Читать книгу Der Drink des Mörders - Miriam Rademacher - Страница 6
Tequila Sunrise
ОглавлениеNoch am selben Abend traf Colin Ted Toole wieder, der ihn wie einen alten Freund begrüßte.
»Colin, da sind Sie ja! War das Sicherheitseinweisung heute Nachmittag nicht todlangweilig? Ich habe dem Sicherheitsoffizier versichert, dass ich übers Wasser gehen kann und seine Belehrungen völlig überflüssig sind, aber er wollte mir nicht glauben! Gestatten, dass ich Ihnen Madame Ubu vorstelle?«
Colin, der die Sicherheitshinweise des Personals ganz und gar nicht als langweilig empfunden hatte, bemerkte neben Ted, am Tresen der Sambabar, eine füllige Dame mit hennarotem Haar, das sie zu einem seltsamen Gebilde auf ihren Kopf getürmt hatte. Sie überragte Ted um Haupteslänge. Kleidung und Schmuck der Dame verrieten jede Menge Geld aber auch wenig Geschmack. Ted Toole hatte tatsächlich keine Zeit verschwendet und war im Begriff, seine erste Eroberung dieser Reise zu machen.
»Ein ergreifender Anblick, als das Schiff ablegte, nicht wahr, Monsieur Colin? Abschied hat doch immer etwas Herzzerreißendes.« Sie klimperte mit ihren getuschten Wimpern. Ihrem Akzent nach zu urteilen, war Madame Ubu tatsächlich Französin. Colin fand, dass sie ein äußerst charmantes Lächeln hatte. Er schätzte sie auf Mitte fünfzig, nur wenig älter, als er selbst war.
»Nur Colin, Madame Ubu. Ich bin hier an Bord der Tanzlehrer. Und der Abschied von New York konnte mich kaum schmerzen, ich war nur wenige Stunden dort. Ich glaube nicht, dass das lange genug war, um es schon wieder zu vermissen.«
»Oh, Sie sind der Tanzlehrer! Wie charmant! Ich habe mir fest vorgenommen, auf dieser Reise endlich einmal richtig Wiener Walzer tanzen zu lernen! Sehen Sie mal, ich mache immer nur so. Das ist nicht richtig, oder?«
Madame Ubu ließ den Tresen los und hüpfte einige Schritte durch die Bar, was ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden bescherte. Der Barmann im weißen Jackett verzog das Gesicht, als fürchte er, das Schiff könne Schlagseite bekommen, hatte sich aber Sekunden später wieder im Griff. Colin verbiss sich ein Lachen. Madame Ubus Darbietung sah aus wie die spontane Flucht vor einer angriffslustigen Wespe.
»Das ist schon ganz ähnlich, Madame. Aber wenn Sie morgen im Tanzsaal vorbeischauen, können wir sicher noch ein wenig an Ihrer Technik feilen.«
»Oh, das klingt fabelhaft, Colin. Wann darf ich mit Ihnen über das Parkett schweben?«, rief sie aus, was Ted dazu veranlasste, Colin in die Seite zu boxen, um ihn daran zu erinnern, dass er versprochen hatte, ihm nicht die Tour zu vermasseln. Dabei zog er ein Colin bereits vertrautes Tütchen aus der Innentasche seines Jacketts und hielt es ihm hin.
»Waldmeister-Lakritz-Bonbon gefällig?«
Colin näherte sich voller Skepsis dieser neuen Geschmackskreation und wurde ein weiteres Mal angenehm überrascht.
»Jetzt fehlt mir noch Ihre Lakritz-Vanille-Komposition als Geschmackserfahrung.«
Ted Toole machte ein betretenes Gesicht. »Ich fürchte, meine Vanillevorräte haben das lange Warten bei der Immigration nicht überstanden. Tut mir leid, alter Freund. Aber wenn Sie mich mal in Schottland besuchen kommen, lade ich Sie zu einem Lakritzbuffet in meinem Haus Nine Views ein.«
Colin versprach, darauf zurückzukommen und gab Madame Ubu die Empfehlung, Ted zu ihrer Tanzstunde mitzubringen. Madame Ubu war erneut lautstark entzückt und bestürmte Ted nun mit Fragen über seine tänzerischen Vorkenntnisse, was Colin die Gelegenheit zum Rückzug gab.
