Er würde davonkommen! Vielleicht könnte er Arbeit auf einem Schiff finden, das nach Thedra fuhr. Dort hatte er Verwandte, die ihm bestimmt ...

"Zahlt dreihundert Bronzestücke an das Gericht, und die Sache ist beigelegt, Herr", unterbrach der Richter Llauks Gedanken.

Llauk wurde blass. "Aber, aber ich habe doch kein Geld", stammelte er.

Jetzt zeigte sich eine Unmutsfalte auf der Stirn des Richters. "So, so, kein Geld habt Ihr? Noch nicht einmal dreihundert Bronzestücke? Ihr seid ein seltsamer Kaufmann, Herr!"

Das fand Llauk zwar im Moment auch, aber sicher ließ sich die Sache doch irgendwie anders gütlich beilegen.

"Aber sicher habt Ihr doch Freunde in Sordos, die die Buße für Euch bezahlen werden?" Der Richter schien ehrlich besorgt.

Llauk überlegte fieberhaft, aber es blieb nur eine Antwort: "Nein, ich kenne niemanden hier."

"Tja, ich werde dann wohl das Urteil ändern müssen", stellte der Richter mehr für sich fest. Er schaute Llauk an, als sei der ein seltsames kleines Tier, das sich in seine Amtsstube verlaufen habe. - Ein ekliges kleines Tier!

"Was habt Ihr mit mir vor? Muß ich jetzt ins Gefängnis? Gibt es keine andere Lösung?"

"Ins Gefängnis, Herr? Kein Gedanke!" Der Richter schüttelte energisch den Kopf "Ich denke, ich lasse dir mit kupfernen Haken die Gedärme herausreißen und sie auf der Pier verstreuen. So sieht es unser Recht vor. Wenn du dich wacker hältst, Herr, kannst du noch zusehen, wie die Möwen sich an deinen Eingeweiden erfreuen." Jetzt lächelte der Richter nicht mehr. "Urteil und Vollstreckung kosten dich fünfundzwanzig Bronzestücke, Herr."

"Aber ich habe doch kein Geld!", schrie Llauk auf.

Der Richter gab den Gerichtsdienern das Zeichen, den Gefangenen abzuführen.

"Bitte! - Ich habe doch kein Geld!" Llauk hielt sich am Tisch fest.

"Tja, Herr, dann werde ich die Haken wohl glühend machen lassen. - Auf eigene Kosten, Herr!" Das kalte und grausame Gesicht des Richters ließ Llauk ahnen, dass es für ihn nichts mehr zu hoffen gab.

MICHAEL STUHRS FANTASY-DOPPELBAND

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