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Prolog

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Newark, Ohio

Die Newark Highschool war für viele Dinge bekannt – ein besonders talentiertes Cheerleading-Team gehörte jedoch nicht dazu.

Nur diesem Umstand hatte ich es zu verdanken, dass sie meine beste Freundin Haley und mich in diesem Jahr aufgenommen hatten. Seit sechs Wochen waren wir ein Teil der schlechtesten Cheerleading-Truppe des ganzen Bezirks. Was wir an Talent einbüßten, versuchten wir, durch Enthusiasmus auszugleichen. Unsere Choreografien waren vielleicht nicht atemberaubend akrobatisch, doch wir hatten Spaß dabei. Meistens jedenfalls.

»Gott sei Dank ist es gleich vorbei.« Haley stand schwer atmend mit deutlich sichtbaren Schweißperlen auf der Stirn neben mir und fächerte sich mit ihren Pompons Luft zu. »Ich fühle mich wie in einem Backofen.«

Nicht nur ihr war warm. Ich selbst stand kurz davor, mich einfach auf den Rasen fallen zu lassen und wie ein toter Käfer auf dem Rücken liegen zu bleiben. »Wir haben es gleich geschafft.« Das Spiel war im letzten Quarter, und es standen nur noch drei Minuten auf der Uhr.

»Meinst du, es merkt jemand, wenn wir einfach verschwinden?« Haley sah mich aus großen, hoffnungsvollen Augen an.

Lachend schwang ich meine Pompons von rechts nach links. »In dem Outfit kommst du nirgendwo ungesehen hin.«

Haley blies sich sichtlich frustriert ein paar wirre, dunkle Strähnen aus dem Gesicht. »Diese Farbe ist so scheußlich.«

Dem konnte ich nur zustimmen. Wie beim Cheerleading üblich trugen wir Tops und kurze Röcke. Nicht üblich war dieses schreckliche Neongrün, das an einen nuklearen Unfall erinnerte. »Immerhin beißt sich die Farbe nicht mit deinen Haaren.«

»Ich habe dir gesagt, dass du dieses Pink bereuen wirst, Em.«

Doch das tat ich nicht. Ich hatte ein paar Tage gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, doch mittlerweile liebte ich mein pinkfarbenes Haar über alles. Der einzige Nachteil war, dass es fürchterlich zu den neongrünen Cheerleading-Klamotten aussah.

Mein Blick glitt zum Spielfeld und damit zu dem Grund, aus dem ich mich jede Woche wie ein hyperaktiver Papagei verausgabte. Ich hatte mir nie viel aus Football, Cheerleading oder Sport an sich gemacht. Mit dem Wechsel von Joshua Sanders an die Newark High hatte sich all das jedoch schlagartig geändert. Wie in einem schlechten Film war es um mich geschehen gewesen, kaum dass ich ihm zum ersten Mal begegnet war. Ich hatte in der Mensa mit Haley zu Mittag gegessen, als er durch die Tür getreten war. Mein Herz schlug schneller, meine Atmung setzte kurz aus, Fanfaren erklangen und die Erde stand für ein paar Sekunden still. So dramatisch hatte Haley den Augenblick beschrieben, in dem ich mich völlig kopflos in Joshua Sanders verliebt hatte.

Die Wahrheit war nicht ganz so poetisch, und ich ließ in meiner eigenen Schilderung dieses denkwürdigen Tages die Fanfaren aus gutem Grund weg. Doch Haley hatte recht: Ich war verliebt. Bis über beide Ohren. Hoffnungs-, rettungs- und sinnlos. Bis zu meiner ersten Begegnung mit ihm hatte ich Liebe auf den ersten Blick immer als Mythos abgetan.

Josh war siebzehn und somit ein Jahr älter als ich. Er fuhr einen uralten Jeep, der schon bessere Tage gesehen hatte, war mit seinen Eltern aus Seattle hierhergezogen, hatte keine Geschwister und war der beste Runningback, der jemals für die Newark High gespielt hatte. All diese Infos hatte ich in den letzten Wochen aufgeschnappt. Wann auch immer jemand über Josh redete, sog ich jedes Detail wie ein Schwamm auf. Und geredet wurde viel. Insbesondere von den Mädchen. Josh war nicht nur ein begabter Footballer, er sah auch noch unglaublich gut aus. Dunkelblondes Haar, warme braune Augen, Gesichtszüge wie aus Marmor gemeißelt und das alles in Kombination mit dem trainierten Körper eines Footballers. Joshua Sanders wäre in jedem schlechten Highschool-Film das Objekt der Begierde gewesen. Und auch wenn es an der Newark High weniger klischeehaftes Drama gab – für ein Date mit Josh hätte jedes weibliche Wesen zwischen vierzehn und siebzehn getötet. Ich selbst war da keine Ausnahme, ansonsten hätte ich Haley nicht dazu überredet, mit mir Cheerleaderin zu werden.

