Читать книгу Die heilende Kraft des Geistes - Tulku Thondup - Страница 8
Оглавление1 Grundlagen der Heilung
Unser Geist besitzt die Kraft, Schmerz zu heilen und Freude hervorzurufen. Wenn wir diese Kraft im Zusammenspiel mit einer angemessenen Lebensweise, einer positiven Einstellung und meditativer Praxis nutzen, können wir nicht nur unsere mentalen und emotionalen Gebrechen, sondern sogar unsere physischen Probleme heilen.
Wenn wir uns mit all unserer Energie an unsere Wünsche und Sorgen festklammern, verursachen wir nur Streß und Erschöpfung. Indem wir uns von der Haltung frei machen, die die Buddhisten das »Festhalten an einem Ich« nennen, können wir uns unserem wahren Wesen öffnen, das friedvoll und erleuchtet ist. Dies Buch lädt dazu ein, die Weisheit in uns zu erwecken, eine Quelle der Heilung, die jeder von uns besitzt. Wir öffnen gleichsam die Tür zu dieser Weisheit und können so den Sonnenschein, die Wärme und den linden Luftzug der Heilung hereinlassen. Die Quelle dieser Energie gehört uns: Jederzeit haben wir Zugang zu ihr und können an ihr teilhaben – ein universelles Geburtsrecht, das uns sogar in einer Welt des Leidens und unaufhörlichen Wandels Freude zu bringen vermag.
Im Buddhismus zielt die Weisheit, die uns in den Schriften vermittelt wird, hauptsächlich auf Erleuchtung ab. Spirituelle Übungen können uns jedoch auch helfen, Glück und Gesundheit im Alltag zu erlangen. Es gibt im Buddhismus umfangreiche Abhandlungen darüber, wie es uns gelingt, unser gewöhnliches Leben zu verbessern und hier in dieser Welt ein friedvolles, freudiges und nützliches Dasein zu führen.
Die Vorteile der Heilung
Der Buddhismus tritt dafür ein, daß wir die unnötige und ungesunde Spannung, die wir in unserem Leben erzeugen, lösen, indem wir uns klarmachen, wie die Dinge in Wahrheit beschaffen sind. Ich kenne viele Beispiele für die Wirksamkeit der Heilkraft des Geistes bei mentalen und emotionalen Problemen und auch bei physischer Erkrankung.
Ein Beispiel stammt aus meinem eigenen Leben. Als ich achtzehn war, beschlossen mein lieber Lehrer Kyala Khenpo und ich wegen politischer Unruhen aus Tibet zu fliehen; wir waren uns bewußt, daß wir dadurch Wohnung, Heimat, Freunde und Lebensunterhalt verloren. In einem unbewohnten, aber heiligen Tal starb Kyala Khenpo an Alter und Krankheit. Er war nicht nur mein gütiger und erleuchteter Lehrer, sondern hatte für mich, seit ich fünf war, wie ein Vater gesorgt.
Diese Zeit, für mich ein überaus trauriger Lebensabschnitt, erlebte ich in großer Bestürzung. Mein Verständnis der Vergänglichkeit – der Tatsache, daß alles im Leben sich fortwährend verändert – machte es mir jedoch leichter, das Geschehen hinzunehmen. Spirituelle Erfahrungen ermöglichten es mir, ruhig zu bleiben, und im Weisheitslicht der Lehren zeichnete sich mein vor mir liegender Lebensweg deutlich ab. Mit anderen Worten: Ich erkannte die wahre Natur des Geschehens, öffnete mich ihm und nutzte Kraftquellen, die man mir bereits erschlossen hatte; und ebendies half mir, von dem erlittenen Verlust leichter zu genesen. Wie wir sehen werden, sind diese drei elementaren Schritte – Schwierigkeiten und Leid anerkennen; sich ihnen öffnen; und eine positive Einstellung dazu entwickeln – für den Heilungsprozeß unerläßlich.
