Читать книгу Birdie - Tracey Lindberg - Страница 16

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Als Bernice auftaucht, wirkt die Luft im Raum verändert, der Geruch aus dem Café im Erdgeschoss ist beinahe bedrückend süß. Da Lola heute noch nicht da gewesen ist, nimmt sie an, dass ihre Chefin ein Dessert des Tages plant und sich ganz auf die Zubereitung konzentrieren muss. Es ist nicht so, dass Lola eine schlechte Köchin wäre – sie ist eine tolle Köchin –, aber Backen ist nicht gerade ihre Stärke. Sie hat sich dabei auf Bernice’ gutes Gespür verlassen. Bernice fragt sich etwas gereizt, wie es um das Gebäck steht, jetzt, wo sie sich nicht darum kümmert, verwirft dann aber die Überlegung und schläft wieder ein.

Um vier wacht sie auf und spürt, dass weder Lola noch Skinny Freda da sind. Sie überlegt, ob sie um fünf den Fernseher anschalten sollte, entscheidet sich aber dagegen. Wenn sie sich zu viel bewegt, das weiß sie, werden die anderen sie bald nicht mehr beachten. Freda wäre besonders gewissenhaft unaufmerksam – ihre Gleichgültigkeit in Krisensituationen ist legendär.

Als ihr kein Abendessen gebracht wurde, wusste sie, dass im Café etwas im Gange war. Von draußen sind Gelächter und das Gekreisch ungezügelter Heiterkeit zu hören, und Bernice fragt sich, ob es ein Feiertag ist. Schwer zu sagen, denn der Frugal Gourmet macht keine Themensendungen und wird ohnehin endlos wiederholt, aber der Himmel war hell und hatte nicht mehr diesen Farbstich, diesen matten Bernsteinton wie bei kaltem Wetter.

Zuhause war der Frühling üppiger und freundlicher als hier an der Küste. Man konnte eine andere Sorte Eis unter den Füßen knacken hören und daraus folgern, dass es nicht mehr schneien würde. Oder ein bestimmtes Kaninchen ließ sich kurz blicken, und das bedeutete, dass der Frost vorbei war.

Außerdem wusste man, dass es Frühling wurde, wenn man zum ersten Mal beinahe Fredas Titten sehen konnte, denkt sie und verkneift sich ein Grinsen. Es stimmte zwar, dass mit dem Frühlingsanfang für ihre Cousine eine Zeit der hohen Absätze, kurzen Röcke und tiefen Ausschnitte anbrach, aber es war nicht nett, das zu denken. Oder zu denken, dass es leichter war, einen Blick auf Fredas Arsch zu erhaschen als auf ein gerade erwachtes Murmeltier, Ersteres aber genauso verlässlich den Wechsel der Jahreszeit anzeigte.

Die beiden Cousinen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Sie haben, wie Bernice weiß, beide ihre Stärken. Und sind beide auf eine Weise gnadenlos, die Val und Bernice’ Mutter fremd ist. Wenn die vier Frauen eins gemeinsam hatten, dann, dass sie sich nur auf sich verließen. Da sie mitangesehen hatten, wie Väter und Ehemänner aus ihrem Leben verschwanden (mit einer Pulle oder einer Brünetten im Arm), wussten sie aus erster Hand um die Notwendigkeit weiblicher Solidarität. Sie verließen sich ausschließlich auf andere Frauen, und das schloss mit ein, dass sie Probleme auf eine Weise angingen, die von Frau zu Frau weitergereicht wurde, mit weiblichen Methoden. Deshalb konnten sie alle vier, obwohl Freda fest der Hiebe-statt-Liebe-Denkschule angehörte, um der Familie und ihrer Gemeinschaft willen mühelos Geschlossenheit demonstrieren. Eine schäbige Geschlossenheit vielleicht, aber zumindest verlässlich. Auf jeder von ihnen lastete eine übergroße Verantwortung, als bezahlten sie für die Bürde, welche die Männer ihnen vor die Füße fallen ließen, mit einem Verlust an Haltung und an emotionalem Reichtum, der noch nicht zu beziffern war.

Bernice fragt sich, wie lange schon, seit wie vielen Generationen die Frauen die Verantwortung für Kinder, Familie, das Zuhause und die Versorgung tragen. In ihrer Gemeinschaft gingen die Männer weg. Manche in die Stadt. Um zu arbeiten. Oder auch nicht. Manche ins Gefängnis. Zu Recht oder zu Unrecht. Manche gingen einfach nur so, und man hörte jahrelang nichts mehr von ihnen.

Manchmal glaubt Bernice, es war besser so. Als ihr Dad wegging, hat Bernice (in dem Augenblick) nicht geglaubt, dass es so besser war. Immer, wenn sie an ihren Vater denkt, spürt sie einen Kloß im Hals. Kein Vergleich zu dem Schmerz in der Brust, den sie beim Gedanken an ihre Mutter empfindet. Es ist ein Unterschied wie zwischen einem Penny, der in eine Pfütze fällt, und einer Springflut.


