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Der Wind bauschte Rinkes Mantel. Der Wind kam von Westen, stupste, schob und drückte ihn von hinten, warf sich plötzlich seitlich auf ihn und fauchte unter ihm hindurch wie ein Raubtierkind, das mit seiner Beute spielt, bevor es ihr den Garaus macht. Dazu kam der fiese Sprühregen, der ihm mal von der einen, mal von der anderen Seite ins Gesicht geschleudert wurde.

Die Dämmerung brach herein. Hier und da warfen Funzeln an den Schuppen oder vereinzelte Straßenlaternen, die sich sachte im Wind wiegten, vergilbtes Licht auf Teilbereiche des überschwemmten Fischereihafens. Viele Ecken lagen schon im schwarzen oder dunkelgrauen Schatten. Überall gluckste und platschte es. Holzbohlen und Kisten hatten sich selbstständig gemacht, Plastikfässer waren in eine Ecke zwischen zwei Rampen geschwemmt worden und stießen gegeneinander wie Betrunkene in einer Seitenstraße der Reeperbahn.

War das Wasser gestiegen? Hatte es den Höchststand erreicht? Rinke ließ seinen Blick vom Hafenrand über die Elbe schweifen. Schattenrisse von Frachtschiffen, die sich schwerfällig durch die Wellen schoben oder müde an den Kais lagen. Hier und da kämpfte sich eine Barkasse durch die peitschenden Wellen. Zwei Schlepper arbeiteten sich stoisch elbabwärts. Ein Lotsenschiff huschte vorbei, es sah aus, als würde es auf den Wellen tänzeln. Für kleine Schiffe war die zappelige Dünung auf der Elbe schwere See.

Na ja, dachte Rinke müde, wenn die Flut zurückgeht, wird es ruhiger, und auch dieser beschissene Wind wird nachlassen und der Regen aufhören. Und selbst wenn nicht, die Wetterlage spielt mir in die Hände – schlechte Sichtverhältnisse und eine unangenehme nasse Kälte, die dafür sorgen wird, dass alle Aufpasser, Aufseher und Hüter fremden Eigentums sich lieber in ihre Hütten an den warmen Ofen verziehen, als den Freihafen nach etwaigen Dieben oder Schmugglern abzusuchen.

Wie um seine Gedanken zu torpedieren, kam ein Boot vom Zoll in Sicht. Es lag gefährlich schief. Rinke grinste. Dann schrie er auf und schaute nach unten: Ein Holzbalken war von einer Welle gegen sein Schienbein geschleudert worden. Das Wasser schwappte über den Rand der Gummistiefel. Womit die Frage nach dem Wasserstand beantwortet war.

Er beeilte sich, den Elbhang zu erklimmen. Ein Glas Grog im „Schellfischposten“ wäre schön gewesen, aber trockene Füße waren ihm jetzt wichtiger. Hastig stieg er die Köhlbrandtreppe hinauf. Oben angekommen wechselte er die Schuhe. Die Strümpfe musste er auswringen. Was für ein Glück, dass St. Pauli oben auf dem Berg lag, bis dorthin reichten die kalten Finger des Blanken Hans nicht. Aber was für eine Attraktion wäre es, wenn am Straßenrand nicht diese aufdringlichen Nutten stünden, sondern Meerjungfrauen plätschernd ihre Zuneigung anböten! Rinke schüttelte den Kopf. Diese Fantastereien, die in letzter Zeit durch sein Gehirn gaukelten, bereiteten ihm Sorgen. Er war mal knallharter Realist gewesen. Aber im Knast, in der Zelle mit den vier Wänden, die sich in manchen Momenten ganz eng zusammenschoben, geriet man aus Selbstschutz ins Träumen. Und das Träumen kannst du dir nicht mehr abgewöhnen, das ist wie mit Alkohol oder Zigaretten, nein schlimmer: wie Opium. Träume, die nicht in Erfüllung gehen, zehren dich aus.

Er bemühte sich, das Einzugsgebiet der zudringlichen Damen zu umgehen. Das klappte, weil bei diesem Wetter nur die ganz Hartnäckigen in den Hauseingängen Posten bezogen hatten.

Als er im „Hotel Seepferdchen“ ankam, saß der Junge auf der Biedermeierseite an der Theke, eine Flasche Sinalco vor sich, in der ein Strohhalm steckte. Der ließ es sich ja gutgehen. Las im Sportteil der Hamburger Morgenpost, bewegte die Lippen, formte jeden Buchstaben. Fünfzehn bis zwanzig andere Männer hockten hier und da herum.