In einer hollywoodreifen Darbietung hatte ich ihr in einem mitreißenden Monolog erklärt, wie überaus gesund regelmäßiger Sport wäre. Wie fit und gut wir uns nach dem Training fühlen würden. Dass sich dieses Engagement in unseren College-Bewerbungen hervorragend machen würde. Ihre einzige Erwiderung war ein Okay, ich stalke Sanders mit dir gewesen. Sie war die beste Freundin, die sich ein hoffnungslos verliebtes Mädchen wünschen konnte.

Die Uhr zeigte noch zwanzig Sekunden Spielzeit an, und unser Team führte uneinholbar mit 42:18. Ein Umstand, den wir allein Josh zu verdanken hatten. Seit er für die Newark Wildcats spielte, hatte die Mannschaft nur ein einziges Spiel verloren – das Spiel, an dem er wegen einer Grippe nicht teilnehmen konnte.

Auf den Rängen erklang lauter Applaus, aus den Boxen dröhnte Born in the U.S.A. von Bruce Springsteen, das Spiel war vorbei. »Endlich.« Haley ließ ihre Pompons fallen und zog eine Wasserflasche aus ihrer Sporttasche. »Noch ein paar Minuten und ich wäre an einem Hitzschlag gestorben.« In einem langen Schluck leerte sie die halbe Flasche und drückte mir diese in die Hand. »Was hältst du davon, wenn du ihn einfach ansprichst?«

Prustend verschluckte ich mich. »Auf gar keinen Fall.«

»Willst du wirklich warten, bis eine andere schneller ist? Wann hat er sich von Vanessa getrennt? Vor zwei Wochen?«

Fünfzehn Tage. Seitdem war Josh Single. Und seitdem malte ich mir in den schillerndsten Farben aus, wie es wäre, seine Freundin zu sein. Es war nicht so, dass ich mir wirklich eine Chance bei ihm ausrechnete, doch so lange er solo war, bestand immerhin die theoretische, völlig absurde Möglichkeit, dass er mich bemerken würde. »Das Thema hatten wir jetzt schon so oft.« Mehr als einmal hatte Haley auf mich eingeredet. Stur wie immer, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

»Was glaubst du denn, wie lange das dauert, bis eine der Hyänen zuschlägt?«

Damit hatte sie meinen wunden Punkt getroffen. Insgeheim rechnete ich jeden Tag damit, dass die Information über eine neue Freundin an seiner Seite die Runde machte. Kandidatinnen gab es jedenfalls genug.

»Ich werde nicht viel dagegen tun können.«

»Wenn du nicht wenigstens mal versuchst, mit ihm zu sprechen, stimmt das wohl.« Sie war müde und genervt. Die gefühlt zwei Millionen Grad sorgten zudem nicht dafür, dass sich ihre Laune besserte.

»Sieh es dir doch an.« Ich nickte so unauffällig wie möglich in Richtung des Schauspiels, das sich etwa hundert Meter von uns entfernt abspielte. Josh stand vor der Tribüne und war umringt von Fans. Von ausschließlich weiblichen Fans. »Willst du wirklich, dass ich mich unter den Club seiner Bewunderer mische?«

Haley sah mich an, als wäre ich begriffsstutzig. »Du sollst ihm nicht nach dem Spiel auflauern, aber du könntest heute Abend versuchen, einfach mal mit ihm zu sprechen.«

»Er kommt zu Dylans Party?«

»Habe ich gehört.« Haley wackelte verschwörerisch mit den Augenbrauen. »Vielleicht ist das deine Chance.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, wurden wir von Sofia Gonzalez unterbrochen, die ihre Pompons vor uns in den Staub fallen ließ. Sie sah genauso fertig und müde aus wie wir. »Wie fühlt es sich an, wenn man einen Sonnenstich hat?«

Haley war als ehemalige Pfadfinderin sofort in ihrem Element. »Ist dir schlecht? Schwindelig? Hast du Kopfschmerzen?«

Sofia schüttelte bei jeder Frage den Kopf. »Vielleicht habe ich nur zu wenig getrunken.«

Wortlos reichte ich ihr die Wasserflasche mit ihrem lauwarmen Inhalt.