»Finger weg, Mädchen, ab fünf Uhr gehört Cola in den Whisky!«, hatte Onkel Louis sie angeschnauzt.

Sie war zusammengeschreckt, und alle Erwachsenen hatten gelacht, als sie die Flasche wieder losließ, einige ganz besonders laut. Wenn sie jetzt davon trank, musste später vielleicht jemand losgehen und Nachschub holen. Sie wusste, dass sie damit durchkommen konnte, eine schlagfertige Antwort zu geben und sich einzuschenken. Wenn sie die Erwachsenen nur zum Lachen brachte, würden sie ihr verzeihen. So dringend wollte sie die Cola dann aber doch nicht.

Ihr Onkel hatte verächtlich geschnauft. »Du solltest eh besser abspecken.«

Sie hatte im Rausgehen noch die Stimme ihrer Mutter gehört. »Also echt, Lou, auf ein Glas kommt es jawohl nicht an«, sagte sie.

»Die ist viel zu empfindlich«, hörte Bernice ihren Onkel murren.

Es tat ihr leid, den Raum verlassen zu haben. Als ihr Blick die Bücherstapel aus der Bibliothek streifte, die auf ihrem Zimmerfußboden lagen (der Teppich war von dieser Sorte, die sich anfühlen soll wie frisches grünes Gras), ging es ihr schon besser. Der Samstag war damals für sie so ziemlich der beste Tag der Woche. Vier Stunden brachte sie in der Bibliothek zu; dreieinhalb Stunden zu viel, wenn man Miss Robbins fragte. Miss Robbins musste mindestens siebzig sein, dachte Bernice. Und sie war fast sicher, dass Miss Robbins – Clara Robbins – rauchte. Sie hatte arthritische Hände und kannte in der Bibliothek von Grande Prairie jeden einzelnen Titel. Ihre gelblichen, fleckigen, pergamentenen Finger sprangen in erschreckender Geschwindigkeit von einem Buchrücken zum nächsten, wenn sie etwas aussuchte, das Bernice lesen konnte. Außerdem war die alte Frau mit den orange geschminkten Lippen – einem Orange, das in freier Natur nicht vorkam – in Bernice’ Erinnerung notorisch misstrauisch.

»Bernice Meetoos, das Buch ist zu erwachsen für dich. Judy Blume ist nichts für zehnjährige Kinder«, sagte sie einmal fast lauernd, gar nicht mit ihrer Bibliothekarinnenstimme, sondern mit einer anderen, einer in-krimi-nierenden Stimme, wie Bernice fand. Sie wusste nicht genau, was das hieß, aber es klang, als würde man etwas Kriminelles in jemanden reintun. Sie hatte das Wort im New Yorker gelesen (was Miss Robbins ein lauteres missbilligendes Schnalzen entlockt hatte als je zuvor). Bernice hatte sich zusammengereimt, dass Miss Robbins nun einmal dazu neigte, in die Vorlieben von Zehnjährigen etwas Kriminelles hineinzulegen.

Bernice’ Momma war der Ansicht, Bernice dürfe lesen, was sie wollte. Oder zumindest durfte sie mit nach Hause bringen, was sie wollte. Bernice ging davon aus, dass ihre Mutter das so hielt, weil sie am allerbesten beurteilen konnte, was Bernice lesen sollte, fast so gut wie Bernice selbst. Daran erinnerte sie Miss Robbins zum sechzehntausendsten Mal.

Miss Clara Robbins schnalzte mit der Zunge und sagte: »Die Mutter will ich ja mal sehen.«

Das klang in Bernice’ Ohren, als ob sie nicht einmal glaubte, dass Bernice eine Mutter hatte.

Sobald Miss Robbins ihr den breiten Bibliothekarinnenhintern zuwandte, streckte Bernice ihr die Zunge raus und machte sich, so beeindruckt sie auch von der Breite dieses Hinterns sein mochte, wieder auf die Suche nach dem perfekten Buch.

In dem perfekten Buch, fand Bernice, müsste es ein sauberes Haus geben, und in jedem freien Behältnis wären Blumen. Es gäbe keine Brandlöcher in grellbunten Teppichböden, keine leeren Flaschen, keine halbleeren oder ausgekippten Gläser auf dem Fußboden nach dem Wochenende und keinen ungebetenen Besuch von Freunden der Eltern. Niemand würde sie in ihrem Zimmer unter der Treppe behelligen, und sie würde nicht davon aufwachen, dass jemand die Stufen hochdonnerte (wenn es Streit gab) oder herunterpolterte (wenn jemand stürzte). Es gäbe nur strahlend glückliche Bewohner, die einander lächelnd in die Arme nahmen. Nie würden sie aufeinander rumhacken oder sich übereinander lustig machen, um andere zum Lachen zu bringen.