„Hast du was gegessen?“, fragte Rinke zur Begrüßung.

„Hab keinen Hunger.“

Rinke ging an ihm vorbei zum Erdnussspender, steckte einen Groschen rein und drehte am Verschluss. Die Handvoll Nüsse kippte er auf den Tresen neben der Sinalco-Flasche. Der Junge zögerte, dann griff er zu. Rinke nickte zufrieden.

„Der Witz ist, dass es keine Nüsse sind. Erdnüsse sind Bohnen.“

„Meinetwegen“, sagte Piet.

„Die wachsen in der Erde.“

„Schon gesalzen?“

Rinke lachte. „Apropos Salz. Ich spendiere dir was zu essen.“ Er winkte dem Kellner in der gestreiften Weste und bestellte Soleier für zwei und ein Bier für sich. Die Eier kamen mit Brot und Butter. Das musste reichen für diesen Abend.

Der Junge ließ sich nicht lange bitten und griff zu, ohne Messer und Gabel zu beachten.

Rinke fand die Eier sehr salzig. Er bekam einen höllischen Durst und bestellte kurz darauf noch ein Bier. Und einen Würfelbecher.

„Da, wo ich war, war das abends die einzige Abwechslung.“

„Da, wo ich war, auch.“

Sie spielten erst „Filzlaus“ und dann, als Piet einen gewissen Ehrgeiz entwickelte, „Meiern“. Der Junge taute auf und gewann meistens. Aber mehr als eine Sinalco wollte er sich nicht spendieren lassen. Rinke war das nur recht.

„Wenn wir die Sache morgen erledigt haben …“, sagte Rinke.

„Hm-hm?“

„… liefern wir das Zeug ab und werden eine Woche später ausgezahlt.“

„Hm-hm.“

„In der Zeit sehen wir uns nicht.“

„Wo bleib ich dann?“

„Muss ich nicht wissen.“

„Na schön. Aber ich brauch Kohle für ‘ne Unterkunft.“

Für eine Woche? Rinke rechnete nach.

„Wie kommst du eigentlich sonst so an dein Geld?“, fragte er.

„Es ist doch Winter.“ Piet schaute zur Garderobe.

Rinke nickte. Den Trick kannte er. Man ging ohne Mantel in ein Lokal und mit wieder raus. Vielleicht kamen sogar noch Hut, Schirm, Schal und Handschuhe dazu – und eine vergessene Geldbörse. Die Klamotten konnte man verkaufen. So hangelte man sich von einem Tag zum anderen.

Auf beiden Seiten der Theke füllte sich der Gastraum. Es wurde laut und dunstig. Die Musikbox wurde angeworfen.

Die Soleier lagen schwer im Magen. Rinke bestellte einen Schnaps, und dann noch einen. Anschließend ein Bier zum Durstlöschen. Schließlich wurde er ein bisschen sentimental und bahnte sich mit versteinerter Miene seinen Weg durch die Gäste zur Musikbox und wählte ein Lied.

Als er zum Tresen zurückkam, stand Piet mit erhobenen Fäusten vor einem dicklichen Mann mit Hut und Mantel.

„Was ist denn los?“, fragte Rinke.

Der Mann drehte sich überrascht um. Er war pausbäckig, hatte gerötete Wangen und lächelte entschuldigend. „Oh, schon besetzt?“

„Zieh Leine“, sagte Rinke.

Der Mann lüpfte seinen Hut zum Abschied und ging.

Die Stimme der Valente schallte über das Gemurmel und durchschnitt den dichten Rauch: „Spiel noch einmal für mich, Habanero.“

Rinke starrte dumpf vor sich hin. Er war mit einem Schlag sturzbetrunken. Und das am Abend vor dem Coup! Irgendwas stimmt nicht mit mir, dachte er, irgendwas hat sich verändert. Haben die paar Monate mir den Rest gegeben? Haben sie es geschafft? Haben sie mich gebrochen?

Der Junge las wieder in der Zeitung. Rinke versetzte ihm versehentlich einen zu harten Schlag gegen die Schulter. „Wir gehen hoch.“

Das süffisante Lächeln des Dicken mit dem Hut folgte ihnen, als sie das Treppenhaus ansteuerten.

Mitten in der Nacht schreckte Rinke aus dem Schlaf, glaubte wieder, in der Zelle zu sein. Erschrocken riss er die Augen auf, richtete sich auf und starrte zum Fenster. Es hatte keine Gitter.

