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Kapitel 4

Schlechtes Wetter war gegen Abend über London aufgezogen und jetzt heulte ein Sturm durch die menschenleere ›Great Russel Street‹. Zahlreiche Dachziegel prasselten auf das Straßenpflaster. Es war eine unheimliche Nacht.

Die alteingesessene Fabrik ›Pears‘ Soap‹ war eine der größten, in der öden, langen und trostlosen Reihe schmutzigroter Rohziegelbauten. Sie war von einer hohen Mauer umgeben. Sie stand am Ende der Straße, wo die Weite der unbebauten Flächen begann, und wo sich der Sturm ungehindert ausbreiten konnte. Mit ganzer Wucht warf er sich auf die beiden Männer, die entlang der Fabrikmauer durch die Nacht liefen.

Schritt für Schritt kämpften sie sich vorwärts. Dabei stemmten sie ihre Füße hart auf den Boden und arbeiteten sich, den Oberkörper weit vorgebeugt, langsam weiter, bis sie endlich eine Tornische erreichten. Dort blieben sie keuchend stehen.

»Was für ein Mistwetter! Es schüttet Katzen und Hunde!«, knurrte der eine der beiden Männer, der sich zuerst in den Mauerwinkel drückte und den aufgewirbelten Sand aus den Augen wischte. »Mir fallen schon die Augen aus den Höhlen!«

»Dann nimm sie halt in die Hand!«, spottete der andere. »Und jetzt sieh nach, ob wir hier auch an der richtigen Adresse sind, Poindexter!«

Poindexter entzündete eine kleine Sturmlaterne, die in der Linken mit sich trug.

»Das ist die Seifenfabrik … Irrtum ausgeschlossen!«

Der Lichtkegel zuckte über die Rohziegelmauer, huschte über das Eichenholztor und blieb an einem Emailleschild kleben.

»Richtig, mein Junge … Geh voran!«

Poindexter löschte die Laterne und die Finsternis wurde auf der Stelle noch undurchdringlicher. Er stellte sie ab und holte einen Schlüsselbund aus einer Tasche seines Staubmantels. Metall klirrte. Das Schloss wehrte sich knirschend gegen den Nachschlüssel. Für einen Augenblick hatte der heftige Wind ausgesetzt – jetzt pfiff er wieder schneidend durch die Straße.

»Lass das«, meinte Flanagan als er bemerkte, dass der Schlüssel nicht so richtig passen wollte. »Es gibt auch noch einen anderen Weg in die gastlichen Hallen … Dann eben die harte Tour …, über die Mauer!«

Poindexter wollte etwas erwidern, aber der mit aller Wucht einsetzende Sturm erstickte ihm das Wort im Munde. Sofort drückte er sich, den Hut tief in die Stirn ziehend, noch enger in den Torwinkel.

»Über die Mauer …!«, versuchte sich Flanagan verständlich zu machen. »Dadurch wird es für allzu Neugierige schwieriger … Hast du unsere Sachen untergebracht?«

»Schon vor Tagen … Im Fabrikhof. In einem kleinen Schuppen!«

»Dann komm … heute dürfte jeder anständige Polizist bei einem Glas Grog in der warmen Stube sitzen!«

Flanagan trat aus der schützenden Tornische heraus. Den Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen. Mit dem Rücken stemmte er sich gegen die hohe, glatte Mauer und traf kurze, knappe Anweisungen. Er unterstützte Poindexter mit allen Kräften dabei, sicheren Halt auf seinen Schultern zu finden. Als der Sturm eine kurze Atempause einlegte, zog sich Poindexter mit einem raschen Emporschnellen auf den Rand der Fabrikmauer. Kaum das er auf der Mauer saß, warf er Flanagan ein Seil zu, dessen Enden er um seinen Leib geschlungen hatte.

Flanagan griff nach dem Seil und kletterte daran nach oben. Wieder setzte der Sturm ein. Diesmal mit deutlich mehr Wucht. Er drängte den Kletterer von der Wand ab, schleuderte ihn zurück und ließ ihn hin und her pendeln. Flanagan stieß einen Fluch aus, der im Brausen des Sturmes erstickte. Er biss die Zähne zusammen und schlang sich das Seil um den rechten Fuß, um nicht abzugleiten. Dann suchte er mit dem linken Fuß nach einer Spalte in der Ziegelmauer und schob sich, immer wieder von dem rasenden Orkan hin und her geschleudert, Zoll um Zoll höher. Als er endlich den Mauerrand erreichte, half ihm Poindexter vollends hinauf.

Um nicht hinuntergeweht zu werden hatte er sich flach auf die Mauer gelegt. Der Aufstieg hatte viel Kraft gekostet und so verharrte er in dieser Position für einige Minuten. Nachdem er wieder einigermaßen zu Atem gekommen war, zog er das Seil herauf und begann auf der anderen Mauerseite mit dem Abstieg. Als der Sturm erneut aussetzte und nur das ferne Tosen der Themse die atembeklemmende Stille unterstrich, standen sie bereits im Hof der Fabrik.

Flanagan

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