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KAPITEL 3 - KIND DER ZUNFT

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Realitäten verändern sich ständig; manche Träume nie.

Als Teri im Schneckenhafen ankam, war es fast schon zu spät.

Am frühen Nachmittag hatte sie sich auf ihr Bett gelegt, um ein wenig die Vorfreude auf das Fest zu genießen. Darüber war sie einfach eingeschlafen. Da ihre Eltern noch einen Besuch machen wollten, bevor das Fest begann und Teri keine Geschwister hatte, hatte auch niemand sie wecken können.

Voller Entsetzen hatte sie beim Erwachen festgestellt, dass es um sie herum überall totenstill war. Der ganze Wohnfelsen schien von allen Menschen verlassen. In fliegender Hast, ohne sich auch nur die Schuhe überzustreifen, war sie auf den düsteren Gang hinausgestürzt. In vollem Lauf war sie die steilen Treppen im Felsinneren hinabgerannt. Wäre jemand ihr entgegengekommen, hätte es eine Katastrophe gegeben.

Geblendet vom grellen Tageslicht war Teri durch die engen, gewundenen Straßenschluchten gerannt, bis ihr fast der Atem verging. Unsäglich war ihre Erleichterung gewesen, als sie am Schneckenhafen durch das große, turmbewehrte Schutztor kam und feststellte, dass sie nichts Wesentliches versäumt hatte.

Fast zweitausend Stadtbewohner drängten sich auf dem einzigen Versammlungsplatz der Stadt. Schulter an Schulter standen sie dort und schauten erwartungsvoll auf das steinerne Podest am Ende des Platzes. Hell klangen die kleinen Marschtrommeln der Verkünder über die Köpfe der Menge hinweg.

Teri beeilte sich. Gleich würden die Fanfaren erschallen, dann mußte sie in der ersten Reihe sein!

In letzter Sekunde verzögerte sie ihren Lauf und drängte sich mit verzweifelter Kraft zwischen den eng zusammenstehenden Menschen hindurch. Langsam, viel zu langsam, kam sie vorwärts. Sie kam sich vor, wie eine Fliege im Honigtopf - irgendwann würden ihre Kräfte erlahmen und die zähe Masse um sie herum würde sie zum Stillstand bringen. Mit der ganzen Kraft ihres siebenjährigen Körpers schob sie sich zwischen den Leibern der Erwachsenen hindurch.

Erste Beschimpfungen wurden laut. Knapp nur entging sie einem halbherzig geführten Schlag. So ging es nicht weiter! Kurz entschlossen ließ Teri sich zwischen zwei fetten, bleichen Kaufleuten zu Boden gleiten. Hier hatte sie viel mehr Bewegungsfreiheit. - Dass sie auch nicht sofort auf diese Idee gekommen war! Auf allen Vieren raste sie förmlich zwischen den Beinen der Herumstehenden hindurch.

Einige Männer fluchten laut, andere waren amüsiert, einige Frauen schrien erschreckt auf, aber alle nahmen doch die Füße brav aus dem Weg, wenn Teri gegen ihre Waden prallte.

Nach kurzer Zeit sah Teri die letzte Reihe Beine vor sich, direkt dahinter die Mauer des Podests. Eilig arbeitete sie sich dorthin durch und richtete sich vorsichtig auf, um die Umstehenden nicht zu verärgern.

Nie sah man ein freundlicheres Kind aus einer Menschenmenge auftauchen. - Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, dass dieses zarte, blonde, lächelnde Geschöpf eben noch verbissen um jede Elle Raum gekämpft, dabei in Waden gekniffen und mit der blanken Faust auf nackte Zehen geschlagen hatte. So rückten die Leute bereitwillig noch ein wenig mehr aneinander und Teri konnte sich direkt vor dem Podest vollends aufrichten. Freundlich strahlte sie zu ihren Gönnern, einem kleinen, stämmigen Scharmann und seiner fein herausgeputzten Frau, hinauf und wandte sich dann dem Geschehen vor ihr zu.

Teri war an die äußerste rechte Seite der Tribüne geraten. Besser hätte sie es gar nicht treffen können. So hatte sie die gesamten Vorgänge mit einem Blick unter Kontrolle und lief nicht Gefahr, etwas das außerhalb ihres Blickfeldes geschah zu versäumen.

Direkt vor Teri, kaum eine Elle entfernt, stand einer der Verkünder. Die Marschtrommel, von dem Mann in rasendem Takt geschlagen, hing genau über ihrem Kopf.

Die Verkünder waren die einzigen Bewohner Thedras, die ungestraft Lärm machen durften, ja sogar mußten. Alle Neuigkeiten von Belang wurden durch diese Männer und Frauen täglich zu festgelegten Zeiten verkündet. Darüber hinaus brachten sie den Bewohnern der Stadt die Verordnungen der Beamtenschaft zu Ohren, und auch die Kapitäne der Schneckenschiffe bedienten sich ihrer, um Mannschaften für ihre Frachter anzuwerben.

Mit einem furiosen Wirbel der Trommelstöcke beendete der Mann vor Teri sein Spiel und griff zu der kupfernen Fanfare, die an einem breiten Seidenband von seiner Schulter hing. Teri hielt die Luft an und schaute schnell zu den etwa dreißig Halbwüchsigen hin, die mit erwartungsvollen Gesichtern auf dem hinteren Teil der Tribüne standen. Wer von ihnen würde wohl zu den Auserwählten gehören?

Wilder Neid erfaßte Teri unvermittelt. Heute wurden die neuen Scharleute gewählt. - Die Scharleute, die auf den fliegenden Schiffen fahren und Waffen tragen durften. - Die Scharleute, die alle nur denkbaren Privilegien genießen und in die entferntesten Länder reisen würden. Unwillkürlich schloß Teri ihre Hände zu Fäusten. Wenn sie nur alt genug gewesen wäre, dann würde sie jetzt dort oben stehen - und ganz sicher würde sie ausgewählt werden.

