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K A P I T E L 3
ОглавлениеIn der Unterwelt
Er löste die blutrote Krawatte und warf sie gedankenlos neben seinen kunstvoll geschnitzten Thron, der aus menschlichen Knochen bestand. Dieser war wirklich ein Meisterstück, das Lob musste er dem Erschaffer des einzigartigen Kunstwerkes ehrlich zollen. Das graue Jackett landete auf der Krawatte, und nachdem er die Knöpfe des blütenweißen Hemdes mehr oder weniger aufgerissen hatte, sah man auch die massiven Ketten, die bis zu dem prallen Bauch fielen. Ebenso die goldenen Ringe, die seine Brustwarzen zierten.
Seine Gedanken waren noch bei der gerade abgehaltenen Pressekonferenz. Diese Narren! Sie hatten ihn tatsächlich gefragt, wo er denn als Bundeskanzlerkandidat so oft hin verschwinden würde, dass man meinen könnte, die Erde hätte ihn verschluckt? Er hatte gelacht, in die Runde der geifernden Journalisten geblickt und geantwortet: »Na, da haben Sie aber den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich schmore natürlich in der Hölle.« Alle waren in heiteres Gelächter ausgebrochen und hielten diese Antwort, wie alles, was er von sich gab, für absolut genial und humorvoll. Sie nannten ihn sogar einen Mann des Volkes.
»Diese Narren. Sie erkennen selbst dann den Wolf nicht, wenn er in Wolfsgestalt vor ihnen steht. Sie sind blind und dämlich.«
Lediglich seine Parteifreunde, das heißt, seine Lakaien, die sich deren Körper bedienten, wussten, dass er die Wahrheit gesprochen hatte. Ihr Lachen war echt, im Gegensatz zu sonst, wenn sie die Menschen mit schönen Worten manipulierten und so in Sicherheit wiegten.
Was für ein mieses Schaffenswerk, der Adamit. Er schüttelte genervt den Kopf und ließ seinen Blick auf eine gewölbte Scheibe an der Decke gleiten. Sternbilder waren darauf zu erkennen. Die Jungfrau, der Löwe und andere. Nachdenklich rieb er seinen Schlangenring, um den ihn die ganze Unterwelt beneidete, an den Lippen.
»Das würde mir auch noch fehlen«, maulte er.
Die Zeichen waren einfach nicht misszuverstehen. Das Jahr 2017 hatte begonnen, und im September sollte der finale Kampf beginnen. Alles deutete auf seine Rückkehr hin. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Aber auch nach so langer Zeit war er einfach noch nicht zu dem Treffen mit ihm bereit. Die Propheten sagten alle ausnahmslos seinen eigenen Untergang voraus.
»Argh!« Wütend schleuderte er einen griffbereiten Totenschädel nach oben, traf das Sternbild der Jungfrau, und wich dem wieder zurückfallenden Schädel aus, der auf dem blanken Marmorboden in tausend Stücke zerbarst.
»Du Hure«, schrie er das Sternbild an.
Aber es würde nichts nutzen, sich mit seinen Worten auf die himmlische Brut Luft zu machen. Sie waren schon immer Spielverderber gewesen. Alle, die zu dieser Seite gehörten. Sie kannten einfach keine echte Lust und Spaß. Immer schön sittsam und fromm.
»Weißt du was, Messias? Ich finde dich zum Kotzen«, schrie er erneut die Decke an.
»Na, willst du wieder mit deinen Wundern angeben? Den Kranken die Füße küssen? Oh ja, das bringt echt Fun, du Schwuchtel.«
Er redete sich immer weiter in Rage, so wütend war er in Anbetracht der Situation, die er nicht zu ändern vermochte. Es ist zum Haareausreißen! Er fühlte sich hilflos. Was nützten ihm seine Armeen, seine vielen gekauften Seelen, wenn die Prophezeiungen alle sein Verlieren voraussagten? Aber eins schwor er sich, und in diesem Fall dem Bild an der Decke:
»Bis es soweit ist, werde ich noch so viele Seelen, wie ich kann, in den Abgrund reißen.«
Sein Lachen, das er ausstieß, klang wie das Lachen eines Irren.
»Ich werde Engel schlachten lassen. Weiße Federn werden fliegen, und sie werden blutgetränkt sein. Das verspreche ich dir, Messias. Und jetzt hole ich mir die kleine weiße Hexe.«
Erneut lachte er dieses Lachen, das an das Meckern eines Ziegenbocks erinnerte.
