Читать книгу MICHAEL STUHRS FANTASY-DOPPELBAND - Michael Stuhr - Страница 14
KAPITEL 10 - SPIONE
ОглавлениеZuerst im Ziel: `Abschied', `Verlust' und `Trauer'. `Glück', weit abgeschlagen hinterher.
Tigan war der Endpunkt der Reise gewesen. - Das Ziel, das Tana und Gerit gehabt hatten. Hier hatten sie die Geheimnisse der farbigen Glasuren erkunden wollen.
Tigan war der Ort, wo Teri ihre Stiefeltern zum letzten Mal sah.
"Bleibt an Bord! Geht nicht in die Stadt! Die Tiganer lieben Fremde nicht mehr!" - Der Kapitän der `Sesiol' war ganz aufgeregt. Wie üblich flatterte er um Tana und Gerit herum, wie ein magerer schwarzer Vogel. "Oh, die Tiganer, sie sind grausam! - Sie denken an Spione! - Geht nicht in die Stadt! - Ins Große Erf. - Ins Große Erf werden sie euch schicken, wenn sie euch ergreifen! - Sie erkennen euch! - Macht nicht den Fehler ... - Ausgerechnet Thedraner! - Ausgerechnet! - Vierzehn Spione sind schon im Erf! - Tausend Tagesmärsche kalter Stein! - Sie sind alle tot! - Bleibt an Bord!"
Was Tana und Gerit sich aus den Halbsätzen des Kapitäns zusammenreimten, war, dass die Tiganer in letzter Zeit vierzehn Spione aufgegriffen und ins Große Erf geschickt hatten. Das Große Erf, auch als Südliche Wüste bekannt, bot keine Überlebenschance, so dass mit Sicherheit alle umgekommen waren.
Der Kapitän machte sich also Sorgen darum, dass seine Passagiere als Thedraner erkannt und gleichfalls der Spionage bezichtigt würden. Seine Informanten hatten jedenfalls dringend davon abgeraten, die Fremden überhaupt in die Stadt gehen zu lassen.
"Ausgemachter Unsinn!" Tana war wütend. "Sind wir vielleicht ein halbes Jahr lang gereist, um jetzt aufzugeben?"
"Nein", bestätigte Gerit. "Das haben wir getan, um das Große Erf kennenzulernen."
"Du! Du, mit deiner gelassenen Art! - Du bringst mich zum Wahnsinn!" Tana stand breitbeinig vor Gerit und stemmte die Hände in die Hüften. "Wenn es nach dir ginge, würden wir jetzt einfach zurückfahren - nach Thedra - und uns blamieren."
"Genau." Gerit nickte.
"Oh, ihr Götter! - Wen habe ich mir da bloß als Partner ausgesucht?"
Teri saß still auf dem Dach der Kabine und hörte nur mit halbem Ohr hin. Sie hatte sich bei der Einfahrt in den Hafen an einem vorstehenden Stück Planke den kleinen Zeh gebrochen. Größere Ausflüge kamen für sie sowieso nicht in Frage.
"Was du machen wirst, ist mir egal." Wenn Tana diesen Gesichtsausdruck hatte, war mit ihr nicht mehr zu reden. "Ich jedenfalls denke nicht daran jetzt aufzugeben." Wütend zerrte sie an ihrem Bündel herum. "Wenn du mitkommen willst, dann beeil dich!"
Gerit stand mit hängenden Schultern neben ihr. Tana hatte ja Recht. Jetzt, so kurz vor dem Ziel aufzugeben, dafür hatten sie nicht die Ersparnisse langer Arbeitsjahre geopfert. Und für Tana ging es um noch viel mehr. - Sie war es gewesen, die sich gegen die Meinung der Zunftmeister aufgelehnt hatte. Sie hatte sich als erste von Stadt und Zunft losgesagt. - Wenn sie jetzt mit leeren Händen zurückkehrte, würde sie den Spott des ganzen Formerfelsens zu fürchten haben.
"Kommst du jetzt? Ich will zuerst zum Markt. Die Tiganer werden schon nichts dagegen haben, wenn wir uns mal gründlich umsehen." Tana ging entschlossen auf die Laufplanke zu.
"Bleib auf dem Schiff", wies Gerit Teri an. "Richtig laufen kannst du sowieso nicht, also hoppele auch nicht unnütz auf dem Kai herum. - Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, versteck dich. Der Kapitän wird dir helfen. Er hat es mir versprochen. - Ach ja, nimm dir besser den Geldgürtel aus meinem Bündel, und trage ihn am Körper. - Bis später, Kleines!"
Teri grunzte unwillig. Nichts als Vorschriften bekam sie zu hören - und zum Schluß wurde sie auch noch `Kleines' genannt. Tana hatte vollständig Recht. Dieser Gerit war ja wohl wirklich kaum zu ertragen.
Gerits letzten Auftrag hatte sie bereits vergessen, als ihre Stiefeltern noch nicht ganz im Gewühl des Hafenplatzes verschwunden waren. Vorsichtig stand sie auf, humpelte zur Reling und winkte ihnen nach. Nein, laufen ging wirklich nicht. - Darum setzte sie sich lieber wieder auf das Dach der Kabine und betrachtete mitleidig ihren gebrochenen Zeh.
Darüber war sie eingeschlafen, und als sie gegen Abend erwachte, waren Tana und Gerit noch nicht zurückgekehrt. Teri fand das nicht weiter bedenklich, denn wenn Tana sagte, sie wolle sich gründlich umsehen, dann würde sie das auch tun. Nur Gerit tat Teri ein wenig Leid, weil er wahrscheinlich die ganze Zeit treu hinter Tana herlaufen mußte, wie er es schon auf der ganzen Reise getan hatte.
Der Kapitän sah die Sache ganz anders. Die ganze Zeit über war er nervös über die Planken des Decks gelaufen und hatte wirres Zeug vor sich hin gebrabbelt.
Jetzt, als er sah, dass Teri erwacht war, kam er zum Bug des Schiffes. "Ach, du mußt dir keine Sorgen machen! - Es ist ja noch nicht spät! - Bestimmt sind sie nicht gefangen! - So schlimm ist es bestimmt nicht!"
Plötzlich war Teri hellwach. Der Kapitän stand vor ihr und machte sie mit seinem beruhigenden Geschwätz immer mißtrauischer, wobei er seinen Kopf hin und her drehte und Teri nicht in die Augen sah. Der alte Mann war ein jämmerlicher Lügner.
"Auch wenn es gleich Sperrzeit ist ... - So ein neues, dummes Gesetz! - Ach die Tiganer sind freundliche Leute! - Zu Gast, ja zu Gast werden sie sein! - Nicht im Sperrgebiet! - Und dann kommen sie zurück, du wirst sehen!"
"Sperrzeit? - "Wieso Sperrzeit?" Teri richtete sich auf und sah den Kapitän fragend an.