Gleichzeitig hoben alle sechs Verkünder ihre glänzenden Instrumente an die Lippen und schon der erste, durchdringende Ton beendete das Gemurmel und Getuschel auf dem Versammlungsplatz.

Teri betrachtete die Gruppe der Bewerber, die sich im Alter von zwölf Jahren in die Rolle der Scharanwärter einschreiben konnten. Teri traute es sich zu, jeden einzelnen von ihnen in jeder denkbaren Disziplin zu schlagen. Ihr Blick blieb an den Augen von Aeta hängen. Noch im vergangenen Sommer hatten Teri und Aeta am Strand zusammen gespielt. Teri mochte das drahtige, brünette Mädchen. Im Spiel war sie eine der Ehrgeizigsten und Schnellsten gewesen. Nun gut, das mochte für einen Mannschaftsgrad ausreichend sein, aber Teri fand, dass es nicht ausreichte, stark und schnell zu sein, um ein Schwalbenschiff zu leiten. Aeta würde es nie zum Kapitän bringen, Teri hielt sie einfach für zu dumm.

Oder Raag mit seinem massigen Körper. Sicher, er war kräftig wie kein anderer seines Alters, aber welcher Kapitän würde ihn haben wollen? Raag bewarb sich nun schon im dritten und letzten Jahr um einen Platz in der Sturmflottenschar. Aber er war viel zu schwer. Der Kapitän, der ihn auswählte, könnte sich ja gleich einen Felsbrocken in den Mast hängen, befand Teri. "Soll der Kerl doch Schneckenschiff fahren!", zischte sie zwischen halbgeschlossenen Lippen hervor. Fünf Jahre fehlten ihr, um sich bewerben zu können, lächerliche fünf Jahre. - Es war einfach ungerecht!

Teris heimliche Hoffnung war es, dass der Obmann der Kapitäne bekanntgab, dass dieser jämmerliche Haufen von fetten Idioten zu gar nichts tauge und man das Alter für Bewerbungen darum auf sieben Jahre herabsetze. Dann würde Teri als erste auf die Bühne steigen, dem Obmann wissend zunicken, ihm die Hand reichen und sich als erste in die Liste einschreiben. So würde sie es machen. Ganz bestimmt!

Plötzlich verstummten die Fanfaren. Erwartungsvolle Stille lag über dem Platz. An die dreitausend Menschen warteten darauf zu erfahren, welchen Familien in diesem Jahr die Ehre zuteil wurde, ein Mitglied der Sturmflottenschar hervorgebracht zu haben.

"Der Obmann der Kapitäne der Schwalbenschiffe!", rief der Erste Verkünder überflüssigerweise über die Köpfe der Menge hinweg. Jeder kannte Athan, den dienstältesten Kapitän der Flotte der fliegenden Schiffe.

Der Mann neben Teri setzte sich in Bewegung und stieg die Stufen zum Podest hinauf. Teri konnte es kaum fassen, der Obmann hatte direkt neben ihr gestanden, sie hatte ihm sogar ins Gesicht gesehen, und sie hatte ihn in ihrer Aufregung nicht erkannt.

Athan ließ sich Zeit mit seinem Auftritt. Klein und drahtig wie alle Scharleute, wirkte er in seinem Anzug aus gelber, geölter Seide wie eine Quelle reiner Energie. Trotz seines Alters, Teri schätzte ihn auf mindestens dreißig Jahre, bewegte er sich geschmeidig auf die Mitte des Podiums zu.

Ruhe gebietend hob er die Hand, als einzelne Hochrufe laut wurden. Aus seiner Tasche, die um seine Schultern hing, nahm er eine flache Holzschachtel, von der er mit geübten Handgriffen den Deckel entfernte. Zum Vorschein kam ein Rahmen aus Leisten, der fast zu ganzer Höhe mit gelbem Ton ausgefüllt war.

Den Deckel der Schachtel legte Athan nun unter das Bodenbrett der Tafel und hielt diese mit beiden Händen über den Kopf. "Die Versammlung der Kapitäne hat gewählt!", gab er bekannt, "Diese Tafel trägt die Namen der Matrosen, die wir in diesem Jahr in Dienst nehmen werden!"

Teri versuchte angestrengt, einen der Namen zu entziffern, oder wenigstens die Anzahl der Kandidaten festzustellen, konnte aber wegen der Entfernung nichts erkennen.

"Ich werde die Namen nun verlesen", fuhr Athan fort und nahm die Tafel wieder herunter. "Erwählt ist Rean, Tochter der Kaufleute Deril und Ewron!" Athan ließ die Tafel sinken, während Rean mit hochrotem Gesicht nach vorn gestolpert kam und sich neben ihn stellte.

"Erwählt ist Sigo, Sohn der Former Ohbit und Aslan!" Wieder kam ein linkisches Geschöpf aus der Gruppe der Wartenden und stellte sich, verlegen grinsend, neben Athan.

Teri sah dem würdelosen Schauspiel verächtlich zu. Die armen Kapitäne! - Was hatten die sich da bloß ausgesucht?

Weiter verlas der Obmann die Namen der Erwählten. Mit jedem neuen Namen sank Teris Hoffnung tiefer. Immer größer wurde die Schar stolzer und verlegener Halbwüchsiger, die sich neben Athan aufstellten. Auch Aeta war dabei – natürlich - und Dacol, der Sohn eines Hirten, der mädchenhafter wirkte, als manche der jungen Frauen auf der Tribüne.

Schließlich ließ der Obmann die Tafel endgültig sinken. sechzehn Auserwählte standen neben ihm.

Athan trat zwei Schritte vor, wandte sich um und richtete das Wort an sie: "Junge Scharleute", sprach er sie an, "ihr seid von der Kapitänsversammlung der Schwalbenschiffe in den Mannschaftsstand gewählt worden. Wer von euch Zweifel hat, den harten Anforderungen gewachsen zu sein, der trete nun vor, und ich werde seinen Namen von dieser Tafel löschen!"

