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ОглавлениеDas Gottesgeschenk wilden Oreganos, prachtvoll lebendig am Hang sprießend, anerkennt Anton und erwählt es als weitere Zutat für seine Kräutermischung. Er schneidet mit der Schere hinein, und atmet den würzigen Duft ein. Hinter ihm, durch das geschlossene Hoffenster und über die verlassenen Liegen hinweg, wehen leise und zart mehrmalige Zimbelklänge, denen er zuhört, unterdessen einen Korb füllt und ihm geradewegs seltsam wird. Er reckt sich vom Bücken auf. Fürwahr wie in echt riecht er den Leichendunst in Nase und Sinnen. Reflexartig hechelnd, verfliegt nichts des Geruchs, die Schnaufer holen mehr Übles hervor, ganz anderes.
Ein grauer Film flutet, überlagert den Zimbelklang in den Ohren und beengt den Magen, der riechen kann wie die Fliegen in der Berghöhle. Die Schere entfällt Anton, beide Fäuste presst er an den Leib und hechelt stoßweise. Vor die Umfassungsmauer gelehnt, wartet er auf das Nachlassen des Krampfes, doch meldet ein saurer letzter Druck mit kläglichem Maunzen: Armer Bub.
Oh, großer Geist! Längs dessen, was meine Nase quält, lande ich vor der Leiche meiner Mutter! Unvergessen. Ja damals hätten die Nachbarn sagen müssen: Wie heikel, auch wir sind nicht ohne Gier, ohne Sucht, und kein Junge kann die Mutter stützen. - Was soll das jetzt? - Ist es, so wie der Oregano, erntebereit, der still für sich, auch für mich wuchs?
Anton lockert die Fäuste, streckt die dunklen Kerben seiner Hände an langen Armen von sich. Nichtsdestoweniger erinnern die ihn an die predigend erhobenen seines indianischen Lehrers, der unentwegt lehrte: Wir ernten. Zum Honigschlecken kam keiner in dies Leben und wir hier auch nicht zusammen. Lasst eure Berge unvergessener Qualen draußen verrotten. Drinnen bleiben sollte direktes Verzeihen - das gibt innere Befreiung. Also betete er für uns: Großer Geist, forme disharmonische Hüllen um und lege dahinein allen jenen gute Kräfte, die wie wir uns der Harmonie gewiss sind, auch wenn sie eventuell mehr Tränen auslöst. Aber hernach, sind die Tränen getrocknet, erlangen alle an jedwedem Leid etwas Reife. So nur kann, nach eigener Vorliebe erwählt, eilends jede gute Absicht wirken.
Ans Gesicht legt Anton beide Hände, und gewahrt, neben dem Kribbeln im unfallgeschädigten Bein, und innerhalb eines scheu stimmenden Moments, eine Einsicht: Noch denke ich in der fest gefahrenen Spur, ich verlor ja in der Stunde der Geburt schon meine Unschuld. - Doch der Indianer belehrte mich: Werde ein wahrhaftig erneuerter Bub. Es steht dir zu, bitte dich darum. Repariere deinen Energieregelkreis wie einen Kettenverschluss.
Erneut hört Anton Usas leise Zimbeln. Der Klang bewegt ihm den Faden seiner Kette durch sein Gedächtnis.
Wäre ich meine einzige Ursache für mich selbst, müsste ich so unbeteiligt werden wie vor meiner Geburt, und wie nach der Nacht vor Heute. Und das auch im Kater meiner Ungeduld nach dem Schock. Das könnte mir schon gelingen und sogar heiter könnte ich werden; sicherlich ruft es der duftende Oregano herbei.
Neu motiviert beugt Anton sich zu Schere und Korb, ohne die leiseste Spur eines Magenkrampfes, und atmet tapfer besonnen, damit sich sein Geist noch mehr festige. Zum Kombi geht er, um den vergessenen Sammelkorb zu holen. Im Moment der Rückkehr in die gemeinsame Teeküche, wo er die Körbe an die Fliesen stellt, öffnet Usa, schwarz in Pluderhose und Tshirt, ihre Zimmertür.
Beide Augenpaare entfachen prickelnde Erwartung, erhellen sich im Abtasten, Anspüren, Abweichen. Sie treffen aufeinander, als ob sie ein Plan in die Bewährungsprobe führe, eine, die das Wir abklärt vor dem Temporären von Außen.