"Ach ja, die Sperrzeit! - Sind bestimmt zu Gast, über Nacht! Ist nicht so schlimm! - Kommen ..."
"Wieso Sperrzeit? - Wieso Sperrgebiet?" Teri sprang auf das Deck. Das leichte Pochen in dem gebrochenen Zeh wurde schlagartig zu einem stechenden, wütenden Schmerz. Teri achtete nicht darauf.
Der Kapitän warf in einer hilflosen Geste die Arme in die Höhe. "Kein Fremder darf Tigan im Dunkel sehen. - Das ist ja jetzt Gesetz. - Wie in Thedra, weißt du. - Und kein Fremder, na ja, das Sperrgebiet ..."
"Wird man sonst verhaftet?" Teri humpelte zur Reling und suchte im schwindenden Tageslicht den Kai nach ihren Leuten ab. Sie mußte daran denken, wie übel es manchen Besuchern Thedras ergangen war, die nicht rechtzeitig ins Fremdenhaus gefunden hatten.
"Ach, das ist nicht so schlimm! - Nein, sie werden zu Gast sein! - Ja, so wird es sein! - Mach dir keine ..."
"Wird man sonst verhaftet?" Teri war herumgewirbelt und blitzte den schwatzhaften Kerl böse an. Ihr gebrochener Zeh protestierte wütend gegen diese neuerliche Mißhandlung und eine dumpfe Schmerzwelle stieg bis in die Hüfte empor.
Endlich war es ihr gelungen den Redefluß des Kapitäns zu stoppen. "Ja!", bestätigte er mit gesenktem Kopf Teris Verdacht.
"Dann, dann müssen wir sie suchen! Wir müssen Tana und Gerit suchen, ehe es zu spät ist!" Voll aufkommender Panik schaute Teri auf die Sonne, deren unterer Rand fast schon den fernen Horizont berührte. In weniger als zwei Sonnenhöhen würde es dunkel sein.
Teri hätte den Kapitän schlagen mögen, so wütend war sie. Warum hatte dieser Narr sie nicht schon früher geweckt? Mühsam humpelte sie auf die Laufplanke zu. Sie mußte Tana und Gerit finden! - Sie zurückbringen auf die `Sesiol'. - Sie in Sicherheit bringen!
"Warte!" Wie immer, wenn Not am Mann war, legte der Kapitän sein geschwätziges Gehabe vollständig ab. "Meine Mannschaft ist schon seit über fünfzig Sonnenhöhen auf der Suche. Die Männer kennen die Stadt. - Wenn sie deine Eltern finden, bringen sie sie sofort hierher."
Teri schaute sich um. Erst jetzt sah sie, dass sie mit dem Kapitän ganz allein auf dem Schiff war. - Und noch etwas fiel ihr auf: Dass die Haltetaue der `Sesiol' auffällig locker auf den Pfählen hingen. Auch waren die Segel nicht verschnürt, wie es sonst im Hafen üblich war. – Alles war für eine rasche Flucht vorbereitet.
Hilflos schaute Teri den alten Mann an, der versuchte, seiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben. "In wenigen Augenblicken müssen meine Männer zurück sein. - Geh jetzt nicht an Land. Du bringst dich nur selbst in Gefahr."
Schweigend stand Teri an der Reling und starrte in der aufziehenden Dunkelheit auf die Häuser des Hafens. Wie der Kapitän gesagt hatte, kamen in kurzen Abständen die Männer der Besatzung aus der Stadt zurück. Doch keiner von ihnen brachte Tana oder Gerit mit an Bord, und keiner hatte sie gesehen.
Als letzter kam der Bootsmann an Bord. Er endlich brachte die Nachricht, die alle befürchtet hatten.
Kurz nach der Tagteilung waren auf der Straße der Brennöfen, also mitten im Sperrgebiet, zwei Spione, ein Mann und eine Frau, verhaftet worden. Das hatte der Bootsmann von einem flüchtigen Bekannten, einem Offizier der Tiganer Stadtwache, gehört.
"Nach der Verhaftung sind sie zum Verhör in das Stadtgefängnis gebracht worden", berichtete der Mann mit einem Seitenblick auf Teri. "Sie waren beide verletzt. Der Mann von der Stadtwache vermutet, dass sie direkt nach der Vernehmung ins Erf gebracht wurden. - So ist es jedenfalls bislang immer geschehen."
Teri stand da und wartete darauf, dass die Männer endlich anfangen würden, etwas zu unternehmen. Sie mußten sich bewaffnen! An Bord gab es doch genug Werkzeuge aus Metall. Losstürmen sollten sie! - Die Stadtwache niederrennen. - Durch die Stadt hindurch. - In dieses verfluchte Erf hinein. - Tana und Gerit waren verletzt. Sie mußten doch gerettet werden!
Teris Gedanken begannen, sich zu verwirren. War da einerseits der Wunsch in ihr, an der Spitze dieser Männer in die Stadt zu stürmen und ihre Stiefeltern auf das Schiff zu holen, war da andrerseits das sehr konkrete Wissen, dass das so nicht funktionieren würde.
Sie brauchte nur im letzten Dämmerlicht des Tages auf den Kai hinauszusehen, um zu wissen, dass ein Versuch die Stadt zu stürmen schon nach wenigen Schritten im Pfeilhagel der Wachen enden mußte.
Auffällig viele Bogenschützen hatten an der Häuserzeile Aufstellung genommen, und alle starrten sie zu der `Sesiol' herüber. Das Bewußtsein der Gefahr ließ Teri erschauern. Sie spürte, wie sich zuerst die Haut zwischen ihren Schulterblättern zusammenzog, bis sich auch die feinen Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. - Die Wachen wußten, woher die Spione gekommen waren. Sie behielten die Sesiol im Auge.
`Spione'! Zum erstenmal ging Teri die Bedeutung dieses Wortes auf: Tana und Gerit waren nach Tigan gereist, um den hiesigen Handwerkern ihre Geheimnisse zu stehlen. Sie hatten zwar während der ganzen Fahrt oftmals darüber gesprochen, aber es war Teri eher wie ein Spiel vorgekommen. Nie hatte sie damit gerechnet, dass Tana und Gerit wirklich auf geheimen Wegen an die Formerhütten und Brennöfen heranwollten.
Tigan war ihr wie eine Stadt in den Wolken vorgekommen. Ein Name, nicht mehr. Ein fernes Ziel, das niemals erreicht werden konnte. Und wenn doch? Na und? - Tana und Gerit waren unverwundbar gewesen. Hohnlachend konnten sie jeder Wache entwischen und allen Gefahren trotzen. Sie waren Spione gewesen. Die unschlagbaren Spione des Formerfelsens von Thedra.