Keiner der jungen Scharleute regte sich auch nur um einen Fingerbreit.

"So sprecht mir denn nach", fuhr der Obmann in dem traditionell vorgegebenen Text fort und begann mit getragener Stimme den Eid der Scharleute zu sprechen, wobei er nach jeweils wenigen Worte eine Pause einlegte, in der die Erwählten den Text im Chor wiederholten: "Wir sind der Sturmflottenschar auf ewig ergeben. Wir werden ihre Geheimnisse hüten und für unser Schiff eintreten mit der Kraft unseres Geistes, des Körpers und unseres Lebens!"

Eine heiße Welle der Sehnsucht riß Teri mit sich fort. Halblaut hatte sie den Text des Eides mitgesprochen. Einen Moment lang war sie versucht, einfach auf die Bühne zu klettern und sich in die Gruppe der Erwählten einzureihen - aber das war natürlich dummes Zeug.

"Ein jeder von euch ist nun für alle Zeiten Mitglied der Sturmflottenschar", erhob Athan nun wieder die Stimme, als die nachgesprochene Eidesformel verklungen war. "Nichts als der Tod wird euch von diesem Recht und dieser Pflicht entbinden. Geht nun in den Schwalbenhafen und lernt euer Handwerk gut. Im nächsten Frühjahr werdet ihr mit den Schiffen fliegen!"

Wie auf ein geheimes Kommando hoben die Verkünder nun ihre Fanfaren, um das Schweigegebot aufzuheben, aber noch vor dem ersten Ton löste sich die Anspannung der Menge in tosendem Jubel. Jeder versuchte, den Eltern eines neuen Scharmitglieds die Hand zu reichen, nur das kleine Häuflein der abgelehnten Bewerber stahl sich beschämt von der Bühne.

Teris Blick hing wie gebannt an der Gestalt Athans, der nun zu jedem einzelnen der jungen Leute trat, um sie zu ihrer Wahl zu beglückwünschen. Dann händigte er die frische Tontafel dem Obmann der Brenner aus, der sie mit sich nahm, um sie im Feuer zu härten.

Plötzlich drehte der Obmann sich um und schaute Teri voll in die Augen. Mit zwei schnellen Schritten war er am Rand der Tribüne und beugte sich zu Teri hinab, die erschreckt einen halben Schritt zurückwich, mehr Raum ließ ihr die Menge in ihrem Rücken nicht.

"Welcher Kerl soll mit den Schneckenschiffen fahren?", fragte Athan freundlich.

Schlagartig wurde es Teri klar, dass er ihre halblaut ausgesprochene Bemerkung von vorhin trotz der Fanfaren sehr wohl gehört hatte. "Der, der dicke Raag", brachte sie zaghaft hervor. Tatsächlich war Raag auch in seinem dritten Jahr von keinem Kapitän gewählt worden. Er würde nie zur Schar gehören, Teri hatte es gewußt.

"So, der dicke Raag also", stellte der Obmann fest. "Ja, du hast Recht. Raag wird auf einem Schneckenschiff anheuern müssen, wenn er zur See fahren will." Nachdenklich nickte der Mann zu seinen Worten. "Und du?", wollte er von Teri wissen. "Ich habe Dich beobachtet. - Du willst Scharfrau werden?"

Auf einmal fiel alle Befangenheit von Teri ab. "Ja!" Trotzig schaute sie dem hoch über sie aufragenden Mann auf der Bühne in das Gesicht. "Ja, ich will Scharfrau werden! Und nicht nur einfache Scharfrau. Kapitän will ich werden! Kapitän des Flaggschiffs der Königlichen Flotte. Kapitän der `Diamant'!"

Athan lachte laut auf. "So, Kapitän der `Diamant' willst du sein! Nun, das ist zur Zeit zwar mein Schiff, aber wenn Du so weit bist, können wir uns ja über meine Ablösung unterhalten."

Teri spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. Sie hatte das Gefühl, etwas unglaublich Dummes gesagt zu haben.

"Sag mir deinen Namen", forderte Athan.

Die Stimme drang wie aus weiter Ferne an Teris Ohr. Leise gab sie Antwort. Sie schämte sich entsetzlich für ihre vorlaute Bemerkung.

"Teri also!" Der Obmann richtete sich zu voller Größe auf und sprach nun lauter: "Deinen Namen werde ich mir merken, Teri." Fest schaute er das Mädchen an. "Erwarte nur die Zeit. - Du wirst mit den Schiffen fliegen!"

Teri war es, als versänke die Welt um sie herum. Unsicher tastete sie nach der Brüstung vor sich. Sie würde mit den Schiffen fliegen! Der Obmann hatte es gesagt! Der Obmann hatte es versprochen! Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte ihren Körper. Sie hörte kaum noch, wie die Musikanten auf einer kleinen Nebenbühne begannen, eine schwungvolle, fröhliche Melodie zu spielen. Erst als die Paare anfingen, die Bühne zu stürmen und einen wirbelnden Tanz begannen, merkte sie, dass Athan schon lange gegangen war. - Sie würde mit den Schiffen fliegen. - Athan hatte es gesagt. - Das war mehr als ein Versprechen - das war eine Verheißung!

Teri schaute sich um. Die ernste, erwartungsvolle Stimmung der Menge entlud sich nun in nahezu hektischer Heiterkeit.

Eigentlich war es nichts Besonderes, dass die Zünfte im Schwalbenhafen ihren Nachwuchs bestimmten. Während der Herbstmonate gab es an jedem fünften Tag ein ähnliches Spektakel. Jeder Thedraner, der das zwölfte Lebensjahr vollendet hatte, konnte sich um die Aufnahme in einen Berufsstand eigener Wahl bewerben. Zu diesem Zweck ging er zu dem entsprechenden Obmann und trug ihm seinen Wunsch vor.

