Читать книгу Sonne satt - Roma Hansen - Страница 6
2
Оглавление„Ah, du bist hier, Maik!“, stellt ein Ausruf fest am Portal der Dorfbar.
Maik stellt seine Tasse mit Zitronenschalentee, von dem ein Schluck seine Kehle wärmt, ab und erblickt in Öljacke Jörg.
„Ja, doch“, grüßt Maik zurück, in schwankendem Ton, ob ihm die Begegnung gefällt.
Jörg öffnet schon seine Jacke. Zum Vorschein kommt kiwigrün ein Tshirt. Ein bauchiger Farbklecks, dem die Einheimischen in der Bar ausweichen, einen Kreis öffnen. Ihnen widmet Jörg, zur Theke unterwegs, ein Rundumlächeln. Zwar schauen die unbewegten Mienen ihn nicht an, beobachten aber genau. Deshalb hebt Maik eine Braue, und erklärt sich Jörg schließlich.
„Damit ich an die Luft komme, ließ Lian mich hier. Sie fuhr in die verkommenen Gärten in Achada da Cruz, erneuert im Regen ihre Inspirationen. Nimmst du auch einen Stärkungstee zu dir?“
Maik fragt wohl wissend um Jörgs Tendenz zu harten Tropfen. Er selbst bevorzugt aus Gewohnheit etwas natürlich Gewachsenes. Aber hier ist weder die Zeit noch der rechte Raum, sich durch den Kakao zu ziehen. Frotzeleien gab es monatelang, das erstarb aber baldigst in gegenseitiger nachbarschaftlicher Anerkennung.
„Bah, dünne Plörre!“, krächzt Jörg derb im Ton, Maiks Tasse abschätzig musternd. „Ersetzt das deine vom Orkan fortgewehten guten Geister?“
Kaum gesagt, hört Jörg, unter Füßescharren hinter sich, den Raum größer werden. Den Eingang belagern dunkle Jacken. Konträr seiner Absicht. Nur Maik kann er sich schrittweise nähern, doch schroff und alarmiert klingt seine Stimme weiterhin.
„Weißt du, Firstziegel fielen herab. Ich wollte unter den Dauertrinkern hier den Einen finden, der aufs Dach steigt.“
„Bei Sturm? Kalte Knochen kraxeln jetzt nicht über Leitern. Stoisch wie die Rinder, schalten sie ihre Oberstübchen ab.“
„Schaltet mir mein Geschäft ein“, giggert Barfrau Maria, am Tresen, in ihrer Steppweste aus Jeansstoff. Dem Gegenbild aller regendurchtränkten Beine im selben Material.
Maria deutet vor eine Flasche Zuckerrohrrum.
„Wie immer in den Kaffee, Jörg?“
Ihre deutsch gesprochene Frage klingt brüchig, in Resonanz wirtinnenkluger Unterscheidungsgabe für Neigungen. Jörg nickt, beobachtet ihr Eingießen in seine Tasse. Ratlos rührt er darin, sein Bedauern nicht abschüttelnd.
Die Rumflasche räumt Maria nicht weg. Sie greift zu Orangen und Zitronen, entsaftet einige nach und nach in eine Karaffe, quirlt Honig mit einem Holzstab hinein. Einen halben Liter Rum füllt sie ein, durchquirlt das spezielle Getränk des Aqua Dente und kredenzt es auf ein Holztablett.
Davon aufschauend, fragt Jörg, versöhnlich milde:
„Maik, du eventuell, siehst dir das Malheur am Dach an?“
„Im Regen? Da habe ich Besseres vor.“ Maik grinst Maria an. „Kehren mehr Reisende ferner Länder gemütlich bei dir ein?“
„In diesem Februar fahren Mietwagen nicht nur hier vorbei zu ihren obligatorischen Zielen.“ Maria schaut vor die Tür, zu glasklaren Schnüren, die unisono aufpladdern. „Unsere Dorfleute reden vom Jahrhundertregen, wie vor zehn Jahren!“ Sie wiegt den Kopf, sieht bedeutungsschwer Jörg an. „Teils freuen sie sich, teils müssen sie in den Terrassenfeldern aufräumen. Es sind zu wenige noch rüstig genug, oder abkömmlich.“
Jörg schlürft etwas des Gebräus, stellt die Tasse ab. Über seinen Hals wischend, krächzt er: „Der Rum heizt ein.“
„Dumme Redensart. Nachher wird dir um so kälter sein, und das spürst du nicht. Alkohol schwächt das Immunsystem.“
Maik kaut betont an seinem letzten Teeschluck.
