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ОглавлениеDas „Hotel Seepferdchen“ in der Seilerstraße auf St. Pauli war eine Absteige für alle, die nicht gesehen werden wollten, jedenfalls nicht tagsüber. Es befand sich in den drei Etagen eines schmalen Backsteinhauses, das den Feuersturm 1943 nur knapp überlebt hatte, im Gegensatz zu den Gebäuden rechts und links neben ihm. Die drei Etagen lagen über einer Bar im Souterrain, die auch als „Hotellobby“ diente. 1941 war hier ein inoffizieller Klub der Swing-Jugend ausgehoben worden. 1942 hatten Nazi-Bonzen den Besitzer gezwungen, in den Stockwerken eins bis drei ein Spezial-Bordell für „besonders verdienstvolle Offiziere der Schutzstaffel“ einzurichten. Das hatte den Vorteil gehabt, dass das Haus nicht mehr von Razzien heimgesucht wurde. Da die verklemmten SS-Offiziere nie gewagt hatten zu fragen, was denn im vierten Stockwerk und im Dachgeschoss vor sich ging, blieben die dorthin geflüchteten knapp vierzig Juden unbehelligt. Ihre Verpflegung war bis zum August 1943 problemlos über die beiden Nachbarhäuser erfolgt. Danach waren waghalsige Kletteraktionen durch die ausgebrannten Ruinen nötig gewesen, um die Untergetauchten zu versorgen. Ab Oktober 1944 war dann eine Beherbergung der SS-Männer nicht mehr möglich gewesen, weil die jungen Männer, die zu ihrer Betreuung bereitgestanden hatten, zum Volkssturm abkommandiert worden waren. Und die Juden hatten nun mehr Platz zum Überleben gehabt.
Lucius Rinke wusste von der Vergangenheit dieses Hauses. Er fand, dieses Haus passte zu ihm. Schließlich waren seine Eltern auch von den Nazis verfolgt worden, wenn auch aus politischen Gründen.
Er schob die klapprige Souterrain-Tür auf und eine Glocke ertönte wie bei einem Laden. Nach dem Eintreten gelangte man zunächst in einen Vorraum mit einer Garderobe auf der linken und einer Rezeption auf der rechten Seite. Die Garderobe war leer, hinter dem Pult saß ein kleiner knorriger Mann mit Ärmelschonern und großer Hornbrille. Er rauchte einen Zigarillo und nickte Rinke zu wie einem Stammgast. Mit der linken Hand schob er ihm einen Schlüssel zu, mit der rechten drückte er unter dem Pult auf einen Knopf. Ein Summer ertönte, das Türschloss klickte. Rinke musste einige Kraft aufwenden, um die Tür aufzuschieben.
Der Gastraum nahm das gesamte Souterrain ein und war auf der einen Seite eine Biedermeier-Kneipe, auf der anderen eine Cocktailbar. Schummrige Beleuchtung. In der Mitte befand sich die halbrunde Theke. Rechts wurden die Getränke auf Bierdeckeln serviert, links auf Spitzendeckchen.
Piet folgte Rinke ins Treppenhaus, das hinter der Theke nach oben führte. Zimmer 31 im dritten Stock. Zwei einzelne Betten. Sie stellten ihre Rucksäcke ab.
„Hast du ‘ne Bleibe in der Nähe?“, fragte Rinke.
„Gar keine.“
„Dann pennst du halt auch hier.“
Piet ließ sich rückwärts auf das Bett fallen, auf das Rinke deutete. Er seufzte und breitete die Arme aus, ein Lächeln umspielte seine Lippen.
„Bequem?“, fragte Rinke.
Piet rollte auf die rechte Seite, dann auf die linke, als wüsste er gar nicht, wie man es sich bequem macht.
„Scheint so“, meinte Rinke trocken. Er warf seinen Mantel auf den einen Stuhl, setzte sich auf den anderen und zündete sich eine „Juno“ an. Dann dachte er nach. Der Junge starrte zur Decke. Draußen heulte der Wind, der Fensterkasten klapperte leise.
„Na schön.“ Rinke drückte die Kippe in den Aschenbecher mit der „Bill-Bräu“-Reklame und stand auf. „Du gehst besser nicht mehr weg. Unten in der Kneipe kriegst du ‘ne Wiener oder so was. Ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Wir trinken dann später ein Bier zusammen.“
Dem Jungen fielen sowieso schon die Augen zu.
Rinke schloss leise die Tür hinter sich und stieg die knarzenden Treppen hinunter. Er dachte an seine Eltern, die 1934 nach einer waghalsigen Befreiungsaktion mit knapper Not aus St. Pauli flüchten konnten. Die waren total verrückt, dachte Rinke, wenn man mal ernsthaft drüber nachdenkt … meine Güte. Er kam an einem halbblinden ovalen Spiegel vorbei und betrachtete sein kantiges Gesicht. „Und da siehst du, was dabei herauskommt.“ Er zog sich die Schirmmütze leicht schräg in die Stirn und grinste: „Verbrechervisage.“
An der Rezeption sagte er zu dem alten Mann: „Der Junge soll nicht mehr raus. Wenn er doch geht, lass ihn nicht mehr rein.“
„Ist recht.“ Der erloschene Zigarillo wanderte in seinem Gesicht von links nach rechts. „Gehst du zu Dimitrios?“
„Wieso?“
Der Alte beugte sich nach unten und brachte ein paar Gummistiefel zum Vorschein: „Hier.“
„Was soll ich denn damit?“
„Wirst schon sehen. Kannst sie hier reintun.“ Er hielt ihm eine Sporttasche mit Reißverschluss hin.
„Scheiß Fürsorge“, sagte Rinke.