Die Sambabar, eine Namensschöpfung, die spätestens nach dem dritten Cocktail zu Problemen bei der Artikulation führen würde, war die größte ihrer Art an Bord der Mermaid, und sie hatte sich bereits gut gefüllt. Ein Pianist klimperte dezente Melodien auf einem schwarzglänzenden Flügel, Kellner in weißen Sakkos flitzten eifrig zwischen den zahlreichen Sitzgrüppchen hin und her und balancierten auf ihren Tabletts farbenfrohe Cocktails. Die vorherrschenden Farben in der Sambabar waren beige und petrolblau. Was das mit Samba zu tun haben sollte, war Colin schleierhaft. Er hatte sich die Lokalität irgendwie brasilianischer, ja karnevalesker vorgestellt.
Durch eine Fensterfront konnte er den beleuchteten Pool in der dezent beleuchteten Schwimmbadhalle sehen. Der Pool wurde noch von einigen späten Schwimmern genutzt, obwohl der Abend bereits in die Nacht überging.
»Cocktail gefällig?«
Die Stimme gehörte einem hübschen, jungen Kellner mit ebenmäßigen Gesichtszügen und zurückgegeltem, schwarzen Haar. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, fürchtete er, dass Colin den ganzen Abend über nüchtern bleiben könne, also bestellte Colin einen Tequila Sunrise und bat darum, dass man ihm den Drink an einen der Tische nahe der Fensterfront bringen möge. Der Kellner nickte und entschwand.
An mehr oder weniger belebten Sitzgrüppchen vorbeigehend, studierte Colin die Gesichter der Kreuzfahrtgäste. Jede Altersgruppe, der es erlaubt war, Alkohol zu trinken, schien vertreten. Die meisten Damen hatten Wert darauf gelegt, dass man ihrer Garderobe ihren Preis ansah und dafür Abstriche beim guten Geschmack in Kauf genommen. Die Herren am Arm der Damen schienen sich abgesprochen zu haben und waren fast ausnahmslos in dezentem Schwarz erschienen. Nahe der Sitzgruppe, die er für sich selbst ins Auge gefasst hatte, entdeckte Colin eine Ausnahmeerscheinung. Das Kleid war schlicht und doch elegant, der Schmuck sparsam, fast unauffällig platziert. Sie hielt ihren blonden Schopf über die Cocktailkarte gesenkt, und als sie ihn hob, erkannte er sie einen Augenblick früher als sie ihn. Ihm stockte vor Überraschung der Atem. Und als dieses Gefühl in heißen Zorn umschlug, klimperte sie unschuldig mit den Augenlidern und nahm eine sittsame Haltung ein.
Colin hätte ihr den Hals umdrehen können.
Mühsam beherrschte er sich und ging mit langsamen Schritten auf sie zu. Ohne ein Wort der Begrüßung setzte er sich in den Sessel ihr gegenüber und schwieg eisern weiter.
»Du bist böse auf mich«, stellte sie mit honigsüßer Stimme fest.
»Ich könnte dich umbringen.«
»Ich werde eben nicht gern zurückgelassen. Kannst du das nicht verstehen?«
»Ich gebe mir die allergrößte Mühe, aber es fällt mir schwer.«
»Es war auch gar nicht so teuer, wie du meinst. Ich mache die Überfahrt quasi zum halben Preis mit. Ein richtiges Schnäppchen.«
»Findest du, ja? Und wie bist du an dieses Schnäppchen gekommen?«
Lucy spielte mit ihren Ohrringen, was ihm zeigte, dass sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte. Geschah ihr ganz recht. Er hatte nicht vor, ihr diese Unsicherheit zu nehmen.