Maria nickt, mit strahlendem Augenaufschlag dunkelbraun und einladend. Sie deutet auf schlanke Glasflaschen und erklärt:
„Bei nassem Wetter trinkt eine Menge Tee mit Honig aus dem Berg! Davon trinken alle Madeirer, ob jung oder alt. Nehmt eine Flasche zu zwanzig Euro mit!“
Ihre Aufforderung wehrt Maik ab, kerbt den Mund ein, zieht eine Schulter im naturweißen Pullover mit Zopfmuster höher. Vom Überziehen wohl hängengeblieben, steht ihm das graue Haar wirr um Ohren und Hinterkopf. Seine tief blauen Augen, umgeben von blonden Wimpern, deuten keine Kaufabsicht an.
Jörg schüttelt deutlicher den Kopf, auf dem der Lichtreflex aus dem Portal sich an seiner Glatze spiegelt. Jörg zieht seine buschigen Brauen über die Augen. Deren Braun erkennt Maria kaum mehr, als er sie ruckartig dem Geschehen draußen zuwendet. Ein Kleinbus hält. Die Seitentür wird mit hohlem Schieben geöffnet, zerteilt die blaue Außenbeschriftung der Agentur. Vier Wanderer wanken in die Bar.
„Ah, Ausflügler!“, freut sich Maria und positioniert sich.
„Wird eng“, raunt Jörg Maik zu. „Kommst du mit?“
„Ich höre den Wettergeschädigten nicht zu“, entgegnet Maik steif, betontes Entsetzen im Gesicht.
Jörg gestikuliert wegwerfend, trinkt seinen Kaffee in einem Schluck aus. Er schließt die Jacke, fummelt einen Euro hervor. „Ate logo, Maria!“ Er enteilt mit einem überlauten Räuspern.
Maik wirft Maria einen mitfühlenden Blick zu, den sie weder zur Kenntnis nimmt noch benötigt Ihre Intension fliegt voran wie ihre Blicke, und ihre Tüchtigkeit einer fremdenfreundlichen Wirtin. Maik wendet sich zum Gehen.
Unterwegs auf den Serpentinen des zu ihren Häusern in Hanglage führenden Asphaltweges, an dem Jörg seinen roten Jeep steuert, unterhalten sie sich ausschweifend.
„Nachts hörte ich auch Donnerschläge“, berichtet Maik aus durchwachten Stunden. „Das war nur Wind. Ich erlebte bisher im Vorjahr ein einziges Gewitter.“
Jörg hört aus Maiks Stimme nur seinen zur Genüge bekannten Verdruss, behält den Dachschaden berechtigter Weise im Sinn.
„Ja, genau! In Angst abwartende Leute wissen, überall beten die Menschen unter den Dächern um Geduld. Keiner hält das aus.“
„Hier verrammeln die Einheimischen die Fenster, steigen mit scharfen Getränken ins Bett. Wohl auch Maria mit ihrem Rum, sie ängstigst sich nicht um ihr Haus, stürmt es ununterbrochen. Der Wind kommt derzeit zum Glück von Südost, und wärmt die Luft an. Noch mehr Feuchte wäre schlecht für mein Rheuma. So schnell der Orkan kam, so soll er meinetwegen abhauen.“
Jörg kraust die Nase, kurz nur erregt ihn ein Protest.
„Sollte er! Meine werte Mona nimmt sonst in den Hotels viel zu viele überteuerte Wohlfühlanwendungen.“
„Besser so versorgt, als tagelang an den Flughäfen frieren, wo kurzfristig Flüge gestrichen werden, erinnere die deutschen Nachrichten. Vor dem Schneechaos Flüchtende klappen vor Frust zusammen. Dies Jahr sind die Fernreisenden angeschmiert!“
„Wie im Tollhaus geht es drüben zu, das Streusalz reicht in den Innenstädten längst nicht mehr gegen das Winterwetter. Ob das bis zur letzten Hinterkammer aller Oberstübchen vordringen wird? Auswandern hilft, und bleiben!“
Maik reibt mit einer Hand seinen Nacken, erinnert etwas.