»Lieb von dir, Emily.« Sie lächelte mich dankbar an. »Du bist eine Lebensretterin.«

Während Sofia und Haley sich darüber unterhielten, was sie heute Abend zu Dylans Party tragen würden, spähte ich verstohlen zu Josh hinüber. Er stand immer noch auf demselben Fleck. Die Anzahl seiner Groupies hatte sich jedoch merklich verringert. Es waren nur noch zwei junge Frauen bei ihm, die ich beide nicht kannte. Eine von ihnen sah immer wieder verzückt zu ihm auf und strich sich dabei mit den Fingerspitzen unaufhörlich durch ihr blondes Haar. Man musste kein Verhaltensforscher sein, um zu erkennen, worauf sie es abgesehen hatte. Ihr Ziel war Josh. Und so, wie sie ihm ihre Brüste in ihrem engen Top entgegenstreckte, waren ihre Absichten alles andere als jugendfrei. Er lächelte die beiden freundlich an, wirkte jedoch nicht besonders interessiert – vielleicht war das aber auch nur Wunschdenken meines benebelten Verstandes.

»Noch offensichtlicher geht es nicht.« Sofia schnaubte leise, als sie bemerkte, wen ich anstarrte. »Warum zieht sie sich nicht direkt vor ihm aus?«

Haley lachte leise. »Sag ihr das bloß nicht, das bringt sie nur auf dumme Ideen.«

Ich zwang mich, meinen Blick von Josh und seinen Groupies zu lösen. Wenn sie mit ihren Flirtversuchen Erfolg hatten, wollte ich nicht Zeugin davon werden.

»Wie Hyänen, die ihr Opfer umkreisen.« Haley betrachtete die beiden lange Augenblicke. »Bis sie zubeißen.«

»Wenn sie Hyänen sind, macht das Josh dann zur Antilope?« Antilopen waren harmlos und niedlich. Joshua Sanders war nichts davon. Er war sexy, anziehend und überaus gefährlich für mein verliebtes Ich.

Sofia lachte laut auf. »Das wäre das letzte Tier, das ich mit ihm assoziieren würde.«

»Pinky und Brain.« Haleys Freund Mike brüllte so laut über das halbe Footballfeld, dass man ihn vermutlich noch im nächsten Staat hören konnte. »Da seid ihr ja.« Er kam mit langen Schritten auf uns zugejoggt, und wäre er nicht ein fast zwei Meter großer Footballer, der ausschließlich aus Muskeln zu bestehen schien, hätte ich ihn auf der Stelle umgebracht. Pinky und Brain. Diese albernen Spitznamen hatte er Haley und mir gegeben, kaum dass ich meine Haare gefärbt hatte. Er fand sich unglaublich lustig und einfallsreich. Als er vor uns zum Stehen kam, stieß Haley ihn zu meiner Genugtuung mit dem Ellenbogen in die Rippen.

»Wofür war das denn bitte?«

»Als ob du das nicht wüsstest.« Dass Haley nur so tat, als wäre sie böse auf ihn, war offensichtlich. Ihr verliebtes Lächeln verriet ihre wahren Gefühle allzu deutlich.

»Sorry, Babe.« Mike schlang seine Arme von hinten um ihre Taille und schmiegte sich eng an sie. Meine beste Freundin seufzte leise, drehte den Kopf und gab ihm einen flüchtigen Kuss.

»Pinky und Brain?« Mir stockte der Atem und ich fuhr herum, als ich die tiefe Stimme hinter mir hörte: Josh, der erst Haley anlächelte, bevor sein Blick auf mich fiel.

Wenn es den perfekten Moment gab, um sich in Luft aufzulösen, war es exakt dieser. Ich war verschwitzt, hatte Grasflecken auf den Knien und brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass sich mein Make-up schon vor Stunden verabschiedet hatte. Ich war hier, um Josh aus sicherer Entfernung zu beobachten, nicht um mich aus unmittelbarer Nähe von ihm um den Verstand lächeln zu lassen. Nervös nestelte ich am Saum meines Tops herum, um meine Hände irgendwie zu beschäftigen.