»Im Internet. Ich habe es dir ja schon oft gesagt, das Internet ist eine wahre Fundgrube. Man bekommt dort alles, was man braucht. Eigentlich war diese Reise längst ausgebucht. Aber dann ist die Bridgefreundin von Mrs Layton, das ist meine Zimmergenossin hier auf der Mermaid, erkrankt, und allein wollte Mrs Layton die Reise nicht antreten. Also hat sie über das Internet nach einer angenehmen Reisebegleitung gesucht. Naja, und du weißt ja, wie angenehm ich sein kann.«
»Allerdings.« Auch ihr Rededrang zeigte ihm, dass sie sehr wohl ein schlechtes Gewissen hatte. Recht so. »Du bist dir sicher im Klaren darüber, dass auch der halbe Preis dieser Reise ein gewaltiges Loch in die Haushaltskasse reißt, oder? Von deinem Lohn als Kindermädchen kannst du das jedenfalls nicht bezahlen«, sagte er und versuchte, einen möglichst frostigen Ton anzuschlagen.
»Das tanzt du uns doch hier locker wieder rein, Liebling«, flüsterte sie und lachte dann ein glockenhelles Lachen. Es brach abrupt ab, als sie in sein Gesicht sah. »Du bist wirklich böse auf mich, nicht wahr?«
Statt einer Antwort hob er nur eine Augenbraue. Sie wurde blass und senkte den Blick. »Wie hast du es angestellt, rechtzeitig nach New York zu kommen?«, fragte er in frostigem Ton.
»Ich war im selben Flieger wie du. Kopftuch und Sonnenbrille geben eine phantastische Tarnung ab. Ich saß nur ein paar Sitze hinter dir.«
»Verstehe. Das vorwurfsvolle Schnauben aus den hinteren Reihen.«
»Du hattest einen ziemlich aufdringlichen Sitznachbarn abbekommen.«
»Nicht aufdringlicher als meine Freundin.«
Sie schwieg einen Augenblick. Er hatte sie verletzt. Es war ihm herzlich egal. Er war wütend.
»Und Daphne? War die auch eine Enttäuschung für dich?«, flüsterte sie jetzt.
Colin ahnte, dass sie als nächstes ein paar Krokodilstränen hervorpressen würde, um ihn milde zu stimmen. Doch so leicht würde er sie nicht davonkommen lassen. Konnte sie denn nicht wenigstens ein einziges Mal tun, was von ihr erwartet wurde? Konnte sie sich nicht wenigstens ein einziges Mal seinen Wünschen fügen? Stattdessen hatte sie alles darangesetzt, ihn zu hintergehen, und sich zusammen mit einer Mrs Layton auf diese Reise begeben, um ihn auch ja nicht aus den Augen zu lassen.
In diesem Moment fiel ihm siedend heiß ein, dass ja auch er eine Zimmergenossin auf dieser Fahrt hatte! Auf gar keinen Fall durfte Lucy erfahren, dass er sich mit Daphne eine Kabine teilte. Lucy würde das niemals verstehen. Was für Daphne und Colin im Grunde keine große Sache war, würde Lucy auf die Barrikaden treiben. Und es erschien ihm sinnlos, ihr zu erklären, dass im Tanzsport fast immer in Paaren gerechnet wurde, also auch Umkleidekabinen nicht nach Geschlechtern getrennt wurden, nicht einmal bei großen Turnieren. Auch gemeinsame Hotelzimmer für Tanzpaare, selbst wenn sie privat nicht viel miteinander zu schaffen hatten, waren in dieser Branche Gang und Gäbe.
»Daphne ist, genau wie ich es vorausgesehen habe, ein nettes Mädchen«, erwiderte er spröde. Nicht er war es, der hier ein schlechtes Gewissen haben musste. Sie war es. Und sie sollte es verdammt nochmal auch haben.
»Und sie hat auch einen netten Freund auf dem Festland?«, bohrte Lucy mit kleinlauter Stimme nach.
»Das weiß ich nicht. Ich mische mich nicht in alles ein. Ich kann mich zurückhalten!«, erwiderte Colin und merkte gerade rechtzeitig, dass er im Begriff war, genau das nicht zu tun. Er war soeben eine Spur lauter geworden, als es ihm in dieser Umgebung angemessen erschien.
»Ihr Tequila Sunrise, der Herr«, ließ sich nun der Kellner vernehmen und servierte Colin einen perfekten flüssigen Sonnenaufgang in Rot und Orange mit glitzerndem Zuckerrand.