Die Auswahl ging nach immer gleichen Kriterien vonstatten: Die Meister der Zunft wählten aus dem Aufgebot in einer Vorentscheidung ihre Lehrlinge aus. Die Namen der Gewählten wurden dann, im Beisein aller, öffentlich verlesen. Die abgewiesenen Bewerber konnten sich in den nächsten Jahren noch zweimal bewerben, dann waren sie gezwungen, sich einen Beruf niederen Standes zuweisen zu lassen.

Jedes Mal gab es zu diesen Anlässen ein kleines Fest. Die Zünfte versuchten jedes Jahr, sich in ihren Anstrengungen zu überbieten. Selbst die Ziegenzüchter, der ärmste und verachtetste der mittleren Berufsstände, opferten jedes Jahr einige Tiere, um die Feiernden freizuhalten.

Aber was war das alles gegen die wirklich großen Feste?

Jedes Jahr, wenn die Schwalbenschiffe aus den Ländern der ganzen Welt in den Heimathafen zurückgekehrt waren, und die ersten Eisschollen vor dem Hafen auftauchten, wählten die Scharleute ihre neuen Mannschaften, gefolgt von den hohen Ständen der Schwalbenschiffbaumeister und der Kupferschmiede. Aber der Höhepunkt war und blieb das Fest der Scharleute, das Fest der fliegenden Schiffe.

Laut klangen die Schellen und Trommeln der Musikanten über den Platz; eine junge Frau stand vorne auf dem kleinen Podium und sang mit heller Stimme ein Tanzlied. Schneller und schneller drehten die Tänzer sich im Kreis. Noch lauter wurde die Musik. Die Sängerin feuerte die Tanzenden zu immer neuen Anstrengungen an.

Nun begann auch die Menge auf dem Platz zu wogen. Einige Paare begannen auch dort unten auf dem unebenen Platz zu tanzen. Händler hielten ihre Buden geöffnet und boten Speisen und Getränke an. "Heute alles auf Kosten der Schar!", schrien sie wieder und wieder. Kinder hielten Modelle fliegender Schiffe an langen Stangen über ihre Köpfe und bahnten sich johlend einen Weg durch die Menge, jedes auf einem anderen Kurs. Schmale seidene Bänder hingen von den Rümpfen herab und flatterten hinter den Modellen lebhaft hin und her. Jedes der Schiffchen war an den Seiten des Rumpfes mit einem Paar Möwenschwingen besetzt, die durch seidene Schnüre von den Kindern bewegt werden konnten.

Mit offenen Augen träumend sah Teri eines der Modelle auf sich zukommen. "Du wirst fliegen!", hatte der Obmann gesagt. Teri träumte sich auf das Deck des Modells. Matrose Teri - Windmeister Teri, oder nein, besser noch Kapitän Teri. Wie gut sich das anhörte: Kapitän Teri, Scharfrau von Thedra, unterwegs in das Land der weißen Küsten, zum Volk der Rauchtrinker, Seide gegen Gold zu tauschen.

"He, pass doch auf!" Das Schiffsmodell über Teri geriet plötzlich in harten Wind und drohte, von seiner Stange zu kippen. Der tatsächliche Kommandant, ein etwa achtjähriger, in feinste Stoffe gekleideter Junge, war gegen die träumende Teri gestoßen und dabei gestolpert. "Hau ab, Straßenköter!", fuhr der Knabe Teri an. "Den Weg frei für Kapitän Garsa und seine `Achat'!"

Hastig brachte die so jäh entthronte Teri ihre nackten Zehen vor den schweren Holzschuhen des Rüpels in Sicherheit. Verächtlich sah sie ihm nach, wie er sich rempelnd und stoßend einen Weg durch die Masse bahnte. Eines Tages würde sie wirklich Kapitän sein, eine der ersten Damen des Staates, gleichgestellt einer Fürstin! - Dann würde es kein Mensch mehr wagen, so mit ihr zu reden. Sie würde die unverschämte Brut in Ketten legen und auspeitschen lassen! Gierig sah sie ihrem Widersacher nach. - Schade, dass es noch nicht so weit war.

"Hier, Kleine, nimm ein Stück!" Ein Händler hielt Teri an einem langen Kupferspieß ein Stück gebratenen Fleisches entgegen. Aber Teri hatte keinen Hunger, sie wollte sich lieber noch ein wenig umschauen.

Mittlerweile war die Dämmerung herangekommen, und die ersten Fackeln wurden entzündet. Die Sängerin hatte zu einer getragenen Melodie ein zartes Liebeslied angestimmt. Obwohl sie nicht sonderlich laut sang, hing ihre helle Stimme wie eine alles umschließende Glocke über dem Platz. Nur ganz wenige, zumeist Angetrunkene, konnten sich dem Zauber dieses Klangs entziehen. Die Paare auf der Tanzfläche rückten näher zusammen, und auch auf dem Festplatz wurde eine Atmosphäre der Sehnsucht und der Zusammengehörigkeit spürbar, wie man sie nur ganz selten findet.

Dann war das Lied zu Ende, und ohne auch nur einen Moment innezuhalten, fielen Sängerin und Musikanten in den wilden Rhythmus eines wüsten Saufliedes, dessen zahlreiche, versteckte Anspielungen Teri nicht ganz verstand.

Teri ließ sich durch die Masse treiben, langsam wurde auch sie von der allgemeinen guten Laune angesteckt.

Einige Händler hatten ganze Hände voll seltener Gewürze und Samenkörner in kleinen Feuerbecken entzündet. Gierig sog Teri das Aroma ein, das sich über den ganzen Platz ausbreitete.

Weiter sank die Dunkelheit herab. Der kleine Ausschnitt des Himmels zwischen den hohen Felsen der Stadt war schon fast schwarz. Wie glosende Feuerbälle hingen die Fackeln in ihren Halterungen. Überdeutlich hörte Teri das Knacken des brennenden Holzes durch all den Lärm hindurch. Warm schimmerte das Licht der Öllampen aus den Tavernen rund um den Platz. Heiter und unbeschwert begann Teri sich im Takt der Musik zu wiegen. Plötzlich fühlte sie sich bei der Hand genommen und im Kreis herumgedreht. Ein etwa zehnjähriger Junge hatte sie einfach ergriffen und tanzte in wildem Wirbel mit ihr über den Platz. Lächelnd legte Teri den Kopf in den Nacken und ließ die Haare fliegen; der Tanz gefiel ihr gut.