»Ja, sie wird mein, und vorher treibe ich noch ein diabolisches Spiel mit ihr. Man sagt doch nicht umsonst, Hexen wären die Konkubinen des Teufels. Eigentlich war es mein Plan, als ich sie in das Zeitloch stieß, sie als ihr Engel zu beglücken. Aber just in diesem Augenblick ist mir ein viel genialerer Streich eingefallen. Das wird wahrscheinlich mein allergrößter Spaß überhaupt. Und zwei Player des perfiden Spiels befinden sich schon in der Vorhölle und bibbern, weil sie mir ihr Versagen beichten müssen. The Show must go on, so lange es geht.«
Er schnippte mit den Fingern. Es materialisierten sich zwei Kreaturen, so als wären sie schon die ganze Zeit über - nur unsichtbar - dort gewesen. Es war ein Mann mit langen schwarzen Haaren. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, weil er dieses dem dreckigen Boden zugewandt hatte und ihn sogar küsste. Seine schwarzen Flügel lagen zusammengeklappt auf dem Rücken. Die andere Person war eine junge Frau in Armeekleidung. Auch sie hatte ihr Gesicht gen Boden gewandt. Nach einem weiteren Schnippen krochen sie wie Hunde auf allen Vieren und jammerten, bis er es nicht mehr ertrug.
»Wie kann man nur so dämlich sein?«, verhöhnte er die unsäglichen Kreaturen.
»Es tut mir unendlich leid, Eure blutrünstige Eminenz«, brachte der gefallene Engel hervor.
»Und du?« Der Teufel hatte das Wort nun direkt an die junge Frau gerichtet.
Sie zuckte zusammen, als hätte sie ein Blitz getroffen. »Ich wollte … Ich habe …«, stotterte sie.
»Du hast dein Bestes getan, Nunzia. Nur dieser Looser hat alles kaputt gemacht.«
Die Brünette, Nunzia, glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Der Teufel höchstpersönlich hatte ihr ein Lob ausgesprochen. Sie hatte geglaubt, so wie Karmath es ihr erklärt hatte, sie hätten zusammen total versagt. Dem war gar nicht so. Der Teufel hatte sie sogar für ihre Leistung in der Oberwelt gelobt. Ihr Herz schwoll vor Stolz an.
Der Herrscher der Hölle wusste, was seine schmeichelnden Worte bei der jungen Werwölfin bewirkten. Er grinste in sich hinein und spürte auch den Neid des dunklen Engels, der sich zu Recht herabgesetzt fühlte. Aber so schnell konnte man die Karriereleiter wieder herunterfallen, gerade bei ihm. Das hätte Baron Karmath wissen müssen.
»Ich weiß, dass ich mich auf dich voll und ganz verlassen kann«, schmierte er ihr weiter Honig ums Maul und genoss die Wut, die der Gefallene nun versprühte.
»Ich werde euch auf eine wichtige Mission schicken. Und Nunu wird das Kommando übernehmen. Hast du gehört, Karmath?«
Der dunkle Engel wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah. Ja, er hatte mit einer fiesen Bestrafung gerechnet, nicht aber damit, dass er nun auf das dumme Blag hören sollte. Sie war in seinen Augen strohdumm und für wichtige, weitgreifende Entscheidungen auf gar keinen Fall die richtige Anführerin. Aber das schien ihr Chef anders zu sehen, sonst hätte er ihr nicht das Kommando übertragen. Alles in ihm sträubte sich dagegen, von der Wolfsbrut Befehle entgegenzunehmen. Aber wenn er seinen Kopf behalten wollte, müsste er sich dem wohl oder übel beugen.
Der Teufel machte eine unmissverständliche Handbewegung, dass er den Raum verlassen sollte. Als sich Nunzia ihm anschließen wollte, hielt der Teufel sie mit folgenden Worten zurück: »Nein, du bleibst. Wir haben einiges zu besprechen.«
Nach Stunden, die dem Gefallenen wie Ewigkeiten vorkamen, trat die Lykanerin zu ihm in die Vorhölle. Sie hatte sich in der Zeit frappierend verändert. Von dem einst schüchternen Mädchen war nichts mehr zu erkennen. Vor ihm stand eine selbstbewusste Frau, die wusste, dass sie gewonnen hatte, und die sich nicht die Butter vom Brot klauen lassen würde.
»Wir müssen los! Unsere Aufgabe wartet. Karmath, ich brauche dir wohl nicht zu sagen, was ich mit dir anstelle, wenn du dich mir widersetzt.«
Der Baron kochte innerlich. Was bildet sich dieses Weibsstück ein? Aber er nickte, setzte sogar ein charmantes Lächeln auf.
Die Brünette erwiderte es und legte ihm beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. Ihr Blick suchte den seinen, und sie schien in die zerstörerischen Seelenschlünde eintauchen zu wollen.
»Gut, dann verstehen wir uns ja ausgezeichnet. Sei schön lieb zu mir, dann bekommen wir auch keine Probleme.«
Ehe der dunkle Engel etwas erwidern konnte, hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange, ergriff seine Hand und entmaterialisierte sich aus der Vorhölle, um ihre geheime Mission anzutreten.