„Anton meinte kürzlich, die Erde brauche nun mehr Beachtung und Anpassung an sie. Er hält sporadischen Kontakt zu Freunden seines Indianercamp, die teils weltenergetisch arbeiten und von künftigen Katastrophen faseln. Sonneneruptionen würden Stürme auslösen und nicht nur das. Vermehrt sei mit Dürren zu rechnen, Überschwemmungen und Vulkanausbrüchen, und mit Aschewolken, die ganze Kontinente bedecken. Verflixt bedrohlich das Ganze.“
„Davon hörte ich noch nichts, nur von den Verschiebungen an kontinentalen Erdplatten, die Madeira nicht treffen. Mir reicht schon das Wetter der fliegenden Gartenstühle! Alles nicht Niet- und Nagelfeste segelt bergwärts hinunter.“
Jörg schlägt sich abrupt kurz auf den Mund. Weil er zuvor etwas aufgesessen ist, von dem seine Mona oft genug fasele. Dem Einhalt gebietend, äußert er entschlossen:
„Wir kamen für den Lebensabend und zum Glück mit reichlich körperlicher Anpassungsfähigkeit an das Wetter.“ Durch die von Tropfen bedeckte Frontscheibe sieht er hinaus. „Klar lieben wir die Natur. Regen genauso wie Sonne, bestrahlt sie alles Schöne, wenn auch sparsam. Schönes beachte ich, es weckt neue Ideen.“
Soeben verlässt sein Jeep den Asphaltbelag und fährt an den Schotter, der zu den Anwesen am Berg führt. Der Orkan stimmt zu und hat ein Einsehen. Es tröpfelt nur leicht, als sie ihr Ziel erreichen, eine gepflasterte Einfahrt.
Erleichtert steigt Jörg aus, und weist mit einem Daumen zum Dach. Daran spuckt und gluckst die Wasserrinne. Bedächtig nickt Maik zu diesem Geräusch, schaut unterdessen aber im Tal auf die sich gegen den Horizont auflösenden Regenschleier. Dann eilt er hinter Jörg über die Stufen in den Hanggarten, um von oberhalb des in Terrassen befestigten Areals ans Dach der dem ehemaligen Grundriss entsprechend erbauten Quinta zu sehen.
„Fass dir die Handwerker, die es deckten! Ramponiert sieht das aus, ohne Silikon zwischen den Firstziegeln, gegen den Sog im Hurrikan unangebracht. Schlamperei!“
Jörg drückt sein Kinn in den Kragen der Regenjacke.
„Unverwechselbare Mucken hatten die Bauleute. Einen Stil im Umgang miteinander, bei dem mein Frühstücksei im Magen rumpelte wie deren klumpiger Beton im Mischer, hörte ich ihr Gebrüll.“
Maik sieht fort, im gegenüberliegenden Gelände zetert eine Frau mit Kopftuch. Sie sperrt zwei Jungen in den der Hütte nahe liegenden Felsenkeller, stemmt obendrein einen Stecken vor den Außenriegel. Perplex, als ob ihn ein Pferd trete, obgleich nur selten auf der Hochebene geritten wird, weist Maik hinüber.
„Von dem Geschrei kriege ich Hals! Sie schikaniert Kinder.“
„Ja, weiß ich vom Fernglas, als ich nach Seeadlern ssh, die mich vor allen zweihundertfünfzig Vogelarten interessieren. Sie fliegen im Tal, wird es über dem Meer kälter. Meistens kreisen nur Bussardpaare über dem ökologisch intakten Tal.“ Jörg zieht seine buschigen Brauen hoch auf die Stirn, sein Blick funkelt unheilvoll braun. „Den Sohn der Frau kenne ich aus der Bauzeit. Kommt er abends heim, lässt er die Jungs heraus. Zustände! Nach dem Bauen hier, taumelte er bis in die Nacht mit seinem Spezi durch die Hügel. Von mir befragt, faselte er, im Suff sei ihm der erlöste Christus viel näher als bei klarem Verstand.“
„Puh! Wie hast du reagiert?“
Maik tänzelt etwas auf seinen steifen Beinen auf der Stelle herum. Hingegen sein Blick klebt noch am Nachbargelände.
„Auf religiöse Fantasterei? War einfach, herauszubekommen, ob sein Spezi das auch so sehe. Er meinte, der habe nur Fische im Kopf, lade im Morgengrauen am Merkado der City fangfrische Ware ein. Am Ende der Verkaufstour sei Saufen dran. Hast dessen plärrenden Lautsprecher am Kühlwagen sicher schon gehört.“
„Ein entrückter Fanatiker und ein Fischverkäufer betätigen sich als erste Trinker vor dem Herrn? Merkwürdiges Gespann.“
Magisch angezogen schaut Maik hinüber und macht am steilen, niedrig bewachsenen Hang zuoberst ein Feld Zuckerrohr aus.