Offensichtlich hatte ich zu lange geschwiegen. Josh wandte sich Mike zu, der immer noch Haley in seinen Armen hielt. »Gutes Spiel, Mann.« Er schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Der Tackle kurz vor Schluss war böse.«

Mike grinste breit. »Nächstes Mal steht der Typ nicht wieder auf.«

Während sich die anderen angeregt über das Spiel austauschten, war ich stumm wie ein Fisch. Josh verschlug mir sprichwörtlich die Sprache, auch wenn ich sonst nicht auf den Mund gefallen war.

»Ihr kommt heute alle zur Party, oder?« Josh bedachte uns der Reihe nach mit einem fragenden Blick. Haley und Mike nickten. Sofia ebenfalls.

»Was ist mit dir, Emily?«

»Ich?« Meine Stimme klang viel zu hoch. Zu hoch und zu schrill.

»Falls du es vorziehst, nenne ich dich natürlich auch Pinky.« Seinen Mund umspielte ein hinreißendes Lächeln.

Spätestens in diesem Moment hatte mein Gesicht garantiert die Farbe meiner Haare angenommen.

»Sie kommt auch.« Haley eilte heroisch zu meiner Rettung, wofür ich ihr sehr dankbar war.

Er zwinkerte mir so lässig zu, wie es nur gutaussehende Jungs konnten. »Dann bis heute Abend. Pinky.« Mit diesen Worten drehte er sich um und lief auf den Spielertunnel zu, der zu den Duschen und Umkleiden führte. Was zur Hölle war hier gerade passiert?


Vom Grill stieg der Duft brutzelnder Würstchen auf. Das halbe Football-Team schlug sich die Mägen mit Hotdogs voll, während sich die andere Hälfte lachend im Pool vergnügte. Dylan hatte auf der Terrasse Boxen aufgestellt, die das bunte Treiben mit aktuellen Pop-Songs beschallten.

Ich saß ein Stück abseits auf einer Decke und nippte an meiner Cola. Haley und Mike hatten mich überreden wollen, mit ihnen schwimmen zu gehen. Doch nicht einmal unter Folter wäre ich in den Pool gehüpft, nachdem ich zuvor zwei Stunden damit verbracht hatte, mich für die Party zurecht zu machen. Ich trug mein liebstes Kleid: kanariengelb, hochgeschlossen und im Stil der Fünfziger geschnitten. Eigentlich hätte die Farbe schrecklich zu meinem pinken Haar aussehen müssen, doch genau das Gegenteil war der Fall. Auch wenn es albern war, fühlte ich mich in diesem Kleid wie eine Prinzessin. Passend dazu hatte Haley mein Haar mit sehr viel Mühe in eine gewollte Unordnung aus pinkfarbenen Locken verwandelt. Ein breiter Lidstrich und rote Chucks rundeten mein Retro-Outfit ab.

Es dämmerte bereits, und die unzähligen Lichterketten und Lampions, die im Garten aufgehängt worden waren, würden bald mit den Sternen um die Wette strahlen. Es könnte der perfekte Sommerabend sein, wenn Josh auftauchen würde. Seit drei Stunden saß ich auf meiner Picknickdecke und beobachtete so unauffällig wie möglich die Terrassentür. Mike und Haley hatten mir lange Gesellschaft geleistet, und eine Weile hatte ich mich auch mit Sofia und ihrem Freund Curtis unterhalten. Mittlerweile war ich der festen Überzeugung, dass ich mir Joshs Interesse nur eingebildet hatte. Er war ein netter Kerl. Natürlich hatte er mich gefragt, ob ich heute zu dieser Party kommen würde. Mich genauso wie alle anderen. Das Lächeln und das Zwinkern waren einfach nur seine Art von Höflichkeit. Dass es Josh Sanders nicht an Charme mangelte, war mir sehr wohl bewusst. Und jetzt hatte ich, wie so viele vor mir, seine Freundlichkeit überinterpretiert.

»Hey.« Haley ließ sich neben mich auf die Decke fallen und begann, ihr nasses Haar mit einem Handtuch abzutrocknen. »Er kommt sicher noch.«

»Und wenn nicht, ist das auch okay.« Ich versuchte, weniger deprimiert zu klingen, als ich mich fühlte. Haley hatte Spaß, da musste ich ihr mit meinem Liebeskummer nicht den Abend verderben. Sie arbeitete so hart für ihre Noten, um ein Stipendium fürs College zu ergattern, dass sie sich selten eine Pause gönnte. Wenn sich jemand eine wunderbare Gartenparty verdient hatte, dann war das Haley.