Er reichte ihm wortlos seinen elektronischen Zimmerschlüssel, der all seine sinnlosen Ausgaben wie alkoholische Getränke in den nächsten Tagen speichern würde.
»Und für die Dame?«
»Die Dame hat sich noch nicht entschieden«, flüsterte Lucy.
»Ich empfehle einen Wermut«, sagte Colin kalt, nahm sein Glas und stand auf. Er hatte Daphne im Eingang der Sambabar erspäht. Und er war für heute Abend mit ihr verabredet. Er würde sich von Lucy nicht vorschreiben lassen, wie und mit wem er seine Freizeit in den nächsten Tagen verbringen würde. Dass sie hier war, war allein ihr Problem. Und er hatte nicht vor, ihr so rasch zu vergeben, dass sie dieses Ei hinter seinem Rücken ausgebrütet hatte.
»Schöne Grüße an Mrs Layton«, setzte er noch nach. Dann ging er. Daphne erwartete ihn mit einem unschuldigen Lächeln in der Nähe der Theke. Na bitte. Nicht alle Frauen waren durchtrieben wie seine Lucy. Daphne vielleicht nicht.
»Hey Colin, wer ist denn die süße, kleine Blondine, die du meinetwegen sitzen gelassen hast?«, fragte Daphne zur Begrüßung. Sie sah umwerfend aus in ihrem silberfarbenen Abendkleid, bei dem sich raffinierter Faltenwurf und fließender Stoff abwechselten. »Du weiß aber schon noch, dass in England deine zauberhafte Freundin auf dich wartet?«
»Ist das so?«, gab Colin zurück, rang sich aber zu einem freundlicheren Ton durch, als er Daphnes überraschten Blick bemerkte. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass Lucy wieder einmal auf Biegen und Brechen ihren Willen durchgesetzt hatte. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Möchtest du etwas trinken?«
»Eigentlich schon, aber … du hör mal Colin: Die Kleine da hinten sieht wirklich ganz unglücklich zu uns herüber. Vielleicht solltest du dich noch ein Weilchen mit ihr unterhalten. Sie ist immerhin ein Gast.«
»Mag sein. Aber selbst ein Gast kann sich meine Gesellschaft heute Abend nicht erkaufen. Also: Was möchtest du trinken?«
Den ganzen Abend lang bemühte sich Colin um eine heitere und gelassene Ausstrahlung. Er unterhielt sich mit Daphne und den Gästen am Tresen ausgezeichnet, lachte viel und bemerkte kaum, dass ihm die Kellner einen Drink nach dem anderen servierten. Zunächst versuchte er noch, sich trotz seines inneren Zorns die Namen der Leute zu merken, denen er sich vorstellte oder vorgestellt wurde. Doch die Sambabar war eines der besonders beliebten Abendlokale der Mermaid und füllte sich zusehends. Bald verlor Colin den Überblick, mit wie vielen Menschen er bereits angestoßen hatte, und sein Ärger wich einer von zu viel Alkohol erzeugten Heiterkeit. Konsequent vermied er es, zu Lucy hinüberzusehen. Als er sich nach einer ganzen Weile wieder zu den Plätzen am Fenster umwandte, war er bereits leicht angetrunken, und Lucy war verschwunden. Er hatte nicht mitbekommen, dass sie gegangen war, und er redete sich ein, dass es ihm auch egal war. Von Herzen egal. Ganz egal! Er bestellte einen weiteren Cocktail und wollte auch Daphne zu einem weiteren Drink überreden, doch die winkte ab.
»Ich muss morgen fit sein, Colin. Der erste Tanzkurs startet gleich nach dem Frühstück. Da halte ich mich mit dem Alkohol lieber ein wenig zurück.« Sie erhob sich von ihrem Barhocker und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich will dich ja nicht bevormunden, du bist schließlich erwachsen, aber ich denke, auch du hast für einen Abend genug gehabt. Ich gehe jetzt in unsere Kabine. Sei leise, wenn du nachkommst, ja? Und lass es in deinem Interesse nicht zu spät werden.«
»Ich werde mich leise wie ein Kätzchen zu dir hineinschleichen«, erwiderte Colin und spürte, dass seine Zunge sich bereits schwer anfühlte und seine Artikulation zu wünschen übrig ließ. Außerdem ahnte er, dass er bei diesen Worten debil gegrinst hatte, denn Daphne bedachte ihn mit einem Blick, der eine Mischung zwischen Mitleid und Strenge andeutete.