Sie würden in Disneyland Urlaub machen und als Familie zusammen spazieren gehen und gemeinsam essen und einander dabei Fragen stellen, deren Antworten sie brennend interessierten. Es gäbe auch eine etwas mollige, sehr schlaue und beliebte Tochter. Diese Tochter, die zufällig genauso alt wäre wie Bernice, würde Kleidung aus einem richtigen Laden tragen, sich die Haare in einem Salon schneiden lassen (dieses Wort liebte Bernice, und sie liebte auch »schwülstig«, »Nomenklatur« und »Konglomerat«) und bräuchte keine Bücher aus der Bibliothek auszuleihen, sie hätte nämlich ihre eigene Bibliothek. Guten Freunden würde sie manchmal Bücher leihen, aber Fremden niemals, und ihre Lieblingsbücher würde sie auch niemandem geben. Sie könnte Bücher lesen, so viel sie wollte, und müsste nie damit aufhören, weil Makramee-Kurs war oder weil Verwandte zu Besuch kamen – oder weil sie sich fragte, was da oben los war, wenn jemand auf den Boden krachte oder die Treppe herunterfiel.

Da sie das perfekte Buch nie fand, musste sie sich mit Geschichten über perfekt wirkende Familien zufriedengeben.

Ein Schwall von grölendem (was von »Groll« kommen musste, dachte sie) Gelächter schwappte durchs Wohnzimmer in die Abstellkammer (inzwischen ihr Schlafzimmer) unter der Treppe. Sie tippte leise mit dem Zeh gegen die Tür (was sie vom Bett aus schaffte; sie hatte dieses Manöver schon vor Jahren perfektioniert), um sie zu schließen, ohne dass es jemand bemerkte. Dann überlegte sie es sich anders, öffnete die Tür wieder und knallte sie zu, gerade laut genug, dass die anderen es hörten. Darunter schien das letzte wintrige Tageslicht hindurch, ein kleiner Spalt nur und eine Erinnerung daran, dass in perfekten Familien niemand mit den Türen knallen musste, um anderen zu sagen, dass sie heimgehen sollten.

Dem Türenknallen folgte verwaschenes weibliches Gelächter.

»Das war laut und deutlich, Kiddo!«, rief Terry, die Freundin ihrer Mom. Bernice’ Mom hielt sie zumindest für ihre Freundin, aber Bernice kannte ein Geheimnis. Terry wollte nämlich was von ihrem Dad. Eines Nachts, als sie sich ein Glas Wasser holte, sah sie, wie sich Terry in der Küche an ihrem Vater rieb. Ihr Dad atmete dabei so komisch. Daraus schloss sie, dass es ihn nicht besonders störte. Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl und wartete stur, bis die beiden sie bemerkten. Terry lächelte und kam auf sie zugelaufen. »Was ist denn los, Süße, hast du schlecht geträumt?« Sie beugte sich über Bernice und strich ihr das Haar aus der Stirn.

Bernice wurde von Terrys Alkohol- und Zigarettenatem schwindlig. Sie schielte zu ihrem Dad hinüber und sagte sehr betont zu Terry: »Deine Bluse ist offen.«

Dann stand sie auf und ging, während ihr Vater Terry auslachte, die hastig ihre Kleidung in Ordnung brachte.

»So ein Miststück«, hörte Bernice Terry zu ihrem Dad sagen, als sie ihr Ohr an die Tür presste.

»Sie ist’n schlaues kleines Halfbreed«, antwortete er stolz, und obwohl Bernice lauschte, bis sie erschöpft einschlief, hörte sie aus der Küche keine weiteren Geräusche.

Das Wort »Halfbreed« gefiel ihr überhaupt nicht (wobei sie erst Jahre später richtig erfasste, was es bedeutete, so genannt zu werden). Vielleicht lag es daran, dass sie bei »breed« an »die intimste aller Begegnungen« denken musste. Bernice hatte im Frühsommer mit einem Harlequin-Romance-Heftchenroman begonnen, und darin wurde es so bezeichnet. Ihr Onkel Larry hatte es nicht so mit Intimität und nannte es »rammeln«. Das Wort mochte sie auch nicht. Es erinnerte sie an Kaninchen und daran, dass man ihnen das Fell über die Ohren zog. Bei der Vorstellung, wie Fett und Fleisch aufeinander klatschten, wurde ihr übel. Sie hatte einen empfindlichen Magen, und wenn sie nicht aufpasste, woran sie dachte, musste sie kotzen. Ein paarmal hatte sie das ausgenutzt, um aus der Schule wegzukommen, bis ihre Momma es durchschaute.

Sie ging aber sowieso nicht oft in die Schule. Manchmal hatte ihre Mutter eine dieser Kopfschmerzattacken, dann blieb Bernice zu Hause und verhielt sich leise. Wenn Maggie aufwachte, meist erst gegen elf oder zwölf, legte Bernice sich ins Bett und las, bis jemand sie bemerkte. Manchmal stellte sie sich auch krank, und es schien niemanden groß zu interessieren. Bernice fehlte öfter als alle anderen und hatte trotzdem ein ganz ordentliches Zeugnis. Ein paarmal war sie tatsächlich krank gewesen, und ihre Mutter hatte sie getröstet und versucht, ihre Leiden zu lindern, indem sie ihr ein Glas Ginger Ale gab, bei dem sie die Kohlensäure herausgerührt hatte, oder einen Tee mit viel Milch. Einmal allerdings hatte Bernice über Bauchschmerzen geklagt, und ihre Mom hatte ihr ein kleines Stück Seife in den Po geschoben. Daraufhin hatte sie sich das mit den Krankheiten und Ausreden gründlich überlegt.