Die Wirklichkeit sah anders aus. Tigan war eine Stadt aus hartem Stein, und die Pfeile der Wachen waren nadelscharf. Tana und Gerit waren Menschen, ganz normale Menschen. Erschreckend verwundbar! Sie waren auf Wachen gestoßen, die sich auf ihr Geschäft verstanden. Vielleicht hatten sie fliehen wollen, aber es war umsonst gewesen. Ein Stein oder ein Schwert konnte sie getroffen haben, vielleicht auch ein Pfeil, und aus war es gewesen mit den unschlagbaren Spionen aus Teris Tagträumen. Ihr Blut war auf die Felder von Tigan getropft, und ihr Atem würde in der Südlichen Wüste versiegen.
Nein, die Männer der `Sesiol' konnten nichts unternehmen. Ein Schritt auf den Kai war ein Schritt vor die Pfeilspitzen der Wachen. Tigan war Realität geworden. - Und es war härter als Stahl.
Teri begann zu zittern. Mit der ganzen Kraft ihrer Hände krallte sie sich an der Reling fest, aber es wurde nicht besser. Ihre Beine gaben nach. Sie wollte sich nicht zusammenkauern, aber ihr Körper krümmte sich wie in einem Krampf. Sie wollte nicht weinen, aber die Tränen ließen sich nicht zurückhalten.
Tigan! - Tigan war das steingewordene Trugbild, das Tana und Gerit zum Verhängnis geworden war. Sie waren keine unbezwingbaren Spione. Sie waren Menschen, die schon der Steinwurf eines Kindes verletzen konnte. Sie konnten nicht schneller laufen und nicht weiter springen als andere Menschen. Sie waren auf eine Übermacht gestoßen und hatten sich ergeben müssen. Der Traum ihres Lebens war böse ausgegangen, und die Reste davon hingen an den kalten Speerspitzen der Wachen.
Schweigend schaute die Mannschaft auf Teri, die zusammengekauert auf dem Deck kniete und mit weit geöffneten Augen weinend in die dunkle Stadt schaute. Bei jeder Bewegung in den finsteren Gassen ging ein Ruck durch ihren Körper, so als würde sie immer noch darauf warten, dass ihre Stiefeltern, ihre Freunde, dass die liebsten Menschen, die sie auf der Welt hatte, doch noch auftauchen. - Dass sich alles als Mißverständnis, als ein grausamer Irrtum herausstellen würde.
Die Wachen auf dem Hafenplatz verhielten sich ruhig. Sie hielten die `Sesiol' nur unter Beobachtung. Es sah nicht so aus, als solle heute noch etwas unternommen werden. Da nahm der Kapitän die sich schwach sträubende Teri in seine Arme und trug sie vor die Kajüte im Bug des Schiffes. Dort saß er den ganzen Abend über mit ihr und strich nur ab und zu sacht über ihr Haar.
Später in der Nacht bewachte er ihren von leisen Schluchzern unterbrochenen Schlaf. - Und die ganze Zeit lang sprach er kein einziges Wort.
Teri träumte.
Sie träumte immer wieder von Tana. - Es war ein Alptraum.
Es fing immer damit an, dass Tana, Gerit und sie auf der `Kao-lad' waren. Sie waren vergnügt und machten auf dem Deck allerlei lustige, hohe Sprünge. Tana sah Teris Mutter sehr ähnlich und auch der Großmutter, die den Tod ihrer Tochter nur um Tage überlebt hatte. Gerit war gleichzeitig er selbst, aber auch immer mehr Teris Vater.
Immer höhere Sprünge machten die drei, bis sie überhaupt nicht mehr auf dem Schiff landeten, sondern direkt auf den Kontinent herabflogen.
Weiter ging es mit Riesensprüngen nach Isco, wo sie ein Blutnebel aus dem Mund eines schreienden Mannes einhüllte. Entsetzt sprangen die drei weiter, aber nun waren ihre Kleider schwer von Blut und zogen sie herab.
Immer kürzer, immer anstrengender wurden die Sprünge.
Der Hafen von Tigan kam in Sicht. Wachen standen dort mit Speeren, die in den Himmel zeigten. Sie warteten auf die Spione. Die blutigen Kleider wurden immer schwerer. Wie Steine fielen die drei den Wachen vor die Füße.
Tana und Gerit versuchten, zwischen den Wachen hindurchzugelangen, aber ihre blutnassen Kleider hinderten sie, klebten am Boden und ließen sie nicht vorwärtskommen. Die Wachen kamen mit gesenkten Spießen näher. Sie hatten es aber nicht auf Teri abgesehen. - Sie wollten die Spione.
Tana und Gerit kämpften sich in ihren klebenden Gewändern weit vornübergebeugt Fußbreit für Fußbreit vorwärts. Da hoben die Wachen die Spieße, und von den grausamen Spitzen der Waffen durchbohrt, bäumten sich die beiden blutbedeckten Gestalten im Todeskampf hoch auf.
Der stumme Todesschrei ihrer Stiefeltern, ihrer Eltern, mischte sich mit dem Entsetzensschrei Teris. Die Gesichter der beiden vermischten sich, wurden eines, wurden zu dem Gesicht des schreienden Mannes, aus dessen Mund ein Blutnebel schoß, der die ganze Welt mit der Farbe des Todes überzog.
Das war jedes Mal der Moment, in dem Teri zitternd und schluchzend im Arm des Kapitäns erwachte. Tana und Gerit starben viele Tode in dieser Nacht, und mit jedem Traum starb ein Stück Hoffnung in Teri, die beiden jemals lebend wiederzusehen.
Quälend langsam stieg das graue Licht des Morgens über den Horizont. Obwohl der Kapitän seinen Umhang um Teri gelegt hatte und sie fest an sich gedrückt hielt, zitterte sie erbärmlich.
Langsam belebte sich das Schiff. Die Mannschaft, die am Abend schweigend und bedrückt schlafen gegangen war, erwachte nach und nach. Der Küchenjunge fachte das Feuer in dem Holzkohlebecken an und bereitete den Tee.
Teri, die die Geräusche mit halbem Ohr hörte, preßte sich fest in den Arm des Kapitäns. Sie wollte nicht erwachen. Sie wollte weiterschlafen. Weiterschlafen für alle Zeiten. Jeder Alptraum, jeder Tod waren besser als der kalte graue Morgen in dieser feindlichen Stadt. Leben zu müssen, atmen zu müssen, denken zu müssen - das schienen ihr die schlimmsten Strafen zu sein. Leben zu müssen da die Freunde tot waren, die größte Qual.
"Komm, trink etwas Heißes." Sacht bewegte der Kapitän seinen Arm, so dass Teris Kopf von seiner Schulter rollte.
Teri schlug die Augen auf. Warm und verlockend stieg ihr der Duft des starken Honigtees in die Nase. Mit unsicheren, schlaftrunkenen Bewegungen griff sie nach dem Becher, den der Küchenjunge ihr scheu lächelnd reichte. "Danke!" Vorsichtig schlürfte Teri ein wenig von dem heißen Getränk. Es schmeckte gut.
Später am Morgen, Teri ging es schon ein wenig besser, kam der Hafenmeister an Bord. Es war ein kurzer Besuch.