Pushul Lama, ebenfalls einer meiner Lehrer, hatte in seiner Jugend ständig mentale Probleme. Er war so destruktiv, daß ihn, als er ein Teenager war, seine Familienangehörigen fesseln oder festbinden mußten, um andere – und ihn selbst – vor seiner Gewalttätigkeit zu schützen. Durch Heilmeditationen – hauptsächlich durch Meditation über das Mitgefühl – heilte er sich selbst und wurde später ein großer Gelehrter und Lehrer. Ich kenne heute niemanden, der fröhlicher, friedfertiger und gütiger wäre als er.
Als ich in Tibet lebte, war physische Heilung durch Meditation und die rechte Einstellung ein normaler Bestandteil des Alltagslebens. Wenn man mich daher jetzt nach Beispielen für physische Heilung fragt, fällt es mir nicht leicht zu entscheiden, von welchem Fall ich denn berichten soll. Für jemanden aus Tibet ist es ein ganz normales Vorkommnis, daß der Geist den Körper heilen kann. Der Geist lenkt die Energien des Körpers – so ist das nun einmal. Es gab so viele Heilungen; ich habe nie besonders darauf geachtet, als ich jünger war. Ich kenne aber ein Beispiel neueren Datums, das viele wohl für unglaublich halten, auch wenn es aus buddhistischer Sicht nicht so erstaunlich ist.
Vor zwei oder drei Jahren bekam der jetzige Dodrupchen Rinpoche, ein hochspiritueller lebender Lama, eine akute schwere Blinddarmentzündung, während er durch entlegene ländliche Regionen von Bhutan reiste. Ein hochrangiger Minister des Landes sorgte dafür, daß ihn ein Hubschrauber in ein Krankenhaus brachte. Die Ärzte befürchteten, Rinpoches Blinddarm werde durchbrechen, und seine Schmerzen waren sehr groß. Gegen den dringenden Rat seiner Ärzte lehnte er eine Operation ab und heilte sich selbst – durch Meditationen und die Rezitation von Mantras.
Jeder kann Nutzen daraus ziehen
Die Fähigkeit, sich von einer so ernsten Erkrankung durch Meditation zu erholen, hängt vom Grad der Zuversicht und spirituellen Erfahrung der betreffenden Person ab. Selbstverständlich lassen sich die meisten von uns im Falle eines drohenden Blinddarmdurchbruchs lieber operieren! Ich erzähle diese wahre Geschichte nur, um die Kraft des Geistes zu veranschaulichen, und weil den Menschen so sehr daran gelegen ist, körperlich gesund zu bleiben. Wenige von uns sind spirituelle Meister. Aber jeder kann aus Meditation und positiver Einstellung Nutzen ziehen. Indem wir genau von dem Punkt ausgehen, an dem wir uns jetzt befinden, ist es uns möglich, ein glücklicheres und gesünderes Leben zu führen.
Physische Erkrankung ist zwar eines der Themen, über die Sie hier etwas erfahren werden, hauptsächlich aber soll dieses Buch als Leitfaden dienen, mit unseren alltäglichen Emotionen zurechtzukommen. Das ist für die meisten von uns der günstigste Ausgangspunkt. Wenn wir lernen können, in all unser Tun eine größere Zufriedenheit einzubringen, werden uns weitere Segnungen ganz natürlich zufließen.
Die Ansichten und Meditationsübungen in diesem Buch sind hauptsächlich von Unterweisungen des Nyingma-Buddhismus inspiriert, der ältesten, im 9. Jahrhundert entstandenen Schule des tibetischen Buddhismus, einer Schule, die die drei wesentlichen buddhistischen Überlieferungen miteinander verknüpft: das Hinayana, Mahayana und Vajrayana. Dennoch brauchen Sie kein Buddhist zu sein, um dieses Buch zu benutzen. Leider fassen viele Menschen den Buddhismus als eine von einem ganz bestimmten historischen Lehrer, dem Buddha Shakyamuni, verbreitete Religion auf, die dazu da ist, nur den Anhängern ebendieser Überlieferung zu nützen.