„Was ist denn los?“, fragte Piet verschlafen.

„Nichts. Schon gut.“ Rinke ließ seinen Kopf wieder aufs Kissen fallen.

Später wusste er nicht mehr, ob der nachfolgende Dialog wirklich stattgefunden hatte:

„Träumst du manchmal?“

„Macht doch jeder.“

„Ich meine tagsüber.“

„Nee, wieso denn? Das bringt doch nichts.“

„Aber ohne Träume …“

„Das bringt doch nichts!“

Am nächsten Morgen wachte er erst um Viertel nach elf auf und horchte auf das gleichmäßige leise Schnarchen des Jungen.

Er zog sich an und ging nach unten. Der Portier gab ihm einen Briefumschlag, der für ihn abgegeben worden war. Darauf stand: „Böhmkenstraße 25“.

Rinke trat aus dem Hotel. Noch immer tobte der Sturm. Man konnte meinen, der Wind wäre noch stärker geworden. Er zog sich die Mütze in die Stirn und stapfte los. Die Böhmkenstraße lag ein Stück entfernt in der Neustadt. Dort angekommen, fand er keine Hausnummer fünfundzwanzig, sondern vor allem Baulücken. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ihm klar wurde, dass es sich um die Nummer einer Hinterhofgarage handelte. Hölzerne Bruchbuden, von denen manche als Werkstätten, Lager oder sogar Wohnräume dienten. Im Briefumschlag befanden sich zwei Schlüssel. Der eine passte zum Vorhängeschloss.

In der Garage stand ein „Hanomag Kurier“ in Dunkelblau mit frisch aufgeklebter weißer Aufschrift „Friedr. Tügel – Transporte aller Art“. Das Nummernschild stammte aus Hannover. Rinke stieg ein, startete den Motor, testete die Scheinwerfer, stellte zufrieden fest, dass der Dieseltank voll war und der Schlüssel auch für die Hecktür zum Laderaum passte. Ein paar Decken und Seile lagen dort herum, außerdem breite Textiltragebänder mit Karabinerhaken.

Rinke schloss Wagen und Garage sorgfältig ab und ging zurück zum Hotel. Dort weckte er den Jungen, gab ihm ein wenig Essensgeld und scheuchte ihn weg. Treffpunkt am Abend war eine Kneipe namens „Deichhütte“ in Wilhelmsburg. Den Weg dorthin beschrieb er ihm mehrmals sehr genau, bis Piet ihn ungeduldig unterbrach: „Ich hab’s ja kapiert, Mensch!“

Sie trennten sich. Es war kurz nach zwei Uhr mittags. Jeder ging seiner Wege, um die nächsten Stunden zu verbummeln.

Wie zufällig wehte der Wind Rinke in die Talstraße, in der die Tür der „Roten Katze“ offen stand und sich der Filzvorhang bauschte. Er trat ein. Am Tresen standen noch einige Gäste, die nach Handelsvertretern aussahen. Rinke nickte dem Saloon-Girl zu, sein Mantel streifte die Netzstrümpfe der Schwarzhaarigen im grünen Kleid. Er trat an die Musikbox und wählte „Fiesta Cubana“. Der Samba-Rhythmus erklang und die Valente trällerte wie ein Engel, der aus dem siebten Himmel herabgestiegen war – seltsamerweise auf Schwedisch. Aber was machte das schon für einen Unterschied?

Rinke versuchte ein paar Tanzschritte, bewegte die Hüften, hatte das Gefühl, der Rost würde aus den Gelenken rieseln. Er schloss die Augen, hob die Arme an, ließ die Fäuste im Takt kreisen. Zuerst kam er sich noch vor wie eine Marionette, dann wurden seine Bewegungen geschmeidiger. Als er die Augen öffnete, tanzte die Schwarzhaarige vor ihm, bewegte sich verführerisch wie Evas Schlange im Paradies. Sie war so stark geschminkt, dass ihr Gesicht wie eine Maske wirkte, aber sie wusste, wie man einen Samba tanzt. Als das Stück zu Ende war, setzten sie sich in eine Nische.

„Sekt für dich, aber ich trinke nur eine Cola“, sagte Rinke.

„Und dann?“ Sie klimperte mit den Mascara-Wimpern.

„Dann zeigst du mir deine Briefmarkensammlung.“

„Gern, mein Schatz. Da ist sogar eine dabei, die ist rostbraun, gezähnt.“

„Gestempelt?“

„Natürlich, sonst wäre sie doch nichts wert.“ Sie winkte der Bardame.

Dammbruch

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