Der Hafenmeister brachte den Befehl zur sofortigen Abreise für die `Sesiol' und alle, die sich auf ihr befanden. Des weiteren erteilte er Schiff und Kapitän für jetzt und alle Zukunft Hafenverbot. Zuletzt beschlagnahmte er das Gepäck der Spione.
Um ihr Bündel behalten zu dürfen, mußte Teri es aufschnüren und vor dem Mann ausbreiten. Als ihr dabei ihre in Leder eingenähten Geldstücke in die Hände gerieten, erinnerte sie sich daran, dass sie Gerits letzte Anweisung nicht befolgt hatte. Sie hatte sich seinen Geldgürtel nicht genommen. Die Münzen im Wert von zehn Bronzestücken waren alles, was sie besaß.
Sie bat den Kapitän, von dem Hafenmeister das Geld ihrer Eltern zu fordern.
Der Mann lachte nur, als der Kapitän Teris Wunsch übersetzt hatte, ließ einen Gehilfen die Bündel aufnehmen und ging über die Laufplanke davon.
Teri wollte protestieren, doch der Kapitän hielt sie zurück. "Wer mit dem Wolf um die Beute streiten will, der muß lange Zähne haben", zitierte er ein Sprichwort der Ver. Dabei zeigte er unauffällig auf den Hafenplatz hinaus, wo an die zwanzig Bogenschützen in kleinen Gruppen zusammenstanden und sich leise unterhielten.
Teri begriff, dass auf ein winziges Zeichen des Hafenmeisters hin die Luft im Hafen von den vorschnellenden Sehnen und Pfeilen sirren und rauschen würde. Wenn der Hafenmeister es wollte, würde in wenigen Augenblicken niemand an Bord der `Sesiol' mehr leben.
"Mach dir keine Sorgen." Der Kapitän fuchtelte nervös mit den Händen vor Teri herum. "Deine Eltern haben die Passage bis Thedra für dich bezahlt. - Wir bringen jetzt noch Fracht nach Mittelwelt, in meine Heimat, und dann geht es zurück nach Isco. - Mach dir keine Sorgen. Alles ist bereits bezahlt!"
Der Kapitän war, wie gesagt, ein sehr schlechter, ja geradezu ein erbärmlicher Lügner.
Teri sah Mittelwelt und sah es doch nicht.
Die `Sesiol' fuhr auf ihrem östlichen Kurs über die offene See bis Kap Mocam und arbeitete sich dann in die Große Bucht hinauf, bis nach Ago im Lange Ceon, der Heimat des Kapitäns. Hier sah Teri auch einige dieser Tiere, von denen sie nicht geglaubt hatte, dass es sie gäbe.
Gewaltige graue Kolosse, mit Nasen so lang wie Teris ganzer Körper, waren dazu abgerichtet, schwere Arbeiten für die Menschen zu verrichten. Teri sah mit eigenen Augen, wie diese Ungetüme ganze Baumstämme nur mit der Kraft ihrer Nasen schleppten. - Auch fiel es Teri langsam auf, dass es nun schon seit über einem Jahr nicht mehr Winter geworden war.
Hätten sie solche Wunder und Erkenntnisse noch vor wenigen Monaten in helle Aufregung versetzt, so hatte sich ihrer nun ein Gleichmut bemächtigt, der sie zwar alles in sich aufnehmen ließ, sie aber gleichzeitig um die ursprüngliche Freude des Erlebens betrog.
Seit Tigan war aus Teri eine ernste junge Frau geworden, die nur selten lachte. Zu tief war die Trauer um Tana und Gerit, zu ungewiß das Schicksal der beiden.
Immer wieder drängte sich das Bild der zwei Verletzten in Teris Gedanken. Tana und Gerit, wie sie sich gegenseitig stützend, dem sicheren Tod im Großen Erf entgegenwankten.
Wie konnte Teri sich an Sonne, Luft und Licht, wie sich an Pflanzen und Tieren freuen, wenn sich täglich solch trübe Gedanken über ihr Gemüt legten?
So verbrachte sie ihre Zeit in Ago bei der Familie des Kapitäns in stiller Melancholie, die allen Aufheiterungsversuchen widerstand. Man brachte ihr die Grundbegriffe der Ago- oder Löwensprache bei, und willig half sie der Frau des Kapitäns bei ihren täglichen Verrichtungen. Damit waren ihre Tage in Ago ausgefüllt.
Endlich war es wieder so weit. Die `Sesiol' war im Hafen überholt worden und wieder bereit, auf große Fahrt zu gehen. Ein Jahr oder länger würde die Reise dauern und entsprechend lange mußte der Abschied gefeiert werden.
Die Angehörigen der ganzen Mannschaft trafen sich im Haus des Kapitäns und feierte drei Tage lang. Jede Familie hatte die ihr eigene Spezialität an eß- und trinkbaren Köstlichkeiten mitgebracht, und Teri mußte von allem probieren.
Schließlich kamen noch alle Nachbarn dazu, und am dritten Tag war das ganze Stadtviertel auf den Beinen, um der `Sesiol' den Abschiedsgruß nachzurufen. In einem wahren Triumphzug wurde die Mannschaft zum Hafen geleitet, wo ein Umarmen ohne Ende einsetzte. Auch Teri wurde von über hundert Leuten, vorwiegend jungen Männern, derartig durchgeknuddelt, dass es ihr glatt den Atem nahm.
Schließlich stach die `Sesiol' unter den Hochrufen der Menge in See, und bald schon bestimmte das ewige Gleichmaß des Meeres wieder den Tagesablauf.
Je näher die `Sesiol' Kap Tigan kam, umso unruhiger wurde Teri. Als sie schließlich die Landspitze umrundeten und die Konturen der Stadt an Steuerbord in weiter Ferne schwach zu erkennen waren, lief sie nervös auf dem Schiff herum und war für nichts mehr zu gebrauchen.
Fast ein Jahr war vergangen, seit sie Tana und Gerit zum letzten Mal gesehen hatte und doch kletterte Teri jedes Mal, wenn die `Sesiol' der rotbraunen Küste näher kam, in den Mast hinauf, um Ausschau zu halten. Aber nicht die Klippen und Riffe auf dem Kurs des Schiffes wollte sie erkunden. Stundenlang stand sie neben dem Matrosen auf der winzigen Plattform und schaute weit in das Große Erf hinein.
Tagelang zog die Sesiol ruhig ihre Bahn entlang der Südlichen Wüste. Mehr als einmal glaubte Teri, weit im Inneren des unendlichen Steinmeeres Bewegungen zu erkennen, aber nie konnten die Matrosen, die gerade Dienst als Ausguck hatten, ihre Beobachtungen bestätigen, und als vierzig Tage nach dem Passieren von Kap Tigan die Küste wieder grün und das Land wieder fruchtbar wurde, gab Teri es auf.
Nun war auch die Letzte Hoffnung in ihr erloschen, Tana und Gerit je wiederzusehen, es sei denn ...