Buddhismus ist ein universaler, für jeden gangbarer Weg – mit dem Ziel, zur alles umfassenden Wahrheit, dem voll erleuchteten Zustand, der Buddhaschaft zu gelangen. Buddha Shakyamunis eigenen Worten zufolge hat eine unendliche Anzahl von Wesen die Buddhaschaft verwirklicht, bevor er geboren wurde. Buddhismus, den Weg und Buddhas (jene, die wirklich erwacht oder erleuchtet sind) gibt es, gab es und wird es in dieser Welt und ebenso in anderen Welten geben, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es trifft freilich zu, daß Buddha Shakyamuni vor fast 2500 Jahren Lehren verbreitete, die als Buddhismus bekannt wurden. Der von Shakyamuni verkündete Buddhismus ist eine der Erscheinungsformen des Buddhismus, aber er ist nicht die einzige. Menschen, deren Geist aufgeschlossen ist, werden sogar von der Natur den wahren Weg vernehmen, den die Buddhisten Dharma nennen. Im Dharmasamgiti heißt es: »Menschen mit heilem, wohlgemutem Geist werden den Dharma vom Himmel, den Mauern und den Bäumen vernehmen, auch wenn der Buddha nicht zur Stelle ist. Für Suchende mit lauterem Geist werden Lehren und Unterweisungen auf ihr bloßes Verlangen hin erscheinen.«
Der Buddhismus erkennt und achtet die Unterschiede, die es in den Kulturen und Bräuchen der Menschen rund um die Welt gibt, und ebenso in der Erziehung und Mentalität der Einzelpersonen. Viele andere Kulturen und Religionen verfügen über Heiltraditionen und bieten zur Bewältigung von Leid spezielle Ratschläge an. Allein in Tibet gibt es schon zahlreiche buddhistische Ansätze. Es ist gut, über unterschiedliche Betrachtungsweisen oder Ansätze zu verfügen – selbst wenn sie einander bisweilen zu widersprechen scheinen –, weil die Menschen verschieden sind. Entscheidend ist doch, daß sie den Erfordernissen des einzelnen entsprechen.
Meditation, Geist und Körper
Heilung durch Meditation ist nicht an einen bestimmten religiösen Glauben gebunden. Heutzutage empfehlen viele in westlicher Schulmedizin ausgebildete Ärzte Meditationsmethoden als Möglichkeit, geistige und physische Gesundheit wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten. Diese Anwendungen lassen selten die Erfahrung dessen gelten, was Buddhisten als Natur des Geistes oder als große Offenheit bezeichnen, sie legen vielmehr besonderen Nachdruck auf Visualisierung und die Entwicklung einer positiven Einstellung und positiven Energie. Bluthochdruck, der in vielen Fällen durch mentalen Streß hervorgerufen und verschlimmert wird, spricht besonders auf solche alternativen Behandlungen an. Manche Ärzte empfehlen, den Geist auf einen physischen Punkt zu konzentrieren, an dem die Muskeln zusammengezogen sind, und dann diese Muskeln bewußt loszulassen, so daß sich Erleichterung und Entspannung einstellen. Diese Technik folgt dem gleichen Prinzip wie das buddhistische Vorgehen, ein Problem klar zu erkennen und sich vom Festhalten daran zu lösen.
