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Betty schob die Tür der Wilhelmsburger Postfiliale in der Veringstraße auf und stellte sich in die kurze Schlange vor dem Schalter. Während sie wartete, nahm sie das Kopftuch ab und knöpfte sich den obersten Knopf ihres Regenmantels auf. Es spannte um den Hals, weil sie sich vorsichtshalber den dicken Schal umgelegt hatte. Ein schickes Halstuch wäre ja auch mal schön gewesen. Das stand auf ihrer endlos langen Wunschliste. Den Schal stopfte sie nun in ihre große Einkaufstasche.

Vor ihr unterhielten sich zwei ältere Frauen in selbstgeschneiderten Wollmänteln über den Sturm, der nun schon seit Tagen anhielt, und das Wasser, das bis zur Oberkante der Deiche schwappte. „Wenn die man halten“, sagte die eine. „Nasse Füße hab ich auch so schon“, kommentierte die andere. Der Mann zwischen ihnen, ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein, meinte: „Die halten schon, haben sie bisher immer.“

Sie traten weiter vor, als der junge Mann am Schalter sein Einschreiben entgegengenommen hatte. „Scheiß Bundeswehr“, sagte er beim Weggehen.

„Na, was denn?“, kommentierte der Einbeinige. „Dienst am Vaterland darf man ja wohl noch verlangen. Hab ich auch geleistet.“ Die Frauen schwiegen dazu.

Als Betty an die Reihe kam, erklärte sie dem Beamten umständlich, dass sie zum einen eine Geldüberweisung tätigen wollte, zum anderen eine Marke brauchte für einen Brief im DIN A5-Format. Die Überweisung ging an die „Deutsche Soldaten-Zeitung“ für eine Anzeige mit folgendem Text: „Fürsorgliche Schlesierin pflegt gerne deutsche Kriegsversehrte gegen einen angemessenen Unkostenbeitrag. Angebote bitte unter Chiffre.“

Als Absender gab sie an: „Postlagernd Hamburg, Postamt 36“. Sie freute sich schon auf ihren Ausflug ins geschäftige Zentrum der Großstadt, um ihre Briefe abzuholen.

Der Postbeamte stempelte den graublauen Einzahlungsbeleg, schnitt ihn ab und gab ihn zurück. Betty trat an den Tisch vor dem Fenster und schob Anzeigentext und Beleg in den Umschlag. Den Beleg hätte sie eigentlich behalten sollen, aber so, fand sie, ging sie auf Nummer sicher. Der Brief kam in den Briefkasten neben der Tür. Sie wischte sich die Hände am Mantel ab, als hätte sie eine wichtige Arbeit erfolgreich erledigt, und trat nach draußen.

Schon fuhr ihr der Wind durch die Haare, peitschte sie ihr ins Gesicht, warf noch einen Schwall Sprühregen hinterher, und so rannte sie los, um im Lebensmittelladen Schutz zu suchen. Das kleine „Spar“-Geschäft lag an der nächsten Straßenecke. Betty huschte hinein, blieb stehen, um zu verschnaufen, und grüßte höflich die Kassiererin. Dann zog sie das Einkaufsnetz aus der Tasche und daraus wiederum die Milchkanne, mit der sie an die Molkereitheke trat.

„Einen Liter Vollmilch, bitte.“ Das pummelige Mädchen hinter der Theke, die Tochter des Inhabers, betätigte den Hebel der Milchpumpe mit einem Gesichtsausdruck wie drei Tage Regenwetter. Was ja ausnahmsweise einmal angemessen war, wie Betty fand. Als sie zum ersten Mal hierhergekommen war, hatte sie noch gedacht, das Mädchen würde das Gesicht so verziehen, weil sie ihren Akzent ablehnte. Meine Güte, sie kam halt aus dem Osten, da rollten viele das R. Und was die deutsche Grammatik betraf, machte ihr so schnell keiner etwas vor. Sie war ja praktisch zweisprachig aufgewachsen da drüben im Osten, in Namysłów, das damals noch Namslau hieß.

Sie bat das missgelaunte Mädchen hinter die Frischetheke und kaufte ein paar Scheiben Käse und Wurst und etwas Butter. Dann noch eine Karbonade, die mochte er ja gern. Dazu dann, zum Glück mit Selbstbedienung, ein paar Kartoffeln und Karotten.

An der Kasse stand die Kassiererin auf und wog das Gemüse auf einer Waage mit Gewichten ab. Immer falsch, immer zu Ungunsten der Kundschaft, wie Betty meinte, aber sie sagte nichts. Es war ja nicht ihr Geld.

Sie zahlte und legte das Rabattheftchen hin. Die Kassiererin klebte ihr die Marken ein. Diesen Service leistete sie, ohne zu murren, denn „Herr Heinrich möchte bitte, dass gleich geklebt wird, keine Marke darf verlorengehen!“. Das hatte Betty bei ihrem ersten Einkauf deutlich erklärt. Er hatte es ihr so aufgetragen. Also musste die Frau an der Kasse mithilfe ihrer Zunge die Marken anfeuchten. Das hatte sie übrigens früher auch gemacht, als Herr Heinrich noch gehen konnte und selbst seine Einkäufe erledigte. Damals, das hatte er Betty mit boshaftem Grinsen erklärt, hatte er darauf bestanden, weil er angeblich die Gicht hätte. In Wahrheit schaute er ihr gerne dabei zu. Er war ein Schuft, ein ziemlich mieser Kerl, um es mal zurückhaltend auszudrücken.

