Читать книгу Das Salzfass - Simon Sailer - Страница 7
ОглавлениеEin Jahr nach dem Tod seines Vaters hatte sich Maurice bereits in den Geschäftsalltag eingelebt. Obwohl der Vater ihm zusätzlich zum Lager und dem Geschäftsraum im ersten Bezirk ein ansehnliches Vermögen hinterlassen hatte, machte er alles selbst: Inventar, Buchhaltung, Verkauf. Sogar die Website. Diese Generation ist gut in solchen Dingen, wissen Sie. Die haben schon als Kinder mit Computern gespielt. Und damals waren die Computer noch umständlicher zu bedienen. Maurice las also auch den Auftrag selbst. Es ging um einen Nachlass, um eine der besagten Wohnungen, voll möbliert, übermöbliert. Er hat die Adresse gesehen, Essiggasse 2, und wusste Bescheid. Das ist schräg gegenüber, genau, manchmal hat man Glück. Er bestätigte den Auftrag und vereinbarte noch für denselben Nachmittag einen Termin.
Maurice läutete bei Fleck, der Name war im Auftrag angegeben. Es war nicht die oberste Wohnung, weil der Dachboden ausgebaut worden war. Trotzdem, immerhin dritter Stock mit Mezzanin. Jemand sagte Guten Tag, öffnete, und Maurice ging die Stufen hinauf. Lift gab es keinen, der Transport würde teuer werden. Händler rechnen das gleich alles mit und überschlagen die Kosten im Kopf. Das spielt natürlich eine Rolle beim Preis. Das Gute für uns ist, die Erben wollen meistens die Wohnung leer haben und sind froh, wenn ihnen die Sachen überhaupt jemand abnimmt. Im Stiegenhaus kam Maurice eine Frau entgegen und lächelte ihn an. Das war er gewohnt. Er behielt sie nur in Erinnerung, weil ihr Gang etwas Besonderes hatte. Sie hüpfte die Stufen hinunter, in einer Art Galopp. Die Schritte hallten auf den Stufen und erzeugten einen eigentümlichen Rhythmus: eine Folge schneller Schläge, gefolgt von einer Pause, wie ein Ausholen und ein Schlagen, wie wenn man Murmeln gegen die Wand rollt und sofort wieder einfängt. Fast wäre Maurice hinauf zum Dach gegangen, doch eine sich öffnende Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Mann stand in der Tür, der jugendliche und greisenhafte Züge eigentümlich vereinte. Seine Backen waren glatt und leuchteten apfelrot, aber er stand gebückt, und die Augen steckten tief in ihren Höhlen.
»Herr Demel?«, fragte der Mann.
Maurice schüttelte ihm die Hand. »Guten Tag, Herr Fleck.«
Herr Fleck machte einen Schritt in die Wohnung und wartete, bis Maurice das Vorzimmer betreten hatte, bevor er die Türe hinter ihm schloss. Das Vorzimmer sah aus, wie es Maurice erwartet hatte: zu viele dunkle Holzmöbel, die Tapeten mit bleichen Aquarellen übersät – trotzdem hatte er schon vollere Wohnungen gesehen. Wahrscheinlich hatte die Familie bereits das eine oder andere mitgenommen. Normalerweise klopfen sich die Angehörigen die Brillanten heraus, bevor sie uns anrufen.
»Sind Sie der Erbe?«, fragte Maurice.
Herr Fleck nickte. Maurice sprach sein Beileid aus und bat, sich umsehen zu dürfen. Die Wohnung war groß und fast jeder Quadratmeter von dunkelroten Perserteppichen bedeckt. Darunter lag ein vom Staub ergrauter Teppichboden, der einmal erbsengrün gewesen sein dürfte. Einige kleinere Persianer fehlten; wahrscheinlich die hellen, die waren wieder in Mode, ganz im Gegensatz zu den dunklen. Wo sie gelegen hatten, leuchteten Rechtecke in der ursprünglichen Bodenfarbe. Wenn man alle Teppiche aus der Wohnung geschafft hätte, würden die Abdrücke ein Muster ergeben. Die Möbel waren zum großen Teil alt, ein bisschen Ikea, ein bisschen Neuware, das eine oder andere Designerstück. Alles stand ungeordnet nebeneinander: eine Biedermeier-Kommode neben einem Landhaus-Bett und ein Thonetstuhl an einem Schreibtisch aus den Siebzigern. Übrigens war der Schreibtisch wertvoller als der Stuhl, von diesen Stühlen gibt es ja sehr viele, die frühen sind ein bisschen was wert. In einer Glasvitrine stand Porzellan, sogar etwas Augarten. Davon war mit Sicherheit mehr dagewesen und man hatte nur einige Stücke hiergelassen, damit der Nachlass eine gewisse Würze behalte.
Maurice berührte mit der Nasenspitze das Vitrinenglas. »Sie wollen die Wohnung leer haben, ja?« Er drehte sich zu Herrn Fleck. »Oder verkaufen Sie auch einzelne Stücke?« Am liebsten hätte er natürlich nur einige Stücke genommen.