»Du siehst aber nicht aus, als wäre es okay.« Sie schüttelte den Kopf, sodass kleine Wassertropfen in alle Richtungen flogen. »Mike und die Jungs wollen Wahrheit oder Pflicht spielen. Bist du dabei? Würde dich vielleicht von Mister Perfect ablenken.«

»Später vielleicht. Ich wollte erst noch was essen und dann ...« Was wollte ich eigentlich? Weiterhin die Terrassentür beobachten und hoffen, dass er doch noch auftauchte. Das wusste ich selbst genauso gut wie Haley.

»Na gut, aber wenn er in einer Stunde nicht hier ist, kommst du zu uns rüber, okay?« Sie zog sich ein T-Shirt und Shorts über ihren nassen Bikini.

Ich hob drei Finger zum Schwur. »Versprochen.«

»Und dann musst du mit mir tanzen. Mike kriege ich garantiert nicht dazu.«

»Auch das ist versprochen.« Haley liebte es, zu tanzen. Das hatten wir gemeinsam.

»Okay, dann bis später.« Sie beugte sich vor und drückte mich kurz an sich, bevor sie über den Rasen zu den anderen eilte, die bereits in ihr Spiel vertieft waren. Wahrheit oder Pflicht war seit der sechsten Klasse ein Dauerbrenner auf jeder Party. Das Spiel blieb gleich, nur die Aufgaben und Fragen veränderten sich. Waren es früher harmlose Mutproben gewesen, wussten heute alle Beteiligten, dass spätestens in der dritten Runde geknutscht wurde.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und spielte ein Quiz, das mir Haley empfohlen hatte. Man konnte gegen Gegner auf der ganzen Welt antreten und musste schräge Schätzfragen wie Welches Gewicht hat die Erde beantworten. Nach drei verlorenen Runden hatte ich genug und öffnete meine neueste Entdeckung: eine Serienmörder-Bibliothek. Die App war simpel gestaltet, aber unglaublich umfangreich. Man konnte sich stundenlang durch die Täterprofile, Fälle und psychologischen Hintergründe klicken. Mein Interesse wurde von Derrick Todd Lee geweckt, dem Baton-Rouge-Killer. Völlig vertieft in seine Geschichte, bemerkte ich die Person neben mir erst, als sie sich leise räusperte. »Hi.«

Als ich den Kopf hob, erstarrte ich. Vor Schreck fiel mir das Handy aus der Hand und landete in meinem Schoß. Keine zwanzig Zentimeter von mir entfernt saß Joshua Sanders auf meiner Decke und lächelte mich an. Mich! Ich brauchte einen Augenblick, um diese surreale Situation und Joshs Anblick zu verarbeiten. Das Footballtrikot von heute Nachmittag hatte er gegen eine graue Jeans und ein schlichtes schwarzes T-Shirt getauscht. An jedem anderen hätte diese Kombination langweilig ausgesehen. Doch nicht an Josh. Das Shirt betonte seinen Oberkörper an genau den richtigen Stellen, und der sehr verliebte Teil von mir versuchte, sich den Anblick genau einzuprägen. Was gar nicht so einfach war, wenn einem das Herz bis zum Hals schlug. Mein Blick glitt über seine Hände, Unterarme, den Bizeps, Trizeps – oder wie auch immer diese Muskeln hießen, die meine Knie weich werden ließen. Sobald ich nach Hause kam, würde ich ihn zeichnen. Im Laufe der Monate hatte ich das bereits ein paar Mal getan, doch die Skizzen waren nie besonders gut gewesen, weil mir die Gelegenheit gefehlt hatte, ihn aus der Nähe zu studieren.

»Was ist das?« Wenn es ihm aufgefallen war, dass ich ihn wie ein hypnotisiertes Kaninchen musterte, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen zeigte er auf das Handy. »Lernst du, während die anderen feiern?«

Oh Gott, jetzt hielt er mich garantiert für die größte Verliererin der Welt. Mit schweißnassen Händen griff ich nach meinem Telefon und schaltete das Display aus. »Das ist nichts.« Ein ganzer Satz, ohne zu stottern! Meine komplette Menschenwürde hatte ich noch nicht verloren, auch wenn Haley in Bezug auf ihn oft etwas anderes von mir behauptete.