Ärgerlich drängte sie die Gedanken, die ihr die Möglichkeit einer Rettung vorgaukeln wollten, beiseite. Sie hatte sich damit abzufinden, dass sie allein auf der Welt war. Sie würde ihr Leben bald selbst in die Hand nehmen müssen. Ein vager Gedanke an Thedra, an die Fliegenden Schiffe, tauchte in ihr auf. Aber selbst die Aussicht, eventuell ein Leben als Scharfrau zu führen, erschien ihr seltsam farblos. - Bis die `Amethyst' kam.
Oft schon hatte Teri auf ihrer Reise fliegende Schiffe an den `Schwalbenstangen' der Häfen liegen sehen. Lang und flach, mit dem weit nach hinten geneigten einzigen Mast, hatten sie das immer gleiche, typische Erscheinungsbild geboten, das jeder Seemann des Kontinents kannte.
Näher als zweihundert Schritte war sie jedoch nie an die Schiffe herangekommen. Auch als Thedranerin stand ihr das Recht, sich die Fliegenden Schiffe genauer anzuschauen nicht zu. Man mußte schon zur Sturmflottenschar gehören, um sich nähern zu dürfen, ohne Gefahr zu laufen, mit Peitschenhieben verjagt, getötet, oder als Sklave genommen zu werden.
Teri hatte die Frauen und Männer der Besatzungen stets beneidet. Was für ein Gefühl mußte es sein, auf den schnellsten Schiffen der Welt die auserlesensten Frachten in die fernsten Länder zu bringen.
Zweimal hatte es auch Begegnungen auf hoher See gegeben, obwohl das Wort `Begegnung' eigentlich etwas zu hoch gegriffen war. Selbst auf hoher See hielten die Schwalbenschiffkapitäne normalerweise großen Abstand von allen Schiffen anderer Bauart, und so hatte Teri nur aufgeregt verfolgen können, wie die gewaltigen Einzelsegel mit irrwitziger Geschwindigkeit vor der Kimm dahinglitten. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, einmal an Bord eines solchen Schiffes sein zu dürfen.
Seltsam verblasst waren diese Hoffnungen und Wünsche seit der Nacht von Tigan - bis es, zwei Tage vor Kaji, zu einer wirklichen Begegnung mit einem Fliegenden Schiff kam. - Bis die `Amethyst' aus dem Zwielicht des frühen Morgens aufgetaucht war.
"Leopard Backbord voraus!" Die Stimme des Ausgucks überschlug sich förmlich.
Teri fuhr aus dem Schlaf auf. - Hatte da nicht jemand `Leopard' gerufen? Leopard, das war doch die Bezeichnung, die die Löwenbootleute in ihrer Sprache für die stolzesten Einzelgänger unter den Schiffen hatten.
Ein Schwalbenschiff!
Blitzartig schob Teri den Vorhang ihrer Kabine beiseite und stolperte schlaftrunken auf das Deck. Die Sonne, von der erst ein winziger Bruchteil über den Horizont schaute, blendete sie. Suchend schaute sie sich mit zusammengekniffenen Augenlidern um.
Und wirklich, da sah sie es: Kaum tausend Mannslängen entfernt, kam ein gewaltiges, pralles, violett eingefärbtes Dreieckssegel aus den letzten Schatten der Nacht. Teri wußte sofort, um welches Schiff es sich handelte. Reines Violett war die Farbe der `Amethyst', das wußte in Thedra jedes Kind.
Teri spürte, wie sich ihr Herzschlag vor Aufregung beschleunigte. Schnell rieb sie sich den Schlaf aus den Augen, um besser sehen zu können.
Hoch spritzte die Gischt unter dem Rumpf des Schwalbenschiffes empor. Schon drangen die ersten Kommandos in der Scharsprache über das Wasser. Teri konnte die Augen nicht von diesem prachtvollen Bild lösen. Immer näher kam die `Amethyst'. Immer schneller schien sie zu werden.
Die `Sesiol' fuhr genau in den Kurs des Fliegenden Schiffes hinein, das in voller Fahrt herangerauscht kam.
Immer lauter wurden die Rufe der Scharleute. Teri hörte bereits das Aufklatschen der Dünung unter den Rumpf des Schwalbenschiffes. Sie sah, wie die Mannschaft im Mast eilig die Segelgeometrie veränderte, sah, wie sich drei Scharleute mit aller Kraft gegen den Steuerbalken stemmten. Sah die Griffe ihrer Dolche in der Sonne blinken.
Teri stand am Bug, die Hände auf das Dach der Kabine gelegt und sah alles: - Sah den flachen Rumpf - nicht eine Muschel klebte daran - über dem Wasser schweben. Sah, dass der Leib der `Amethyst' förmlich an dem vielfach mit Wanten abgespannten Mast hing. Sah, wie das riesige Segel den Wind so einfangen konnte, dass es das Schiff aus dem Wasser hob.
Unfähig, sich zu bewegen oder den Blick abzuwenden, verfolgte sie, wie die Scharleute den Kurs der dahinrasenden `Amethyst' um einige, wenige Grad veränderten und wie das gewaltige Schiff, kaum fünfzig Mannslängen entfernt, turmhoch aus dem Wasser ragend, mit rasender Geschwindigkeit vor dem Bug der `Sesiol' vorbeizog.
War die `Amethyst' noch vor wenigen Augenblicken ein Schemen im Zwielicht gewesen, der auf das Löwenboot zujagte, so war ihre Silhouette jetzt schon wieder fast vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne vergangen.
Lange noch schaute Teri in die Richtung, in die das Schwalbenschiff entschwunden war. Ein Satz fiel ihr wieder ein, den sie schon fast vergessen hatte und auch ein Gesicht:
`Du wirst mit den Schiffen fliegen.' Das war ein Versprechen gewesen. - Nicht irgendjemandes Versprechen, sondern die Zusage von Athan, dem Obmann der Schwalbenschiffkapitäne.
`Du wirst mit den Schiffen fliegen.' Dieser Satz befreite Teris Gemüt von allem Trübsinn, brannte sich in ihr Denken ein, wie eine unwiderstehliche Melodie, machte sie unruhig, zog sie nach Thedra, gab ihrem Leben wieder Sinn.
Am Abend dieses Tages stand Teris Entschluß fest: Sie würde mit den Schiffen fliegen! Sie würde den Obmann an sein Versprechen erinnern. Er mußte sie in die Schar aufnehmen. Er hatte es schließlich gesagt.
Bevor sie sich in dieser Nacht zur Ruhe legte, erkundigte sie sich bei dem Kapitän, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie nach Thedra kämen.
"Keine hundert Tage mehr", gab der Mann bereitwillig Auskunft.
Das war gut. Wenn es wirklich so schnell gehen sollte, dann hatte Teri gute Chancen, sich noch in diesem Jahr in die Rolle der Bewerber für den Schardienst einzuschreiben.
