Читать книгу Sonne satt - Roma Hansen - Страница 15
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Оглавление„Gestattest du, Anton?“, fragt Leo, am nächsten Vormittag ins Büro kommend. „Ich verließ das Gästezimmer für Jörgs Söhne und zog in Margaritas Zimmer. In ihrem breiten Bett haben wir Spaß. Und Spaß soll auch dir meine PC-Nachhilfe bringen. Magst du dir etwas von meiner Freizeit stehlen?“
Leos geblümtes Spagettikleid schmiegt sich an ihre schlanke Figur, im Platznehmen am zweiten Stuhl. Zu nah, zu schnell für Anton. Daher erwidert er ihrer morgenfrischen Leichtherzigkeit:
„Usas gut gemeinte Absicht zielte hauptsächlich gegen meine Blockade vor der Gartenmisere, mir fiel schon der Anfang zu.“
„Du solltest damit also mehr in Balance kommen.“
Kurz nur zur Zimmerdecke aufsehend, tippt Leo im Schoß ihre Fingerkuppen zusammen. Ihre Tonlage wird herb. „Ich balanciere selber auf der Schneide der Aufgaben in der Bank, an der Schere der Reichen und dem Pulk der Ärmergewordenen. Die klafft auf am Schalter vor mir, und erfordert ein Verwalten auf hohem Niveau. Und würde ich nicht reisen, verklänge niemals meinen Ohren das kollegiale Quotenjammern, der Selbstbetrug der Geklonten, die mir am Bürohocker abverlangen, nicht aus der Rolle zu fallen.“
„Scheren grassieren auch hier, auch wir leben nach keinem gängig anerkannten Stil, Leo. Ich verstehe dich gut.“
Von Leos bebenden winzigen Brüsten blickt Anton fort. Er faltet am Bauchrund im hellgrauen Tshirt die Hände und stellt zum x-den Mal fest, vollere Formen zu mögen. Wie Usas nebenan vor der Nähmaschine, deren Schwünge er zu sehen vermeint, im selben Moment des dort drüben einsetzenden Ratterns.
Leo winkt ab. Sie glättet eine am Hals anliegende Strähne, strafft Rücken und Brust. Ihre Wangen beleben sich erneut mit Morgenweichheit, während sie, das Geratter übertönend, grinsend anmerkt, um Anton ein wenig zu picken: „Trifft mich die Schere, die anderen Bankern den Job schon kappte, so komme ich mit One Way Flug, und bleibe. Aber dem zuvor, solltest du lernen. Oder raubte dir dein Paket Vorkommnisse gänzlich deine Neugierde?“
„Unser Abendessen verlief dann noch glimpflich, wohl wahr!“
Anton zwingt seine Finger am Bauch zur Ruhe und sich, in Leos braune Augen zu lugen. „Mich rettete deine Schnoddrigkeit in Berliner Art aus Maiks mir mit Carel gestellte Falle.“
„Nimm Distanz zu Carel ein. Kette ihn, unwichtig geworden, anderswo an, sperre ihm deine Gedanken“, erwidert Leo spontan, ohne seinem erschreckten Blick auszuweichen. „Oder hat er eine wünschenswerte Bedeutung aufgrund deiner Story? Prägungen der Kindheit verlassen nie, auch nach einem Umformen in schönster Absicht erinnert jedes hartnäckige Ego eines der Desaster.“
Alarm schrillt Anton. Ihm gelingt eine Wende. Doch deren Ertrag kann er schwerlich einschätzen. Ihm jucken die Ohren. Er drückt die Hände fest an den Bauch, um keines anzufassen. Aber schon krächzt sein Hals rau ein „Was ...“. Sich kurz räuspernd versucht Anton es noch einmal, und vermeidet es, Leo anzusehen.
„Was meintest du neulich mit dem polaren Beziehungsmodell?“
In seine braunen Augen sieht Leo sehr freundlich, und tönt ebenso ihre Stimme. „Auf dich intuitiven Mann, deine sensible Gabe und schwankende Stimmung kann ich nicht reagieren wie bei einer Frau. Du wirkst oft sehr verinnerlicht, oder bist manisch hochgradig begeistert, zu wenig vom Äußeren abgegrenzt.“
Leo findet in Antons Gesicht nur eine verzögerte Reaktion.
