Читать книгу Flow-Jäger - Michele Ufer - Страница 14
Оглавление»DIE WEGE DER WEISHEIT FÜHREN DURCH DIE WÜSTE«
(von den Beduinen)
San Pedro de Atacama, ein kleines beschauliches Oasendorf inmitten der trockensten Wüste der Welt in Chile. Wir schreiben den 14. März 2011. Ich sitze gemütlich auf der kleinen »Plaza Central«, lasse meinen verklärten Blick durch die Ferne schweifen, vorbei an spielenden Kindern, blendend weißen Lehmhäuschen, einer der ältesten Kirchen des Landes. Im Hintergrund flimmern die Silhouetten schneebedeckter Vulkane. Die Temperatur ist sehr angenehm. Ich sitze im Schatten, genieße das laue Lüftchen und ein leckeres Eis. Ein riesiges Eis. Es ist bereits mein zweites. Ich kann es mir erlauben, denn ich bin ausgehungert und gleichzeitig dennoch bis in die Haarspitzen vollgepumpt mit Glücksgefühlen. Heute ist mein Geburtstag. Obwohl ich allein feiere, auf einer kleinen Holzbank sitzend weitab von Freunden und Familie, ist es der schönste Geburtstag, den ich je hatte. Ich strahle, könnte die Welt umarmen, meine Gefühle in die Welt hinausschreien. In der vergangenen Woche ist für mich und alle, die mich kennen, etwas Unglaubliches, ja geradezu Magisches passiert. Als »Einsteiger« ohne jegliche Rennerfahrung habe ich nach nur 3,5 Monaten Vorbereitung bei meinem allerersten Laufwettbewerb noch vor einer Reihe von (semi-) professionellen und erfahrenen Athleten direkt einen 7. Platz in der Gesamtwertung und einen 4. Platz in der besten Tageswertung erzielt. Eigentlich sei so etwas nicht oder kaum möglich. Wurde mir gesagt, habe ich gelesen. Und dann kam während eines Ultramarathon-Rennens durch die Atacama-Wüste alles anders. Und ich war dabei womöglich dem Geheimnis der tibetischen Lung-Gom-Pa-Trance-läufer auf der Spur. Aber der Reihe nach.
METAMORPHOSE ZUM FLOW-JÄGER
Ende November 2010. Es ist ein düsterer, ungemütlicher Tag. Von dieser Tristesse bekomme ich allerdings so gut wie nichts mit. Ich sitze gebannt am Schreibtisch, blicke auf den Monitor, bin ganz woanders. Mein Puls ist erhöht, der rechte Zeigefinger schwebt nervös über der Computermaus. Soll ich? Soll ich nicht? Soll ich? Soll ich nicht? Ich würde ja gern, aber ist das nicht zu verwegen oder blauäugig, was ich da im Kopf habe? Aber was habe ich zu verlieren? Wieviel habe ich zu gewinnen, wenn es funktioniert? Und dann machte es einfach »klick«!
Ich habe es getan. Oh mein Gott, ich habe es tatsächlich getan. Mein rechter Zeigefinger war das Hin und Her im Kopf leid. Das Herz wusste sowieso, dass es keinen Weg zurück mehr gibt, denn zu sehr haben sich einige Bilder in meinem Hirn eingebrannt und mit reizvollen Gefühlen vermengt. Ein Cocktail, der es in sich hat und letztlich dafür sorgte, dass … Ja was eigentlich? Ich habe soeben mein Anmeldeformular für ein 250 km langes Ultramarathonrennen in der trockensten Wüste der Welt abgeschickt, der Atacama in Chile.
Ein erfahrener Ultramarathon-Läufer oder Triathlet mag nun denken, dass da nicht allzu viel zu gehört. Mag sein, keine Frage. Aber ich bin kein erfahrener Ultramarathonläufer. Ich bin auch eigentlich kein Läufer, habe bisher noch nie an einem Laufwettbewerb teilgenommen. Habe weder einen Marathon, Halbmarathon noch ein 10-km-Rennen absolviert. Von der Laufszene habe ich null Ahnung. Was sind meine Beweggründe, mich dennoch anzumelden, und das auch noch so kurzfristig, denn in 3,5 Monaten geht’s schon los?