Читать книгу Verwobene Ornamente - Natascha Skierka - Страница 11

Grünes Feuer

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Die Wolken verdunkelten schon seit Tagen den Horizont. Und nun brachten sie Wind und Regen, der sich durch die Kleidung auf die Haut stahl. Nola schüttelte sich leicht und spürte die Veränderung, die diese mit sich bringen würden. Eine die ihrer aller Leben auf den Kopf stellen und das Schicksal vieler Generationen in den Händen hielt. Nola runzelte mit der Stirn, die sich ebenso bewölkt anfühlte, wie die nahenden Wolken aus der Ferne, die aus Norden auf sie zusteuerten. Schiffe schienen sich in ihnen zu verbergen, langsam auf den Wellen voran reitend, in ihren steten Bemühungen Eires Ufer zu erreichen. Tief Luft holend schloss sie die Augen. Aber auch die sonst beruhigende Dunkelheit ihrer Augendeckel konnte ihr keine Erleichterung bringen. Seit die Träume sie vor wenigen Monden ereilt hatten, sah sie sie in jedem stillen Augenblick, in jeder ruhigen Minute und jeder Atempause, die sie sich gönnte oder die ihr zuteil wurde. Meere. Rauschende, tosende Meere aus pulsierendem Blut. Dem ihres Stammes und anderen, die diese Insel bewohnten sowie das der Eindringlinge. Die Insel, der man nachsagte, das mindestens vierzig Grüntöne auf ihr zu finden waren. Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen, während die Bedrohung immer näher und näher auf sie zusteuerte.

Beständig hielten sie auf das Festland zu. Schon seit Tagen waren sie unterwegs, um das Land, das die Götter ihnen gezeigt hatten, aufzusuchen, um dort nach dem Regenbogen zu suchen, von dem sie sich alle versprachen, das er sie zu ihren Göttern führte. Sie wollten, sie mussten, sie brauchten einen Weg, um zu ihnen zu gelangen. Es reichte nicht, das sie sich ihnen in ihren Träumen und Visionen zeigten. Nein, dachte Jarl, es reichte schon lange nicht mehr. Langsam atmete er ein und wieder aus, während kleine Atemwölkchen in der Luft Formen annahmen und wie kleine Nachrichten, aus dem eigenen Inneren, wirkten. Ja, dachte er und hob eine Hand, um durch eine der Formen zu streichen. Wie Nachrichten aus dem eigenen Inneren. Der Wind nahm zu im Schutz der Wolken und Regen prasselte kühl und durchdringend auf ihn hinab, während einige Strähnen seiner langen dunklen blonden Haare in sein Gesicht flatterten und ihm die Sicht nahmen. Auf das Land, in dem sie hofften, den Regenbogen zu ihren Göttern zu finden. Das Tor zu denen von denen sie stammten, nachdem dass Feuer Muspelheims auf die eisigen Strömungen Niflheims trafen und so die Welt gebaren, in der die Urkuh Audhumla ihr Heim fand und von deren Milch sich der Urriese Ymir nährte, während sie hingegen nichts anderes als Frost hatte, um sich zu ernähren. So leckte sie auch daraus den Stammvater der Asen den Gott Buri frei, während aus Ymirs Schweiß unter anderen der Großvater der Eisriesen entstand. Götter und Riesen führten Krieg und eine neue Generation von Riesen entstand, nachdem sich einige von ihnen nach Jötunheimen retten konnten. Ymirs Körper wurde ins Ginnungagap geworfen und es wurde beschlossen, aus seinem Leichnam die Welt zu formen. Muspelheims Funken erhellten die neu entstandene Welt als deren Gestirnen und die Weltenesche Yggdrasil verband alle neun Welten, bis Odin eines Tages zwei umgestürzten Bäumen, einer Ulme und eine Esche Leben einhauchte, während Vil sie mit Geist und Wissensdurst erfüllte und Ve ihnen die Gabe der fünf Sinne schenkte. Sie waren Abbilder der Götter, die ersten Menschen namens Ask und Embla, die die ersten aller Vorfahren, aller Ahnen waren. Instinktiv erhob er sein Horn und hielt es an die Lippen. Es wurde Zeit ihre Ankunft anzukündigen, dachte er und der Ruf seines Horns brach sich durch die Lüfte der Welt, von der sie noch nicht einmal ahnten, das sie ihre neue Heimat werden sollte.