Die Haustür ging auf und ließ die frostkalte Luft herein, Bernice merkte es sogar in ihrem Zimmer. Kurz darauf wurde es still im Haus, und bis auf die schweren Schritte ihrer Mutter (ein Geräusch, das zum Saubermachen nach einer Party fest dazugehörte) war nichts mehr zu hören. Ihre Anspannung löste sich ein wenig, und sie machte die Atemübungen, die ihr die Ärztin empfohlen hatte, damit sie besser Luft bekam, wenn das Asthma ihr zu schaffen machte. Es hing immer noch zu viel Rauch in der Luft, und vom tiefen Atmen wurde das Schwindelgefühl stärker. Trotzdem gefiel ihr das Haus gleich besser, wenn sie mit ihrer Mutter dort allein war. Freda war noch bei Kohkom; dort verbrachte sie inzwischen die meiste Zeit und würde erst am Montag wiederkommen.

Ihre Mom steckte den Kopf in den Raum unter der Treppe, ohne anzuklopfen. »Willst du jetzt eine Cola, mein Mädchen?«

Bernice folgte ihrer Mom in die Küche, die wieder erstaunlich ordentlich war, und schenkte sich ein Glas ein. Sie setzten sich zusammen an den Tisch, das war eins ihrer Rituale, und Bernice schaute ihrer Momma beim Zigarettendrehen zu. Manchmal wachte sie nachts auf und hörte das Tipp-Tipp-Tippen auf dem Tisch, wenn ihre Mom dafür sorgte, dass der Tabak bis zum Filter herunterrutschte. Dann saß sie nur da, stundenlang manchmal, und rauchte und starrte die Wand an. Ihr Schweigen ängstigte Bernice, die darauf angewiesen war, dass andere die Stille in ihr übertönten.

Trotz des Rauchs und des Bierdunstes roch ihre Mom nach Zwiebeln und frisch gebackenem Brot. Es war ein angenehmer Geruch, ein Zuhausegeruch, der an Tagen wie heute den ganzen Raum erfüllte, wenn ihre Mutter Brot, Bannockbrot und Brötchen für die Familie backte und einfror.

»Na, was treibst du da wieder in deiner Höhle?« Sie wies mit den Lippen in Richtung von Bernice’ Zimmer und erwartete die Antwort ihrer Tochter.

»Ich hab’ ein neues Buch angefangen.«

»Schon wieder? Meine Güte, wo lässt du bloß die vielen Wörter, Birdie?«

Ihre Mutter schaute sie ernst und nachdenklich an. Bernice, die es gewohnt war, sich jeder Aufmerksamkeit zu entziehen, wandte den Blick ab. »Du wirst die Erste von uns sein, die einen Schulabschluss bekommt. Um dich muss ich mir nie Sorgen machen, und ich weiß immer: Egal, was kommt, Bernice wird damit fertig. – Du siehst deiner Tante so ähnlich. Du kannst echt froh sein, dass du ihren Grips und ihr Aussehen hast«, fuhr ihre Mom fort. »Und ein Glück, dass du nicht ihre …« Maggie Meetoos zögerte. »Nicht die ganze Packung geerbt hast.« Sie lachte.

Bernice zuckte zusammen und hielt sich unwillkürlich die Hand vor den Mund. Sie hatte nicht gewusst, dass ihre Mutter sie hübsch fand. Für sie war immer Freda die Schönheit gewesen, die jedem auffiel. Außerdem fragte sie sich, was Auntie Vals ganze Packung war. Es klang nicht unbedingt nach etwas Gutem.

»Wusstest du, dass deine Tante früher auch ein Bücherwurm war?«, fragte ihre Mom.

Zwei Geheimnisse. Zwei Dinge, die sie bisher nicht wusste. Bernice wurde klar, dass ihre Mom getrunken hatte. Maggie hortete Geheimnisse, wie andere Konserven: gut versiegelt an einem dunklen Ort, bis man sie brauchte. Wenn ihre Mom betrunken war, versuchte Bernice ihre Angst und ihre Neugier im Gleichgewicht zu halten. Und Angst hatte sie zwar immer, einen Knoten im Magen und eine Anspannung im Rücken, aber es war wie in der Schwitzhütte: Die Leute waren kaum zu erkennen, aber man wartete gespannt, was sie als Nächstes von sich gaben. Das Problem war nur, dass Bernice immer nervöser wurde, je mehr ihre Mutter sich entspannte. Bei den seltenen Gelegenheiten – mit den Jahren weniger selten –, wenn ihre Mutter sich maßlos betrank, versteckte sich Bernice im Keller und las im Licht einer schulterhohen Lampe neben dem Trockner. Den Trockner schaltete sie an, um sich daran zu wärmen und um den Lärm der Erwachsenen über ihr auszublenden. Weißes Rauschen, das das braune Rauschen schluckte.