Sie würde mit den Schiffen fliegen! - Selig lächelnd schlief sie ein.
In der Hafeneinfahrt von Isco hatte die `Sesiol' eine Havarie mit einem Erzfrachter aus Cebor. Tief bohrte sich der starke Bug des Löwenboots in die Flanke des gedrungenen Schiffes, das mit der Ebbeströmung quer aus dem Hafen getrieben kam.
Die Kapitäne fluchten und schrien in allen Sprachen des Kontinents und gaben sich gegenseitig die Schuld, aber das zersplitterte Holz der gebrochenen Planken und Spanten ließ sich davon nicht beeindrucken. Die `Sesiol' mußte repariert werden.
Teri kam der Zwangsaufenthalt äußerst ungelegen. Jetzt war es schon Herbst, und die Fahrt nach Thedra würde mindestens noch dreißig Tage dauern. Je mehr die Jahreszeit vorrückte, desto eher war mit den stürmischen Nordwinden zu rechnen, die die Schiffe wohl mit Leichtigkeit von Thedra fort, aber nicht gern dorthin trugen.
Je länger die `Sesiol' hier im Hafen verweilte, umso häufiger würde sie später gegen den Wind kreuzen müssen. - Die Zeit wurde für Teri immer knapper.
Bei aller innerer Unruhe war Teri jetzt doch wieder in der Lage, ihr Leben zu genießen. Zwar drängte sich noch manchmal die Erinnerung an die Unglückstage in Tigan in ihre Gedanken, doch es war mittlerweile schon über ein Jahr vergangen, eine lange Zeit in einem jungen Leben.
Teri hatte Elefanten bei der Arbeit beobachtet und den ewigen Sommer erlebt. Sie hatte in Ago im Haus des Kapitäns von dessen Familie die Löwensprache gelernt und hatte die `Amethyst' in voller Fahrt gesehen. Teri war wieder neugierig auf das Leben, auf die Welt, auf alles.
Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Reparatur der `Sesiol' mindestens fünfzehn Tage in Anspruch nehmen würde, nahm sie sich vor, endlich die Stadt zu besichtigen, die sich bei ihrem ersten Aufenthalt von einer so schlechten, ja grausamen Seite gezeigt hatte.
Isco war der Ort, an dem Teri den Tod gesehen hatte. Der blutige Schrei des sterbenden Pilgers war wie ein böses Omen gewesen, das Teri auf der ganzen weiteren Reise begleitet hatte. - Vielleicht würde Isco ihr in einem freundlicheren Licht erscheinen, wenn sie es sich einmal genauer ansah.
Nachdenklich ging Teri über den Hafenplatz der Kaiserstadt und dachte an ihren ersten Aufenthalt zurück. Fast meinte sie, durch all die Geräusche der geschäftigen Handwerker und Händler noch jenes bedrohliche Summen in der Luft zu hören, das die Menge der Pilger auf dem Tempelvorplatz damals verursacht hatte.
Hier, bei dem Gasthaus, war damals ein Mann von einem Speer durchbohrt worden. - Dort, bei den sieben Stufen, hatte ein Harmuged-Pilger einen Schwertstreich quer über den Rücken erhalten. Unwillkürlich suchten Teris Augen das grobe Hafenpflaster nach Spuren jenes schrecklichen Kampfes ab, aber natürlich war nichts zu sehen.
Teri entdeckte in einem Winkel einen kleinen blauen Fleck, eine winzige Blume, die, zwischen zwei Steinen, geschützt in der Sonne stand. Sie beugte sich herab und legte ihre Hand an den kleinen leuchtendfarbigen Kelch, der einsam aus dem grauen Pflaster emporspross. Sofort spürte sie die sanfte Unruhe, die allen Pflanzen zu eigen ist. - Dieses wachsen wollen, sich ausbreiten müssen. Teri empfand die Berührung als angenehm, ja tröstlich.
Genau an dieser Stelle war vor fast zwei Jahren der Pilger mit der Schwertwunde gestürzt. Vielleicht war es sein Blut gewesen, das das winzige Samenkorn in der Pflasterfuge zum Leben erweckt hatte. Vielleicht hatten die Götter nur ein Leben gegen ein anderes ausgetauscht. Vielleicht lebte noch etwas von dem Mann in dieser Blume weiter.
Teri fühlte sich beobachtet. Sie richtete sich auf und schaute sich um.
Einige Schritte entfernt stand eine skurrile Gestalt, die sie mit schief gelegtem Kopf beäugte. So jemanden hatte Teri noch nie gesehen: Kurze stämmige Beine trugen einen fassförmigen, gedrungenen Leib, von dem die kurzen Arme fast seitlich abstanden. Der viel zu große Kopf saß nicht eigentlich auf, sondern vielmehr vor dem Körper, als wüchse er direkt aus der Brust. Die ganze Gestalt war knapp eine halbe Mannshöhe groß, und das Gesicht war so schmutzig und ungepflegt, dass Teri unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
"Kannst du das auch?" Der Fremde schien sich an Teris Abscheu nicht zu stören. "Kannst du?"
"Was - meinst du?"
"Kannst du die Blumen verstehen?" Der Fremde kam mit schweren Schritten näher. "Die Bäume und Sträucher? Die Tiere und Steine? Die Dinge, die man tot nennt? - Kannst du die Blumen verstehen?"
Teri wußte sehr wohl, dass sie eine besondere Gabe hatte, die Stimmen der Dinge zu hören. Sie war recht erstaunt gewesen, als sie bemerkt hatte, dass nicht alle Menschen das konnten.
"Ja. Ein wenig."
"Ein wenig also!" Der Fremde lachte auf und schob sich mit seinem seltsamen Watschelgang noch näher heran. "Deine Hand glüht ja noch! - Ein wenig also!"
Teri schaute auf die Hand, mit der sie die Blume berührt hatte, konnte aber nichts Außergewöhnliches entdecken.
"Komm mit! Weg vom Wasser." Der Fremde ging langsam voraus, eine stufige Gasse hinauf. "Wir werden gleich sehen, wie wenig du von dem verstehst, was die Dinge erzählen! - Komm mit!"
Schweigend ging Teri hinter der seltsamen Gestalt her, die sich mit schweren, tapsenden Schritten den Hügel hinankämpfte. Dieser kleine Fremde interessierte sie, und eigentlich war es doch egal, ob sie ihm folgte, oder allein durch die Gassen der Stadt ging.
"Wie heißt du?" Teri hatte aufgeschlossen und ging nun langsam neben dem Mann her, der ihr kaum bis zur Schulter reichte.
"Stoß mich nicht an! Ich heiße Dessen Vater Ging. Wir heißen alle so ähnlich. Nenn mich nur Ging. Stoß mich nicht an!"
Auch Teri nannte höflich ihren Namen und nahm etwas Abstand von Ging. "Was willst du von mir?"
"Ich werde dich prüfen! Ich habe in dieser Stadt etwas gefunden. Ich werde es dir zeigen. Wir sind bald da. - Ich werde dich prüfen!"
