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3. Recherche
ОглавлениеMit gemischten Gefühlen schritt Wulfhelm über den Campus, nickte mal der einen, mal der anderen Gruppe von Studenten wohlwollend zu und betrat das Hauptgebäude der magischen Akademie von Kaisersruh.
Bis zu seinem Unterricht hatte er noch genug Zeit, die er nutzen wollte, um dem Archivar, Herrn Haarklein, einen Besuch abzustatten. Wenn dieser Zwerg einmal hier war, um etwas über die Schatulle zu erfahren, dann wusste der steinalte Archivar bestimmt davon.
Das Archiv befand sich in einem Nebentrakt der Bibliothek und arbeitete eng mit dieser zusammen. Neben der Verwaltung der Bücher wurden die Belange der Universität festgehalten. Stapelweise Schriftrollen mit den Namen von Absolventen, Protokollen zu Untersuchungen und Experimenten, sowie der Schriftverkehr mit diversen Advokaten - meist mit Schadensersatzansprüchen oder Plagiatsvorwürfen gegen einige Magister - stapelten sich in den gut zehn Schritt hohen Regalen.
Herr Haarklein war schon seit Ewigkeiten der oberste Archivar der magischen Akademie und man sah seiner gebeugten Gestalt das hohe Alter deutlich an. Eine schwer wirkende Brille mit daumendicken Gläsern vergrößerte seine stets zusammengekniffenen Augen um ein Vielfaches. Den seltsamen Namen verdankte er seiner peniblen Art, alles ganz detailliert niederzuschreiben. Irgendwann gaben ihm die Studenten diesen Spitznamen, der sich so eingebürgert hatte, dass wohl nur noch ganz wenige Auserwählte seinen wirklichen Namen wussten. Herr Haarklein selbst trug ihn mit einem gewissen Stolz, zeichnete er ihn doch als guten Archivar aus. Unter seiner Federführung geriet nichts in Vergessenheit.
Der Alte hielt sich an einem Schreibpult auf und beobachtete, wie zwei junge Archivare nach einem Dokument suchten. Der eine stand auf einer rollbaren Leiter und blickte konzentriert in das drittoberste Fach der Regale, während ihn der Zweite langsam weiterschob.
»Seht ihr nun, wie wichtig eine sorgfältige Indizierung für das Auffinden selten gebrauchter Texte ist?«, fragte Herr Haarklein und wedelte mit dem erhobenen Zeigefinger. Der Student auf der Leiter hatte das Eintreten des Zauberers bemerkt und errötete nun verlegen, offenbar war es ihm peinlich, vor einem anderen Lehrer zurechtgewiesen zu werden.
»Guten Morgen«, grüßte Wulfhelm und hob die Hand.
Herr Haarklein blinzelte den Zauberer nachdenklich an. Er durchforstete das private Archiv in seinem Kopf nach einem Eintrag, den er seinem Äußerem zuordnen konnte.
»Praktische Feldversuche … Bist Du nicht der Bengel, der beim alten Martor gelernt hat?«
»Wulfhelm«, nickte dieser und reichte Herrn Haarklein die Hand. »Ich habe ein sehr schwieriges Problem und hoffe ein paar Aufzeichnungen im Archiv zu finden.«
»Ein Problem? Das gefällt mir. Ich liebe knifflige Herausforderungen.«
»Sehr gut. Erinnert Ihr Euch an einen Zwerg, der vor einiger Zeit wegen einer ausgegrabenen Schatulle hier war? Sein Name ist Falgrim.«
»Wie könnte ich das vergessen? Einer der wenigen Fälle, in denen wir nur unzureichende Informationen hatten.« Herr Haarklein nahm die Brille von seiner Nase und putzte sie nachdenklich in den Falten seines Talares. Dabei blinzelte er Wulfhelm an wie ein Maulwurf.
»Bevor ich mich mit den Details beschäftige, suche ich diesen Zwerg. Ich hatte gehofft, Ihr könntet mir mit seiner Adresse weiterhelfen.«
»Nun, das sollte kein Problem sein. Er lebt hier in der Stadt und die Protokolle sind alle genau aufgelistet. Habt ihr die Akte endlich gefunden?« Die Frage rief er etwas lauter an seine Gehilfen gewandt, die innegehalten hatten und sich nun unauffällig mit langen Ohren zu ihrem Chef herüberbeugten. Sofort herrschte wieder hektische Betriebsamkeit auf und unter der Leiter.