Plötzlich ließ der Junge ihre Hände los, aber schon wurde sie vom nächsten Tänzer aufgefangen und wie von einem starken Wind weiter über den Platz geweht. Weiter ging der Tanz. Die Musik war nur noch ein aufpeitschender, fordernder Rhythmus, die fliegenden Schiffe über Teris Kopf wurden zu einer auf bunten Seidenbändern dahinrauschenden Flotte. Teri jauchzte laut auf. Immer schneller wechselten ihre Tanzpartner sich ab. Knaben und Mädchen, Männer und Frauen wirbelten ihren Körper in immer wilderen Kreisen herum, bis sie sich schließlich, völlig außer Atem, mit wundgetanzten Fußsohlen, in den Winkel zwischen der Musikantentribüne und einer Taverne retten konnte.

Angestrengt keuchend, vor Erschöpfung zitternd, kauerte sie sich in dem Mauerwinkel zusammen. Gerne hätte sie noch weiter getanzt, aber ihre Lungen, und speziell ihre Füße, machten einfach nicht mehr mit.

Plötzlich brach die Musik mitten im Lied ab. Hoch über der Stadt lag ein Leuchten in der Luft. "Aganez' Feuer!", ging ein Raunen durch die Menge. "Aganez' Feuer!"

Auch Teri sah hoch, zum Gipfel der Königsklippe hinüber. Selbstverständlich kannte sie die Geschichte von Aganez' Feuer, mit dem der greise Urvater der thedranischen Magier einst in stürmischer Nacht die Flotte der Fliegenden Schiffe vor dem sicheren Untergang gerettet hatte. Die Vorführung des Magischen Feuers war in jedem Jahr Höhepunkt und Schlußakkord des Festes.

Vergessen waren Erschöpfung und wunde Füße. Aufgeregt sah Teri zu, wie das magische Leuchten von Minute zu Minute stärker wurde. Die Musik hatte wieder eingesetzt. Leise trug die Sängerin das Lied der Sturmflottenschar vor, besang die weiten Reisen, die fremden Häfen, die sternklaren Nächte auf See. Gerade war sie bei der letzten Strophe angekommen, die die Heimkehr mit reicher Fracht besang, als das Licht vom Gipfel der Zinne schon den ganzen Himmel ausfüllte und zu pulsieren begann.

Taghell war es nun in den Schluchten von Thedra. Ein ehrfürchtiges Raunen ging durch die Menge. Immer schneller pulsierte das Licht, bis kaum noch ein Wechsel wahrzunehmen war. Einzelne Hochrufe wurden laut, andere Menschen auf dem Platz fielen ein. Die Sängerin beendete ihr Lied. Die Luft war von einem Schwirren durchzogen, als flögen Millionen von Schwalben über die Stadt hinweg - und dann explodierte der Himmel über Thedra in lautlosem, vielfarbigem, kaltem Feuer.

Der Winter des Jahres dreiundzwanzig der Herrschaft Reos, König von Thedra und Estador, verlief für Teri in gewohnter Gleichförmigkeit.

Wenn in den Monaten um die Wintersonnenwende die eiskalten Nordstürme durch die Straßen von Thedra heulten, wurden sämtliche Öffnungen der einzelnen Wohnfelsen mit schweren Holztoren hermetisch verschlossen. Lediglich schmale Türen führten dann noch ins Freie und nur kleine Abzugslöcher in den schweren Torbalken sorgten für den nötigen Luftaustausch.

In dieser Zeit wurde ganz besonders auf die Einhaltung eines uralten Gesetzes geachtet, das besagte, jeder Bürger habe jeden Tag den Königsfelsen einmal komplett zu umrunden und dabei Hände und Gesicht ungeschüzt dem Tageslicht darzubieten.

Das war nun aber ein Fußweg von gut eintausend Mannslängen und mancher Bürger fluchte laut über die lästige Pflicht, sich täglich klamme Finger und eine kalte Nase holen zu müssen. Aber die Wachen waren unerbittlich. So zog denn täglich eine unübersehbare, schimpfende, zähneklappernde, sich schneuzende Prozession ehrenwerter Thedraner um den Amtssitz Reos, bewacht von ebenso jämmerlich frierenden Aufsehern, die strengstens darauf zu achten hatten, dass nicht etwa jemand die Hände in die Taschen steckte.

Dieser Erlass war allerdings keine besondere Demutsbezeugung vor dem Palast oder der Person des Königs. Vielmehr ging die Anwendung dieses Gesetzes schon auf Aganez, den legendären Magier, zurück.

Die ersten Bewohner Thedras, die Verbannten, hatten sich, um zu überleben, in natürlichen Höhlen eingerichtet, welche sie nach und nach zu richtigen Wohnstätten ausbauten. Schon nach wenigen Jahren war es so weit gekommen, dass einige Handwerker und Kaufleute ihre Werkstätten und Kontore tief im Felsen so gut wie gar nicht mehr verließen.

Aganez hatte nun beobachtet, dass diese Menschen überdurchschnittlich oft an Krankheiten litten, die bei Leuten, die öfter mal im Freien waren, nur sehr selten auftraten. Er hatte nach einigen Versuchen festgestellt, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der besonderen Krankheitsanfälligkeit und dem Mangel an Tageslicht bestand.

Besonders im Winter hatten die ersten Thedraner die Neigung gehabt, sich möglichst tief in ihre Höhlen zu vergraben. Und je besser sie sich zu schützen glaubten, umso schwächer wurden sie. Ständige Müdigkeit, Arbeits- und sonstige Unlust und Anfälligkeit für Infektionen aller Art waren ständige Gäste in der Höhlenstadt gewesen.