Was überwiegt aus der Summe aller Ereignisse dieses reichen Tages?, fragt sich still Usa. Gewinnt an der Grenze des harten Äußeren unsere Einheit und Freundschaft? Nein, noch blüht Anton nicht feinsinnig in Annäherung auf, eher in Skeptik - eindeutig wie sein Abscheu zu Carel, den er eigenhändig in den Hof trug. Und dagegen halfen auch nicht die Schallwellen meiner Zimbeln.
Usa beäugt Antons Bauch unter dem weißen Tshirt, an den er in Magenhöhe seine Linke anlegt, als ob er ihr zugehört hätte.
Im nächsten Moment wendet er ihr sein Körperprofil zu und kramt umständlich an den Teedosen. In die Glaskanne häuft er grüne Minze und silberfarbenen Salbei, obenauf frischen Oregano.
Für ihre Zweifel wünscht Usa sich Linderung, schlägt vor:
„Anton, du trinkst das nicht allein. Also, gib eine Prise Lavendel hinein und zum Abrunden ein Blättchen Eukalyptus.“
Er quittiert es mit Griffen in die richtigen Dosen. Eine Handspanne fern ihm, entnimmt Usa dem Regal über der Spüle zwei Becher, setzt sie auf den Tisch und sich an ihren Eisenstuhl. Am Tisch stellt sie die Ellbogen auf, faltet die Hände unterm Kinn. Im Wasserkocher startet ein Summen, bei dem, vom Fenster her, ein Streifen aus Sonnenstrahlen an die Fliesen fällt.
Die kleine Helle genügt Anton. Er federt herum, öffnet die gebräunten Arme in zärtlicher Geste, sieht stumm in Usas graue Augen, deren Zeit still anhält, indes das Wasser im Kocher sein Brodeln anhebt. Das entspricht Antons Pegel, seinem Erkennen im Garten. Er färbt seine Stimme weich und entschlossen ein.
„Wichtig bist du mir, Usa. Du verfügst in jeder Lebenslage über Impulse aus deinem Wesen. Es lässt mich hoffen. Vormals glaubte ich, nur seelenlos mit Frauen beisammen sein zu können. Allerdings glaube ich auch weiterhin, was mir der heutige Tag bestätigt: Kerle wie Carel sind angewiesen auf fremde Energie. Nur vor dir brauche ich meine Seele nicht absichern.“
Einen Glitzerblick sendet er Usas Augen, nähert sich. Ihre Rechte zum Kuss an den Mund hebend, liebkost er den Handrücken.
„Mit etwas Glück hält unsere Anziehung jahrelang alles aus. Verzeihst du mir, was ich dir mit meiner Ungeduld antat?“
Der Wasserkocher brodelt seinen Applaus, knackst dann laut ins Aus. Usas Hand legt Anton hin, und tritt zum Gerät. Hinter sich kann er unmöglich bemerkten, wie bleischwer Usa ihre Hand empfindet, auch keine Bewegung gegen das Mahnmal ihres Zweifels wagt. Nur mühsam, während Anton die Kanne vor sie stellt, weckt sie sich eine von Langmut erfüllte Antwort, wobei ihre Augen im Ausdruck an Tiefe gewinnen und ihre Tonlage diese Nuance trägt.
„Du sprichst Fremdenergie an, aber küsst meine Hand wie ein Lechzender! Nicht diese Art belebt unser Glück! Ein beständiges Vergeben bedenke, du weiß doch, nur dahinter finden ich oder du in etwas Freiwerden von schädigenden Reaktionen. Immerzu erlebe ich Abschiede, wie heute den des Toten, in dem ich den bislang unbeachteten Nachbarn vermute. Nichts daran ist zu ändern. Doch sollst du auch nach diesem Tag wissen, ich schätze und mag dich als besonderen Freund. Aber vergiss nicht, wie eigenständig ich leben und wirken will. Ist dir das genug?“
Auf seinen Stuhl sackt Anton. Usa aber beobachtet genau die beispielhaft saugenden Teeblätter in der Glaskanne, nichts ist daran falsch. Bald trommeln wie von selbst ihre Fingerkuppen zusammen, die inneren Zimbeln läuten warnend ein: ‚Finger weg'. Ins Abseits unter den Tisch führt Usa sie, da Anton kläglich seufzt. Danach schenkt er in beide Becher Tee aus, und schwenkt anschließend den seinen in einer Hand.