Betty lächelte zurückhaltend. Die Kassiererin fasste ihren Gesichtsausdruck als Kritik auf und verabschiedete sie patzig. Betty war das egal, sie wollte keine Stammkundin werden. Sie wollte auch nicht in diesem tristen Stadtteil hängenbleiben. Sie liebte die Großstadt, die echte Großstadt, den Trubel, die Unübersichtlichkeit, den Lärm, das Leben. Eines Tages würde sie das alles genießen. Jede Frau hat einen Traum, oder? Und eins ist klar: Verwirklichen musst du ihn selbst. Es kommt kein Märchenprinz auf einem Schimmel daher, hebt dich in den Sattel und galoppiert davon. Nein, das Pferd bin ich, und ich brauche keinen Reiter!

Der Wind grabschte nach ihrer Einkaufstasche. Sogar die Milchkanne geriet ins Pendeln. Wenn das so weitergeht, hab ich Butter oben drauf, wenn ich zu Hause ankomme.

Stopp! Schau mal. Nein, jetzt nicht anhalten. Du musst noch Kaffee kaufen in der Fährstraße. Lass dich nicht beirren. Was wissen denn diese beiden Polizisten schon von dir? Die stehen bloß zufällig da drüben und schauen herüber. Die starren doch ins Leere, die reden mit der alten Tante aus der Wäscherei, die sich ständig über alles beschweren muss. Die wollen nichts von dir.

Der eine schaute jetzt über die Straße zu ihr hinüber.

Lächelt der, weil ich hübsch bin, oder verzieht er das Gesicht, weil ihm eben was eingefallen ist, weil er eine Ähnlichkeit feststellt? Und steht da nicht ein VW Käfer vor ihm, in dem einer in Zivil sitzt? Polente oder nicht Polente? Schwer zu sagen, aber der hat das Fenster heruntergekurbelt. Brauchen wir überhaupt schon wieder Kaffee oder gehe ich jetzt einfach mal in die andere Richtung, mache einen kleinen Bogen? Was ist schon gegen einen Spaziergang einzuwenden? Soll doch gesund sein. Tausend Schritte, zweitausend Schritte, dreitausend Schritte …

Als Kind hatte sie mal bis vier Billionen gezählt, aber da war sie natürlich durcheinandergekommen und hatte einige Zahlen übersprungen. Sie waren tagelang zu Fuß unterwegs gewesen damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Und ihre Mutter hatte sie unbarmherzig angetrieben. Wovor sie weggelaufen waren, hatte sie zuerst nicht verstanden. Später dann leider schon. Wäre doch nur der Vater mitgekommen, der hätte sie beschützt und getragen, jedenfalls in der Nacht, da hätte sie auf seinen Schultern schlafen können …

Sie bog in die Industriestraße ein. Gott ja, mach einen Schlenker, mach einen Bogen. Verdammter Wind! Blöder Regen! Die dämlichen Udels, wie man sie hier nannte, konnten einem das Leben schon schwer machen. Aber mal im Ernst: Du bist doch selbst schuld! Wieso lässt du dich ins Bockshorn jagen? Wirklich, du bist zu dumm manchmal.

Sie erreichte den Kanal. Den geh ich jetzt einfach mal ein Stückchen entlang, bis mein Herz nicht mehr so heftig schlägt. „Heute wollen wir marschieren!“ Mist, warum kommt mir denn ausgerechnet dieses Lied in den Sinn? Nimm lieber ein anderes. „Aus grauer Städte Mauern …“ Aber das passt nicht zu dir. Dann schon eher dieses: „Dreh dich nicht um, nach fremden Schatten …“

Jetzt musste sie doch über sich lachen. Sie blieb stehen und schaute auf den Veringkanal. Das Wasser stand bis zur Oberkante. Aber Wasser gehört nun mal zum Hafen, nicht? Sie ging weiter. An einer Stelle gurgelte ein Rinnsal über den Weg. Mit großen Schritten setzte sie darüber hinweg. Der Wind blies sein Konzert, die kahlen Äste dirigierten.

Sie bog ab, ging einen Umweg, erreichte doch noch die Fährstraße und kaufte den Kaffee. „Bitte gemahlen für den Melitta-Filter.“ Im Laden redeten sie auch über den Sturm, und ob die Deiche wohl halten würden. Ein Mann erging sich in Berechnungen bezüglich der Tide und behauptete, das Wasser würde jetzt erst mal ganz ordentlich zurückgehen, wie es sich gehörte, denn das sei ein Naturgesetz.

Betty ging über den Vogelhüttendeich zurück, eigentlich der direkte Weg, aber dann wurde sie doch neugierig und lief bis zum Ernst-August-Kanal. Auch hier stand das Wasser bis zur Oberkante. Ihr Mantel flatterte, das Kopftuch wurde beinahe fortgeweht, ihre Gedanken flogen davon. Und da wurde ihr klar, warum sie die ganze Zeit ohne Sinn und Verstand in der Gegend herumlief: Sie war nervös. Sie hatte Lampenfieber. Mensch, das ist doch klar! Heute gilt’s! Du hast lange genug gewartet! Willst du etwa in dieser tristen Gegend versauern? Die Gelegenheit ist günstig. Heut vollende ich’s. Auf jeden Fall. Es gibt kein Zurück mehr! Es muss etwas geschehen.

Ein Gefühl der Vorfreude durchzuckte sie. Ein leichter Stromschlag, ein anhaltendes Kribbeln. Eine Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, im Bauch, strömte in Arme und Beine, in den Kopf. Und sagen wir es ehrlich: Wenn es keinen Spaß machte, würdest du es doch nicht tun, oder?

Sie ging weiter und achtete peinlich genau darauf, dass der Wind ihre Milchkanne nicht in eine ungünstige Schieflage brachte. Das fehlt noch, dass der Alte sich aufregt, weil ich ein paar Tropfen vergossen habe!

Dammbruch

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