Da Aganez damals schon ein sehr alter Magier gewesen war und schon lange aufgehört hatte auf die Vernunft der Menschen zu bauen, verlegte er sich nicht erst lange aufs Bitten und Beraten, sondern veranlasste den damaligen König, sofort die tägliche Pflichtwanderung um den Königsfelsen einzuführen.

Der Erfolg hatte Aganez recht gegeben. Und wenn heute auch jeder Thedraner um den Sinn der kurzen Wanderung im Tageslicht wußte, so wurde das Murren davon doch nicht leiser. Ausgenommen von dieser Prozedur waren lediglich die Schwerkranken und die Neugeborenen, die in besonders witterungsgeschützten Höfen ihre tägliche Ration Tageslicht empfangen durften.

Teri machten die täglichen Spaziergänge nichts aus. Meistens tollte sie mit den anderen Kindern übermütig herum und rutschte auf ihren strohgefütterten Holzschuhen die steilen Passagen des Weges hinab. Sie freute sich über das Knirschen des Schnees unter ihren Sohlen und versuchte, mit großen Schritten in den Spuren der Erwachsenen zu laufen. Schnee, wie herrlich! Man konnte darauf herumschlindern, Stücke davon aufheben und daran lecken, oder ihn zu leichten, sternchensprühenden Geschossen formen, die im Ziel in einer weißen Fontäne zerplatzten.

Mindestens ebenso interessant fand Teri die Winterschule. Jedes Jahr im Winter wurden die Kinder des Formerfelsens drei Monate lang von einem Schulmeister intensiv unterrichtet. Teri mochte den Schulmeister. Geduldig lauschte sie seinen Ausführungen, stellte ihre Fragen und nahm sein Wissen in sich auf. Sie konnte nicht genug davon kriegen. Ungeduldig wurde sie nur, wenn ihre Mitschüler nicht ganz so schnell begriffen wie sie und der Stoff immer aufs Neue wiederholt werden mußte.

Nach der Schule half Teri regelmäßig ihren Eltern in der Formerwerkstatt. Sie liebte die Arbeit mit dem kalten, glitschigen Ton nicht sonderlich, aber Teris Mutter hatte herausgefunden, dass sie ihrer Tochter die Arbeit versüßen konnte, wenn sie dabei Geschichten erzählte, die sie zu Hause von ihrem Vater gehört hatte.

Aels Vater war Scharmann gewesen und jahrzehntelang als Windmeister auf einem Großschiff gefahren. Zu Teris Bedauern war das auch schon alles, was ihre Mutter über den Beruf des Großvaters zu berichten wußte. Ausnahmslos alle Scharleute wurden schon als Anwärter von den Magiern hypnotisch konditioniert, so dass es ihnen unmöglich war, Außenstehenden etwas über die Ausübung ihres Berufes zu erzählen. - Aber selbst das wußte Ael nicht. Sie konnte nur berichten, dass ihr Vater sehr verschlossen gewesen war, was Fragen nach seiner wirklichen Funktion an Bord anging. - Wovon er aber erzählt hatte, das war von den fremden Hafenstädten, den seltsamen Gebäuden und Pflanzen anderer Länder, den Menschen mit den absonderlichsten Hautfarben, den gefährlichsten Tieren der Welt und den abscheulichsten Riten der Eingeborenen in den fremden, fernen Ländern.

Aels Erinnerungsvermögen war unerschöpflich, was die alten Erzählungen von Teris Großvater anging - und wenn die Erinnerung versagte - wer würde es einer Mutter nicht verzeihen, wenn sie auch ab und an die eigene Phantasie bemüht, um ihr siebenjähriges Töchterchen bei Laune zu halten?

So erfuhr Teri von dem Volk, wo bei allen Menschen die Zunge oben am Gaumen angewachsen war. Das machte sich natürlich bei der Aussprache bemerkbar, hatte Aels Vater erklärt. Teri konnte von dieser Geschichte nicht genug kriegen und wollte jedes Mal sterben vor Lachen, wenn die Mutter vormachte, wie diese Leute sprachen.

Auch lernte Teri, dass die Drachen, die auf den Inseln hinter den Nordinseln wohnen, ganz dick und erstaunlich leicht sind, so dass sie bei starkem Wind davongeweht werden können, wenn sie sich nicht ordentlich festhalten. Im übrigen spien diese Drachen das Feuer nicht in einem flammenden Strahl aus, wie viele Leute glauben, sondern schleuderten einen klebrigen Rotz aus ihrem Maul, der sich erst an der Luft entzündet.

Aels Vater hatte selbst erlebt, wie einmal ein Drache von einem Felssturz erschreckt wurde und wütend einen großen Felsbrocken anspie. Der Block hatte einen halben Tag lang gebrannt und war geschmolzen wie ein Stück Fett im Topf. Als Beweis hatte er seiner Tochter damals einen verkohlten Zweig, von einem Baum der in der Nähe gestanden hatte, mitgebracht - und das war doch wohl ein unwiderlegbarer Beweis.

Wenn Teris Mutter des Erzählens müde war, sang der Vater oftmals leise eines der vielen Formerlieder, während er seine Drehscheibe im Takt antrieb, und auch Teri trug zur Unterhaltung bei, indem sie ab und an ein Kinderliedchen trällerte oder sich haarsträubende Lügengeschichten ausdachte.

So verging der dunkle Winter schnell, und kaum hatte die Sonne die ersten Grashälmchen aus den Felsspalten gelockt, begrüßte eine quietschvergnügte, mittlerweile achtjährige, Teri den jungen Frühling und machte die Stadt unsicher.

Neben den üblichen Spielen, die die Kinder Thedras zu allen Zeiten gespielt hatten, hatte Teri in diesem Jahr eine besondere Leidenschaft entwickelt: Ganz besonders liebte sie es, sich im winzigen Vorhof des Schwalbenhafens aufzuhalten, wo fast ausschließlich die in gelbe Seide gekleideten Scharleute und die in dunkles Leinen gewandeten Schiffbauer verkehrten.