»Hier entlang«, bat Herr Haarklein und machte eine einladende Geste den Mittelgang entlang der Stirnseiten einer langen Regalreihe. Auf die Wände der Regale waren rote Buchstaben und Zahlen gemalt, darunter hingen Tafeln, auf denen mit Kreide der Inhalt vermerkt war.
Etwas beklommen folgte Wulfhelm dem Archivar in den nur etwa zwei Schritte breiten Gang zwischen den turmhohen Regalen. Herr Haarklein ergriff die Leiter an der linken Seite, die oben und unten in stählernen Schienen geführt wurde, und zog sie hinter sich her. Vom metallisch surrenden Klang fasziniert, sah sich Wulf die Leiter auf der gegenüberliegenden Seite eingehender an und drückte versuchsweise dagegen. Wie von Geisterhand rollte sie einen guten Schritt weiter, dabei schien sie fast keinen Widerstand zu haben.
»Zwergenarbeit«, kommentierte Herr Haarklein. »Auf metallenen Kugeln gelagert, aber frag mich nicht, wie das genau funktioniert. Hier dürfte es sein, doch heraufklettern musst Du schon selber, junger Mann. Meine Knochen fühlen sich in luftigen Höhen nicht mehr so unbeschwert, wie früher.«
Wulfhelm wäre es etwas wohler gewesen, wenn die Leiter leicht geneigt wäre, anstatt im rechten Winkel hinaufzuführen, aber tapfer erklomm er eine Sprosse nach der anderen. Zu seiner Erleichterung musste er nicht besonders weit hinauf, bevor ihn der Ruf des Archivars stoppte: »Wenn ich mich recht erinnere, dann sollte dort eine hölzerne Kiste mit dem Namen ‚Dunkelmoor Ausgrabung - Falgrim, der Schatzjäger‘ stehen. Daran ist ein Gurt befestigt, mit dem Du sie Dir über die Schulter werfen kannst.«
Wulfhelm bewunderte das Erinnerungsvermögen des Alten. Die Kiste stand nur etwa zwei Ellen weiter und Herr Haarklein schob ihn an die richtige Stelle. Sich die Kiste auf den Rücken zu schwingen, war allerdings schwieriger, als gedacht und beinahe hätte Wulf die Balance verloren. Er war heilfroh, als er mit wackeligen Beinen wieder auf festem Boden stand.
An der Stirnseite des Regales angekommen wischte Herr Haarklein mit einem Schwamm den Eintrag auf der Tafel fort. Danach kehrten sie in den geräumigeren Vorraum zurück und Wulf stellte die Kiste auf einen Tisch.
»Dieser Falgrim ist ein ganz findiger Bursche«, erzählte Herr Haarklein, während er die Kiste öffnete und den Inhalt sortierte. »Er hat uns mit Kopien der Skizzen bedacht, die er von den Darstellungen auf dem Gebäude gemacht hat. Sehr kunstfertig.«
Eine größere Anzahl von zusammengerollten, mit roten Schleifen zusammengehaltenen, Pergamenten lag im Inneren der Kiste. Der Archivar nahm eine Rolle heraus, die mit einem schwungvollen »Index«gekennzeichnet war.
»Da haben wir es ja schon: Birkenallee 26. Der Herr scheint gar nicht mal schlecht zu verdienen.« Tatsächlich wohnten in dem Viertel, zu dem die Straße gehörte, die wohlhabenderen Bürger von Kaisersruh.
»Vermutlich werde ich die Aufzeichnungen später noch benötigen. Habt Ihr denn etwas über die Schatulle herausfinden können?«, fragte Wulfhelm neugierig.
»Nicht viel. Ein paar Reiseberichte eines Gelehrten sind hier vermerkt. Soll ich die Pergamente heraussuchen lassen?«
»Ich bitte darum. Doch zunächst sollte ich diesen Falgrim aufsuchen. Vielen Dank, Herr Haarklein. Ihr habt mir sehr geholfen.«
Das Haus in der Birkenallee 26 schmiegte sich eng an seine Nachbarn, hatte einen gepflegten Vorgarten, der beidseitig von einer roten Backsteinmauer begrenzt war und einen schmiedeeisernen Zaun zur Straße hin. Entlang der großzügigen, mit Kopfsteinen gepflasterten, Allee wuchsen große Birken und spendeten Schatten.