Josh schob sich ein paar feuchte Locken aus der Stirn. Er musste vor Kurzem geduscht haben. Ihn mir unter der Dusche vorzustellen, half nicht dabei, meinen hämmernden Puls unter Kontrolle zu bringen. »Du warst so vertieft, dass du mich nicht gehört hast.«

Ein Fehler, den ich mir nicht so schnell verzeihen würde. Da hatte ich stundenlang gewartet, und dann verpasste ich seine Ankunft. Doch das hier war besser. So viel besser. Joshua Sanders saß neben mir und wir unterhielten uns. Wie zwei normale Menschen und nicht wie ein dummes, verliebtes Schaf und der Typ, der in einer so anderen Liga spielte, dass es fast schon bedauernswert war. »Serienkiller.« Ich hatte das Wort ausgesprochen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. »Eine App. Über Serienkiller.« Spätestens jetzt dachte er garantiert, ich wäre übergeschnappt.

»Serienkiller?« Seine Lippen verzogen sich zu einem hinreißenden Lächeln. »Du stehst auf Serienkiller?«

Er sah mich interessiert und zugleich amüsiert an. Ich musste mich in einem schrägen Paralleluniversum befinden, in dem die üblichen Highschool-Regeln nicht galten. Typen wie Josh unterhielten sich auf Partys nicht mit eigenartigen Mädchen über Serienkiller. »Es ist spannend zu lesen, warum Menschen diese fürchterlichen Dinge tun.« Weil ich es nicht besser erklären konnte, zuckte ich mit den Schultern. »Und es beruhigt mich. Irgendwie.«

»Das klingt ungewöhnlich.«

Ungewöhnlich. Aus seinem Mund bedeutete das vermutlich so viel wie übergeschnappt. Josh war nur zu nett, um sich anmerken zu lassen, was er von mir hielt. Er war also nicht nur der attraktivste Typ, den ich jemals gesehen hatte, er war auch noch so freundlich, wie alle Welt behauptete.

Josh lehnte sich zurück und machte zu meiner Überraschung keinerlei Anstalten zu flüchten. »Wer ist dein liebster Serienkiller?«

Dieses Gespräch war einfach nur absurd, dennoch antwortete ich ihm, weil alles andere schrecklich unhöflich gewesen wäre. »Der Zodiac-Killer.«

»Der Typ, dessen Identität bis heute nicht ermittelt wurde?«

Ich wusste, wann ein Kampf sinnlos war. Dieser hier war aussichtlos. Wenn sich Josh auch noch mit Serienmördern auskannte, hatte ich mein Herz unwiderruflich an ihn verloren. »Genau. Und er hat diese verschlüsselten Briefe verschickt, die teilweise noch immer nicht dekodiert wurden.«

»Er hat junge Paare umgebracht, richtig?«

Ich nickte. »Ja. Man weiß nicht, wie viele es wirklich waren. Mindestens fünf, doch die Ermittler nehmen an, die Dunkelziffer ist höher.«

»Wow. Du stehst wirklich auf diesen Kram.« Er stützte seine Ellenbogen auf seinen Knien ab und beugte sich weiter in meine Richtung. Er war mir jetzt so nah, dass ich merkte, wie unglaublich gut er roch. Selbst sein verdammtes Duschgel war attraktiv. »Das gefällt mir.«

»Dir gefällt, dass ich auf Serienmörder stehe?« Vielleicht war ich nicht die einzig Durchgeknallte hier.

»Nein.« Er schüttelte lachend den Kopf. »Ich mag es, dass du mir nicht irgendetwas erzählst, von dem du denkst, dass ich es hören will.«

Das hätte ich durchaus getan, wenn mein Gehirn dazu fähig gewesen wäre, sich kluge, anziehende und im besten Fall auch flirtende Sprüche einfallen zu lassen. »Über Football?«

Er verzog angewidert das Gesicht. »Du hast keine Ahnung, wie oft mir Mädchen erzählen, dass sie mein größter Fan sind.«

Okay, diese Information würde ich also für mich behalten. »Und das schmeichelt dir nicht?«

»Manchmal.« Er stützte seinen Kopf mit einer Hand ab und sah mich aus großen Augen an. »Aber meistens ist das nicht die Wahrheit.«

»Da vorne spielen sie Wahrheit oder Pflicht.« Was zur Hölle redete ich da? Jetzt dachte er sicher, ich würde ihn loswerden wollen. Dabei war genau das Gegenteil der Fall.