Seit Athan ihr verheißen hatte, sie werde mit den Schiffen fliegen, hatte sich ihr junges Leben grundlegend verändert. Die Euphorie der ersten Tage war einer ständig wachsenden Sorge gewichen: Was, wenn Athan sein Versprechen vergaß? Was, wenn er auf See verletzt oder getötet würde - oder er an Altersschwäche starb? Was würde dann aus seinem Versprechen werden?

So trieb sie eine tiefe, uneigennützige Sorge immer wieder in den Vorhof des Schwalbenhafens, und so oft der Obmann das Hafengelände betrat oder verließ, stand abseits seines Weges ein kleines, blondes Mädchen und suchte mit besorgten Blicken seinen Körper nach etwaigen Verfallserscheinungen ab.

Lästig bei dieser so wichtigen Kontrollarbeit waren einzig die Wachen, die es einfach nicht einsehen wollten, dass Teri unbedingt stundenlang hier herumlungern mußte.

Schließlich hatte Teri hoch oben in der Klippe, die den Schwalbenhafen von der Stadt trennte, eine ideale Beobachtungsplattform gefunden: Ein Spalt im Felsen, gerade breit genug, ihren schmalen Körper aufzunehmen, wurde nun zu ihrem Stammplatz. Dort saß sie dann in luftiger Höhe und schaute auf den Vorhof des Hafens hinab.

Die Wachen hatten nicht viel gegen Teris Kletterpartien. Trotzdem wurde es von Mal zu Mal schwieriger, ihnen zu entwischen. Jedes Mal, wenn einer der Aufseher Teri erblickte, machten sich alle einen Spaß daraus, Jagd auf das Mädchen zu machen. Bislang war es Teri noch jedes Mal gelungen, den Wachen zu entwischen. - Sie kletterte sehr gut, und die Vorsprünge und Nischen im Fels, in denen ihre Finger und Zehen gerade noch Halt fanden, hätten die Männer niemals getragen.

So sauste sie dann regelmäßig die senkrecht emporragende Felswand empor, um schnell aus der Reichweite der Aufseher zu kommen. Natürlich wußte sie, dass die Wachen sich mit der "Jagd" auf sie nur die Langeweile vertreiben wollten und dass die Männer ihr den Spottnamen "Eichhörnchen" gegeben hatten - sie schrien ihn ja laut genug. - Selbstverständlich wußte sie, dass alles nur ein Spiel war. - Aber erwischen ließ sie sich trotzdem nicht.

Völlig außer Atem kam sie jedes Mal auf ihrem Beobachtungsposten an. Der kaum drei Männerhände breite Riß in der Klippe war in Jahrtausenden von Strömen von Regenwasser innen ganz glattgeschliffen worden. Nicht nur, dass Teri sich seitwärts hineinschieben konnte; in seinem Inneren wurde der Spalt sogar noch etwas breiter, so dass sie sich sogar fast setzen konnte. In dieser Stellung, die sie bequem nannte, verharrte Teri oft stundenlang, acht Mannshöhen über dem Felsboden des kleinen Platzes.

Nicht, dass es hier besonders viel zu sehen gegeben hätte. Außer den Wachen und Scharleuten kamen nur noch die Schiffbauer hier vorbei. Manchmal, aber nur ganz selten, wurde das große Tor geöffnet, um Karren voller Handelsware durchzulassen. Dann wußte Teri, dass gerade wieder eines der Fliegenden Schiffe in den Hafen gekommen war, oder beladen wurde, um auf große Fahrt zu gehen.

Anders als im Schneckenhafen, war hier nicht ein einziges fremdsprachiges Wort zu hören. Nur Leute aus der Stadt durften das Tor zum Schwalbenhafen passieren und auch von denen nur ein sehr kleiner, ausgesuchter Kreis. Wenn Teri Hafenatmosphäre gesucht hätte, wäre sie im anderen Hafen der Stadt besser aufgehoben gewesen.

Teri spürte die Nähe der Schwalbenschiffe.

Sie würde mit den Schiffen fliegen.

Teri nahm kaum etwas von dem Treiben unter ihr wahr.

Teri saß da und schaute sehnsüchtig zu dem großen Tor hinüber.

Teri sah durch das Tor hindurch.

"He, Mädchen, komm herunter!" Laut rief der Kapitän ihren Namen. Aber Teri wollte nicht hinunterklettern. Hoch über dem Deck der `Diamant' hangelte sie sich im Tauwerk der Masten immer weiter empor.

"Teri!" Die Stimme unter ihr nahm einen befehlenden Ton an.

Teri schaute hinab. Athan stand dort. Winzig klein sah er aus, wie er dort unten auf dem Deck die Hand nach ihr ausstreckte. Athan war ihr böse. Warum, das wußte Teri nicht ganz genau. Es hing wahrscheinlich damit zusammen, dass sie Kapitän werden wollte. - Egal! Hier oben konnte er ihr nichts anhaben.

"Komm herunter!"

Teri kletterte noch höher, jetzt hatte sie die Mastspitze erreicht. Triumphierend schaute sie hinab, doch zu ihrem Entsetzen war Athan in der Zwischenzeit um ein Vielfaches gewachsen. Immer näher kam das wutverzerrte Gesicht des Kapitäns, und seine Hand hatte fast schon ihre Knöchel erreicht. "Nein!", stöhnte Teri verzweifelt auf. Gleich würde Athan sie ergreifen. Wild schlug sie um sich, um ihn abzuwehren.

"Pass auf! Halt dich fest!" Das Bild Athans begann zu verblassen. "Sei vorsichtig!"

Teri spürte Felsgestein unter ihren Händen und schlug ihre Augen auf. Erschreckt zuckte sie zurück. Sie war bei ihren verzweifelten Versuchen, Athan abzuwehren, halb aus ihrem sicheren Hochsitz in der Klippe herausgerutscht.

"Teri, komm herunter!"