»Als du klein warst, iskwesis«, sagte ihre Mutter, »hat Auntie Val dich immer an sich gedrückt und zu mir gesagt, du wärst ihre Tochter.«

Maggie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, als wäre ihr vom Alkohol unwohl in ihrer Haut. »Das hatte ich noch nie erlebt, dass sich jemand so sehr in ein Kind verliebt, das nicht das eigene ist.«

Zu Bernice’ Erstaunen hatten sich die Augen ihrer Mutter mit Tränen gefüllt.

»Sie ist deine kee kuh wee sis, deine kleine Mutter.«

Drei Geheimnisse. Drei. Bernice hatte noch eine Mutter.

»Als Valene dann …« – Maggie suchte im Gesicht ihrer Tochter nach Anzeichen, was das kluge Mädchen bereits wusste – »weggegangen ist, weg von hier, da hat sie nie angerufen oder so. Ist einfach weg. Sie war sauer auf uns und wahnsinnig wütend auf die Welt. Als sie wiederkam, war sie nicht mehr dieselbe.«

Sie bemerkte den besorgten Blick ihrer Tochter und fügte hinzu: »Sie liebt dich immer noch genauso, Birdie, sie hat nur den Teil von sich verloren, der das auch zeigen kann.«


Das zu zeigen, damit hat auch Bernice zu kämpfen, als sie an dieses Gespräch zurückdenkt. In ihr wogen die Erinnerungen und prickeln die körperlichen Andenken an ihr Leben. Vor. Dem hier. Körper und Gefühle sind jetzt untrennbar verbunden, ihre Sealy-Matratze ein Schmelztiegel, in dem eins vom anderen ununterscheidbar wird. Da liegt sie voller Emotionen und Gefühle – Schmerzen, Kränkungen, Sehnsüchte, Liebe und Reue –, doch ihr ruhiger Körper gibt nichts davon preis. Freda und Lola, denen man die Sorge anmerkt wie einen schlimmen Kater, glauben, dass sie verfällt, aber Bernice weiß es besser. Sie weiß, dass sie sich sammelt.

Es ist ein echter Kraftakt, denkt sie. Ohne dass sie wüsste, was Zuhause ist, und obwohl sie dort nie war, fegt Heimweh über sie hinweg wie ein Rocksaum über den Boden. Könnten die Frauen in sie hineinschauen, dann würden sie einen Wirbel sehen, eine Beschleunigung, einen wahren Sturm. Was auch immer geschah – ihr Puls bleibt ruhig, während sich ihre Haut anfühlt, als ob sie von innen brennt.

Das Gefühl ähnelt dem Augenblick vor einer Ohnmacht, wenn sie sich richtig erinnert. Darin ist sie praktisch Expertin und meint zu wissen, dass es sich anfühlt, als ob man seine Haut ablegt und dann wieder anlegt. Sie versucht, sich selbst als Elchgulasch zu begreifen: Sie wird schon merken, wann sie gar ist. Das Gulasch ihrer Mom war das beste; vielleicht lag es an dem ganz frischen Fleisch, vielleicht auch daran, dass ihr selbstgemachtes Bannockbrot dazu gereicht wurde. Jedenfalls war ihr Elchgulasch ein Elixier, das fast alles heilte. Vielleicht ist Elch ihr Zuhause, denkt Bernice.

Das letzte Mal hat sie im Herbst, bevor sie in die Stadt gezogen ist, um dort zur Schule zu gehen, frischen Elch gegessen. Da muss sie zwölf oder dreizehn gewesen sein. Natürlich hatte ihn wieder ihre Mom gekocht. Sie wirkte klein und erschöpft, ungewöhnlich schwerfällig, als sie aufstand und zu dem hohen Kiefernholzschrank ging, den sie vor Kurzem lackiert und in die Küche gestellt hatte. Ihr kurzer brauner Arm reichte nur knapp bis an die Rückwand des Fachs, und sie verschwand fast im Schrank, um von dort etwas hervorzuholen. Bernice beobachtete, wie ihre Lider flatterten, als sie fand, was sie suchte, es mit den Fingern nach vorn kippte und daran zog. Es war eine braune Schachtel, in der Münzen klimperten. Ihre Mom hatte sichtlich Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und auf dem Weg zu ihrem Stuhl am Küchentisch schwankte sie zuerst in Richtung Treppe.

Maggie hatte einen Fünfdollarschein aus der Schachtel geangelt. »Würdest du mir Salz holen, aus dem HiLo? Es ist ja noch früh, und heute Abend brauchen wir welches.«

»Salz? Heute? Wir haben doch noch.« Bernice hatte den Salzstreuer in der Hand gewogen, der wie eine fette, tanzende weiße Frau geformt war. Er fühlte sich schwer an.

»Ayuh, wir brauchen mehr, ich will heute Fleisch trocknen und Gulasch kochen.«

»Heute noch?« Sie versuchte ihre Mom in ein Gespräch zu verwickeln, weil sie wenig Lust hatte, im Dunkeln und in der windigen Kälte vor die Tür zu gehen.