»Und du hattest keine Lust mitzumachen?« Josh biss sich auf die Unterlippe, was meinen Blick dorthin lenkte. Auf seine Lippen. Nicht hilfreich. »Hast du Angst vor der Wahrheit oder vor der Pflicht?«

»Ich habe vor gar nichts Angst.« Vielleicht davor, dass er ging und vergaß, dass dieses Gespräch überhaupt stattgefunden hatte. Doch das würde ich niemals zugeben.

»Dann lass uns spielen.« Das Funkeln in seinen Augen war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich ihm auf den Leim gegangen war. Wenn ich ablehnte, stand ich als Feigling da.

»Mit den anderen?« Ich warf einen kurzen Blick zu der Gruppe, in der Haley und Mike saßen. Dass die meisten angetrunken waren, war selbst aus der Entfernung leicht zu erkennen.

»Nur wir beide, wenn das für dich okay ist.«

Welch eine Frage. Ich hätte zu allem Ja gesagt, wenn er noch ein bisschen bei mir blieb. »Okay.«

»Es war mein Vorschlag, also ist es nur fair, dass du anfängst. Ich wähle Wahrheit

Und damit hatte ich völlig unerwartet die einmalige Chance, Josh Sanders eine Frage zu stellen. Was hätte ich darum gegeben, wenn mir etwas besonders Geistreiches eingefallen wäre! Nach endlosen Augenblicken entschied ich mich für die sichere Variante. Die Variante für Feiglinge. »Warum bist du nach Newark gezogen?«

»Interessiert dich das wirklich?« Josh hatte die Stirn in Falten gelegt und sah mich irritiert an. »Ich dachte immer, bei diesem Spiel fragt man Dinge, die nicht die halbe Welt weiß.«

»Eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, ist nicht erlaubt. Also?« Allmählich hatte ich mich an seine Nähe gewöhnt. Mein Wangen fühlten sich zwar immer noch unglaublich warm an, doch je länger wir nebeneinandersaßen, desto mehr nahm meine Nervosität ab. Es war erstaunlich einfach, mit ihm zu reden.

»Mein Dad hat hier einen neuen Job angenommen, also sind wir umgezogen.«

Er hatte recht, wirklich spannend war das nicht. Was hatte ich auch erwartet? Dass er auf der Flucht vor der Mafia im Zeugenschutzprogramm in Newark gelandet war? Und selbst wenn das stimmte, dürfte er mir nicht davon erzählen.

»Wahrheit oder Pflicht, Em?«

»Wahrheit.« Das war das geringere Übel.

»Warum spielst du nicht mit den anderen?« Genau in diesem Moment ertönte lautes Gelächter, als Brianna Kennedy dazu genötigt wurde, David Michaels zu küssen. »Was die da drüben machen, will ich nicht tun.« Jedenfalls nicht mit einem von denen.

»David küssen? Oder küsst du generell nicht gern?« Er lächelte unschuldig, auch wenn ich ihm ansah, wie viel Spaß ihm diese Sache machte.

Zum Glück retteten mich die Spielregeln. »Nachfragen sind nicht gestattet.«

»Hm. Aber ich könnte dir diese Frage einfach in der nächsten Runde stellen.«

»Dann wähle ich ab jetzt wohl Pflicht.« Es war mit einem Mal so leicht, mit ihm zu reden. Mein Herz schlug in seiner Nähe zwar immer noch viel zu schnell, doch es fühlte sich richtig an, bei ihm zu sein. Josh aus der Ferne zu mögen war eine Sache, mit ihm zusammenzusitzen und zu reden, eine ganz andere. Es rückte meine absurde Verliebtheit in ein ganz neues Licht. Vielleicht war die Situation doch nicht so hoffnungslos, wie ich immer angenommen hatte. Aus niemals war in den letzten Minuten was wäre wenn geworden.

»Pflicht? Wirklich?« Josh lachte leise, und mir lief ein wohliger Schauer über den Rücken. »Da vorne ist ein Pool.«

»Das würdest du nicht wagen.« Auch wenn ich ihn eigentlich kaum kannte, war ich mir sicher, dass er nicht von mir verlangen würde, schwimmen zu gehen.