Die Heilung ist besonders erfolgreich, wenn sie mit Religiosität oder Meditationserfahrung einhergeht. Dr. med. Herbert Benson von der Harvard Medical School, der mit der Entspannungs-Reaktionstechnik den Anfang machte, schreibt: »Wenn Sie wirklich an Ihre persönliche Philosophie oder Religion glauben – wenn Sie sich mit Herz und Verstand auf Ihre Weltanschauung einlassen –, dann könnten Sie durchaus imstande sein, auf geistiger und körperlicher Ebene Außerordentliches zu vollbringen, über das wir lediglich Vermutungen anstellen können.«
Dr. med. Bernie Siegel, Professor für Chirurgie an der Yale University, beschreibt einige der Vorzüge von Meditation: »Sie trägt dazu bei, den Blutdruck, die Pulsfrequenz und den Pegel der Streßhormone im Blut zu senken oder zu normalisieren. Sie bewirkt Veränderungen in den Mustern der Hirnwellen; diese zeigen eine geringere Erregbarkeit. … Meditation hebt auch die Schmerzschwelle an und verringert das biologische Alter des Betreffenden. … Kurz, sie verringert den Verschleiß, dem Körper und Geist gleichermaßen ausgesetzt sind, und verhilft den Menschen zu einem besseren und längeren Leben.«
Viele Journalisten, wie etwa Bill Moyers, haben schon seit langem die gesundheitliche Wechselbeziehung zwischen Geist und Körper bemerkt. In seiner Einleitung zu dem Buch Heilung und der Geist, das auf der gleichnamigen Fernsehserie des Public Broadcasting System basiert, sagt Moyers folgendes:
»Ich war wohl schon immer an dem Zusammenhang zwischen Geist und Körper interessiert – dabei bin ich in einer Kultur aufgewachsen, die hier eine säuberliche Trennung vornahm. … Doch in dieser geteilten Welt aus Geist und Körper verriet unsere Sprache tagtäglich, wie beschränkt diese begriffliche Einteilung doch ist. ›Die Witwe von Brown muß an gebrochenem Herzen gestorben sein – solange ihr Mann noch da war, ist sie nie krank gewesen.‹ Meine Eltern redeten über unseren Freund, den Lebensmittelhändler, der sich ›krank ärgerte‹; und mein Onkel Karl glaubte, Lachen könne unsere Gebrechen lindern. Diese Überzeugung hatte er, lange bevor Norman Cousins seine Geschichte veröffentlichte, wie er mit einer schweren Krankheit dadurch fertig wurde, daß er sich Filme mit den Marx Brothers und Videos von ›Versteckte Kamera‹ ansah.«
In den letzten Jahren hat die westliche Medizin damit begonnen, Geist und Körper eingehender zu betrachten und die Verbindungen zwischen dem Geist, den Emotionen und der Gesundheit zu untersuchen. In den siebziger Jahren konnten Forscher die sogenannten Neurotransmitter nachweisen, für das Gehirn bestimmte und auch von ihm ausgehende chemische Botenstoffe. Einige Neurotransmitter, Endorphine und Enzephaline genannt, fungieren als natürliche Schmerzmittel. Andere sind offenbar mit bestimmten Gemütszuständen verknüpft, wie etwa mit Wut, Zufriedenheit oder Geisteskrankheit.
Die Forschungen gehen weiter; man konzentriert sich jetzt auf die biologischen Bindeglieder zwischen dem Gehirn, dem Nervensystem und dem Immunsystem. Obwohl die westliche Medizin nicht Thema dieses Buches ist, sind Entdeckungen auf diesem Gebiet sehr interessant. Neues Material, das die Wechselbeziehung zwischen Geist und Körper belegt, ist immer zu begrüßen und kann vielen Menschen nützen. Dennoch ist der Grundgedanke, auf dem diese Forschung beruht, eigentlich sehr alt. Der Buddhismus glaubt seit vielen Jahrhunderten an die Bedeutung des Geistes, lange bevor man moderne Theorien der Molekularbiologie vorgebracht hat.
Spirituelle Heilung in der tibetischen Medizin
Im Buddhismus entwickelt der Geist heilende Energien, während der Körper, der kompakt und fest ist, sie verankert, konzentriert und verstärkt. Der wichtigste Text der tibetischen Heilkunde ist die Schrift Vier Tantras (Gyud zhi), die die Tibeter als Terma oder mystische Offenbarung ansehen; sie wurde von Trawa Ngonshey im 11. Jahrhundert entdeckt. Diesen alten Traktaten zufolge liegt die Wurzel aller Krankheit von Geist und Körper im Festhalten an einem »Selbst«/»Ich«. Die Geistesgifte, die daraus hervorgehen, sind Unwissenheit, Haß und Begierde.
Physische Krankheiten werden in drei Hauptgruppen eingeteilt. Wind-Disharmonie oder Energie, die sich im Unterleib sammelt und ihrem Wesen nach kalt ist, wird durch Begierde verursacht. Gallen-Disharmonie, die sich generell im Oberkörper befindet und heiß ist, wird durch Haß verursacht. Schleim-Disharmonie, die sich generell im Kopf sammelt und ihrem Wesen nach kalt ist, wird durch Unwissenheit verursacht. Diese Kategorien sowie auch die mit ihnen verknüpften Temperaturen kann man noch heute sehr gut verwenden, um zu bestimmen, welche Meditationsübungen, je nach der Gemütsverfassung und Wesensart des einzelnen, wohl am hilfreichsten sind.