Auf einem hölzernen Schild, das neben der Haustür wie eine Fahne im Wind wogte, stand:
Falgrim, Schatzsucher Exkavationen aller Art. Ein gutes Stück darunter: Antiquitäten An- und Verkauf. Termine nach Absprache.
An der Haustür war ein, auf Hochglanz polierter, Türklopfer aus Messing angebracht, einem Streitkolben nachempfunden, mit dem man auf der Glatze einer Orkfratze um Aufmerksamkeit ringen konnte. Wulfhelm probierte es sogleich aus und wartete. Im Innern des Hauses war nach einiger Zeit ein Rumpeln zu vernehmen, dann öffnete sich die Tür.
»Ah, Ihr seid es. Kommt herein, aber achtet auf das Gepäck und stolpert nicht«, wurde Wulf von einem kleinen, stämmigen Mann begrüßt, an dem sofort der, für Zwerge eher untypische, Dreitagebart auffiel. Er war in leichte, hellbraune Lederkleidung gehüllt.
»Seid gegrüßt. Wie es scheint, wollt Ihr verreisen?« Höflich nahm Wulfhelm seinen Spitzhut vom Kopf.
»Was? Nein, keine Sorge. Ich bin gerade zurück. In der Kolumne über meine Arbeit stand, dass ich heute Besuch von einem Zauberer bekäme. Also habe ich es so eingerichtet, dass ich rechtzeitig wieder Daheim bin.«
Wulfhelm dachte kurz nach, dann fragte er: »Habt Ihr Euch je gefragt, ob das Ende eurer Reise so vorausgesehen wurde, oder ob Ihr sie so geplant habt, weil es in der Bald stand?« Wulf hatte sofort gewusst, wovon der Zwerg sprach und sein Nachdenken bezog sich auf diese philosophische Grundsatzdiskussion, die unter Gelehrten immer wieder für eine Menge Gesprächsstoff sorgte. Was war zuerst da, das Ereignis oder die Nachricht darüber? Wenn die Zeitung vom Ableben eines Menschen berichtete, wäre er dann eh gestorben und der Tod exakt vorhergesehen worden, oder fühlte sich der Mensch genötigt abzutreten, weil es doch in der Zeitung stand?
So oder so erfreute sich die Bald größter Beliebtheit bei der Bevölkerung Ardavils.
»Wer kann das schon mit Sicherheit sagen? Ich bin nur der Prophezeiung gefolgt und nun bin ich hier, pünktlich zu Eurer Ankunft.«
»Dann wisst Ihr gewiss auch den Grund für mein Erscheinen.«
»Nur, dass es um die verflixte Schatulle geht. Es war der Abschluss des Artikels, nicht die Einleitung«, gestand der Zwerg.
»Nun, ich muss alles über diesen Kasten in Erfahrung bringen, was Ihr wisst. Ihr habt ihn im Dunkelmoor ausgegraben?«
»Oha, immer langsam. Jahrelang hat sich niemand dafür interessiert und ihr Zauberer konntet mir auch nicht helfen, aber kaum gebe ich das unselige Ding diesem Antiquitätensammler aus Palmenhain, kommt einer von euch angelaufen. Das hätte ich wohl viel früher machen sollen.«
»Versteht mich nicht falsch. Ich befürchte, ich kann Euch weit weniger helfen, als Ihr hoffentlich mir. Für mich ist es aber von enormer Bedeutung, dass ich das Rätsel dieser Schatulle löse.«
»Mehr habe ich doch nie verlangt«, grinste der Zwerg, wurde jedoch sofort wieder Ernst, als er die Verzweiflung im Gesicht des Zauberers wahrnahm und er fragte mit belegter Stimme: »Was ist passiert? Hat jemand das Ding geöffnet?«
»Mein Sohn«, sagte Wulfhelm düster.
»Ui, nicht gut.«
»Ich hatte gehofft, so etwas nicht hören zu müssen.«
»Dann tun wir doch einfach so, als hätte ich es nicht gesagt. Kommt erstmal herein, im Flur lässt sich so ungemütlich reden«, mit diesen Worten führte Falgrim den Zauberer in sein Wohnzimmer. Wulfhelm war erstaunt, so viele Bücher im Besitz eines Zwergen zu sehen. Mehrere Regale mit dicken Folianten säumten die Wände. In der Mitte stand eine Sitzgruppe um einen schweren Tisch, daneben ein ungemein behaglich aussehender Ohrensessel.