„In dem Feld am Hügel lagen die und leerten die Pullen? Das Leben der Landbauern ist auf hergebrachte Weise arm, an Moral mit sich und ihren Kindern! In unserer Sozialkultur stände die Oma wegen Kindesmisshandlung vor Gericht. Hier sah ich bislang nur die Horden auflaufender Familien, mitsamt behüteter Kinder und ihren umhegten, wertgeschätzten Alten.“
„Es sind Bessergestellte. Andere verwahrlosen, halten ihre Kinder mit Schlägen zum Betteln an.“
„Katastrophal!“ Maiks Ton schraubt sich hoch, er merkt es, und schöpft Luft, einen Moment innehaltend. Brasst steckt ihm im Hals. „Jörg, mieses Verhalten zeugt davon, kein wirksameres Instrument zu kennen. Sind die Kleinen ins Dunkle weggesperrt, haben sie keine sichtbaren Verletzungen durch tägliches Leid. Doch was wird bei aus denen? Sie leben ein Schattendasein, sie vegetieren unter praller Sonne.“
Trocken schluckt Maik, um seinen anbrandenden Zorn und sein Einfühlungsvermögens unten zu halten. Vor ihm klart unerwartet zumindest die Wolkendecke auf, und scheucht, Schlag auf Fall im launischen Frühling, in einem kräftigen Windsog wogende Wolken über den Himmel. Derweil versteckt sich die Sonne noch abnormal im hohen Dunst, vermag kaum ihr Licht hindurch zu schicken.
Sie wärmt und hat Kraft, ihre Temperatur steigt, redet Maik sich gut zu in der Absicht, ihm würden dann seine Atemzüge die stets hohe Luftfeuchtigkeit wie Balsam in die Lungen pumpen.
Den Hader mit der Himmelsmacht abschüttelnd und ebenso nach Linderung seiner Entrüstung über die Nachbarn suchend, schwenkt Maiks Blick über das Tal zur anderen Seite, haftet sich an das bauliche Treiben bei einem Wasserreservoir. Dort bannt ihn ein Kollern. Dessen Hall dringt über die Ferne näher.
Maik blinzelt durch seine hell bewimperten Lider zu den die Lasten wegwerfenden, fliehenden Arbeitern. Erdbraune, aus dem Nichts kommende Wassermassen fluten ihr halbfertiges Mauerwerk. Bodenlos sich überstürzend, umspült diese Woge aus blitzartig aufgewühltem Erdmatsch dort auch einen Mast. Und nach und nach neigt der sich, und mit ihm sacken in etwa zehn Meter Höhe die Überlandkabel tiefer. In all dem Gewoge, der in ihrer Schwere schwingenden Kabellast, bricht eine bröckelnde Erdwand aus der Basis der Mastverankerung und kippt den Pfosten im Winkel gegen Ein Uhr dem Hang zu.
„Der fällt um!“, stößt Maik aus und greift spontan an Jörgs Jacke. „Quer dem Steilhang schwingen Kabelleitungen, auch das unserer Quintas von dem Rutsch. Die Arbeiter dort müssen doch, offenen Auges wie wir, das nahende Fiasko ahnen!“
Seine Erwartung erfüllt sich, auf Zwei Uhr zeigt der Mast. Endlich rühren sich die Drei an der Baustelle. Winzig wirken die sich selber mit Stangen Sichernden, die mit irgendwelchem Gerät den Mast verkeilen, den Sturz beenden. Dennoch beobachten Maik und Jörg, wenig fern der Zisterne züngelt eine Brache mit regenschwerer Erde zur nächsten, den Hang stützenden Terrasse.
„Hält die?“
Jörg erschaudert, ihm wird klamm. Er befreit Maiks Arm von seiner Jacke. Seinen Blick heftet er an die fernen Männer. Sie flüchten zu einer meterbreit entfernten Gruppe grün belaubter Lorbeerbäume. Die grauen Stämme gräbt der sich den Weg bahnende Schwall hüfthoch ein, spritzt vorbei an den Festgeklammerten, reißt statt ihrer eine orangefarbene Papageienstaude um.
„Was für eine Wucht!“, japst Jörg, mit einem Kick zynischen Humors. „Abwarten und Tee trinken, würden Engländer sagen, die nicht dort drüben in der Haut der Betroffenen stecken!“
Seine Situationskomik vergeht ihm. Die Schlammlawine prallt vor die Mauerkrone der tiefen Terrasse. Geröll und braune Brühe stürzen ins nächste Terrain, schlagen ein riesiges Loch in die Wand eines Hauses. Darin wirbeln Stühle schlammbespritzt auf. Ein schwarzer Hund sucht zappelnd sich zu retten. Vergeblich, der Schlamm füllt das Loch, flach wie ein Teig, bis zur Kante. Von oberhalb stürzt mehr herab, eine grausige Lawine schwappt. Das sehen auch die drei Gestalten an den Bäumen, und verharren.
