Читать книгу Giri - Michael T. Köhler - Страница 8
ОглавлениеIn der Nacht schreckte er von einer Erschütterung geweckt auf. Neben ihm im Bett kniete Miko.
Er rieb sich die Augen.
„Miko! Was machst Du hier?“
Ein flüchtiger Blick zur Uhr verriet ihm, daß es kurz nach drei Uhr war.
„Ich kann nicht schlafen“, kam mürrisch die Antwort.
Mick stöhnte, dann fiel sein Blick auf den großen Schriftzug auf dem T-Shirt, das sie trug.
"Okay", sagte er im Ton einer Anordnung, "daß Du mein "Schroedinger's Cat" T-Shirt zu Deinem Nachthemd gemacht hast, war schon ein herber Verlust. Aber mein Marillion T-Shirt wird gleich morgen früh Dein Zimmer verlassen und nur dorthin zurückkehren, wenn ich drinstecke. Haben wir uns verstanden, Rotznase?"
Sie brummte nur, nahm das zweite Kissen, legte es hochkant an die Stirnseite des Bettes und lehnte sich halb sitzend, halb liegend dagegen. Dann zog sie die Zudecke hoch.
Mick sah sie von unten an.
„Ich gehe davon aus, daß ich Dich nicht mit einer lapidaren Bemerkung zurück in Dein Bett bekomme, oder?“
„Ich bin hellwach, falls das Deine Frage beantwortet“, erwiderte sie und verbarg dabei nicht, daß sie diesen Zustand nicht begrüßte.
Nachdem er tief ausgeatmet hatte, folgte Mick ihrem Beispiel und setzte sich neben sie.
Beide starrten sie schweigend die gegenüberliegende Wand an.
Schließlich sagte Miko: „Du bist noch sauer wegen vorhin.“
„Nein, bin ich nicht. Es ist nur, daß ich so vieles an Dir noch immer nicht verstehen kann. Du bist in vielen Situationen schlichtweg ein großes Geheimnis für mich.“
„Ich bin Ninja. Und ich bin japanisch erzogen worden. Du versuchst hier nicht ein kleines Mädchen zu verstehen, Tintenklecks. Du erwartest, daß Du in ein paar Wochen eine völlig andere Kultur und Denkweise verstehen kannst.“
Er sah sie an. War sie wirklich erst elf Jahre alt? Ihre ach so erwachsenen Antworten, die sie oft völlig unerwartet gab, waren beeindruckend, halfen ihm aber nicht immer, sie wirklich besser zu verstehen. Letztlich hatte sie mit ihrer Erklärung aber völlig recht.
„Vielleicht bin ich ja einfach nur zu ungeduldig mit mir.“
„So ist es, Tintenklecks. Aber Du hast gute Ansätze.“
„Habe ich?“
„Na klar. Denkst Du, ich merke nicht, wie Du mich immer wieder erfolgreich einbremst oder in eine Richtung lenkst?“
Sie grinste ihn von der Seite an.
„Das hättest Du jetzt nicht sagen dürfen. Ich war so stolz, Dich unbemerkt zu beeinflussen.“
Er verzog das Gesicht.
„Ach was. Du kannst doppelt stolz sein. Ich meine, ich merke es und lasse es trotzdem zu. Das ist doch eine noch viel größere Leistung, Tintenklecks.“
Sie stieß ihn mit einem Lächeln aufmunternd in die Seite.
„Wie funktioniert das denn trotz Deines Eigensinns?“
„Ist wohl Deine Art von Tintenklecksmagie, ich kann einfach nicht anders.“
Ein prüfender Blick traf sie.
„Ach Tintenklecks, nun schau mich doch nicht an wie ein Menschenaffe, der eine blaue Banane sieht. Falls Du es noch nicht gemerkt hast, ich mag Dich. Was glaubst Du, warum ich nie über Deine Adoption im Handstreich diskutiert habe oder hier wegwollte.“
„Weil Du Dir hier Deine Freiheiten nehmen kannst?“
„Ja das auch“, gab sie spontan zu. „Auch wenn ich es nicht immer zeige, Mick, ich habe Dich gern und ich nehme wahr, daß Du ganz lieb zu mir bist, Dich um mich kümmerst und ich habe nicht vergessen, was Du für mich getan hast. Ich bin Dir dankbar dafür und das wird sich auch nicht ändern. Jetzt hör auf zu grübeln, sonst kannst Du auch nicht wieder einschlafen.“
Sie hatte keine Vorstellung davon, was ihm ihre Worte bedeuteten. Mick war zutiefst über ihr Geständnis gerührt und nur mit Mühe konnte er unterdrücken, daß sich seine Augen mit Tränen füllten.
Es brauchte einige Minuten, ehe er antworten konnte und er vermied es explizit, auf ihre Worte einzugehen, denn dann hätte er sie unweigerlich in seine Arme schließen müssen, was sie natürlich nicht zulassen würde und damit wäre dieser wunderbare Moment zerstört.
„Einschlafen ist ein gutes Stichwort.“
„Hat ziemlich lange gedauert“, äußerte sie und ließ damit unmißverständlich, wenn auch amüsiert, durchblicken, daß sie sehr wohl bemerkt hatte, was in ihm vorging.
Er gab vor, ihre Bemerkung nicht gehört zu haben und sprach weiter.
„Abwechselnd Schäfchen zählen ist bestimmt nicht die Lösung, oder?“
„Ich glaube nicht.“
„Hm.“
„Was ist eigentlich so besonders an diesem T-Shirt?“
„Es ist meine Lieblingsband.“
„Sind die gut?“
„Wären sie andernfalls meine Lieblingsband?“
„Stimmt. Unsinnige Frage.“
„Viele meiner Geschichten sind zu Musik von Marillion geschrieben.“
„Dein persönlicher Soundtrack, sozusagen?“
Er lachte.
„Ein bißchen ja, ein bißchen nein. Musik ist wie konservierte Gefühle für mich. Und manchmal höre ich die entsprechende Musik, um diese Gefühle abzurufen und für mein Schreiben verfügbar zu haben.“
„Das ist ja interessant. Das muß ich auch probieren. Ich meine das mit dem Konservieren.“
„Das geschieht von ganz allein. Irgendwie begleitet einen doch immer irgendeine Musik, nicht in jeder Minute, aber ein Lied oder einige Lieder sind über einen bestimmten Zeitraum präsent. Und die Gefühle, die man in diesem Zeitraum empfindet, weben sich ganz von selbst in die Musik und bleiben für immer damit verbunden. Und während Du später diese Musik hörst, erfüllen die Gefühle Dein Herz.“
Etwas berührte seinen Arm. Neben ihm war Miko eingeschlafen und zur Seite gerutscht.
„Na wunderbar. So interessant sind meine Ausführungen“, flüsterte er.
Im Schlaf schlang Miko ihre Arme um den seinen und lehnte ihren Kopf dagegen.
Mick hob eine Braue. Für die nächste Stunde, bis Miko sich im Schlaf herumdrehte und seinen Arm freigab, saß er reglos im Bett, um sie auf keinen Fall zu wecken. Bemerkenswert fand er es, bei vollem Bewußtsein zu fühlen, wie sein Arm langsam einschlief und jedes Gefühl verlor.
Er würde ihr dafür morgen ein furchtbar schlechtes Gewissen einreden. Der Gedanke an ihr Gesicht dabei, entschädigte ihn schon jetzt für sein peinvolles Opfer für ihren Schlaf.