Der Alte grinste schief. „Bedanken kannst du dich an Weihnachten.“
Mit hochgestelltem Mantelkragen, die Mütze noch tiefer ins Gesicht gezogen und gegen den Sturm gestemmt, machte Rinke sich auf den Weg runter zur Großen Elbstraße.
Dort angekommen, stellte er fest, dass der Alte, wie immer, recht gehabt hatte. Das Wasser stand hier zwanzig Zentimeter hoch und schwappte gegen die Hauswände der diversen Frischfisch-, Räucherfisch- und Konservenhandlungen. Zwar gab es viele Gebäude mit Laderampen über die man steigen konnte, aber dazwischen lagen breite Überschwemmungszonen. Hier und da hatte jemand versucht, mit Kisten und Brettern Wege zu bauen, aber die waren zum Teil schon wieder weggeschwemmt worden.
Also tauschte Rinke seine Halbschuhe gegen die Gummistiefel und nahm sich vor, dem Alten an Weihnachten eine Kiste Zigarillos zu schicken.
Die Wellen schlugen manchmal so hoch, dass Rinke Angst hatte, das Wasser könnte über den Rand der Gummistiefel schwappen.
Am Fischereihafen lag ein Hochseefangschiff, drei Kutter waren zu sehen. Jedes Mal, wenn er hierher kam, waren es weniger Schiffe. Angeblich sollte es darauf hinauslaufen, dass die Fische in Zukunft nur noch mit Lastwagen angeliefert wurden. Rinke fand das verrückt. Wo sie doch vor ein paar Jahren erst die Gebäudereihe mit den hübschen zweistöckigen Buden für die Großhändler fertiggestellt hatten.
Er ging die Rampe entlang. Laster waren keine zu sehen, die hatte man wohl vorsorglich vor dem Hochwasser in Sicherheit gebracht. Die Geschäfte waren jetzt am Nachmittag schon lange geschlossen.
Zu seinem Leidwesen musste Rinke wieder von der Rampe runter ins Wasser. Vorbei an der Köhlbrandtreppe, die den Hang hinaufführte. Die hätte er mal nehmen sollen, wäre weniger mühsam gewesen. Über dem windschiefen Fachwerkgebäude, das er ansteuerte, stand in verblichenen Buchstaben auf einem Blechschild: „Theodor Hammer – Technische Ausstattungen“. Die Firma hatte es nie gegeben. Das Gebäude diente schon seit Jahrzehnten einem findigen Geschäftsmann als Stützpunkt. Es war so dicht an den Elbhang gebaut worden, dass man vor langer Zeit einmal einen Tunnel gegraben hatte, der durch den Berg hinauf nach Altona in die Kanalisation führte. Kein Schellfischtunnel, der befand sich weiter westlich, nein, ein Schmugglertunnel. Von dessen Existenz wussten nur wenige, aber auf ihm basierte seit knapp drei Jahrzehnten das Geschäftsmodell von Dimitrios Felten. Nicht dass er schmuggelte, nein, er lagerte. Zollfrei, steuerfrei und frei vom Zugriff der Polizei, die nichts von dem Tunnel wusste, der Felten als Lagerraum und Umschlagplatz für kleine und große Kostbarkeiten diente, die überraschend ihren Besitzer gewechselt hatten.
Felten war hoch angesehen bei allen Individuen, denen der Slogan „Eigentum ist Diebstahl“ ein Ansporn war. Also auch bei Lucius Rinke, dessen Vater schon mit Felten kooperiert hatte.
Das Haus lag leicht erhöht am Hang und hatte ein Hochparterre. Auf diese Weise war es meist vor dem Hochwasser geschützt. Diesmal aber leckten die Fluten schon an der fünfstufigen Treppe, die zur Eingangstür führte. Darüber ein Balkon. Von einem Balken hing eine Glocke. Rinke machte sich den Spaß, damit zu läuten, anstatt die elektrische Klingel zu benutzen.
Die Tür ging auf und ein rundlicher kleiner Mann in einem weiten schwarzen Anzug, weißem Hemd, Hosenträgern mit Ankermuster und fliederfarbener Krawatte, breitem Mund und platter Nase schaute ihn grimmig an. Er musste ungefähr siebzig Jahre alt sein.
„Das hat dein Vater, der Spaßvogel, auch immer so gemacht“, sagte er zur Begrüßung.
„Ich weiß.“
„Beim ersten Mal ist es noch witzig, beim zweiten Mal eine Reminiszenz, aber ab dem dritten Mal …“
„… wird es Tradition“, fiel Rinke ihm ins Wort.
„Na, komm rein, meine Junge.“
Der kleine, dicke Mann umarmte seinen Besucher linkisch und führte ihn in den „Salon“, der aussah, als wäre er aus einem Ozeandampfer der Jahrhundertwende hierher versetzt worden. Dimitrios Felten hatte die Einrichtung über die Jahre hinweg vervollkommnet. Es war alles da, was man sich auf hoher See an Luxus vorstellen konnte. Tropenholz, wohin man schaute. Zur Ausstattung gehörten unter anderem ein Esstisch, ein Spieltisch, eine Sesselgarnitur, Bücherschränke, ein Billardtisch, eine kleine Bar, Lampen und Lüster, alle mit grünen Schirmen versehen, diverse maritime Geräte, angefangen beim Barometer bis hin zum Stehkompass, eine Garderobe und ein Sofa, auf dem eine schläfrige Siamkatze lag und den Eintretenden misstrauisch anblickte.
Felten bot seinem Besucher einen Whisky von der Insel Islay an, den Rinke gern annahm.
Während sein Gastgeber die Gläser füllte, wechselte Rinke das Schuhwerk und packte die Gummistiefel wieder in die Sporttasche. Die Siamkatze verfolgte jede seiner Bewegungen.