„Okay, dann ausführlich. Manche nennen es das Modell eines Anlockens und Abwehrens in der Komm her, geh weg – Mentalität.“ Sie gestikuliert mit den Händen um ihren Kopf herum. „Mit einer Hand Sahne ums Maul schmieren und zeitgleich die Kanne auf die Rübe schlagen. Ich rede vom Gesetz von Ursache und Wirkung. Ein drastisches Beispiel wäre ein Asteroid im Flug gen Erde. Stell dir vor, der rüttelt an den Erdpolen, kapiert?“
Anton nickt heftig. Er hebt seine Arme wie Leo ihre zuvor, die nun ruhig im Schoß liegen. Er scheut sich nicht, kurzerhand seine Ohrläppchen einmal vom Kopf abzuziehen.
„So oder so Baustelle. Abgesehen vom Drama an der Erde, der Verseuchung im All“, kurz pausiert er. „Ich weiß, meine Seele will mir wohl, in deiner Nähe entgleitet mir das wie Sand durch die Finger, dann kommt Abwehr heraus. Ich stecke fest in diesen bipolaren Schuhen, bin schon wieder reingestolpert. Desculpe!“
„Nur eine der Krisen, um in der Liebe stärker zu werden.“
Soeben über die Lippen, entdeckt Leo einen winzigen Tumult in sich, leichtherzig vorzutragen jetzt, wo Anton seine Schuhe bebrütet. Auf das Geblümte an ihrem Schoß sehend, bekennt sie:
„Manchmal fehlt mir das Verstehen der Entwicklung des neuen Männerbewusstseins, in dem gewiss Spuren uralten Jägerstolzes schwelen. Und dafür, wie laut ihr eure Gesichter wahrt - meine Kollegen, legen sie sich ins Zeug.“ Leo zeigt auf den Desktop, vor dem Anton sitzt. „Los, rufen wir Männerseiten auf.“
Eine Reaktion darauf verhindern Antons Sinne, in denen noch Leos emotionaler Tipp eine ferne Erinnerung aufgreift. Jene der Gruppentherapie nach dem Unfall. Er erfuhr mehr über sich und das ihn abstrus anmutende, ihm vorgelebte Wohlwollen. Letztlich erkannte er daran keinen Makel. Wohlwollen ähnelt den Rülpsern, die befreit verkünden, im Ego gäre es nur noch leicht, und es verdaue auch, wie die Frau, die neben ihm saß, auf ihn wirkte. Bis hinein in die Mundwinkel leuchteten ihre Augen. Sie hatte ihren Segen in einem Schamanencamp erhalten, und rüttelte ihn wach. Nach Wochen in dem Camp dort, peinigte ihn, im Liegen und Lauschen auf einer Klangliege, in seinem Bein ein Schmerzblitz. Aufspringen wollte er. Doch warnte der alte Indianer: Auf der Jagd warst du viel zu oft. Kann lange währen, was dein Vorleben dir noch beschert an unerträglichen Wirkungen.
So kam es in der Heilungszeit, in der er zuerst ein anderes Tempo im Job austüftelte, bevor indianisch anmutende Durchsagen ihm Wachstumsschübe anwiesen. Erwacht wusste er, seine Seele will ihm wohl! Oft ertappte er sie bei der besseren Wahl dafür, was den kleinen inneren Bub gemeinsam mit dem Erwachsenen voran bringe. Sie fand Madeiras grüne Pracht, die nächste Heilstätte seiner verletzten Seele.
Darin stänkert Carel, blitzt Anton auf. Leos Idee ist gut, den anzuketten, fern der Hochebene Paul da Serra. Doch denen, wo der Pfeffer wächst, mag er ihn nicht wünschen. - Und jeder Gedanke kettet an, versteht er. Leo wählt nur, was ihr Gehirn aktiviert. Und er, was Krücke und lockenden Segen anbot.