»Ihr scheint sehr belesen, Falgrim«, brachte er staunend hervor.
»Nun, ich benötige die meisten Bücher für meine Arbeit.«
»Ihr seid Schatzsucher …«, begann Wulfhelm, doch der Zwerg winkte ab.
»Ja, aber auch Archäologe. Ich beschäftige mich mit der Geschichte der Fundstücke. Wenn es etwas zu verdienen gibt, umso besser.«
»Nicht mein Fachgebiet«, gestand Wulf und fügte hinzu: »Was diesen goldenen Kasten angeht …«
»Ihr wollt sicher meine Aufzeichnungen sehen.«
»Ja, man sagte mir, Ihr hättet Zeichnungen angefertigt.«
»Das ist richtig. Wartet, ich hole mein Notizbuch.« Falgrim öffnete eine verzierte Truhe in der Ecke und holte ein abgegriffenes Buch im Ledereinband hervor.
»Ich habe die Abbildungen von allen Fresken an dem Grabmal oder Schrein kopiert.« Der Zwerg legte das Buch vor Wulfhelm auf den Tisch und strich mit einer Geste über den Buchdeckel, als ob er verhindern wollte, dass dieser aufsprang und etwas in den Raum entließ.
»Wisst Ihr, damals waren Orks aufgetaucht, die in das Gebäude hineingegangen sind. Ich konnte sie von außen belauschen und aus ihrem Gespräch ging hervor, dass sie die Schatulle öffnen wollten. Dann war plötzlich Ruhe, und als ich hineinging, war nicht ein einziger verlauster Ungeheuerpelz zu sehen. Nur die Kiste, die im Boden steckte, als wäre sie überraschend fallen gelassen worden.«
»Als mein Sohn verschwand, war da ein gleißend helles Licht, dann war er ohne Spuren fort.«
»Richtig! Ein helles Licht drang auch aus dem Gebäude und Ihr werdet sehen, auf den Fresken war eine entsprechende Abbildung.« Falgrim schlug das Buch auf und blätterte zu der gemeinten Skizze. Sie zeigte eine Gruppe von Gestalten mit schützend emporgerissenen Armen, die den Deckel des Kästchens angehoben hatten, von dem Sonnenstrahlen ausgingen.
»Ich halte dieses Ding für eine Art von Waffe, seht hier«, der Zwerg blätterte zu einer anderen Skizze, die zwei Armeen im Hintergrund zeigte, die sich gegenüberstanden und einen Herrscher auf einem Thron im Vordergrund, der die Schatulle von einer Frau entgegennahm.
»So wie es aussieht, wurde die Truhe Königen zum Geschenk gemacht. Hier auch.« Falgrim zeigte Wulfhelm eine ähnliche Skizze.
»Die Soldaten, die hinter dieser Frau stehen, halten Krummschwerter in den Händen«, bemerkte Wulf, der sich die Bilder sehr aufmerksam ansah.
»Das war der einzige Hinweis, der mich schließlich zu einem Reisebericht eines Scherbenkundlers in der Bibliothek der Akademie führte. Vermutlich stammt diese Schatulle aus den Südlanden, zumindest hat der Kasten etwas mit deren Geschichte zu tun. Ich bin der Sache aber noch nicht nachgegangen, weil ich die dortige Sprache nicht verstehe und mir die ganzen Zusammenhänge nicht klar sind. Der Bericht spricht von einem Volksfest zu Ehren dieser Frau und dem Kästchen.«
»Wer könnte diese Frau sein? Ich meine, sollte tatsächlich etwas Schlimmes passieren, wenn die Schatulle geöffnet wird, dann wäre sie doch auch in Gefahr, meint Ihr nicht? Sie müsste doch damit rechnen, dass der König hier sie sofort öffnet.«
»Zweifellos. Dieses Frauenzimmer hat mir selbst schon Kopfzerbrechen bereitet, weitergebracht hat es mich leider nicht. Die Chroniken zu den Ereignissen der umgebenden Länder sind überaus dürftig, da ist dieser Bericht einer Scherbenumseglung bereits die große Ausnahme.«
»Ich lasse mir diesen Reisebericht heraussuchen und werde morgen wohl einige Zeit in der Bibliothek verbringen. So wie die Dinge bis jetzt stehen, muss ich wohl in die Südlande reisen, wenn ich der Sache auf den Grund gehen möchte.«
»Sollte dem so sein, dann meldet Euch doch bitte vorher bei mir. Falls es keine Umstände macht, würde ich Euch gerne bei dieser Unternehmung begleiten.«
»Ihr wollt mitkommen?«, fragte Wulfhelm überrascht.