Eine seltsame Art zu sprechen hatte dieser Mann, fand Teri. Diese ständigen Wiederholungen. - Merkwürdig!
Einige Zeit später blieb Ging auf dem Gipfel des Hügels stehen. Hier gab es einen kleinen Platz, auf dem ein großer Steinblock lag.
"Hier ist es! - Früher war hier ein sehr großer freier Platz", erklärte Ging mit einer Handbewegung, die weit ausholend wirken sollte, wegen seiner kurzen Arme aber etwas dürftig ausfiel. "Und dieser Stein ist ein besonderer Stein. Faß ihn an! Das soll deine Prüfung sein - Hier ist es!"
Zögernd trat Teri vor. Die Stelle war ihr nicht geheuer. Der Stein, der eine Mannslänge im Quadrat maß und etwa eine Viertelmannslänge hoch war, lag im hellen Sonnenlicht wie eine Drohung vor ihr. Was konnte es sein, was dieser Stein an sich hatte? Was sollte sie ertasten, was dem Fels abringen? Oder würde es gar nicht anstrengend sein? Es gab Dinge, die schrien ihre Geschichten geradezu heraus.
Widerstrebend streckte Teri ihre Hand aus. Was würde der Stein ihr erzählen? War er eine Richtstätte aus alter Zeit, die getränkt mit Blut und Qualen, mit schrillem Kreischen noch von Pein und Not der Getöteten kündete? - War es ein Opferstein, der von den letzten Zuckungen herausgerissener Herzen zu berichten wußte?
Teri wußte nicht, was sie von diesem unheimlichen Fremden halten sollte, der von ihr verlangte, sich selbst zu quälen. - Dieser Stein gefiel ihr ganz und gar nicht, aber ihre Neugier war stärker. Entschlossen legte sie die Hand fest auf den Stein. Teri wollte wissen.
Der Schock blieb aus. Fest lag Teris Hand auf dem großen Stein und schmiegte sich eng an die raue, verwitterte Oberfläche. Teri spürte ein vages Wohlgefühl, hatte einen kurzen Eindruck fröhlicher Musik, spürte ein Verlangen - das Verlangen einer Frau, hörte Lachen, hatte das Gefühl, sich im Tanz zu drehen ...
Teri zog die Hand zurück. "Du hast mir Angst gemacht", sagte sie zu Ging gewandt. "Aber es ist ein guter Stein. Feste sind hier gefeiert worden. Fröhliche Feste." Wieder berührte sie den Stein und lauschte, und plötzlich traf sie die Erleuchtung: "Hochzeiten! - Auf diesem Stein haben die Brautpaare gestanden!"
"Jaaa!", brüllte Ging los, wobei er ein paar unbeholfene Hopser machte und sich dabei um sich selbst drehte. "Jaaa! Du kannst es! Du kannst es! Jaaaa! - Ich habe eine Schwester! - Jaaa!"
Schwester? Teri fiel es schwer, in diesem kleinen Kerl, der in grotesken, plumpen Sprüngen vor ihr umherhüpfte, so etwas wie einen Bruder zu sehen.
"Eine Schwester!" Ging war ganz außer sich. "Wir Wanderer können es auch! Alle Wanderer können es. Nie sah ich eine Frau, die die Sprache der Dinge verstand. - Eine Schwester!"
Teri zog ihre Hand zurück und setzte sich auf den Stein. "Ihr Wanderer, sagst du? Seid ihr ein Volk? Wo liegt euer Land?"
"Wären wir Wanderer, wenn wir ein Land hätten? - Wären wir?" Ging blieb stehen und sah Teri mißbilligend an.
"Also nicht!" Teri hatte nicht die Absicht, sich von diesem Wanderer, was immer das sein mochte, abkanzeln zu lassen. "Ihr seid also Wanderer. Ihr habt kein Land, und eure Frauen können die Sprache der Dinge nicht verstehen. Richtig?"
"Falsch!" Ging schob seinen runden Körper neben Teri. Selbst der flache Stein war als Sitz fast zu hoch für ihn. " Wir sind Wanderer, alle Straßen der Welt sind unser eigen, und Frauen haben wir nicht! Falsch!"
"Wie, ihr habt keine Frauen?"
"Nur Männer!", bestätigte Ging. "Nur!"
"Aber, aber das geht doch nicht! - Ich meine wie ..." Teri fehlten die Worte.
"Wir suchen uns Menschenfrauen! - Wir suchen", half Ging ihr weiter.
"Aha!" Teri ahnte Übles.
"Auch meine Zeit ist bald gekommen. Ich habe jetzt das Alter, einen neuen Wanderer zu zeugen. Ja! - Auch meine Zeit."
"Aha!" Teri rutsche unruhig auf dem Hochzeitsstein hin und her. Schließlich überkreuzte sie die Arme und schlug die Beine übereinander.
"Es ist schwer, eine Frau zu finden, die einen Wanderer gebären will. - Es ist schwer", seufzte Dessen Vater Ging und sah Teri traurig an.
"Oh, äh, das tut mir Leid." Teri spürte, wie ihre Wangen sich röteten. Nie zuvor war sie sich ihres Körpers so bewußt gewesen. Sie war eine Frau, und dieser Mann wollte ein Kind zeugen. Jetzt waren es nicht mehr nur ihre Wangen, es war ihr ganzer Kopf, ihr ganzer Körper, der glühte.
Ging sah sie schweigend an.
"Äh, das ist sicher schlimm für dich", begann Teri wieder. "Aber was kann man da machen?" Oh ihr Götter, was redete sie denn da? Wußte sie denn nicht ganz genau - na ja, ziemlich genau - was man, was sie da tun konnte? Aber sie wollte doch nicht. Ganz bestimmt nicht! Aber Ging war so ein netter Kerl. Teri wollte ihn nicht verletzen.
"Weißt du, äh, ich kann nicht - äh, kann noch nicht ..."
Ging lachte glucksend auf.
Teri sah unsicher zu ihm hinüber. Lachte er wirklich?
Ging lachte nicht nur, er schlug sich sogar vor Vergnügen auf die Schenkel. "Keine Angst!", krähte er fröhlich. "Ich will nichts von dir! - Weißt du, wir Wanderer haben, was Frauen angeht, einen ganz eigenen Geschmack. - Keine Angst!"
"Wie meinst du das?" Teri war nicht direkt empört, aber sie wollte jetzt doch gern wissen, was es an ihrem Körper auszusetzen gab.
"Na ja, sie müssen schon Kinder gehabt haben. Am besten drei oder mehr. Und sie müssen, na ja ..."
"Ja?" Teri beugte sich neugierig vor. "Was?"
"Sie müssen dick sein! Unglaublich dick und geldgierig! - Sie müssen dick sein!"
"Dick, geldgierig?" Teri war maßlos erleichtert. Keinen dieser Ansprüche konnte sie erfüllen. - Und sie hatte sich schon eingebildet ...
