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„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“

Das erklärt Walter Ulbricht, der Partei- und Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik am 15. Juni 1961 in hohem sächsischem Singsang. 300 Journalisten hören sein Statement während einer internationalen Pressekonferenz im Haus der Ministerien in Berlin. Später, in einer Sondersendung der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens, werden mehr als eine Million Zuschauer darüber informiert. Dieser Aussage kommt schon bald die traurige Berühmtheit zuteil, zur frechsten Lüge der deutschen Nachkriegsgeschichte zu mutieren.

Egon Richter, ein junger Genosse, der seinen Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee im Speckgürtel von Berlin leistet, hört diese Worte im Aufenthaltsraum seiner Kaserne. Später zieht er mit einem Kameraden auf Nachtposten. Alles scheinbar wie immer.

In Ueckermünde sitzt der altgediente Genosse Paul Wagner sein Feierabendbier trinkend und vor sich hindösend im Sessel vor dem Fernseher; der Tag war lang und das Alter fordert schon seinen Tribut. Als er die Worte seines obersten Genossen hört, strafft sich unmerklich sein Körper und stolz hängt er an dessen Lippen.

Für Egon Richter und Paul Wagner würfelt das Schicksal gerade. Doch es dauert noch fast zwei Monate, bis ihre gemeinsame Geschichte beginnt.

Für den jungen Verteidiger des Sozialismus Egon Richter verschwindet der ruhige Etappentrott. Es wird hektischer; Dienstabläufe und Geheimhaltung werden strenger und ungewöhnliche Materialtransporte beginnen.

Und dann einen Wimpernschlag vor dem 13. August rollt die gesamte Mannschaft auf Robur-Lastkraftwagen zügig von Randberlin in die Hauptstadt. „Operation Rose“ nimmt ihren Lauf, akribisch geplant von einem gewissen Erich Honecker, der als Sekretär im ZK der SED auch für Sicherheitsfragen zuständig ist. Ihm obliegt es, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden, denn DDR-Bürger verlassen in Scharen ihre Heimat über die offene Sektorengrenze, 30.000 allein im Juli 1961.

Am frühen Vormittag des 12. August erhält Genosse Paul Wagner seinen Marschbefehl. Der Ahnungslose erfährt, was die Stunde geschlagen hat; ein antifaschistischer Schutzwall wird in Berlin errichtet. Alles lange unter strengster Geheimhaltung geplant und nicht einmal er wusste davon. Wenig später steigt er in den Kastenwagen, sitzt nervös neben seinen Kameraden und wartet auf weitere Befehle. Aus den vier Himmelsrichtungen und allen DDR-Bezirken treffen Reservisten, Kampftruppen und NVA-Einheiten in der Stadt an der Spree ein. Alles scheint nach außen ungeordnet, aber der Plan funktioniert perfekt. Die Befehlskette ist an keiner Stelle unterbrochen. Der Reservist Paul Wagner bekommt die Aufsicht über einen Trupp junger Soldaten, die auf einer Verbindungsstraße in den Westsektor die Pflastersteine herausbrechen, sie faktisch unbrauchbar macht. Die Männer sind nass geschwitzt, trotz der nur 8,6 Grad Celsius, die ein Diensthabender der Wetterstation West-Berlin-Dahlem in dieser Nacht gewissenhaft in seine Kladde notiert. Es ist viel zu kalt für einen Sommer, das ist sein Resümee. Doch es wird noch kälter werden, kälter für die Berliner, durch deren Stadt ab dem 13. August 1961 eine blutende Wunde getrieben wird. Zunächst nur mit einer provisorischen Absperrung wird die Sektorengrenze abgeriegelt. Später viel perfekter mit Beton und Mienen. Ein neuer, gefährlicher Schritt der Eskalation und des kalten Krieges. Die Teilung gelingt und macht die Welt für einen Moment sprachlos.

Paul Wagner hat seinen Trupp gut im Griff, organisieren kann er. Konzentriert und ohne viel Worte arbeiten die Soldaten, die vom Alter her seine Söhne sein könnten. Die Ausfallstraße ist schnell unbrauchbar gemacht. In der Dunkelheit ragen frischgegossene Pfeiler wie Barrikaden aus dem Boden. Stacheldraht wird ausgerollt und befestigt. Die Verbindung zwischen Ost und West ist gekappt. Ab und zu eine Zigarettenpause, ein paar weitere Anweisungen und im Morgengrauen ist dieser erste unheilvolle Spuk vorbei. Alle Akteure erhalten nach getaner Arbeit Verpflegung und eine abschließende agitatorische Berieselung. Genosse Wagner ist in seinem Element, erklärt plausibel, als wäre er selbst bei der Planung dabei gewesen. Ein blonder, schmaler Soldat schaut ihn dabei gebannt an, saugt Pauls Thesen förmlich auf. Das gefällt dem Alten und er sucht das Gespräch des jüngeren Genossen. Er bietet ihm eine Zigarette an. Schnell erfährt er dessen Lebenslauf, denn viel gibt es nicht zu erzählen. Egon Richter wuchs in einem Kinderheim in Mecklenburg auf.

Mit diesem Tag beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Zwei Menschen verbinden damit verschiedene Erwartungen. Der Jüngere sucht eine Vaterfigur, ein Vorbild. Paul Wagner dagegen, will sich einen Schwiegersohn für seine Tochter Helga erschaffen.

Unter der Brücke

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