»Ja. Ich bin ein Mann der Tat und diese Geschichte verfolgt mich schon eine ganze Weile. Allein aus beruflicher Neugier heraus möchte ich gern daran beteiligt sein, wenn sich neue Erkenntnisse ergeben.«
»Ich habe nichts dagegen«, lächelte Wulfhelm.
Der besagte Reisebericht war eine herbe Enttäuschung für Wulfhelm, unterstrich jedoch deutlich, warum Falgrim in dieser Sache nicht weitergekommen war. Ein gewisser Olin von Havor hatte in einer mehrere Monate andauernden Reise die Südlande und Harpienfels besucht und dabei die gesamte Scherbe Famirlon mit einem Schiff umrundet. Dabei strich er insbesondere die Eigenheiten der unterschiedlichen Völker heraus, ging am Rande sogar auf einige nichtmenschliche Rassen, wie die Elfen und Zwerge ein. An und für sich ein sehr interessanter und informativer Text, nur absolut nicht das, wonach Wulf suchte. Einzig dieser Abschnitt erregte sein Interesse:
Von Hachnasim aus stechen wir in See, um das Kap der Könige zu umrunden, einer zerklüfteten Steilküste, die fast die gesamte Halbinsel umschließt. Der Landweg durch die Dschinnwüste wäre zwar wesentlich kürzer und ungefährlicher, läuft aber meinem Plan zuwider, ganz Famirlon mit dem Schiff zu umsegeln.
Der Kapitän der »Marti« ist ein erfahrener Seemann, dem dieses Unterfangen schon mehrfach glückte. Er soll einer der trinkfestesten Männer der Südlande sein, die Alkohol ja sonst eher meiden.
Viele Schiffe sind bereits an den Klippen zerschellt und auch mir schwirrt schon bald der Kopf. Es scheint, dass die Steilküste Aufwinde begünstigt, die die Ausdünstungen des Ozeans heftiger emporträgt, als ich es von meinen bisherigen Fahrten gewohnt bin. Die brütende Sonne tut ihr Übriges und aufsteigende Übelkeit treibt mich unter Deck.
Ich leide! Ich sterbe tausend Tode. Mir ist speiübel, ich kann keine Nahrung bei mir behalten und werde immer betrunkener und schwächer. Wir müssen schon Tage unterwegs sein, so genau kann ich es gar nicht sagen, weil ich ständig wieder in seligen Schlaf falle. Ich vermeide es nach oben zu gehen und habe mir einen feuchten Lumpen vors Gesicht gebunden, um den allgegenwärtigen Whiskygeruch loszuwerden. Als ich heute kurz an Deck war, um mein karges Frühstück mit den Fischen zu teilen, sah ich den Kapitän am Ruder stehen. Groß, mit einem Turban und Pluderhosen bekleidet, einen enormen Krummsäbel hinter eine Schärpe gesteckt. Ihm scheint das Meer nichts auszumachen und auch die Mannschaft ist guter Dinge. Wie machen sie das bloß?
Endlich! Wir nähern uns unserem Zielhafen Boncuk. Ich sehe mich gezwungen, dort meine Reise zu unterbrechen und erst einmal wieder zu Kräften zu kommen.
Der Name der Stadt bedeutet »Perle« in ihrer Sprache und genauso erscheint sie mir jetzt im Glanz des Sonnenlichtes - als strahlendes Juwel. Ich werde nun meine Passage bezahlen und bin froh, bald schon festen Boden unter den Füßen zu haben …
Ich ging vom Kai ins Innere der Stadt, wo mir der Kapitän ein gutes Gasthaus empfahl. Ich bahnte mir einen Weg durch das Gewühl in den engen Gassen, wo ein Basar stattfand. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein, und ein Fest zu feiern. Auf einem großen Platz unweit des Gasthauses wurde eine Parade abgehalten, aber mein Sinnen trieb mich an, erst einmal ausgiebig zu speisen und mich zu waschen.
