Читать книгу Inner Circle - Wie Eis und Asche - Sophie Oliver - Страница 7
3.
Оглавление»Anne!« Cheryl war teils erschrocken, teils erfreut. Nachdem sie das Büro verlassen hatte, wollte sie nur kurz im Supermarkt etwas zu essen besorgen, damit sie sich in ihrer Wohnung voll auf die Computerrecherche konzentrieren konnte. Sie würde Ashkani nicht noch einmal enttäuschen.
Die Feinkostabteilung ihres lokalen Marks & Spencers bot eine Auswahl an Fertiggerichten jenseits von Mikrowellenmakkaroni. Sie hatte sich für eine Trüffelsuppe, einen Brunnenkressesalat und eine Packung frischer Himbeeren entschieden und überlegte nun, ob sie sich ausnahmsweise noch ein Schokoladeneclair gönnen sollte, auch wenn dies ihre heutige Kohlenhydratbilanz sprengen würde. Sie war so sehr in Gedanken, dass sie Anne beinahe mit ihrem Einkaufskorb gerammt hätte.
»Hallo, Cheryl«, sagte Anne mit einem Lächeln. Ob es ehrlich oder nur gespielt war, ließ sich nicht feststellen. »Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht es dir? Du siehst fantastisch aus.«
»Danke. Gut. Und dir?«
»Sehr gut.« Sie deutete auf die Sachen in Cheryls Korb. »Anscheinend gibt es bei dir heute schnelle Küche. Bei uns auch. Aber wie ich dich kenne, wirst du nach dem Essen noch die halbe Nacht am Computer verbringen. Hast du viel zu tun bei Juri Ashkani?«
Es war Cheryl peinlich, direkt darauf angesprochen zu werden. »Hör zu, Anne, du weißt, wie viel mir mein Job bedeutet. Er ist alles, was ich habe. Ich konnte ihn nicht aufgeben, egal, wer mein Boss ist. Ich hoffe, Jamie nimmt mir das nicht übel.«
»Anfangs war er enttäuscht. Aber nachdem er darüber nachgedacht hatte, ist er zu dem Schluss gekommen, dass deine Entscheidung nachvollziehbar war. Wieso solltest du deine Karriere an den Nagel hängen, nur weil die Chefetage wechselt? Es gibt keinen Grund für ihn, dir irgendetwas übel zu nehmen.«
»Tatsächlich? Er hält mich nicht für eine Verräterin?«
Anne lachte. »Aber nein. Und was mich betrifft – ich werde dir sowieso immer dankbar sein. Wer weiß, wie die Sache mit George damals ausgegangen wäre, wenn du mir nicht geholfen hättest.« Dann sah sie Cheryl etwas genauer an. »Geht es dir wirklich gut?«
»Ja ja. Nur der ganz normale Stress.«
»Kann ich dir bei irgendetwas helfen?«
Dieses Angebot überraschte Cheryl. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sie gelernt, Anne Harkdale zu schätzen. Ihre direkte Art und die Intelligenz, mit der sie alles hinterfragte, beeindruckten sie. Sie wusste, dass Anne die meiste Zeit ihres Lebens auf sich allein gestellt gewesen war. Eine Gemeinsamkeit, die sie beide verband. »Das ist wirklich nett, danke, aber ich komme schon zurecht.«
»Okay. Wenn du mal Lust hast, dich mit mir auf einen Kaffee zu treffen, melde dich bitte, wir sind ja jetzt wieder in der Stadt. Ich würde mich freuen.«
Das klang aufrichtig. Vielleicht würde sie es tatsächlich machen. Die Ereignisse von vor fünf Jahren, Threakstons Ermordung durch George Finmore, verbanden sie irgendwie, auch wenn sie sich aus den Augen verloren hatten. Außerdem war sie natürlich neugierig, woran Anne und Jamie gerade arbeiteten. Denn dass die beiden Privatiers waren, dachte Cheryl für keine Sekunde. Sie blickte Anne nach, wie sie in Richtung Kasse ging. Gut sah sie aus, in ihrer engen Jeans und dem Wollmantel. Cheryl hatte sofort erkannt, von welchem Designer er stammte. Anne machte einen entspannten Eindruck. Sie trug das Haar offen und heller als früher. Ihr gebräunter Teint verriet, dass sie noch vor Kurzem in wärmeren Gefilden geweilt hatte. Aber wer wusste bei Anne Harkdale schon, ob das, was man sah, auch der Wirklichkeit entsprach? Sie war ein Chamäleon, passte sich ihrer Umwelt an, um zu überleben. Genau wie Cheryl.
Ein paar Stunden später, das Eclair lag unangetastet neben einer kalt gewordenen Tasse Tee, starrte sie auf den Bildschirm ihres Computers. Das würde ihrem Boss nicht gefallen.
Madame Adea herrschte anscheinend nicht nur über eine Armee von wunderschönen Freudenmädchen, sondern befehligte auch einen Schlägertrupp, der eben jene Mädchen gewaltsam wieder einnordete, wenn sie vom vorgegebenen Weg abkamen. Es war nicht schwer gewesen, sich Zugang zur Privatkonversation einiger von Madame Adeas Angestellten zu verschaffen. Was sie las, betrübte Cheryl. Die Mädchen waren teilweise blutjung, ihr Leben bestimmt von Sex, Drogen und Gewalt.
Bei Madame Adeas Account stieß Cheryl an ihre Grenzen. In der Hoffnung, dort Verbindungen zu Schleusern oder Hintermännern zu entdecken – immerhin hatte Ashkani ihr aufgetragen, alles herauszufinden –, reizte sie ihre Softwarekenntnisse aus, ohne etwas zu erreichen. In diesen Account konnte sie sich nicht hacken. Im Grunde ihres Herzens war sie deswegen erleichtert, denn irgendwie erschien er ihr wie ein Abgrund, in welchen sie nicht wirklich blicken wollte, wenn es sich vermeiden ließ. Auch so wusste Cheryl, worum es der Albanerin ging. Um Macht und Einfluss in Londons besserer Gesellschaft. Dort saß das Geld, n eues und j ahrhundertealtes. Ein Schlaraffenland. Etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Juri würde kein leichtes Spiel mit ihr haben, so viel war klar.