In innerem Frieden, ohne emotionale Beschwerden zu leben und uns von unserem Festhalten an einem »Selbst« zu lösen, ist der tibetischen Heilkunde zufolge das ultimative Mittel für geistige und ebenso für körperliche Gesundheit.
Was ist dieses »Selbst«, das nun schon verschiedentlich in diesem Buch angesprochen wurde? Die buddhistische Auffassung davon ist für Menschen außerhalb dieser Überlieferung mitunter schwer zu verstehen. Obwohl Sie meditieren können, ohne zu wissen, was hier unter diesem »Selbst« verstanden wird, werden einige Hintergrundinformationen dazu es Ihnen leichter machen, die später dargelegten Heilübungen durchzuführen.
Die Sprache kann recht unzuverlässig sein, wenn wir über große Wahrheiten reden. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es ganz natürlich und in Ordnung, von »mir selbst« und von »dir selbst« zu sprechen. Ich denke, wir können uns darauf einigen, daß Selbsterkenntnis gut ist und daß Selbstsucht uns unglücklich machen kann. Aber gehen wir ein bißchen weiter: Untersuchen wir die tiefere Wahrheit über das Selbst, so wie die Buddhisten es sehen.
Warum wir leiden
Unser Geist verursacht sowohl die Erfahrung von Glück als auch von Leid, und die Fähigkeit, Frieden zu finden, liegt in uns. Seiner wahren Natur nach ist der Geist friedvoll und erleuchtet. Jeder, dem dies klar wird, befindet sich schon auf dem Weg zur Weisheit.
Im Buddhismus ist das Prinzip der zwei Wahrheiten von zentraler Bedeutung – der absoluten und der relativen Wahrheit. Die absolute Wahrheit besteht darin, daß die wahre Natur unseres Geistes und des Universums erleuchtet, friedvoll und vollkommen ist. Unter der wahren Natur des Geistes versteht der Nyingma-Buddhismus die Vereinigung von Gewahrsein und Offenheit.
Die relative oder konventionelle Wahrheit besteht darin, daß die Welt innerhalb des gesamten Spektrums des gewöhnlichen Lebens – des flüchtigen, vergänglichen irdischen, zwischen Geburt und Tod verlaufenden Lebens, das Buddhisten Samsara nennen – als ein Ort des Leids, des unaufhörlichen Wandels und der Verblendung erfahren wird; denn das Antlitz der wahren Natur unseres Geistes und des Universums ist durch unsere geistigen Gewohnheiten und emotionalen Beschwerden verdunkelt, die in unserem Festhalten an einem »Ich« verwurzelt sind.
Im westlichen Denken bezeichnet die Vorstellung von einem »Ich« oder »Selbst« normalerweise unsere »Persönlichkeit« oder das Ichbewußtsein von »ich, mich betreffend und mein«. Der Buddhismus bezieht diese Bedeutung mit ein, versteht aber unter »Selbst« auch jedes Phänomen oder Objekt – schlechthin alles –, sofern wir daran festhalten, als ob es etwas wirklich und wahrhaftig Existierendes wäre. Es könnte das Selbst/Ich einer anderen Person sein, das Selbst eines Tisches, das Selbst von Geld oder das Selbst eines Gedankens.
Halten wir an diesen Dingen fest, dann erfahren wir sie auf dualistische Weise, nämlich so, daß ein Subjekt an einem Objekt festhält. Daraufhin beginnt der Geist, die Dinge zu unterscheiden, voneinander zu trennen und mit Bezeichnungen zu versehen – etwa in Form des Gedankens, daß »ich« »das« mag oder daß »ich« »das« nicht mag. Wir denken möglicherweise, »das« sei schön, und begehrliches Anhaften kommt auf, oder »das« sei nicht so schön, und dann tun wir uns womöglich schwer damit. Wir sehnen uns vielleicht nach etwas, das wir nicht haben, oder befürchten zu verlieren, was wir haben, oder sind deprimiert, wenn wir es verloren haben. Während unser Geist zunehmend angespannter wird, verspüren wir immer mehr Erregung oder Kummer: Das ist der Kreislauf des Leidens.