Irritiert schaute Teri nach unten. Dort stand einer der Verkünder und schaute zu ihr hoch. "Du bist doch Teri, oder?", wollte der Mann von ihr wissen.

Teri nickte.

"Dann komm herunter, der Obmann will dich sprechen. Aber sei vorsichtig!"

Schnell schob Teri ihren Körper vollends aus dem schmalen Spalt und kletterte eilig die Felswand hinab. Der Obmann wollte sie sprechen? Jetzt schon? Was konnte das zu bedeuten haben? "Was will Athan denn von mir?", fragte sie atemlos, als sie auf festem Boden vor dem Verkünder stand.

"Athan?" Der Verkünder schüttelte den Kopf. "Nicht Athan - Tees, der Obmann der Former ist es, zu dem ich dich bringen soll."

Mit ernstem Gesicht ging der Verkünder voraus.

Teri überlegte angestrengt. Was konnte Tees von ihr wollen? Hatte sich vielleicht jemand über sie beschwert? Oder sollte sie vielleicht sogar belohnt werden, für irgend etwas, von dem sie gar nichts wußte?

Im Formerfelsen angekommen, gingen die beiden direkt in die Werkstatt des Obmanns, der sie schon erwartete. Teri fiel sofort die bedrückte Stimmung auf, in der sich alle Anwesenden befanden. Mehrere Kollegen ihres Vaters hatten sich hier versammelt.

Bei Teris Eintreten verstummte das leise Gespräch der Männer und Frauen endgültig. Alle standen schweigend in dem düsteren Raum und blickten zu Boden. Plötzlich aufwallende Angst überkam Teri. Was ging hier vor? Warum waren alle so ernst?

Tees räusperte sich. Mit fahrigen Bewegungen nahm er einen Holzstab von seiner Werkbank und betrachtete ihn kurz mit abwesendem Blick. Dann richtete er das Wort an Teri.

"Ich, ich muß dir leider eine traurige Botschaft übermitteln." Unsicher sah er das Mädchen an. "Du weißt, dass deine Eltern im Auftrag der Zunft unterwegs sind, um seltene Tonerden aus der Provinz Astrad einzukaufen."

Teri nickte stumm. Diese ersten Sätze Tees' waren wie ein Schlag in den Magen für sie gewesen. Es ging um ihre Eltern. Ihren Eltern war etwas zugestoßen. Sie wollte nichts mehr hören, nicht erfahren was geschehen war. Am liebsten wäre sie fortgelaufen, aber das würde ja doch nichts helfen. Mit einem kleinen Rest von Hoffnung sah sie zu Tees auf.

"Wir haben Nachricht aus Astrad erhalten", fuhr Tees fort. "Deine Eltern haben vor fünf Tagen die Grenze bei Darun überschritten, sind aber nicht bei den Tongruben angekommen."

Teri sah das Bild ihrer Eltern vor sich, wie sie sich von ihr verabschiedet hatten. Ihr Vater war schon immer als Vertrauensmann der Zunft zu den Tongruben gegangen, um dort das nötige Material einzukaufen. Auch seine Frau hatte sich im Lauf der Jahre eine hohe Sachkenntnis angeeignet, was die Qualität des Tons anging. So waren die beiden einmal jährlich, jeweils im Frühling, gemeinsam aufgebrochen, um die Einkäufe für die Zunft zu tätigen.

In den Gruben von Astrad ließen sie von den dortigen Meistern Depots anlegen, die dann im Sommer nach und nach von Arbeitern nach Thedra gebracht wurden. Auch in diesem Jahr war Teri für die Dauer der etwa zehntägigen Reise bei ihrer verwitweten Großmutter einquartiert worden.

"Die Schachtmeister der Gruben haben sich mit ihren Leuten auf die Suche gemacht." Tees sprach jetzt ganz leise. "Im Feuchtland haben sie den Zunftkarren und ..."

Teri war es, als sei sie betäubt. Stumm stand sie da und schaute auf den Obmann der Former, der verzweifelt nach Worten suchte.

"...Teri, deine Eltern leben nicht mehr."

Teris Verstand weigerte sich einfach, die Worte des Zunftmeisters zur Kenntnis zu nehmen. Das mußte alles ein böser Traum sein.

"Wir haben deiner Großmutter bereits die Nachricht überbracht." Tees wußte nicht, wohin mit seinen Händen. Krampfhaft klammerte er sich an das Holzstück in seiner Hand. "Sie hat sich sehr darüber aufgeregt." Tees ging jetzt in die Hocke und sah Teri gerade ins Gesicht. "Teri, deiner Großmutter geht es sehr schlecht. - Geron ist bei ihr und versucht, ihr zu helfen. - Du kannst im Moment nicht bei ihr wohnen. Sie braucht sehr viel Ruhe. - Teri, wir haben soeben beschlossen, dass Du bis auf Weiteres Kind der Zunft sein wirst. Deine Schlafstatt soll bei Tana, eurer Nachbarin, sein. Ich hoffe, Du bist mit dieser Lösung einverstanden.

Tana trat aus der Reihe der Umstehenden und legte eine Hand auf Teris Schulter. "Hiermit nehme ich sie auf, bis sie ihr Leben zu meistern vermag!", sprach sie die alte Formel aus.

Damit waren alle Bande, die Teri auf dieser Welt gehabt hatte, zerrissen. Jetzt war sie eine Bettlerin - ein nutzloses Kind, das von der Gnade der Zunft lebte. Ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. - Nicht das Brot wert, das sie aß.

Tana rüttelte sachte an Teris Schulter. "Teri, komm jetzt, wir sollten jetzt gehen. Willst du mit mir kommen?"

Stumm nickte Teri. Stumm ließ sie sich in Tanas Höhle führen, und stumm weinte sie in den Nächten in ihr Kissen.

Wenige Tage später erhielt Teri die Nachricht vom Tod ihrer Großmutter. Jetzt war sie wirklich allein.

MICHAEL STUHRS FANTASY-DOPPELBAND

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