Читать книгу Vielfalt leben - Inklusion von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen - Nicole Schuster - Страница 23
Italien: Musterbeispiel für ein seit Jahrzehnten aufgebautes inklusives Schulsystem Schulsystem in Italien
Оглавление• Schulpflicht für alle Kinder vom 6. bis zum 18. Lebensjahr
• gemeinsame Beschulung aller Kinder und Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr (8. Klasse)
• nach der 8. Klasse können die Jugendlichen zwischen drei Optionen wählen:
− Besuch eines Gymnasiums (liceo) mit dem Abschluss Abitur
− Besuch einer Fachoberschule mit dem Abschluss einer Fachprüfung nach 3 Jahren oder Abitur nach 5 Jahren
− Besuch einer Landesberufsschule mit dem Abschluss »Berufliche Qualifikation«
In Italien ist Inklusion im Schulsystem schon lange gelebte Realität. Dort wurden die Förderschulen und Sonderklassen bereits vor 30 Jahren abgeschafft. Weder an Kindergärten noch an Grund-, Mittel-, Ober- oder Berufsschulen gibt es Sonder- oder Fördereinrichtungen. Das bedeutet: Jedes Kind mit Behinderung muss in die Regelschule gehen – ob das Kind oder die Eltern das wollen oder nicht, ist egal. Und: Kein Kindergarten und keine Schule darf ein Kind mit Behinderung ablehnen. Vielmehr stehen diese Einrichtungen in der Pflicht, geeignete Bedingungen für Menschen mit Behinderungen zu schaffen.
In den Klassen ist es Alltag, dass Schüler mit ganz unterschiedlichem Förderbedarf zusammensitzen. Einerseits gibt es Hochbegabte, die intellektuell herausgefordert werden wollen, andererseits geistesbehinderte Kinder, für die es ein Erfolg sein kann, einen ganzen Satz am Stück zu sprechen. Die Flexibilität des italienischen Schulsystems ermöglicht es, dass dennoch ein gemeinsames Lernen möglich ist.
Die Regelschulen bieten alternative Unterrichtsziele für Kinder mit Behinderungen an. Sie müssen nicht alle Lehrveranstaltungen mitmachen, die der Rest der Klasse besucht. Stattdessen werden für sie geeignete Alternativen angeboten. Ein Kind, das nicht schreiben kann, beschäftigt sich beispielsweise in der Zeit, in der der Rest der Klasse schriftliche Abfassungen zustande bringen soll, mit mehr spielerischen und künstlerischen Ansätzen. Festgesetzt werden diese speziellen Lernziele in sogenannten individuellen Entwicklungsplänen (IEP). Voraussetzung dafür, dass ein Kind das Anrecht auf einen individuellen Entwicklungsplan und damit verbunden auf veränderte Lernziele hat, ist die Feststellung der Behinderung. Laut Gesetz obliegt dies den verantwortlichen Institutionen, also den Fachkräften vom Gesundheitsamt. Anstelle eines Zeugnisses mit Noten kann es am Schuljahresende für ein Kind mit Behinderung eine Bescheinigung darüber geben, was es alles kann und gelernt hat.
Die Schulen betreiben einen großen Aufwand, Inklusion zu leben, und lassen sich das viel Geld kosten. Wenn jede Schule auf alle mögliche Arten von Behinderungen eingestellt sein muss, muss dafür eine entsprechende Infrastruktur vorhanden sein. Bauliche Maßnahmen sind erforderlich, um etwa die Schule barrierefrei für Rollstuhlfahrer zu gestalten. Für Kinder mit Autismus könnten Ruheräume notwendig sein. Therapeutische Hilfsmittel, Integrationshelfer, ein Bring- und Abholdienst für die Kinder und besondere Schulungen und Fortbildungen für die Lehrer sind weiterhin vonnöten und werden in Italien auch an vielen Schulen konsequent zur Verfügung gestellt.
Das gemeinsame Lernen führt oft zwangsläufig dazu, dass die speziell auf die Behinderung abgestimmten Förderungen eines Kindes leiden. Eine sonderpädagogische Rundumbetreuung ist nicht vorgesehen. Die Lehrkräfte an den Regelschulen sind auch keine auf eine Behinderungsform spezialisierten Sonderschullehrer. An den integrativen Schulen in Italien unterrichten vielmehr Fachlehrer, die ein kurzes Aufbaustudium absolviert haben, in dem alle möglichen Behinderungen angesprochen werden. Die Kenntnisse über diese ganzen Behinderungen können dabei nicht sehr tief reichen, was bedeutet, dass sich die Pädagogen auf jedes neue Kind und dessen Behinderung nicht nur neu einstellen, sondern auch fachlich entsprechend fortbilden müssen. Unterstützt werden sie dabei von Beratungsstellen, Therapeuten und Integrationshelfern.
Eine wichtige Voraussetzung für inklusives Lernen ist in Italien die Einstellung der Menschen. Sie wollen Inklusion. Sie setzen andere Maßstäbe als in Deutschland. Nicht das reine Fachwissen und die persönliche Förderung stehen im Vordergrund. Stattdessen zählen Werte wie eine persönliche Reifung und die Erweiterung des Horizonts.