Mit unserem »relativen« oder gewöhnlichen Geist greifen wir nach einem »Selbst«, als ob es fest und konkret wäre. Das Selbst ist jedoch eine Illusion, weil in der Erfahrung von Samsara alles flüchtig ist, sich wandelt und dem Ende zueilt. Unser gewöhnlicher Geist stellt sich das Ich als ein unabhängiges Gebilde vor, das wahrhaft existiert. Aber nach buddhistischer Anschauung existiert das Selbst nicht wirklich. Es ist kein fest umrissenes oder kompaktes Ding, sondern bloß eine vom Geist bezeichnete Festlegung. Das Selbst ist auch kein unabhängiges Gebilde. Nach buddhistischer Anschauung steht alles in einer Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit, so daß es nichts gibt, dem wahre Unabhängigkeit zukäme oder wesensgemäß wäre.
Das Kausalgesetz wird im Buddhismus Karma genannt. Jede Handlung hat eine ihr entsprechende Wirkung; alles ist voneinander abhängig. Samen wachsen zu grünen Schößlingen heran, dann zu Bäumen, dann zu Früchten und Blüten, die wiederum Samen produzieren. Das ist ein sehr einfaches Beispiel für das Kausalprinzip. Karmisch bedingt formen wir durch unsere Handlungen unseren Lebenskreis, »unsere« Welt. Vasubandhu, der größte Metaphysiker innerhalb des Mahayana, schrieb: »Aufgrund von Karma [Taten] werden mannigfaltige Welten geboren.«
Festhalten schafft negatives Karma – unsere negativen Neigungen und Gewohnheiten. Aber nicht alles Karma ist negativ, obwohl manche Menschen irrtümlicherweise dieser Meinung sind. Wir können auch positives Karma schaffen, und genau darum geht es bei der Heilung. Das starre Festhalten an einem Selbst oder Ich schafft negatives Karma. Positives Karma führt dazu, daß wir unseren Griff lösen, und während wir innerlich loslassen, finden wir unseren friedvollen Mittelpunkt und werden glücklicher und gesünder.
Wir alle sind Buddha
Buddhisten glauben, daß alle Wesen Buddha-Natur besitzen. Unserer wahren Natur nach sind wir alle Buddhas. Das Antlitz unserer Buddha-Natur wird jedoch vom Karma und den von ihm hinterlassenen Einprägungen verdunkelt, die im Festhalten an einem Selbst wurzeln – geradeso wie die Sonne von Wolken verdeckt wird.
Darin, daß sie ihrer wahren Natur nach vollkommen sind, sind alle Wesen einander völlig gleich und eins. Wir wissen: Wenn unser Geist natürlich, entspannt und von geistigem oder emotionalem Druck und Umständen, die uns aus der Fassung bringen, unbelastet ist, dann erfahren wir Frieden. Dies belegt, daß die nicht verunreinigte Natur des Geistes friedvoll und von allem Unbehagen frei ist. Obwohl diese Weisheit, die uns innewohnende wahre Natur, von geistigen Befleckungen verdeckt ist, bleibt sie vollkommen und klar. Nagarjuna, der Begründer der Schule des Mittleren Weges im Mahayana-Buddhismus, schreibt:
Wasser in der Erde bleibt makellos.
Desgleichen bleibt die Weisheit
in den emotionalen Beschwernissen makellos.
Nagarjuna spricht von Frieden und Freiheit als unserer eigenen »letztendlichen Sphäre«, die immerfort in uns ist; wir müssen sie nur erkennen:
Obwohl im Schoß einer Schwangeren
ein Kind ist, können wir es nicht sehen.
Desgleichen sehen wir unsere »letztendliche Sphäre« nicht,
die von unseren emotionalen Beschwernissen verdeckt wird.