»Aha. Dann darfst du dich gerne zu meinen Füßen einrollen«, sagte sie und Colin entfuhr ein albernes Lachen. Cocktails waren eine hinterhältige Sache. Sie schmeckten süß und harmlos und schlugen ohne Ankündigung erbarmungslos zu. Was er hier tat, war unprofessionell und unreif, Daphne hatte recht. Er riss sich zusammen so gut er konnte und setzte eine ernsthafte Miene auf.
»Ich komme bald nach«, versprach er. »Nur noch ein bisschen frische Luft schnappen. Das wird mir guttun.«
»Ja«, bestätigte Daphne. »Das könnte sein.«
Sie ging hüftenschwingend davon und Colin sah sich noch einmal in der Bar um. Lucy war nicht zurückgekehrt. Natürlich nicht. Vermutlich würde sie in Kürze versuchen, den Spieß umzudrehen und die Eingeschnappte mimen. Er war immer noch wütend auf sie. Und fest entschlossen, sich dadurch nicht die Reise und schon gar nicht diesen Abend verderben zu lassen. Colin suchte im Gedränge nach Ted Toole, konnte ihn aber ebenfalls nirgendwo mehr entdecken. Der Schotte hatte im Laufe des Abends seine Angel gleich mehrfach ausgeworfen, hatte aber, über einen harmlosen Plausch hinaus, bei keiner der anwesenden Damen landen können. So war er immer wieder neben Madame Ubu am Tresen angespült worden, die vor seinen Zudringlichkeiten wenigstens nicht die Flucht ergriff. Doch nun schienen sich beide zurückgezogen zu haben. Möglicherweise, so überlegte Colin, hatte Ted auch nur das Jagdrevier gewechselt und vergnügte sich andernorts. Schade. Colin hätte ihn gerne gefragt, wie man es anstellte, Damen so rasch und effektiv zu verschrecken. Er hätte in dieser Hinsicht dazulernen und es bei Lucy erproben können. Colin grinste über seine eigenen Gedanken, rief sich dann aber selbst zu Ordnung. Kein Grund, boshaft zu werden, nein wirklich nicht. Das war gar nicht seine Art und kam sicher vom Alkohol. Er würde jetzt seinen Worten Taten folgen lassen und ein wenig an der frischen Luft spazieren gehen.
Das Cocktailglas in der Hand, trat Colin hinaus aufs Deck und atmete einige Male tief durch. Gleich fühlte er sich nüchterner. Er lehnte sich an die Reling und bewunderte die schäumenden Wellen des Atlantiks, deren Kämme sich hell in der Schwärze unter ihm abzeichneten. Die Luft war kalt und schon nach kurzer Zeit begann er zu frieren. Jetzt bemerkte er, dass nur wenige Gäste an Deck standen. Es war keine Nacht, die zum Mondscheinspaziergang einlud. Es war nicht einmal ein Mond zu sehen. Colin versuchte, wenigstens eine Weile durchzuhalten und schlenderte ziellos an der Reling entlang. Nein, es blieb dabei: Es war zu kalt, um sich lange an der Nachtluft aufzuhalten. Er wählte die nächstbeste Tür, durch deren Glasfenster Licht zu ihm nach draußen fiel, und trat ein.
Sofort erkannte er, wo er sich befand. Er hatte das Schwimmbad, das er schon von der Sambabar aus bewundert hatte, soeben durch einen Seiteneingang betreten. Noch immer war das Becken beleuchtet, das Wasser war von verführerischem Blau. Doch jetzt gab es keine späten Schwimmer mehr im Becken und von den umstehenden Liegen war nur eine einzige besetzt. Colin erkannte Ted sofort an seiner gedrungenen Statur, die in einem schlichten, schwarzen Anzug steckte. Die Hände hatte er auf der Brust gefaltet wie ein braves Kind beim Gute-Nacht-Gebet. Woher er allerdings den albernen Panamahut hatte, der jetzt sein Gesicht bedeckte, wusste Colin nicht. Getragen hatte Ted den Hut zu Beginn des Abends jedenfalls nicht, daran hätte Colin sich erinnert.