Sie erwachte. Langsam kehrte sie aus dem Land der Träume zurück. Träume, in denen der Klang eines Horns ihre Welt erschütterte, kurz bevor Fremde in ihr Land drangen, um es mit dem klirrenden Tanz ihrer Schwerter zu erobern, denen gute Männer und Frauen den Verlust ihres Lebens zu verdanken hatten. Töchter, Schwestern, Mütter, Tanten, Nichten und Großmütter. Söhne, Brüder, Väter, Onkel, Neffen und Großväter. Der Schleier des Traumes lichtete sich und die Kälte des nahenden Winters grub sich in ihr Fleisch, zu der sich die Kälte der Erinnerung gesellte, die aus dem Traum Realität werden ließ und sie zu einer Gefangenen des Feindes. Eines der ihre Sprache beherrschte, als würde er von hier stammen und nun wieder zu ihnen zurückkehren. Unsinn, dachte Nola, und noch während sie sich zur Ordnung rief, öffnete sich die Türe und Jarl betrat den Raum, den sie zu ihrem Gefängnis erkoren hatten. Er setzte sich neben sie und blaue Augen trafen auf grüne Augen, während Nola ihr Herz davor verschloss, das Jarl derjenige war, den die Götter ihr zeigten, als sie von ihm geträumt hatte. In einer weit entfernten Nacht vor vielen vielen Jahren, als sie offiziell in die Welt der Frauen aufgenommen wurde, kurz nach ihrem ersten Mond, in dem das heiligste Blut vergossen wurde, das für den Bestand ihres Stammes und der Macht als Frau an sich stand. Es gab nichts ehrenvolleres und heiligeres, dachte sie, während Jarl ihre Hand ergriff und sie es zuließ. Alles hatte seinen Grund, dachte sie, selbst das. Seufzend hob und senkte sich ihr Brustkorb, während sie gemeinsam schwiegen und die Tatsache zwischen ihnen stand, das sie beide, sowohl sie als auch er voneinander geträumt hatten. Als hätte er ihre Gedanken erraten, räusperte er sich und sie sah ihn an.

„Es liegt an uns“, begann er, diese ganze Geschichte unblutig zu beenden.“

„Weil das Schicksal es so will?“ Sarkastisch musterte sie ihn, während er sie mit stoischer Ruhe anblickte und einfach nur nickte. „Deswegen mussten auch so viele gute Männer und Frauen ihr Leben lassen“, meinte sie und er zuckte zusammen, während sie an ihre Eltern dachte, die in den Wirren der Schlacht ihr Leben verloren und sie als ungekrönte Königin zurückgelassen hatten. „Weder in diesen Leben noch in einen anderen werde ich die Frau eines Nordmannes“, erwiderte sie und er sah sie leicht gekränkt an.Nachdem er wieder aufgestanden war und den Raum verlassen hatte, gab sie sich ihren Tränen hin. Tränen, die sich leer anfühlten und Verzweiflung in ihr säten, weil sie ihr Volk nicht verraten und andererseits ihren Seelengefährten nicht verlieren wollte. Sie saß in der Zwickmühle und fand sich von einem Augenblick zum anderen auf einer wunderschönen Wiese wieder, die wie tausend Smaragde funkelten, in denen das ewige Eis des Winters eingeschlossen war. Sie blickte sich um, und als sie die Göttin erblickte, sank sie auf ihre Knie.

„Mutter“, flüsterte sie und brachte sie damit zum Lachen. Ein Lachen, das sich anhörte wie ein rauschend, plätschernder Wasserfall an einen wunderschönen Frühlingsmorgen, kurz, nachdem die Welt wieder erwacht war, und bereits dem Konzert der Vögel lauschte. Als sie wieder aufblickte, bemerkte sie das nicht nur eine Göttin vor ihr stand, sondern alle vereint in dieser einen Erscheinung.

„Oh“, machte sie nur und die Göttinnen kamen auf sie zu ergriffen ihre Hand und zogen sie wieder hoch.

„Er ist bereits in deinem Herzen,“ meinten sie, „und auch wenn du glaubst, er sei der Feind, so irrst du dich. Der Feind befindet sich in einer fernen Zukunft und kommt unter dem Deckmantel eines Kreuzes, das lange Zeit herrschen wird, bevor es von sich selbst verraten wird und wieder dem Platz macht, was sich in den Herzen und den Erinnerungen der Menschen befindet.“ Nola blickte sie alle an und senkte den Blick. „Aber“, begann sie und verstummte wieder, als sie spürte, als sie sah, was der wahre Feind tun würde, um sie zu unterwerfen. Blanker Horror trat in ihr Gesicht, gefolgt von Wut und dem festen Entschluss, die Entscheidung der Götter nicht infrage zu stellen. Noch bevor sie ihnen antworten konnte, waren sie verschwunden und sie befand wieder allein in ihren Raum.

Als sie zu ihm kam, kam sie nicht als Gefangene, sondern als Königin eines Landes, das ebenso voller Mut und Liebe war, wie sein eigenes. Aber auch als Frau, gekleidet in den heiligen Farben ihrer Vormütter, die sie zu Ehren der Göttinnen trug. Jarl sah sie an, und als Nola vor ihm stehen blieb, wusste er das sie sich entschieden hatte. Freude breitete sich in ihm aus, aber auch die Angst, dass sie einander nicht genügen und sich trotz ihrer Liebe verletzen würden. Seine Besorgnis spiegelte sich in ihrem Gesicht und dennoch blickte sie auf seinen Dolch, den er ihr ohne Weiteres überreichte. Nola schnitt sich in ihre Handfläche, gab ihm das Messer zurück, darauf wartend das er ihr Tun wiederholte, bevor sie sich die Hände reichten und mit heiligen Worten nicht nur ihr Schicksal und das ihres Landes besiegelten, sondern das von jedem Einzelnen, der ihrer Verbindung entsprang. Blaue Augen versanken in grünen und die Welt spann ihre eigenen Balladen, Reime und Geschichten um die Invasion dessen, was Götter schon vor langer Zeit bestimmt hatten, während die Welt sich weiterdrehte.

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