»Trödel nicht, zieh dir was über. Je eher du losgehst, desto eher bist du wieder zu Hause.«

Bernice war zur Haustür getrottet und hatte ihre Jacke angezogen.

»Nicht die, nimm den Parka, und vergiss nicht die Schneehose.«

»Die sieht dumm aus, ich hasse die Hose, Mom, die ist zu klein, und ich sehe darin aus wie …« – sie suchte nach einem passenden Ausdruck – »wie ein Bimbo.«

Bimbo, der Geburtstagsclown trat jeden Samstagmorgen um halb sieben in der Uncle-Bobby-Show auf. Von dem ganzen Marathon aus Professor Kitzel, Max der Maus und Spider-Man, den sich Bernice mit Freda und wechselnden Cousins und Cousinen zusammen anschaute, war er die schlimmste Etappe.

»Das Wort will ich in diesem Haus nicht hören!«, fuhr ihre Mutter sie an. Sie dachte offensichtlich nicht an Bimbo aus der Show, sondern an das Schimpfwort Bimbo für Frauen: Hirnloses Flittchen. »Sag das nie wieder.«

Zierlich wie sie war, pflanzte sie sich bedrohlich vor Bernice auf. Einen Moment lang hatte Bernice Angst, ihre Mutter würde sie schlagen.

»Nicht hauen.« Bernice kauerte sich in voller Montur in die Ecke – mit dem Parka, der Schneehose und den Fausthandschuhen hoffentlich gut genug gepolstert, dass es nicht so wehtun würde.

Irgendetwas begann sich auf dem Gesicht ihrer Mom abzuzeichnen. Etwas zwischen Schrecken und Scham. Sie war einen Schritt zurückgetreten und hatte leise gesagt: »Los jetzt, Birdie, geh spazieren und schnapp ein bisschen frische Luft. Du bist viel zu viel drinnen. Geh schon.«

In der Stille ihres Zimmers kann Bernice ihren eigenen zitternden Atem hören. Sie spürt, wie ihre Mom sich mit etwas abfindet und will nicht wissen, womit. Es ist etwas Vertrautes und Schmerzhaftes, das Bernice bei dem rumpelnden Lärm aus der Backstube unter ihr kaum bemerkt und sich weigert, es wiederzuerkennen. Doch sie besitzt einen sensiblen Gaumen für Schmerzen. Sie erinnert sich an das bittere, dumpfe Aroma. So schmecken Niederlagen.

Bernice hatte sich eine Mütze aufgesetzt und war in die spätherbstliche frühe Dunkelheit hinausgegangen. Der Wind heulte und pfiff ihr hinterher, als sie durch den Neuschnee stapfte. Der verfestigte sich unter ihren Füßen, und sie fand, dass er anfing, sich wie brauner Zucker anzufühlen.

Sie lief so schnell, wie ihr Asthma und die dicke Winterkleidung es ihr erlaubten. An der Hauptstraße wartete sie, bis keine Autos mehr kamen, und als sie sich wieder in Bewegung setzte, merkte sie an der Kälte in ihren Beinen, dass sie sehr lange am Straßenrand gestanden haben musste.

Auf dem vereisten Parkplatz des HiLo rutschte sie aus und wäre beinahe hingefallen.

»Cooler Stunt, Büffelkuh!«, rief jemand.

Es war Tim Lerat, der mit Jeansjacke und Jagdmütze breitbeinig dastand. Im Dunkeln, mit zerzausten Haaren und einer Kippe im Mund, sah er noch gespenstischer aus als sonst. Natürlich hatte er ein paar Jüngere dabei, die sich vergeblich bemühten, so auszusehen und so zu sein wie er.

»Yeah, super cool«, eiferte Shorty Moostoos ihm nach. Er war fünfzehn, zwei Jahre jünger als Tim, aber nur wenig größer als Bernice.

»Fahrt zur Hölle!«, schrie sie, als sie die Tür erreicht hatte, und bedankte sich im Stillen bei Mickey Spillane für diese Entgegnung.

Sie behielt die Jungs durch die Glasfront des HiLo im Auge, aber nur, wenn sie in einen der Gänge einbog und stehen blieb, um die Waren in den Regalen anzustarren. Sie lauerten auf sie, wie die Wölfe in Ruf der Wildnis. Bernice stellte sich vor, wie sie am Glas kratzten, mit harten Tierkrallen gegen die Scheiben klackerten und wie rasend versuchten, sich zu ihrer Beute durchzugraben.

Sie schaut sich nach dem alten Pocock um, dem Besitzer des HiLo, der niemandem über den Weg traute und sie genau beobachtete. Doch Bernice wusste über ihn Bescheid. Er ging davon aus, dass sich jeder so verhalten hätte, wie er es seit Jahren tat – er versuchte sich zu bereichern, indem er die Alten, die Dummen und die Minderjährigen betrog. Von lauter Reichtümern umgeben, wollte er dennoch immer mehr besitzen und nahm nicht wahr, was er hatte. Er war wie die großen Leute in Der kleine Prinz, die keiner einzigen Rose in ihrem Blumengarten Beachtung schenkten, weil es ihnen nur auf die Menge ankam. Sie wusste genau, dass er bloß einen Hut sah, und musste lächeln, weil sie selbst nicht nur den Elefanten in der Schlange erkannte, sondern sogar hörte, wie er zu ihr sprach.