»Nein, würde ich nicht. Aber es war den panischen Ausdruck auf deinem Gesicht wert.«

Augenrollend stupste ich ihm gegen den Arm. So wie ich es bei Haley oder jedem anderen getan hätte. Doch das hier war anders. Ich berührte Josh. Zum allerersten Mal. Sein Blick fiel auf meine Hand, die viel zu lange auf seinem Unterarm verweilte, bevor ich sie hastig zurückzog.

»Ich nehme noch mal Wahrheit.« Dass ich die Gelegenheit genutzt hatte, ihn anzufassen, ließ er zu meiner großen Erleichterung unkommentiert. Vielleicht passierte ihm so etwas auch öfter. Seltsame Frauen, die ihn verliebt ansahen und ihre Finger nicht bei sich behalten konnten, waren in Joshs Welt eventuell normal.

Keine Fragen mehr über Football, so viel hatte ich gelernt. »Auf welches College willst du gehen?«

»Ohio State.« Er zögerte keine Sekunde mit seiner Antwort.

»Warum?«

Josh lächelte, und ein kleines Stückchen meines Herzens schmolz dahin. »Die Nachfrage ist gegen die Regeln, aber ich will mal nicht so kleinlich sein wie andere.« Das letzte Wort betonte er mit einem Augenzwinkern. »Die Ohio State hat ein großartiges Football-Team. Wenn ich da reinkomme, schaffe ich es vielleicht irgendwann zu den Profis. Und du?«

»Ich will nicht zu den Profis.«

Wenn ich schon nicht mit Eloquenz glänzen konnte, brachte ich ihn immerhin zum Lachen. Ich mochte sein Lachen, so wie auch alles andere an ihm. Wenn überhaupt möglich, war ich ihm in den letzten Minuten nur noch mehr verfallen. »Eigentlich wollte ich wissen, auf welche Uni du gehen willst.«

Zum Leidwesen meiner Mom hatte ich mir darüber noch nicht viele Gedanken gemacht. Entweder würde ich hier in Ohio bleiben oder bei meinem Dad in Kalifornien studieren. »Sie muss ein gutes Kunstprogramm haben, mehr weiß ich noch nicht.«

»Du malst.« Keine Frage. Eine Feststellung.

»Woher weißt du das?«

Josh rieb sich mit einer Hand den Nacken. Man konnte den Eindruck bekommen, er wäre nervös. »Ich habe mit Mike über dich gesprochen.« Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Das stört dich hoffentlich nicht.«

»Du hast mit Haleys Freund ...« Ich brauchte kurz, um meine Gedanken zu sortieren. »Über mich

Josh nickte.

»Warum?«

»Ich war neugierig.«

Jap, das hier war eindeutig keine Version der Realität, die irgendeinen Sinn ergab.

»Wahrheit oder Pflicht, Em?« Hatte er es eben noch vermieden, mich direkt anzusehen, suchte sein Blick in diesem Augenblick meinen. »Und bevor du antwortest, solltest du wissen, dass ich wirklich sehr hoffe, dass du dich für Pflicht entscheidest.«

Meine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte ich mein Handy. Dies war einer dieser Momente im Leben, die wichtig waren. Wegweisend für alles, was noch kommen würde. Es gab keine rationale Erklärung dafür, doch ich spürte, dass von meiner Entscheidung mehr abhing als nur der Ausgang dieses Spiels. »Pflicht.«

Josh griff nach meiner Hand, löste meine Finger sanft von meinem Telefon und verschlang sie mit seinen. Kurz vergaß ich zu atmen, bevor ich leise nach Luft schnappte. »Es ist offensichtlich, dass wir beide nicht hier sein wollen. Ist es okay, wenn ich dich nach Hause bringe?«

»Du willst ...?«

»Dich nach Hause bringen, ja.« Sein Daumen strich über meinen Handrücken und löste eine Gänsehaut aus, die sich auf meinem ganzen Arm ausbreitete. »Und mich dabei von dir vor all diesen Serienkillern beschützen lassen, die da draußen herumlaufen, und von denen ich keine Ahnung habe.«

»Etwa zweihundert bis fünfhundert sind noch nicht gefasst. Da gehen die Schätzungen auseinander.«

»Siehst du.« Er strahlte mich über das ganze Gesicht an. »Und deswegen brauche ich dich.«

Im nächsten Moment stand er auf und zog mich ebenfalls auf die Füße. Meine Hand ließ er auch dann nicht los, als wir uns einen Weg an unseren Freunden vorbei durch den Garten bahnten und gemeinsam in die Nacht verschwanden.

Hold My Girl

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