»Ja«, sagte Herr Fleck. »Also nein. Wenn Sie alles nehmen würden, wäre das ideal. Der Rest käme sowieso weg.«
»Das muss ich dann aber einrechnen, das ist Ihnen klar? So eine Räumung ist nicht billig. Dritter Stock ohne Lift.«
»Was würden Sie denn geben, für alles, Räumung eingerechnet?« Herr Fleck sah zum Augarten-Porzellan in der Vitrine, als erhoffte er sich, es würde Maurice aufmunternd zunicken.
»Auf die Schnelle schwer zu sagen. Es sind schöne Stücke dabei, aber die Wohnung ist voll und das meiste ist nichts.«
»Wollen Sie ein Glas Wasser? Entschuldigung, ich habe gar nicht gefragt.« Herr Fleck drehte sich schon Richtung Küche. »Oder einen Kaffee. Es gibt auch eine Kaffeemaschine. Gar keine schlechte, eine DeLonghi, die war in den Achtzigern sehr teuer. Mein Opa hat Kaffee geliebt. Er hat eine Zeit lang in Rom bei der Botschaft gearbeitet.«
»Gerne ein Wasser«, sagte Maurice.
Herr Fleck griff sich an den Mund, als hätte er etwas vergessen. Dann nahm er zwei Gläser von der Bar und ging sie auffüllen. Maurice nutzte die Zeit, um den Vitrineninhalt zu schätzen. Ein paar Sammlertassen von geringem Wert, aber die Augarten-Väschen waren schön, in gutem Zustand und modern gestaltet. So etwas ging weg wie nichts, also konnte er sich die Kunden quasi aussuchen und damit auch den Preis. Mit dem Wert eines Gegenstandes ist es immer so eine Sache. Wenn man den richtigen Kunden hat, spielt der gar keine so große Rolle. Aus Sicht des Händlers gibt es die meisten Stücke oft. Für den Kunden ist es anders. Der Kunde begegnet einem Stück zum ersten Mal und wenn er es mag, dann ist die Frage nur noch, was er zu zahlen bereit ist. Er darf nur nicht das Gefühl bekommen, übers Ohr gehauen zu werden. Ein Kunde, der weiß, was er kriegt, zahlt einen guten Preis und lacht dabei.
»Können Sie schon eine Größenordnung sagen?«, fragte Herr Fleck und drückte Maurice das Wasserglas in die Hand.
»Seriöserweise nicht«, sagte Maurice, nahm einen Schluck von dem Wasser und stellte das Glas in ein Bücherregal. »Es ist ein großer Nachlass. Ich muss alles einzeln schätzen, und dann rechne ich es mit den Räumungskosten gegen.«
»Aber mit was darf ich rechnen: fünfstellig?«
Maurice riss die Augen demonstrativ auf. »Es kann sein, dass kaum etwas übrig bleibt.«
Herr Fleck verfiel.
»Es muss nicht sein«, sagte Maurice, um dem Verfall entgegenzuwirken, »es kann sein. Ich weiß ja nicht, was sich noch alles findet. Einmal habe ich bei einem Nachlass im letzten Schrank ein Schmuckkästchen gefunden, das allein war so viel wert wie alles andere zusammen. Darin war nämlich eine Feuergranatbrosche, neunzehntes Jahrhundert, böhmischer Schliff. Ein atemberaubendes Stück.«
Herr Fleck stützte sich auf dem Lederfauteuil ab und stürzte sein Wasser herunter. »Für nichts verkaufe ich den Nachlass nicht, das sage ich Ihnen gleich.«
»Mehr als nichts bekommen Sie auf jeden Fall. Die Räumungskosten sind allerdings mit etwa dreitausend Euro zu veranschlagen.« Maurice zeigte Herrn Fleck die gespreizten Handflächen und senkte sie. »Warten Sie erst einmal ab. Man soll sich nicht verrückt machen, bevor man überhaupt die Fakten kennt.«
Am Ende einigten sie sich auf zwölfhundert Euro. Sicherlich weniger als Herr Fleck sich erhofft hatte, aber Maurice hatte ihm klar gemacht, dass ein anderer ihm nicht mehr geben würde. Er hatte ihm offen gesagt, dass er mehr kriegen könne, wenn er alles selbst verkaufen würde, aber erwartungsgemäß war Herr Fleck erleichtert, die Wohnung leer zu bekommen und sogar noch etwas zu kassieren. Kunden hängen oft an den Erbstücken, aber nicht so richtig. Sie fühlen sich den Dingen gegenüber verpflichtet, aber vor allem wollen sie sie auf unanstößige Art loswerden. Die Händler bekommen die Stücke billig, weil sie versichern, ein gutes Plätzchen für sie zu finden. Der Kunde ist beruhigt und kann seine Wohnung vermieten.
Herr Fleck war sogar so zufrieden, dass er Maurice in der folgenden Woche im Geschäftsraum besuchte, um sich zu bedanken. Zumindest sagte er das. Er stand ungefähr da, wo Sie jetzt stehen. Damals war hier eine Sitzecke, zierliches Biedermeier, zwei gepolsterte Stühle und eine Bank.