Das Gasthaus liegt auf einem kleinen Hügel und wird von einem breiten Streifen künstlich angelegten Gartens und einer flachen Sandsteinmauer umrahmt. Dies sieht wirklich nach einer standesgemäßen Unterkunft für einen Mann von Adel, wie mich, aus. Im Inneren herrscht angenehme Kühle, die ich mir nicht so recht zu erklären vermag, mir jedoch mehr als willkommen ist. Durch die schmalen Fensterschlitze fällt nur wenig Licht und ich frage mich, wie es den großen Palmen, die in jeder Ecke stehen, zum Gedeihen reichen kann.
Ich bekam ein erfrischendes Mahl aus Feigen, Melonen und Ziegenkäse gereicht und schreibe nun diese Zeilen in mein Reisetagebuch. Ein Diener in einem gelben Kaftan, den alle Angestellten dieses Hauses tragen, brachte mir die Speisen auf mein Zimmer. Er erzählte mir auf meine Anfrage hin vom Fest der Erneuerung, das gerade in der Stadt gefeiert wird. Es soll jedes Jahr um die Mittsommerwende stattfinden und die Festivitäten eine ganze Woche andauern. Vier Tage habe ich schon verpasst, aber ich denke morgen werde ich mir das Spektakel einmal genauer ansehen.
Das war ein seltsamer Festtag in Boncuk. Ich aß allerlei und sah Dinge, die mich in Erstaunen und Befremden versetzten. Ich nahm an, dass es sich bei diesem Fest der Erneuerung um eine Art verspätetes Frühlingsfest handelt, doch mit den Jahreszeiten scheint es rein gar nichts zu tun zu haben. Deutlichstes Anzeichen dafür waren die vielen, militärisch anmutenden, Paraden und Aufführungen von Schlachten.
Meine Kenntnisse im Achlaman, der Zunge der Südlande, stießen schnell an ihre Grenzen. Sei es durch wenig alltagsgebräuchliche Ausdrücke oder durch Namen von Orten und Personen. Die Jungen auf den Straßen boten sich einem Fremden wie mir für ein paar Münzen sehr gerne und redselig als Führer an. Soweit ich ihren Erzählungen entnehmen konnte, gab es früher andere Strukturen oder Herrscher, die über die Südlande regierten. Gar ein anderes Volk, wenn ich es richtig verstanden habe. Ihre Hauptstadt soll sich nahe der Südspitze des Kaps der Könige befunden haben und noch heute enorme Schätze für diejenigen verborgen halten, die es wagten, die Dschinnwüste abseits der gut benutzten Karawanenroute nach Hachnasim zu durchqueren.
Diese Erneuerung war also ein Umsturz der alten Herrscher mit der Einsetzung eines Kalifen, so wie er heute noch über die Südlande herrscht. Schlüsselfigur in diesem Feldzug war eine Frau, die nur als »Gesandte der Einzigen« bezeichnet wird. Nun ist es kein Geheimnis, dass die Südländler unserem Schöpfer Tornak abschworen und stattdessen eine Göttin namens Birtanem verehren, was in ihrer Sprache auch »meine Einzige« bedeutet. Diese Frau spielte in den Schauspielen immer wieder eine Rolle und trat selbstbewusst und kühn vor die Herrscher. Dabei trug sie eine goldene Schatulle mit sich, die von den Einheimischen nur »Kiste der Krise« genannt wird. Dieser Auftritt der Frau endete darin, dass sich die Könige ihr zu Füßen warfen, oder in einer für meinen Geschmack überdramatisierten Sterbeszene zu Boden sanken. Was von alledem der Wahrheit entspricht und was Legende ist, vermag ich nicht zu deuten. Die Südländer feiern diese Ereignisse, die schon Hunderte Jahre zurückliegen sollen, jedoch mit einer Ernsthaftigkeit und Inbrunst, die über bloße Sagenverehrung hinausgeht.
Wulfhelm rollte die Pergamente wieder zusammen und übergab sie Herrn Haarklein. Alles, was er diesem Text entnehmen konnte, wusste er schon. Sei es durch die Skizzen des Zwergs oder die jüngsten Ereignisse. Als Wulf an Avion dachte, stiegen Tränen in ihm auf und er schüttelte zornig die Faust. Hoffentlich ging es ihm gut und es gab eine Möglichkeit ihn zurückzuholen, wo immer er jetzt auch war. Sollte es in den Südlanden ähnlich gewissenhaft geführte Bibliotheken geben, wie hier in Ardavil, dann würde er dort sicher Näheres erfahren.