Der Friede ist in uns; wir brauchen nicht anderswo nach ihm zu suchen. Indem wir anwenden, was Buddhisten »kunstvolle Mittel« nennen – dazu gehören auch Meditationsübungen –, können wir diese letztendliche und höchste Zufluchtsstätte enthüllen. Nagarjuna beschreibt die letztendliche Sphäre – die große Offenheit, die Vereinigung von Geist und Universum – wie folgt:
Wie durch das Buttern der Milch ihre Kernsubstanz,
die Butter, makellos rein zum Vorschein kommt,
Tritt durch das Läutern mentaler Beschwernisse
die »letztendliche Sphäre« makellos rein zutage.
Wie eine Leuchte in einer Vase nicht offenkundig
sichtbar ist,
ist die »letztendliche Sphäre«, die von der Vase
mentaler Beschwernisse umschlossen wird, für uns
nicht sichtbar.
Wo immer du in der Wandung der Vase ein Loch machst – Aus ebender Stelle wird Licht von der Leuchte ausstrahlen. Wenn die Vase mentaler Beschwerden durch
Vajra-gleiche Meditation zertrümmert wird,
erstrahlt das Licht bis zu den Grenzen des Raums.
Shakyamuni, der historische Buddha, sagt im Haivajra:
Lebewesen sind ihrer wahren Natur nach Buddha,
Aber ihre Natur wird durch gelegentliche oder
plötzliche Beschwernisse verdunkelt.
Wenn die Beschwernisse reingewaschen sind, sind
die Lebewesen selbst der wirkliche Buddha.
Buddhaschaft oder Erleuchtung ist »Nicht-Selbst«. Sie ist totaler, immerwährender, allumfassender Frieden, Offenheit, Selbstlosigkeit, Einheit und Freude. Für die meisten Menschen ist die Aussicht auf die völlige Verwirklichung von Erleuchtung sehr befremdlich und schwer zu verstehen. Mit diesem Buch bezwecken wir nicht, über das Selbst hinauszugehen, auch nicht, völlig erleuchtet zu werden, sondern nur, unser Festhalten an einem Selbst oder Ich ein wenig zu lockern, glücklicher und gesünder zu werden. Trotzdem mag es hilfreich sein, wenn man eine Vorstellung davon hat, was mit vollkommener Offenheit und völligem Einssein gemeint ist.
Die Berichte über die »Nahtoderfahrungen«, darüber, daß Personen beinah gestorben, aber aus dem Todeszustand zurückgekehrt sind, können uns diesbezüglich einen Einblick gewähren. Viele Menschen, die den Sterbeprozeß überlebt haben, schildern in ihren Berichten, wie sie sich durch einen Tunnel bewegen und von einem weißen Licht empfangen werden, das sie berührt und ihnen ein Gefühl großer Wonne und großen Friedens vermittelt. Doch das Licht ist nichts von dieser Erfahrung Getrenntes. Das Licht ist Frieden. Und sie sind das Licht. Sie erleben das Licht nicht auf die übliche dualistische Weise, in der ein wahrnehmendes Subjekt sich auf ein von ihm wahrgenommenes Objekt, das Licht, bezieht. Vielmehr sind das Licht, der Friede und die Person eins.
In seinem Nahtodbericht erzählt ein Mann, daß er alles überblickte, was in seinem Leben, von der Geburt bis zum Tod, geschah – nicht als bloße Abfolge der einzelnen Ereignisse, sondern simultan, als sein Leben im Gesamtzusammenhang. Und er sah nicht einfach mit seinen Augen oder hörte mit seinen Ohren und wußte auch nicht einfach mit seinem Geist: Er hatte ein lebhaftes und reines Gewahrsein des Sehens, Wissens und Empfindens, ohne daß Unterschiede zwischen ihnen bestanden. In einem solchen Fall, wenn Grenzen und Beschränkungen verschwunden sind, ist das Einssein erlangt. Mit dem Einssein gibt es kein Leiden, keinen Konflikt, denn ein Konflikt kommt nur da zum Tragen, wo es mehr als eins gibt.