"Ich habe gesammelt!" Ging sprang von der Mauerkante und schlug seinen Umhang auseinander. Darunter trug er ein langes ledernes Wams, das mit Taschen und Täschchen förmlich übersät war. "Achttausendsechs!" Er schlug lustig auf eine der größeren Taschen, wobei es einen klirrenden Ton gab. "Achttausendsechs Bronzestücke für die Frau, die mein Kind gebären will! - Ich habe gesammelt! Von Geburt an! Ich habe gefunden, gebettelt und gestohlen! - Nur gearbeitet habe ich nie. - Ist gegen die Ehre, weißt du? - Ich habe gesammelt!"
Achttausend Bronzestücke! - Oh ihr Götter! - Achttausend Bronzestücke trug dieser kleine Wanderer an seinem Körper! - Jetzt war es Teri auch klar, wieso sein Leib aussah wie eine Tonne - warum seine Arme so kurz wirkten und so weit vom Körper abstanden. Der arme Kerl konnte vor lauter Geld kaum noch laufen.
Ging schlug den Umhang wieder über das Wams und kam mit schweren Schritten zurückgewatschelt. Mühsam schob er sich auf seinen alten Platz neben Teri.
"Pass bloß auf, dass du nie ins Wasser fällst, mit deinem schweren Wams", riet Teri ihrem neuen Freund. "Du würdest verschwinden und nie wieder auftauchen."
"Keine Sorge", lachte Ging "Wir Wanderer meiden das Wasser, wo immer es geht. Wir trinken nur wenig und dann lieber Wein. Wir schwimmen nicht. Wir fahren nicht mit Schiffen. Wir gehen nur über Brücken, die sicher sind. Wasser vermischt sich! Es wäscht die Geschichten ab! Wasser kennt keine Geschichten und kennt sie alle! Wasser bringt den Tod und ist selbst tot ob seiner Lebendigkeit! Ich meide das Wasser! Keine Sorge!"
"Du wäschst dich auch nur selten, nicht wahr?", vermutete Teri. Ihr war von Anfang an ein Aroma an ihm aufgefallen, das ihr manchmal das Atmen ein wenig erschwerte.
"Mich verwaschen? - Bewahre! Nie!", bestätigte Ging ihren Verdacht. Wasser nimmt die Farbe! - Nimmt den Duft! - Bringt Kälte und Krankheit und nimmt das Leben! - Mich verwaschen? - Bewahre! Nie!"
Teri seufzte. Da hatte sie ja einen tollen Freund gefunden! Aber etwas interessierte sie doch: "Sag mal, Ging, sprechen eigentlich alle Wanderer so wie du?"
"Wie? Wie spreche ich denn? - Wie?"
"Na, du wiederholst zum Schluß immer das Wort vom Anfang."
"Wirklich? Tue ich das? - Wirklich?" Ging legte seine Stirn in ernste nachdenkliche Falten. "Also nein. Seltsam. Also nein."
"Schon gut", seufzte Teri und wechselte schnell das Thema.
In Gings Gesellschaft vergingen Teris Tage in Isco schnell. Ging hatte jeden Tag Zeit für sie und erwartete sie schon immer frühmorgens auf dem Platz am Hochzeitsstein. Von dort aus zogen die beiden los, und Ging zeigte Teri die Kaiserstadt. Er kannte sich so gut aus, als sei er hier geboren, und er kannte viele Geschichten aus dem alten Isco, lange vor der Zeit des jetzigen Kaisers.
"Vor langer Zeit war ich schon mal hier. Vor langer Zeit!", hatte er auf Teris Frage geantwortet, aber über sein Alter hatte er keine Auskunft geben wollen. Überhaupt hatte Ging so seine Geheimnisse. Sein Geburtsort, sein Alter, wann und was er aß und trank, wo er schlief - nichts von alledem bekam Teri heraus. Er wollte auch keinesfalls berührt werden. Einmal, als Teri gestolpert war und nach ihm griff, um sich zu stützen, war er hastig zurückgewichen. Teri war hingefallen und hatte sich den Handballen dabei bös aufgeschrammt.
"Bitte nicht anfassen", hatte Ging entschuldigend gemurmelt, dem Teris wütender Blick nicht entgangen war. "Wir würden uns lesen. Es würde die Freundschaft töten! - Bitte nicht anfassen."
Teri hatte verstanden. Sie hatten beide die Gabe, Dinge lesen zu können. Ging hatte Angst davor, zu viel über Teri zu erfahren, wenn er sie berührte und wohl auch davor, dass Teri zu viel über ihn erahnte.
Versöhnt war sie wieder aufgestanden, und sie waren weiter durch die Stadt gezogen. Teri hatte sich an der Pracht des Kaiserpalastes erfreut und die hohen Türme des Tempels bewundert, die wie kupferne Nadeln in den Himmel ragten. Sie hatte die Terrassengärten an den Hügelhängen gesehen und sich in den Katakomben unter der Stadt umgeschaut. Am Ende ihres Aufenthalts gab es in ganz Isco keinen Hügel, den die beiden nicht gemeinsam erklommen und keinen Park, den sie nicht gemeinsam besucht hätten.
Nur vor dem Wasser hatte Ging eine panische Angst. Trotzdem überwand er sich und kam zum Abschied mit an den Hafen.
"Eines verstehe ich nicht." Teri sah Ging fragend an. "Wenn du doch Wasser so abscheulich findest, warum haben wir uns damals am Hafen kennengelernt? Wieso warst du dort?"
"Ich habe auf dich gewartet." Ging schaute verlegen zu Boden. "Aska meinte, dass du vielleicht einen Freund gebrauchen könntest. - Ich habe auf dich gewartet."
Aska? Die alte Aska, die Mutter von Bgobo, hatte Ging aufgetragen, auf sie, auf Teri zu warten? "Aber ich bin weit über ein Jahr lang fort gewesen und wußte selbst nicht, ob ich je wieder nach Isco komme."
"Aska bittet nicht, Teri. - Ich hatte hier auf dich zu warten. Aber ..." Ging schaute ihr lächelnd ins Gesicht. "...ich bin froh, das ich geblieben bin. Es war eine schöne Zeit mit dir. - Hm, eigentlich schade, dass wir Wanderer nur sehr dicke Frauen mögen."
Jetzt hatte Ging vor lauter Rührung glatt vergessen, den Satzanfang zu wiederholen, aber er wetzte die Scharte sofort wieder aus: "Ich glaube, ich möchte dich gerne mal besuchen. - Ich glaube, ich möchte!"
"Wann immer du willst!" Teri hätte Ging fast umarmt, aber im letzten Moment fiel ihr noch ein, dass er so etwas überhaupt nicht schätzte. "Wann immer du willst! Du wirst willkommen sein!"
Wenig später war Teri wieder auf hoher See. Der Wind war gut, und der Kapitän hielt geraden Kurs auf Thedra.