„Maik kam zur selben Schlussfolgerung für den Toten wie du und wird die polizeiliche Ermittlung abwarten, nichts Kurioses dürfen wir verbreiten.“
An seinem linken Ohr reibend, schaut er eigens amüsiert an Usas Brust, bedeckt von der Schwärze des Tshirts, und stichelt:
„Nimmst du meine Einladung zum Glücklichsein an? Dich nehme ich als in dir rund wahr. Und ganz und gar voll Esprit!“
Behände beklopft Usa mit hohlen Schlägen ihre Hüften. Brüsk dann kommentiert sie seine Kehre in sein Anliegen.
„Na, mein Klangkörper ist innen und außen gehaltvoll, auch wenn sich meine Formen von einst umdrapieren.“
„Na und? Deine Figur erahne ich als äußerst gemütlich! Vor fülligen Depots scheue ich nicht zurück, trage ja selber eines. Mergelige Hungerhaken machen blaue Flecke am Bauch.“
Anton grinst froh. Es droht ihm abzustürzen. Ihm raunt zum Glück etwas in seinem linken Ohr eine Verstärkung zu.
„Usa, sage deiner Schleuse am intellektuellen Nadelöhr: In meinem Begehren liegt Zuneigung! Also, bitte, nun weißt du es.“
Er ruckelt sich am Stuhl zurecht, und dabei denkt er, sich begünstigend, Usa sollten diese machtvollen Worte dienen. Rasch trinkt er einen Schluck Tee, und atmet beherzt aus.
Dies zarte Wölkchen aromatisiert die Sphäre zwischen ihnen.
Sogleich driften Usas Gedanken in die Lichtbahn der späten Sonne, in den feinen Staub im satten Licht und der wirbelt mehr in sie. Den Wechselbädern im Tag fehlt ein Schlusspunkt, Feilen an der Amplitude kräftiger Worte. So denkend, trinkt Usa etwas Tee. Sein Geschmack schenkt die Aufrichtigkeit für ihren Ton.
„Ja, ich habe verstanden, auch deine mitschwingende Frage, und sehe dein Fragezeichen im Gesicht. Etwas Abstand nehme ich von deiner Einladung, mag nicht wie ein Staubflusen den Abend über mit der Luft im Licht ringen. Weißt du, ich mühe mich noch rigoros um Distanz, teils von Carels abnormer Schwäche, und dem Todesgestank. Also, ich schweige mal kurz.“
Seufzend schließt Usa ihre Lider, und wendet sie zur Sonne. Farben kristallisieren sich entbündelt heraus. Nur, welche mag ihre Seelenordnung, welche würde sie sowohl von der Leiche als auch von Antons Liebesbekenntnis erleichtern können?
Beides mag Usa sich aus ihrem Gemüt entfernen. Trage sie an den Lasten weiter, raube es ihr den Atmen. Bemüht sucht sie in den Farben hinter ihren Lidern eine, die den Klang eines hohen C zu hören ermöglicht, den Ton, der ihr alle Schwingungsweiten öffnet. Allein er, weiß Usa seit langem, weckt ihr den Willen von Tagesdramen erlöst zu sein. Schon kurz danach überrascht sie ein hohes Piano-C. Und es sagt: Die Falle der Existenzangst dient nur als Rechtfertigung. Hinein getappt, streife sie ab!
Dem stimmt Usas Intellekt gerne zu. Ihr inneres Ohr erfasst auch schon das hohe C ihrer Zimbeln. Wohlig verstärkt es Usa in sich als ein metallenes Vibrieren und öffnet halb die Lider dem Sonnenlichtstrahl in der Küche. Der wirft, aus einer Brechung am Fensterglas, einen Klecks Magenta an einen weißen Krug am Regal. - Ah! Magenta eliminiert den Griff nach Antons Schlüssel zum Glück! - Donner und Paukenschlag gegen Anton! Meinen Esprit sollen stets meine Energieerhaltungsgesetze abrunden! Nicht er! Nur sie geben mir nach diesem Tag mein Einssein mit mir zurück. Seit langem wächst unter ihren meine Kreativität. Dies Höchste meiner Wesensordnung soll in unsere Küchenwelt fließen.