Für Buddhisten sind solche Erfahrungen besonders interessant, weil sie ein flüchtiger Einblick in den »leuchtenden Bardo der letztendlichen Natur des Geistes« sein könnten – ein Übergangsstadium nach dem Tode, das, für Menschen, die eine gewisse Realisierung der Wahrheit erreicht haben, den Bereich des gewöhnlichen Raumes, der Zeit und Begriffe transzendiert. Aber solche Berichte handeln nicht nur von der Todeserfahrung; sie teilen uns auch etwas über die Erleuchtung mit, die möglich ist, während wir leben.
Der erleuchtete Geist ist uns wirklich nicht so fremd. Die Offenheit ist hier in uns vorhanden, obwohl wir sie möglicherweise nicht immer erkennen. Wir alle können sie zu irgendeinem wichtigen Zeitpunkt in unserem Leben oder sogar als flüchtigen Eindruck mitten in unserem alltäglichen Dasein erfahren. Wir müssen nicht dem Tode nahe sein. Obwohl die Nahtodberichte inspirierend und interessant sein können, ist Erleuchtung nicht einfach gleichbedeutend mit dem einen oder anderen Bericht. Sie ist nicht »diese« Erfahrung oder »jene« Sicht- oder Seinsweise. Völlige Offenheit ist frei von den Extremen des »Existierens« und »Nicht-Existierens«; auch trifft nicht zu, daß sie sowohl »existiert« als auch »nicht existiert« – und ebensowenig, daß sie weder »existiert« noch »nicht existiert«. Mit anderen Worten: Völlige Offenheit entzieht sich jeglicher Beschreibung und Begrifflichkeit.
Der Weg der Heilung
Erleuchtung ist Einssein – jenseits des Festhaltens an einem Selbst, jenseits von Dualität, jenseits von glücklich oder traurig, jenseits von positivem oder negativem Karma. Wenn wir jedoch über Heilung reden, wie wir es in diesem Buch tun, dann müssen wir uns nicht notwendigerweise besonders eingehend mit Erleuchtung befassen. Die letztendliche Heilung besteht in der Verwirklichung der wahren Natur unseres Geistes; aber auch der gewöhnliche Geist hat heilende Kräfte. Wir können unseren dualistischen Alltagsgeist einsetzen, um uns selbst zu helfen. Bei den meisten Übungen in diesem Buch geht es, diesem Alltagsansatz entsprechend, darum, entspannter und glücklicher zu werden.
So liegt unser Ziel einfach darin, den Schritt vom Negativen zum Positiven, von Krankheit zu Gesundung zu machen. Sind wir derzeit bereits in einem positiven Zustand, dann können wir lernen, wie man ihn aufrechterhält und genießt. Je mehr wir uns von unserem Festhalten lösen, um so besser werden wir uns fühlen.
Auf einer langen Reise wollen wir sicher das endgültige Reiseziel nicht aus dem Sinn verlieren, aber wir tun gut daran, jeweils eine Tagesetappe hinter uns zu bringen und unterwegs zu rasten. Wenn wir unser Festhalten an einem Selbst lockern wollen, sollten wir uns nicht gar zu intensiv bemühen. Es ist besser, behutsam vorzugehen. Welche Schritte wir auch unternehmen – selbst bei kleinen Schritten ist es das wichtigste, daß wir uns über jeden von ihnen aufrichtig freuen; dann werden sie wirkungsvoll. Wir sollten immer dankbar sein für das, was wir tun können, und uns niemals minderwertig vorkommen, wenn wir etwas nicht ausführen konnten.
Ein bißchen offener sein, ein bißchen positiver, ein bißchen entspannter sein. Diesen Zielen widmet sich das vorliegende Buch. Sind wir auf dem Gebiet der Meditation und spirituellen Schulung Neulinge, dann ist es wichtig, ganz praktisch vorzugehen: also das, was wir von uns wissen, einzusetzen, um den für uns richtigen Weg zu erkennen. Wenn wir eine offene Einstellung beibehalten, können uns Anregungen zu speziellen Heilmeditationen rasch auf dem Weg weiterhelfen. Die allerbeste Führerin ist die uns innewohnende Weisheit. Wir sind nicht auf ein paar Meditationsmethoden eingeschränkt. Vielmehr kann alles zum Leben Gehörende – Denken, Fühlen, alltägliche Verrichtungen und Erfahrungen – ein Heilungs-Mittel sein.