»Was suchst du, Bernice Meetoos?« Pocock schrie fast, obwohl sie dicht vor ihm stand.

Sie schielte zum Ausgang hinüber. Die Wölfe waren noch da; sie spuckten und rauchten, wie es alle bösen Wölfe tun.

»Ich, äh, suche, äh, ich bräuchte Salz.« Sie wusste, dass die Sifto-Kartons direkt hinter ihr aufgestapelt waren.

»Bist du blind? Da ist es doch!« Er sprang von seinem Hocker auf und zeigte mit dem Finger auf das Salz, aber ohne es zu berühren. Es sah fast so aus, als wollte er nichts anfassen, was sie kaufen und mit nach Hause nehmen würde.

»Ach, ja, danke, ich seh’s.«

Sie nahm eine Packung und ließ sie im nächsten Moment fallen, weil das Geräusch von Shortys Gelächter und Tims Geheul sie erschreckte. Sie schaute zur Tür und sieht, dass Tim sich die Hose ausgezogen, nein, heruntergezogen hatte und seine gespaltenen, gespreizten, plattgedrückten Pobacken direkt vor ihr gegen die Scheibe presste.

Stumm bestaunte sie diesen Anblick. Sie war fast sicher, dass ihm Haare am Hintern wuchsen.

Als sie sich wieder dem alten Pocock zuwandte, tat sie, als hätte sie nichts gesehen, obwohl sie wusste, dass er es besser wusste. Sie ging zur Kasse, streifte einen Handschuh ab und nahm den Fünfdollarschein aus der Tasche. Sie gab ihm den Schein und schaute genau zu, wie er mit den drei Fingern an seiner rechten Hand das Wechselgeld abzählte. Sie wartete darauf, dass er es auf den Tresen legen würde, aber er stand wie immer einfach nur da, bis sie die Hand ausstreckte und er es hineinlegen konnte. Er hat es aufgegeben, ihr zu wenig herauszugeben, weil sie ihn dank ihrer Rechenkünste schon zwei Mal ertappt hat. Freda meinte, der Alte täte das aus Spaß, um herauszufinden, welche Kinder schlau waren und welche dumm. Bernice war es egal, sie blieb nie länger als nötig in seinem Laden.

»Ich hätte gern eine Tüte, bitte.«

Mit einem Grunzen griff er unter den Tresen; er hatte ihr noch kein einziges Mal von sich aus eine Tüte angeboten.

Langsam wandte sie sich ab und stellte erleichtert fest, dass die Wölfe verschwunden waren. Sie wusste aber auch, dass sie nicht weit sein konnten, und rannte die drei Häuserblocks nach Hause. Als sie in ihre Straße einbog, keuchte und schnaufte sie, ihr flacher Atem erreichte kaum ihre Lunge. Sie lief langsamer und versuchte ihre Übungen zu machen.

Ihre Atmung war fast wieder normal, als sie ihr Haus erreichte. In der Auffahrt und auf der Straße davor parkten Autos. Sie ging zu Onkel Larrys Pickup, der in der Mitte der Auffahrt stand. Manchmal brachte er auf der Ladefläche Bierkästen mit. Wenn ja, wollte Bernice sie verstecken. Das hatte sie schon öfter getan, und zweimal waren die Gäste dann früher gegangen. Sie schaute durch das Fenster seines Chevy und sah Terrys Handtasche ausgekippt auf dem Sitz liegen. Dass die Tasche Terry gehörte, weiß sie wegen des leuchtend grünen Leders. Es musste von einer Kuh sein, die so aussah wie die Pferde in der Smaragdstadt im Zauberer von Oz, dachte sie.

Hinten auf der Ladefläche war kein Bier, sondern Blut. Es sah aus wie rosa Slush, weil es in der Kälte zu Kristallen gefroren war. Rosa Kleckse und rote Flecken führten von der Klappe am Ende der Ladefläche die Auffahrt hoch. Sie folgte der Spur bis zur Garage. Nancy Drew hätte gewusst, was jetzt zu tun war, aber Bernice fiel nichts Besseres ein, als an der Garagenwand, die zum Haus der Olsons hin lag, auf einen Schneehaufen zu klettern und durchs Fenster zu spähen.

Aus dem Fest war jetzt eine Jagdfeier geworden. Terry, Bernice’ Onkel Larry, ihr Dad, Colin Ratt, Leonard Auger und Billy Morin saßen auf Milchkisten rings um einen tintenschwarzen Elch. Sie sah, dass das Bier schon in der Garage stand und dass die Männer mit geröteten Gesichtern und ausladenden Gesten lebhaft diskutierten. Terry lachte mit zurückgeworfenem Kopf über etwas, das Bernice’ Dad ihr zugeflüstert hatte. Sie stand auf, um sich ein Bier zu nehmen, und beugte sich direkt vor ihm aus der Hüfte herunter.