Klirrend wie Glas wetzt sich an ihren erbosten Gedanken der Zimbelhall, Raum schaffend. Hervor mogelt sich aus dem Magenta ein orangefarbener Klecks. Und ein Pfiff, zart in zwei Oktaven, damit Usa sie beide gebrauche für ihr Vergessen. Der Pfiff geht einher mit einem Schemen, einen Weg bewandernd. Buddha plaudert nicht vom Windrad auf der Serra. Er geht voran, ohne daran zu denken, ob er Zeit vertue oder wo er ankomme.
Noch an den Sog ihrer akustischen Flut gebunden, aber einen rauen Hall neu hörend, der sie aus der Anderswelt zurückpfeift, weitet Usa ihre Augen. Sie sieht Anton unsicher gestikulieren.
Doch befangen zu ihr äugend, verpasst er, wohin seine Linke zielt. Die prallt an seinen Becher, fängt nur knapp das Kollern über die Tischkante ab. Tee schwappt auf seine Hose. Erschreckt seufzt er hinunter und anschließend über dem geretteten Becher, den er in der Hand wiegt, erhoben wie zum Wurf.
„Beinahe zerbrochen! Weil mich ein Kopfnebel übermannt hat. Usa, weil du zu lange geschwiegen hast! Es irritiert mich Opfer zwanghafter Umstände als Junge, das war kein Honigschlecken. Und schweigst du, komme ich mir vor wie eine Quetschkommode, an der sich der Luftbalg weiten muss, bevor der nächste Ton heraus darf. Sowas geht mir um und um, schweigst du dich aus. Wie soll ich da lernfähig werden und an das Beste zwischen uns glauben!“
Usa nimmt ihm den Becher fort, stellt den am Tisch ab.
„Anton, Schweigen will aneinander gelernt sein, jammere mir kein Ohr ab“, kommentiert Usa lapidar. Schon scheppert in ihrem inneren Ohr neuerlich der Pfiff. Nun als rostige Schelle, die, wimmernd in den Oktaven, Unruhe stiftet. Plötzlich hinterlässt dies Usa den Spruch: Liebling, hast du gepfiffen?
Eine perplexe Weile lang saugt Usa ihren Mund ein, verhält mit abgewandtem Kopf ein Giggern ob der legendären Aufforderung zu einem Bettgeflüster. Alsdann leert sie hastig ihren Becher.
Anton schenkt sich nichts nach von dem dunkelgrünen Gebräu, aber murrt schroff, in einem Seitenblick an Usa:
„Du verdrückst dich, beendest den Tag. Aber ich widme mich, unterdessen meine Hose trocknet, den frischen Kräutern.“
Ohne Usas Bauchbeben zu beachten, ebenso wenig ihren Blick, der am sinkenden Sonnenschein haftet, trägt Anton beide Körbe herbei. Die Kräuter versteht er besser als Usas Mundfaulheit, der er nicht entnimmt, wie sehr Usa mit ihrem Giggern ringt, ob ihrer Liebe, die keine Eile vorsieht, doch ein feines Gemüt und sanfte Hände, die, sorgsam im Bündeln, Zartes nicht quetschen. Dem Gegenteiligen mag sie nicht zusehen, oder es hören wollen; schon jetzt grunzt Anton ab und an in seinem kopflosen Dilemma.
Ihn quält sein Nadelöhr: Ob er sich ungebunden halten und seinen armen Bub reifen lassen könne an der Urquelle des Guten. Mehr dann grunzt Anton, als er die zu trocknenden Sträuße unter die Balustrade bindet und dort in dem Luftzug den Hall von Usas Zimbeln hört. Kurz zuckt ein Schreck durch ihn. Doch die Klänge schellen diesmal in einer Art, die Annäherung übermittelt, ihm bestimmt, auf ihn bezogen. Bang noch, doch einsichtig, bläut er sich ein: Wir sind mächtig im Bunde mit dem Besten! Nur unser Außen vergrault uns die Lust auf päppelnde Nähe. Usa hält Maß in beidem, ich werde warten und unterdessen bei meinen anderen Ungereimtheiten in Lösungen denken.
Etwas Gleichmut spürt er aufkommen. Später betrachtet er in Ruhe einen seiner unerledigten Zettel. Für den nächsten Morgen bestellte er zur Probe einen Arbeiter. Darunter notierte er die Gärtnerei, aus der er weitere Heilkräuter zu beziehen plant.