Er lief ein Stück am Rand des Pools entlang und nahm auf der Liege links von Ted Platz. Der Schotte regte sich nicht.
»Hey Ted, toller Hut«, begann Colin das Gespräch.
Doch er erhielt keine Antwort. Schlief Ted etwa hier auf einer Poolliege seinen Rausch aus? Warum tat er das nicht in seiner Kabine? Egal, Colin war nach Reden zumute und so streckte er sich auf der durchaus bequemen Liege aus und begann damit, Ted sein Herz auszuschütten. Ihm war es eigentlich egal, ob der Mann schlief oder wach war, er brauchte nur einen Zuhörer.
»Sie werden nie glauben, wen ich heute Abend in der Bar getroffen habe, Ted. Raten Sie mal! Na gut. Dann verrate ich es Ihnen: Meine Freundin. Meine Freundin, die mich eigentlich in England erwarten sollte. Meine Freundin, die ausdrücklich kein Geld für eine überteuerte Kreuzfahrt verschwenden sollte! Meine Freundin, die auf meinen Hund aufpassen sollte! Du liebe Güte, der arme Huey, wer weiß, was sie mit dem gemacht hat, nur um hier sein zu können!«
Colin schlug entrüstet mit der flachen Hand auf die Armlehne seiner Liege. Im Moment war er in der richtigen Stimmung, um Lucy alles zuzutrauen. Vermutlich hatte sie Huey in der Obhut ihrer schauderhaften Familie zurückgelassen. Natürlich hatte sie das! Denn jede andere Möglichkeit hätte bedeutet, dass man gegen ihn ein Komplott geschmiedet hatte. Dass Norma oder Jasper in diese Geschichte verwickelt waren.
Da fiel Colin die seltsame Stimmung auf Louies Beerdigung ein: Normas albernes Gekicher, als er ihr großzügig Huey angeboten hatte. Und Colin wurde erneut wütend.
»Ein Komplott! Sie hat gewusst, dass sie Huey bekommen würde! Und zwar für die vollen acht Tage! Ist das zu glauben, Ted? Meine Freunde, meine beiden besten Freunde, machen gemeinsame Sache mit meiner Freundin! Na, wenn das keine Schweinerei ist!« Colin nahm einen kräftigen Schluck von seinem Tequila Sunrise und schlug Ted auf die Schulter. »Nun sag doch auch mal was, Ted. So etwas ist doch nicht in Ordnung! Ted?«
Colin ahnte trotz seines Alkoholpegels, dass hier etwas nicht ganz so war, wie es sein sollte. Selbst wenn Ted ein Nickerchen am Poolrand gemacht hatte – er, Colin, hatte laut genug lamentiert, um einen Bären aus dem Winterschlaf zu wecken. Colin setzte sich auf und griff einem Impuls folgend nach Ted Tooles Hand. Sie war kühl. Nicht kalt, aber kühl.
»Ted? Tu mir das nicht an, okay?«, sagte Colin in beschwörendem Ton.
Ted blieb stumm. Es half nichts, Colin musste Gewissheit haben, musste sich selbst überzeugen. Vorsichtig legte er zwei Finger unter Teds Hutkrempe und schnippte den Panamahut vom Gesicht des Schotten.
Teds weit geöffnete Augen starrten blicklos ins Leere. Sein Gesicht hatte eine ungesunde Blaufärbung angenommen. Der Mund war leicht geöffnet und erinnerte Colin an das Maul eines toten Fisches. Jetzt war ihm klar, warum Ted Toole sich an ihrem Gespräch nicht beteiligt hatte.
»Och nö!«, rief Colin weinerlich und fühlte sich schlagartig völlig nüchtern. Der Panamahut fiel zu Boden, rollte ein paar Meter auf der Krempe im Kreis herum, fiel schließlich um und blieb bewegungslos auf den Fliesen liegen. Colin hätte es ihm gerne gleichgetan. Stattdessen trank er einen weiteren Schluck aus seinem Cocktailglas. Dieser Abend würde sich noch eine ganze Weile hinziehen.