»Bimbo.« Bernice atmete gegen die kleine Fensterscheibe, die sofort beschlug. Der Dunst verdeckte Terrys Minirock und ihre Beine.

Auf den Werkbänken, die zusammengeschoben worden waren, lag eine Plastikdecke, und auf dem Zementboden eine große Rolle braunes Einschlagpapier.

Wie auf Kommando näherten sich die Männer plötzlich dem Elch. Die Garage verschwamm und kippte auf Bernice zu, als sie in der Hand ihres Onkels ein Messer aufblitzen sah. Rasch und präzise häutete er den Elch und ließ die Schnauze dran. Die Schnauze ist eine Delikatesse, wie sie wusste, und war für das Festessen vorgesehen. Der noch warme Elch begann zu dampfen, als die kalte Luft auf seine Nacktheit trifft. Terry schnappte sich ein Messer wie ein Gefängnisinsasse bei einem Aufstand und griff nach dem Ohr des Elchs. Das Blut vernebelt Bernice’ Blick, und sie übergab sich, wobei sie nicht sich selbst traf, sondern den Fliederbusch. Sie setzte sich und schaute zu, wie die colabraune Flüssigkeit an seinen dürren Zweigen festfror – wie winzige Dekorationen an einem Weihnachtsbaum.

Eine Weile darauf hörte sie ihre Mom nach ihr rufen, und dann legten sich ihre Arme um Bernice.

»Komm rein, mein Mädchen, du warst aber lange weg.« Sie warf einen raschen Blick durch das Fenster. »Die haben mehr Spaß daran, als sie sollten.« Ihre Stimme klang ein bisschen komisch, und Bernice sah, als sie sich an ihr festhielt, in ihren müden, schimmernden braunen Augen Tränen glänzen.

Bernice wurde in die Badewanne gesteckt, ihre Mutter presste Orangen in das warme Wasser.

Bernice ließ heißes Wasser nachlaufen, bis es aufgebraucht war. Sie zog sich das Sturgeon-Lake-T-Shirt ihrer Mutter über und verkroch sich im Bett. Ihre Mom hatte ihr eine zusätzliche Decke aufs Bett gelegt und schaute hin und wieder nach, ob Bernice schon schlief. Sie fühlte sich fiebrig und fragte sich, ob sie krank sei, war aber zu müde, um etwas zu sagen.

Später wurde sie von schweren Schritten geweckt, die von der Vordertür quer durch die Küche polterten, zur Kühltruhe vermutlich.

Noch später folgen die Geräusche von Bierflaschen, die auf dem Boden abgestellt werden, während die Gäste sich ihre Stiefel ausziehen, weil sich die Feier von der Garage ins Haus verlagert. Sie schaute auf die kleine Uhr, die sie von ihrer Mom zu Weihnachten bekommen hatte. Es war halb fünf Uhr morgens.

Ein leises Gespräch war zu hören, dann ein lauter werdender Streit, und Bernice bekam mit, dass ihre Mom erst mit ihrem Mann, dann mit ihrem Bruder schimpfte. Es wurde geschrien, und es gab ein Handgemenge. Bernice war sich nicht sicher, wie lange das so ging, denn sie döste immer wieder ein, wurde aber irgendwann wieder hellwach, weil die Bierflaschen aneinander klirrten und eine Tür zuschlug. Als sie das nächste Mal erwachte, hörte sie nichts mehr. Sie nahm an, dass alle eingeschlafen waren, und spürte, wie ihre Anspannung nachließ.


Ahhhhhhhhhh. Sie vermisst ihre Mutter. Der Schmerz im Magen wächst und greift auf den Brustkorb über. Bald wird er ihr die Kehle hochsteigen und sich aus ihren Augen ergießen, wenn sie nicht aufpasst. Die Liebe, diese Liebe, die ihr durch die Adern rauscht wie ein Strom, der über die Ufer zu treten droht, war üppig und gehaltvoll. Die Erinnerung beruhigt sie, und ganz unbemerkt setzt ihre Atmung aus.

Sie kann die Dunkelheit im Zimmer riechen, die Leere hören, und Bernice fühlt, wie sich Fredas schmaler Leib auf die Matratze schiebt. Wie lange ist sie schon … auf Reisen? Sie hält die Augen geschlossen, spürt aber den Blick ihrer Cousine auf sich ruhen. So bleibt es lange.

Bernice spürt, wie Freda sich unruhig neben ihr herumwälzt. Die alten Bodendielen der Wohnung seufzen kaum hörbar, als wäre die Bewegung der Schlusspunkt eines Satzes voller müder Verben und kraftloser Pronomen.

Sie fragt sich, ob Freda sie noch sehen kann oder ob das Bett leer ist, wo sie sonst immer liegt.

Ich bin nicht hier, denkt sie. Ich habe mich verwandelt.

6Großmutter

Birdie

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