Sich die Augen klar blinzelnd, und in das herüber dringende Nähmaschinengeratter hinein, murmelt er:
„Ach! Ich schleppe meinen Koffer voll meines Schicksals auf der Suchtschiene und muss ehrlich in Allem werden. Oft springe ich nur auf an das Trittbrett von Usas intergalaktischen Zug.“
In seinen Weitblick berücksichtigt Anton allerdings nicht Carels Bedeutung, die er abdrängt, hinter Usas Geräusche an der Nähmaschine. Die beeindrucken ihn, und kommen auch nicht gegen Leos Herumzappeln am Stuhl an, als hätte sie ihre Bereitschaft verloren. Trotzdem fällt er in friedliche Laune. Er spreizt die Finger, die Knöchel knacken ein Signal.
„Weißt du, Leo“, beginnt er sanft, einen Finger rechts an ihre Schulter tippend. „Ich kenne psychosoziale Faktoren und anerkenne dein Recht auf deinen Blickwinkel. Aber auch du hast einen Happen von der Jägermanier. Nutze den, scheuche mich aus der Stagnation auf und rufe herbei das Web von Schamanen. Mit deren Denkstrukturen bin ich erfahren.“ Er rückt die Tastatur vor Leo, und vermeint, ihm schwebe ein Campfreund in den Sinn.
„Kennst du alle großen Such- und Kommunikationsforen?“
Nur flüchtig runzelt Leo ihre Stirn, aber seine helle Miene erneuert ihren Drang in die Tasten zu greifen. Bald blinkt eine Seite auf. Anton ging das viel zu rasch, er will es lernen.
Früh am Nachmittag treffen des Nachbarn Jörg' Söhne ein. Tiefe Stimmen schallen, als Maik sie begrüßt und über den Kies führt. Anton tastet an seine vom Horchen auf Leos Hinweise rote Ohren, über die sie witzelt, bevor sie geht, um die Fremden kennen zu lernen. Doch zuvor, wie Anton hört, da zugleich das Nähgeratter schweigt, begeistert Leo Usas Anwendung von Ursache und Wirkung für einen neuen Sinn in der Zukunft, Usas Erfolgsaussicht mit einer bunten, in Blau gehaltenen Patchworkdecke.
Nur einen Moment erregt Leos Entzücken über satte Blautöne Anton, laut genug zu ihm gedröhnt, und mit einem Bild. Sanfte klare blaue Wellen, transparent bis an den Sand am Ufer ferner Inseln. Jede rückläufige Welle am Strand trägt an der Krone die Worte Ursache und Wirkung. Bald schwappen in ihm nur diese zwei Worte. Andere Geräusche, die der endlosen Folge an Gepäck, von Fremden getragen und mit rüpelhaftem Slang belegt, versinken im Wasser wie hinter einer Wand, klar wie Glas. Vor Anton aber, am PC-Bildschirm, steht ein Suchforum. Beseelt noch, gibt er den Namen seines Freundes aus dem Schamanencamp ein. Er landet an einer Seite von aktiven Helfergruppen bei Katastrophen, und die wirft ihn um. Sehr lange betrachtet er ein Foto seines Freundes vor einem zerstörten Haus. Er zieht Parallelen zum Unwetter auf Madeira im Februar. Inmitten dessen, und im Vorgespür, erwartet Anton, ihm offenbare sich Ursache und Wirkung daran, und seine Sicherheit, denn ihn schütze seine Wand aus Glas. Darin jedoch schimmert bald das Gesicht seines Indianerlehrers, verrunt von Besorgnis, mit einem wilden Schwenken eines rotweiß gestreiften Absperrbandes in Händen. Anton interpretiert es fehl. Abenteuer treiben nach Übersee, weit weg der tausende Schritte im Garten. Die allein erschaffen keine neue Welt, nur absolute Trägheit! Im Ruck, setzt Anton seine Aktionen am PC fort, und unterdessen versinken die unwirklichen Farben des Tages im Westen.