„Wie anders wir hier leben!“, wispert Jörg, in Kompensation der Hilflosigkeit, wäre auch seine Quinta derartiger Zerstörung ausgeliefert. „Deren Lebenskultur impliziert die Anpassung an Gefahren, wir verpassten das bislang, wir beginnen mit unserer Integration bei Null.“ Schon tritt vor sein geistiges Auge der Levadakanal oberhalb der Hanglage, und ihm keimt die Vermutung nicht davonzukommen, wäre der übervoll.
„Maik, ich meine, die Verwaltung müsste mehr Levandheiros an die Levadas der Berge senden, und die tausende Kilometer auf Wolkenbrüche konzipieren, nicht nur das Quellwasser auffangen.“
Mit dem Handrücken über seine Stirn wischend, räuspert Maik sich zittrig, weist dann in ausladender Geste in den Berg hoch. Davon aber greift Jörg blitzschnell an Maiks Pullover.
„Solchen Schaden ahnt doch keiner! Warum sprachen wir nicht früher darüber? Wachsame Raubvögel liebe ich über alle Maßen, aber penne selber vor der Gefahr, die mir, zusätzlich zum Dach droht. Die dort drüben lassen sich von Verwandten helfen. Aber wir sehen sicherheitshalber nach der Levada, ja? Was die andere Seite umriss, kann schon oberhalb aufgehalten worden sein.“
In Jörgs Miene und an seiner Stimme den Grad seiner Ängste deutend, will Maik ihn beruhigen.
„Die Erde vor unseren Mauern hält seit Urzeiten. Nur wo die Äcker bewässert werden, gibt sie nach, und Niederschlag bricht sie auf. Dennoch willst du in den Berg? Die Idee empfinde ich als weitaus mehr schmerzhafte Fortsetzung. Meinem Rheuma gemäß überfordere ich mich nicht, stechende Schmerzen nagen an allen Gelenken. Verlangst du das? Wir übernehmen uns wohlmöglich und haben keinen Spaß, sieh dir die Sonne an!“
Jörg rückt von ihm ab, und blickt an den Boden auf dem er steht. Der dämpft nicht sein Bangsein vor der Nacht. Sein Blick fliegt über sein beschädigtes Dach, und in den fernen Himmel.
„Du hast Nerven! Bist abgebrüht durch ein sonnenverwöhntes Jahr!“, protestiert Jörg, verstummt für nur einen Moment. „Wo steckt dein Mitleid mit denen im Haus, vor Minuten verschüttet? Schau zu den Gestalten am Wasserspeicher. Vergeht ihr Schreck, brauchen sie Hilfe, um den Kladderadatsch auszuschaufeln.“
„Nur junge mutieren zu Helden! Ich halte meine Grenze!“, verteidigt sich Maik vehement.
Jörg gähnt - und nochmals, verwundert gen Himmel.
„Der hellt auf? Ich gehe, Sonne berauscht zu neuen Taten! Komm, ziere dich nicht und klage mir nicht die Ohren voll.“
Die Sonne bricht durch, als sie mit Schaufeln ausgestattet zur Levada gehen. Vorbei an sturmgeschädigten Pinien und frisch glänzenden Lorbeerbäumen führt der Schotterweg. Munter fischen sie die im Modder der Levada begrabenen Äste und Pflanzenteile heraus, und sehen am trüben Wasserspiegel auch die von Südost anstürmenden Wolken, und die verbleibende Zeit bis zum Regen.
„Meine Rheumasicherung springt an, Jörg“, wimmert Maik nach geraumer Weile, gestützt am Schaufelstiel auf den gereinigten Abschnitt sehend. „Reicht für die Nacht, sei zufrieden.“
Bestätigend nickt Jörg, spült dann beider Geräte, schultert sie tropfnass. Bergab stapft er dem Freund voraus. Vor seiner Quinta gestikuliert er einladend.
Maik klopft mit einem schlammfleckigen Pulloverärmel, sich kraftlos verabschiedend, an Jörgs Arm.
„Sitze ich erst, komme ich schlecht wieder auf die Beine. Ich hinke mit dem Rest meines Elans abwärts. Ate logo!“